Kriegsverbrechen Männer mit Vergangenheit

Er war ein Säufer, Betrüger, Kinderschänder - und Chef einer SS-Sondereinheit. Aus einer Horde von Wilddieben formte der Kaufmannssohn Oskar Dirlewanger eine Mörderbande, die in Warschau 1944 in wenigen Tagen Zehntausende Menschen umbrachte. Jetzt sind Hinweise auf noch lebende Täter der Truppe aufgetaucht.

DER SPIEGEL

Von Andreas Mix


Es war ein klassischer Zufallstreffer: Auf der Suche nach Zeitzeugen erhielt das Warschauer Aufstandsmuseum vom Suchdienst des Deutschen Roten Kreuzes in München 2006 die Namen und Adressen von etwa achtzig Personen. Es handelte sich in der Tat um Zeitzeugen, die die Niederschlagung des Aufstandes der polnischen Patrioten im August 1944 aus eigenem Erleben schildern könnten - und zwar aus einer ganz besonderen Perspektive. Die sämtlich über 80-jährigen Männer waren damals nämlich Angehörige der SS-Sonderformation Dirlewanger, einer der berüchtigtsten Einheiten der SS, die allein in Warschau Zehntausende Menschen ermordete.

Die SS-Leute waren in den DRK-Archiven verzeichnet, weil sie in den fünfziger Jahren aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt waren und Heimkehrer damals vom DRK betreut wurden. Zwei Jahre lang lagen die Karteikarten unbeachtet in der Sammlung des Warschauer Museums, bis ein Journalist der Tageszeitung "Rzeczpospolita" darauf stieß - und einige der mutmaßlichen Kriegsverbrecher im Telefonbuch fand. Der Leiter des polnischen Instituts des Nationalen Gedenkens (PN), Janusz Kurtyka, fordert nun, die deutsche Justiz solle die Kriegsverbrecher vor Gericht stellen.

Die SS-Sonderformation Dirlewanger wurde auf Befehl des "Reichsführers SS" Heinrich Himmlers 1940 im brandenburgischen Oranienburg aus Wilddieben aufgestellt. Ihr Kommandeur Oskar Dirlewanger, ein Kaufmannssohn aus Würzburg, war selbst innerhalb der SS verrufen. Der 1895 geborene Stoßtruppführer aus dem Ersten Weltkrieg und spätere Freikorpskämpfer galt als ein moderner Landsknecht. Als notorischer Trinker und Betrüger kam der promovierte Ökonom ("Zur Kritik des Gedankens einer planmäßigen Leitung der Wirtschaft") immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt. Wegen Unzucht mit einer 13-Jährigen wurde Dirlewanger 1934 zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt; kurz nach seiner Entlassung landete er wegen Veruntreuung erneut hinter Gittern.

Marodierende Soldateska

Allerdings besaß Dirlewanger einen mächtigen Fürsprecher: Gottlob Berger, ein Kamerad aus dem Ersten Weltkrieg und ab 1939 Chef des SS-Hauptamtes. Berger sorgte dafür, dass sein Schützling nach der erneuten Verurteilung freikam und sich im Spanischen Bürgerkrieg in der "Legion Condor" im Sinne der SS "bewähren" konnte. Dirlewangers Truppe war eine marodierende Soldateska, die bei ihrem Einsatz im besetzten Polen eine breite Blutspur hinterließ. Der Gestapo-Chef von Lublin bezeichnete den Landsknechthaufen als eine "Landplage". Als das SS- und Polizeigericht Krakau gegen Dirlewanger und seine Männer wegen Unterschlagung ermittelte, sorgte Berger dafür, dass die Einheit nach Weißrussland versetzt wurde. Im Kampf gegen Partisanen brannte die Truppe ganze Dörfer nieder, plünderte, vergewaltigte und mordete.

