NS-Kriegsgräuel in Griechenland Die Hölle von Hellas

In wenigen Ländern wüteten die NS-Besatzer so brutal wie in Griechenland. Doch lange sprach die Bundesregierung nur von "angeblichen" Kriegsverbrechen. Für die Opfer gab es kaum Entschädigung - anders als für einen der Täter.

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Sie zahlten, um zu überleben. 1,9 Milliarden Drachmen verlangte Max Merten, Kriegsverwaltungsrat der Wehrmacht in Thessaloniki, 1942 von der jüdischen Gemeinde. Dafür versprach er, Tausende Juden von der Zwangsarbeit zu befreien. Das Geld schien gut angelegt: 9000 Zwangsarbeiter kamen tatsächlich frei.

Kurz danach wurden sie nach Auschwitz deportiert und fast alle ermordet. 97 Prozent der Juden Thessalonikis kehrten nie zurück.

Rechtsanwalt Merten, Kopf des zynischen Deals, war mitverantwortlich für die Deportation von insgesamt 50.000 Juden. Einer Schuld war er sich nie bewusst. Nach dem Krieg bewarb er sich gar auf die Stelle des deutschen Generalkonsuls in Griechenland. Bei einem Urlaub wurde er dort 1957 festgenommen und zu 25 Jahren Haft verurteilt. Eine gerechte Strafe, könnte man meinen.

"Endlösung der Kriegsverbrecherfrage"

In Bonn aber war man über die Verhaftung empört und beriet über "mögliche Repressalien gegen Griechenland". Der Mann, der diesen Vorschlag machte, war kein unbedeutender Bürokrat. Er hieß Karl Carstens, war CDU-Staatssekretär und sollte später Bundespräsident werden. Seine Linie setzte sich durch: Schon 1959 kam Merten wieder frei.

Uneinsichtig, machtverliebt, arrogant - so beschreiben noch heute viele Griechen die Deutschen. Der neue Regierungschef Alexis Tsipras bedient diese Emotionen, wenn er nun Reparationen für die Gräueltaten der NS-Besatzer verlangt.

Längst tritt die deutsche Außenpolitik sensibler auf als in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als das Auswärtige Amt nur von "angeblichen" Kriegsverbrechen sprach und im besten NS-Duktus sogar von der "Endlösung der sogenannten Kriegsverbrecherfrage" fabulierte, wie der deutsch-griechische Historiker Hagen Fleischer herausgefunden hat. Inzwischen haben Kanzler und Bundespräsidenten passende Worte und Gesten an den Mahnmalen der Kriegsverbrechen gefunden. Zuletzt bat Joachim Gauck 2014 in Griechenland "mit Scham und Schmerz" im Namen Deutschlands "um Verzeihung".

Schwache Opferlobby

Und doch ist bei vielen Griechen das Gefühl geblieben, dass es mit guten Worten allein nicht getan ist - und sich Deutschland bis heute um seine historische Verantwortung drücke.

Das sind mehr als Befindlichkeiten. "In keinem anderen nichtslawischen Land wüteten SS und Wehrmacht so brutal wie in Griechenland", sagt Fleischer, Professor für Neuere Geschichte in Athen. Er bedauert, dass dies "in Deutschland so gut wie nicht bekannt ist". Während etwa die Massaker im tschechischen Lidice, im italienischen Marzabotto oder im französischen Oradour tief im kollektiven Gedächtnis verankert sind, wisse kaum jemand um die NS-Gräueltaten von Distomo, Lingiades oder Kommeno. "Griechenland", sagt er, "hat hundert Lidices."

Mit ein Grund für das Vergessen: die sehr schwache Opferlobby in Griechenland. Das hat historische Ursachen: Die meisten Opfer der Deutschen waren kommunistische Partisanen, die dann im griechischen Bürgerkrieg von 1946 einer Allianz von Konservativen und Rechten unterlagen. Ehemalige NS-Kollaborateure standen nun der Regierung nahe und waren keinesfalls geächtet wie anderswo. Die deutschen Kriegsverbrechen waren lange ein Tabuthema. Darin waren sich Athen und Bonn weitgehend einig.

Vergessen war damit lange, wie die NS-Besatzer einst unterschiedslos Männer, Frauen, Alte und Kinder terrorisiert hatten. Sie nahmen Massenexekutionen vor, brannten Ortschaften nieder, plünderten und schändeten. Insgesamt wurden laut Fleischer mindestens 30.000 Zivilisten Opfer von Vergeltungsaktionen. Dazu kommen noch 60.000 in den KZ im Osten ermordete Juden.

Besonders drastisch nahm sich der Terror der Nationalsozialisten rund um das Peloponnes-Städtchen Kalavryta aus: Aus Rache für verlorene Gefechte mit Partisanen sowie die Erschießung von 77 deutschen Soldaten begannen Kampfgruppen-Angehörige der 117. Jägerdivision unter dem Kommando von Generalmajor Karl von Le Suire mit einem regelrechten Vernichtungsfeldzug: Am 13. Dezember 1943, um 9 Uhr morgens, mussten sich alle Einwohner Kalavrytas vor der Schule versammeln.

Frauen und Kinder wurden von den männlichen Bewohnern über 13 Jahren getrennt. Die Männer mussten auf eine Anhöhe am Rand des Städtchens marschieren, wo sie mit Maschinengewehren niedergemäht wurden. Anschließend raubten die Deutschen alle Wertsachen, Lebensmittel, Geld und Vieh und brannten die Häuser nieder - auch die Schule, in der die Frauen und Kinder eingesperrt waren.

