Kriegsschicksale "Wir wollen sie alle"

Mehr als 85.000 amerikanische Soldaten werden weltweit vermisst. Eine Spezialeinheit der US-Armee sucht ihre sterblichen Überreste. Nun durchkämmen die Fahnder zum ersten Mal die japanische Insel Iwo Jima - um endlich einen ganz bestimmten Soldaten zu finden.

AP

Major Sean Stinchon steht am Fuße des Hügels 362A und blickt auf eine Karte der US-Kriegsmarine aus dem Jahr 1948. Sie ist zerknittert und mit rotbraunem Schmutz überzogen. Der Plan zeigt ein Labyrinth aus Höhlen und Tunneln, das sich durch die buschbedeckten Hügel zieht. Es sieht aus, als blickte Stinchon auf den Querschnitt eines Ameisenhaufens.

Es ist still auf Iwo Jima. Nur die Moskitos surren. Stinchon hat freien Blick auf den Pazifik - eine atemberaubende Aussicht. Doch Stinchon hat anderes im Sinn: Er will den Leichnam des Sergeants William H. Genaust finden, der hier vor 62 Jahren im japanischen Maschinengewehrfeuer sein Leben ließ.

Stinchon gehört zu einer auf Hawaii stationierten Spezialtruppe der US-Armee, dem "Joint POW/MIA Account Command" (JPAC), das weltweit nach den sterblichen Überresten der mehr als 85.000 vermissten amerikanischen Soldaten fahndet.

1945 war Hügel 362A eine Todeszone. Die 21.000 japanischen Verteidiger, tief eingegraben mit Waffen und Vorräten, standen einem übermächtigen Feind gegenüber: Sie mussten zusehen, wie eine riesige Zahl US-Kriegsschiffe die Insel einkreiste. Dann kamen die Bomben und die Artillerie-Granaten. Schließlich stürmten die Marines die Insel - das erste Mal, dass US-Soldaten in dem Konflikt japanischen Boden betreten.

Berühmtes Fahnen-Foto vor der letzten Offensive

Innerhalb von Tagen wehte die amerikanische Flagge über dem höchsten Punkt der winzigen Insel - Mount Suribachi, ein Schwefel speiender Vulkan an der Südspitze. Dennoch brauchten die Amerikaner einen ganzen Monat, bis sie Iwo Jima für sicher erklärten. In den Gefechten um die Insel starben fast 7000 Amerikaner, nur 1033 Japaner überlebten - es war eine der erbittertsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges.

Am 23. Februar 1945 erklomm der AP-Fotograf Joe Rosenthal den Mount Suribachi und knipste, wie US-Soldaten das Sternenbanner hissten. Sein Bild brachte Rosenthal nicht nur einen Pulitzer-Preis ein, sondern half auch, die kriegsmüde Heimatfront noch einmal für die letzte Offensive zu begeistern. Noch heute gilt das Foto in den USA als eines der wichtigsten Symbole für den Heldenmut des Marine-Corps.

Sergeant William H. Genaust, ein Kriegsberichterstatter der Marines, hatte den unbewaffneten Rosenthal den Vulkan hinauf eskortiert und nahm den Augenblick mit einer Filmkamera auf. Doch er sollte seine Aufnahmen selbst nie zu Gesicht bekommen.

Neun Tage später stürmte er mit seiner Einheit eine unterirdische Stellung. Genaust meldete sich freiwillig für die gefährliche Aufgabe, als erster in die Höhle zu gehen. Doch schon nach den ersten Schritten ratterte ein Maschinengewehr los. Genaust war sofort tot. Wenig später wurde der Eingang zu der Anlage verschüttet - und Genausts Leiche nie gefunden.

Major Sean Stinchon will das ändern. In einer zehntägigen Expedition suchen er und sein siebenköpfiges Team danach, was nicht auf der Karte verzeichnet ist: Höhlen, Tunnel und unterirdische Befestigungsanlagen, die noch im Krieg verschlossen und deswegen übersehen wurden, als US-Suchtrupps die Insel später durchkämmten.