Die Sonderformation, die kein offizieller Verband der Waffen-SS war, entwickelte sich zu einer Bewährungseinheit für verurteilte SS-Mitglieder und Wehrmachtsangehörige. Ab 1942 wurden auch KZ-Häftlinge rekrutiert, sogenannte "Berufsverbrecher", "Asoziale" und schließlich selbst politische Gegner des NS-Regimes. Anders als von Himmler vorgesehen, meldeten sich durchaus nicht alle freiwillig zu der Einheit, die von Dirlewanger mit brutaler Disziplin geführt wurde. Im August 1944 schilderte Himmler den Gauleitern der NSDAP die Verhältnisse in der Truppe: "Der Ton in dem Regiment ist selbstverständlich in vielen Fällen, möchte ich sagen, ein mittelalterlicher, mit Prügel usw. Oder wenn einer schief guckt, ob wir den Krieg gewinnen, dann fällt er tot vom Tisch, weil ihn der andere über den Haufen schießt."

Massaker nach dem Aufstand

Für den SS-Chef war die Mörderbande ein ideales Instrument, um 1944 den Warschauer Aufstand niederzuschlagen. Am 1. August 1944 erhob sich die konspirative polnische "Heimatarmee" gegen die deutschen Besatzer, um Polens Hauptstadt noch vor dem Einmarsch der nahenden Roten Armee zu befreien. Wehrmacht, SS und Polizei gingen daraufhin mit äußerster Brutalität gegen die Aufständischen wie die Zivilbevölkerung vor. Besonders in den ersten Augusttagen verübten die vom Höheren SS- und Polizeiführer Heinz Reinefarth kommandierten Verbände in den Warschauer Stadtteilen Wola und Ochota zahlreiche Massaker. Allein in Wola beteiligten sich Dirlewangers Männer an der Erschießung von schätzungsweise 30.000 Menschen.

Die Gewaltexzesse und Plünderungen wurden schließlich von Erich von dem Bach-Zelewski, Himmlers "Chef der Bandenbekämpfung", unterbunden, da sie die Disziplin in der Truppe bedrohten. Hermann Fegelein, selbst einer der größten NS-Verbrecher, bezeichnete laut Generalstabschef Heinz Guderian gegenüber Hitler die Männer Dirlewangers als "wirkliche Strolche". Die rücksichtslose Kampfweise der selbsternannten "Sturmbrigade" führte zu hohen Verlusten, die mit immer neuen Insassen von Militärgefängnissen und KZ-Häftlingen aufgefüllt wurden.

Für den Einsatz in Warschau erhielt der "brave Schwabe" (Himmler über Dirlewanger) das Ritterkreuz und eine Einladung des "Generalgouverneurs" im annektierten Polen, Hans Frank, zu einem Festessen auf der Krakauer Burg. Seine Einheit, die 1945 noch zur 36. Waffen-Grenadier-Division der SS erhoben worden war, wurde vor Kriegsende von der Roten Armee im Raum Halbe südöstlich von Berlin eingekesselt. Dirlewanger selbst hatte sich da bereits mit reichlich Raubgut aus Warschau nach Südwestdeutschland abgesetzt. Nach Kriegsende geriet er in französische Kriegsgefangenschaft. Nachdem seine Identität entdeckt worden war, folterten ihn Polen in einem Racheakt zu Tode. Gerüchte, dass er den Krieg überlebte habe und in Diensten arabischer Staaten tätig sei, wurden erst in den sechziger Jahren durch eine Exhumierung widerlegt.