Bis sie zu Hause sind

Und tatsächlich: Stinchons Trupp hackt sich durchs dichte, dornige Unterholz und findet zwei versteckte Eingänge. Wegen einer möglichen Einsturzgefahr der ehemaligen Unterstände können sie keine umfassenden Erkundungen vornehmen, aber das JPAC beschließt, bald ein weiteres, besser ausgerüstetes Team zu entsenden. "Wir werden weiter suchen", sagt Stinchon. "Wir hatten einen guten Start."

Getreu ihrer Devise "Bis sie zu Hause sind" identifiziert JPAC jeden Monat ungefähr sechs Kriegsvermisste. Das Kommando, das auch feste Außenstellen in Thailand, Vietnam und Laos betreibt, untersucht derzeit etwa tausend Fälle. "Es gibt viele Familien, die lange Zeit gewartet haben", sagt Lieutenant Colonel Mark Brown, Sprecher des JPAC.

Die 425 JPAC-Mitarbeiter müssen sich in ihrer Arbeit nicht selten auf Tipps stützen - etwa von Familienmitgliedern, Freunden oder Hobbyhistorikern. "Jeder noch so kleine Anhaltspunkt ist uns wichtig", sagt Brown. "Wir lehnen keinen Hinweis ab."

In Genausts Fall lieferte ein Geschäftsmann aus Pennsylyania, der selbst über das Schicksal des Kameramanns nachgeforscht hatte, die ersten Hinweise. Eine DNA-Vergleichsprobe bekam das JPAC von Genausts Nichte. Außerdem halfen Japans Regierung und Militär bei der Suche auf Iwo Jima, das vergangenen Monat offiziell in Iwo To umbenannt wurde - so hieß die Insel vor dem Krieg.

Japan hatte bereits im Jahr 1952 Suchtrupps auf die Insel geschickt, weitere folgten jährlich, seit Iwo Jima 1968 wieder unter japanische Kontrolle gestellt wurde. Sie bargen die Überreste von 8595 Soldaten - aber bis heute von keinem einzigen Amerikaner. Die Forscher des JPAC bleiben entschlossen. "Wir wollen sie alle", sagte Hugh Tuller, ein ziviler Anthropologe beim Suchteam von Iwo Jima. "Wir wollen sie alle finden."

tno/AP

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 08.07.2007



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Paul Ney, 29.06.2008
1.
Vermißt und doch anonym lebend --- ein deutscher TV-Sender hat einen Bericht vor einigen Wochen gesendet, leider habe ich mir die Details nicht notiert. Mit Google könnte ich ihn schon finden, kann aber auch dauern; vielleicht weiß jemand. Jedoch möchte ich kurz darüber informieren. Laut TV-Bericht: Angehörige des US Expeditionskorps im Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution wurden ven den Sowjets gefangen genommen (POW= Prisoner of War). Die USA wollten nichts davon hören, aus Angst, daß die Repatrierung zum Kompensationsgeschäft wird, und alle zum MIA (Missing in Action) erklärt. Im Zweiten Weltkrieg hat die Rote Armee selbst Gefangenenlager mit allierten Insassen befreit und diese POWs mal in Gewahrsam behalten. Das hat eine Rolle bei den Nachkriegs-Verhandlungen über die Rückführung von Staatsangehörigen gespielt, so haben die Sowjets auch die Rückführung diverser an der Seite der Achse gestandenen Verbände erreicht. Angeblich wurden manche westlichen POWs zurückgehalten. Auch im Vietnam-Krieg wurden manche US-POWs den Sowjets übergegen. Die USA sollen sie jeweils zu MIA erklärt haben. Solche POWs durften sich in der UdSSR niederlassen, wenn sie gut Russisch gelernt, solchen Namen angenommen und sich an die Schweigepflicht gehalten haben. M.E. könnte man die unschlagbar sicheren Gentests unserer Zeit anwenden, um Hinweisen nachzugehen. Der TV-Bericht hat ein besonderes Genre von US-Aktionfilme auch nicht diskutiert: Eine Gruppe harter Jungs tut sich zusammen und befreit POWs auf eigener Faust. Manche Filmkritiker sehen auf dieses Genre herab, als bloße Rambo-Macho-Ballerei; manche Amerikaner sehen sich solche Filme an und verstehen (die Botschaft).
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