Landtagssitz statt Anklagebank

Nicht nur die Morde der Dirlewanger-Einheit in Warschau blieben ungesühnt. Für die im Sommer 1944 in Warschau begangenen Verbrechen verurteilten bundesdeutsche Gerichte lediglich zwei rangniedrige Angehörige der Waffen-SS. Erich von dem Bach-Zelewski bot sich im Nürnberger Prozess der Anklage als Zeuge an; gegen ihn wurde auch später nicht als Oberbefehlshaber bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstands ermittelt. Mehrere Versuche, Heinz Reinefarth wegen der Massaker in Wola und Ochota anzuklagen, scheiterten in den sechziger Jahren. Als Bürgermeister von Westerland/Sylt und späterer Abgeordneter des "Blocks der Heimatvertriebenen und Entrechteten" im Landtag von Schleswig-Holstein gelang ihm eine beachtliche politische Nachkriegskarriere. In den Vernehmungen schoben von dem Bach-Zelewski und Reinefarth die Schuld für die Gewaltexzesse Dirlewanger und anderen verstorbenen Kommandeuren zu.

In Polen besteht heute ein großes Interesse daran, dass gegen die "Henker von Wola" noch ermittelt wird. Zur Zeit der Volksrepublik manipulierten die Kommunisten das Gedenken an den verzweifelten, aber vergeblichen Aufstand gegen die deutschen Besatzer - der auch deshalb scheiterte, weil Stalin die Rote Armee vor der Stadt haltmachen ließ und den Polen nicht zu Hilfe kam. Dank einer gezielten Geschichtspolitik, die der im Oktober 2007 abgewählten Kaczynski-Regierung einige Popularität verschaffte, ist der Aufstand in den vergangenen Jahren zu einem Symbol für den Kampf Polens gegen zwei Diktaturen im 20. Jahrhundert geworden.

Nach Presseberichten über die mutmaßlichen Kriegsverbrecher, die ihren Ruhestand in Deutschland genießen, schaltete sich nun das Institut des Nationalen Gedenkens ein. Die Behörde verwahrt Dokumente aus der NS-Zeit und der Volksrepublik, ist aber auch für die Strafverfolgung von Verbrechen gegen das polnische Volk zuständig. Der Leiter Janusz Kurtyka kündigte an, die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg um Unterstützung zu bitten. Bei den Staatsanwälten in Ludwigsburg ist jedoch noch kein Rechtshilfeersuchen eingegangen. "Wir haben das Institut des Nationalen Gedenkens um Informationen zu den betreffenden Personen gebeten", erklärt der stellvertretende Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltung, Joachim Riedel. "Dann werden wir prüfen, ob gegen sie bereits ermittelt wurde und sie vernehmen."

Dass es tatsächlich noch zu Strafprozessen kommt, ist dennoch eher unwahrscheinlich. Dokumente, mit denen sich die Verbrechen den einzelnen Männern der "Sondereinheit Dirlewanger" zuordnen ließen, gibt es nicht. Die wenigen noch lebenden Zeugen werden nach mehr als sechzig Jahren die Täter kaum zweifelsfrei identifizieren können. Dennoch: Mit Ermittlungen gegen die SS-Greise würde die deutsche Justiz wohl ein wichtiges Zeichen setzen, dass die Verbrechen bei der Niederschlagung der Warschauer Erhebung, die in Deutschland noch immer im Schatten des Aufstands im Warschauer Ghetto vom Frühjahr 1943 steht, nicht vergessen sind.



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Alexander Sannemann, 30.06.2008
1.
Ich finde die heutige 'Aufarbeitung' in zweierlei Hinsicht problematisch. Erstens sollte die Aufteilung der NS-Opfer nach Rasse in gedenkenswürdige Juden und vergessenswürdige Zigeuner, Arier usw als Rassismus verurteilt werden. Zweitens scheint die sogenannte Aufarbeitung vom augenblicklichen Handlungsbedarf abzuleiten. Auch wer zehn Stolpersteine spendet, aber seinen Nächsten als dreckigen Türken beschimpft - oder wegguckt, wenn andere es tun - hat nichts wirklich aufgearbeitet. Heute schickt man die Leute nicht mehr zum Vergasen nach Ausschwitz, sondern zum Erschiessen nach Somalia oder zum Verhungern nach Mali. Ist das denn besser? Wo sind ihre Stolpersteine? So oder so sterben unschuldige Menschen eines qualvollen Todes, weil wir wegschauen - auch heute noch.
J. S., 29.06.2008
2.
Ein interessanter historischer Artikel. Aber eine Sache am Teaser stört mich. Dirlewanger wird dort als Kinderschänder bezeichnet, im Text ist jedoch davon die Rede, dass er "Unzucht mit einer 13-Jährigen" trieb. Zum einen ist man mit 13 eher Teenager als Kind, zum anderen ist Unzucht etwas anderes als Schänden. Es mutet natürlich etwas merkwürdig an, bei einem Mörder wie Dirlewanger, solche Differenzierungen vorzunehmen, aber im Sinne der journalistischen Genauigkeit würde ich den Teaser noch einmal überdenken.
Eckhardt Gehde, 29.06.2008
3.
> Zum einen ist man mit 13 eher Teenager als Kind, zum anderen ist Unzucht etwas anderes als Schänden. Es mutet natürlich etwas merkwürdig an, bei einem Mörder wie Dirlewanger, solche Differenzierungen vorzunehmen, aber im Sinne der journalistischen Genauigkeit würde ich den Teaser noch einmal überdenken. Mit 13 ist "man" eher Kind, es sei denn, es handelt sich um die Phantasiewelt von Kriminellen. Und in diesem Fall noch "Unzucht", d.h. sexuellen Handlungen mit einem minderjährigen Menschen, als weniger schlimm - na, vielleicht fast als Verführung eines besonders potenten Mannes etwa?!! - einstufen zu wollen als Schänden, ist in der Tat hier wie auch in anderen Fällen nicht angebracht
Klaus P. Lücke, 29.06.2008
4.
Unseriöser Beitrag ! Also, wenn ich lese: 'Horde von Wilddieben', 'Mörderbande ... die in Warschau 1944 in wenigen Tagen Zehntausende Menschen umbrachte', dann ist die Grenze zum seriösen Journalismus weit überschritten. Das ist unter Bild-Zeitungs-Niveau und dürfte wohl einer Überprüfung kaum standhalten ... Und in diesem Zusammenhang nur mal als Hinweis: es war Krieg, der Aufstand in Warschau war leichtfertig von den Engländern angezettelt worden (die dann aber die quasi als Partisanen kämpfenden Polen faktisch ihrem Schicksal überließen). Die Deutschen kämpften zu dieser Zeit im Osten an zwei Fronten - vor ihnen die Russen, hinter ihnen der massive Aufstand in Warschau. Da den Russen aber vor Warschau aber erst mal die Puste ausgegangen war, konnte der Aufstand niedergeschlagen werden, zumal sich auch die versprochene englische Luftunterstützung für die Warschauer als reine Luftblase erwies. Trotzdem wurden den Aufständischen nach der Kapitulation von deutscher Seite ehrenwerte Kapitulationsbedingungen geboten, und sie wurden statt als Partisanen wie reguläre Kombattanten behandelt. Statt ganz nach aktueller Mode, die die Zeit des NS und des Zweiten Weltkriegs auf eine Kriminalgeschichte reduziert, sollte die Kirche mal im Dorf gelassen werden. Beim 'Spiegel' erwarte ich eigentlich gut recherchierte Sachinformationen statt Räuberpistolen und Propaganda.
Matthias Hirsch, 30.06.2008
5.
Unseriöser Beitrag Ihrerseits! Zu behaupten "Trotzdem wurden den Aufständischen nach der Kapitulation von deutscher Seite ehrenwerte Kapitulationsbedingungen geboten, und sie wurden statt als Partisanen wie reguläre Kombattanten behandelt." ist ein Widerspruch in sich, denn es war nichts, aber auch gar nichts "ehrenwert" von deutscher "Seite" ! Die einzig ehrenhaften waren die "Aufständischen" (Ihr Wortgebrauch)- die Widerstandskaempfer. Alles andere ist ein nachtraeglicher Versuch die Taten der Deutschen weiss zu waschen und nichts anderes als Propaganda!
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