Hitlers Bewunderung für die Griechen

Die Division meldete den Tod von 696 Zivilisten und 17 Soldaten des griechischen Partisanenverbands ELAS. Die Beute der Deutschen: mehr als 272 Millionen Drachmen, 1930 Schafe, 19 Rinder, 28 Pferde und 28 Esel. "Das Unternehmen hat eine merkliche Erleichterung gebracht", so der zynische Kommentar des Generalmajors Le Suire, der die Griechen kurzerhand als "Sauvolk" verhöhnte.

Adolf Hitler hatte das griechische Volk anfangs gar nicht so geringgeschätzt - im Gegenteil: "Wie die Helden des alten Hellas" hätten sie gekämpft, teilte er seinem Lieblingsbildhauer Arno Breker und dessen griechischer Frau im Anschluss an den deutschen Überfall auf Griechenland im April 1941 mit.

In einer Reichstagsrede sagte der bekennende Philhellene: "Dem griechischen Volk gegenüber erfüllt uns aufrichtiges Mitleid", es habe "so tapfer gekämpft, dass ihm auch die Achtung seiner Feinde nicht versagt werden kann". Daher befahl er, die griechischen Kriegsgefangenen "ausgesucht gut zu behandeln".

"Kampf auch gegen Frauen und Kinder"

Doch mit Beginn des unerwartet heftigen Widerstands endete die Empathie Hitlers für das griechische Volk. Mehr und mehr dominierte in der Folge das rassistische Klischee vom "levantinischen Untermenschen". In Schulungsschriften für die Wehrmacht wurde den deutschen Soldaten weisgemacht, es handele sich bei den Griechen um völkisch minderwertige Menschen, die bedingungslos zu unterjochen seien.

Um den Willen der Widerständler zu brechen, galt bald auch in Griechenland der sogenannte Bandenbefehl vom 16. Dezember 1942, mit dem Hitler Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung nicht nur billigte, sondern verlangte: "Die Truppe", heißt es darin, sei "berechtigt und verpflichtet, in diesem Kampf auch gegen Frauen und Kinder jedes Mittel anzuwenden". Zugleich garantierte der Befehl, dass kein deutscher Soldat für Maßnahmen gegen die "Banden" genannten Partisanen juristisch belangt werden konnte.

Hinzu kam - wie in anderen besetzten Ländern auch - die systematische Ausplünderung des Landes mit Mitteln der Finanz- und Verwaltungspolitik. Griechenland musste die Kosten der deutschen Besatzung selbst tragen, die Wirtschaft wurde systematisch durch Zwangsexporte geschröpft, die Inflation nahm rasend zu. Allein von 1941 bis 1942 verhungerten 100.000 Zivilisten - auch eine Folge dieser rücksichtslosen Ausbeutungspolitik.

Eine Schuld von 476 Millionen Reichsmark

Mit deutscher Akribie berechneten Finanzexperten Anfang 1945 die "Reichsschuld gegenüber Griechenland" und kamen in einer 200-seitigen "Denkschrift" auf den Betrag von 476 Millionen Reichsmark. Darin waren nicht etwa die Kosten für Zerstörungen aufgeführt; gemeint waren nur jene zinslosen Zwangskredite, die sich die deutschen Besatzer von 1942 bis 1944 von der griechischen Nationalbank "geliehen" hatten.

Hagen Fleischer, der das Dokument vor Jahren bei seinen Forschungen entdeckt hat, hält das für einen einmaligen Vorgang: "Das NS-Regime erkennt seine Schuld an, während die demokratischen Nachfolgeregierungen das später nie berücksichtigten." Dieser Zwangskredit dürfte daher in den Forderungen der neuen griechischen Regierung eine zentrale Rolle spielen. Sein heutiger Wert beläuft sich schätzungsweise auf etwa zehn Milliarden Euro.

Politisch sind solche Summen wohl nicht realistisch. Aus Angst, die noch junge Demokratie in der Bundesrepublik zu gefährden, nahmen besonders die USA die deutsche Regierung vor Entschädigungszahlungen in Schutz. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde die Frage der Reparationsforderungen bis zum Abschluss eines Friedensvertrages verschoben.

Entschädigung - für den Täter

Als dann anstelle eines Friedensvertrages 1990 das Zwei-plus-Vier-Abkommen über die deutsche Einheit ausgehandelt wurde, spielten etwaige Reparationszahlungen keine Rolle mehr. Auch Griechenland akzeptierte damals dieses Abkommen, so dass es heute kaum Aussichten hat, Zahlungen völkerrechtlich zu erzwingen.

Zudem hatte Bonn 1960 griechische Opfer der NS-Verfolgung mit 115 Millionen Mark entschädigt - unter der Bedingung, dass künftig keine weiteren individuellen Forderungen mehr zulässig sein sollten.

Ein anderer hingegen erhielt ein Jahr später Geld von der deutschen Regierung: Kriegsverbrecher Max Merten. Das Bezirksamt Berlin-Schöneberg zahlte ihm eine Heimkehrer-Entschädigung für seine Zeit in griechischer Haft.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Joseph Greeks, 04.02.2015
1. Man liest immer, dass Griechenland.....
.....den 2+4 Vertrag akzeptiert und daher keinen Anspruch hätte. Ich habe das im Internet nicht bestätigt gefunden. Auch scheint ein zwischenstaatlicher Vertrag schwierig, der Geld in die Obhut bekannter maßen korrupter Regierender überweist um Verbrechen gegen einzelne Bürger zu entschädigen. Das ist als würde man auf die Zahlungen aus Waffengeschäfte bestehen, die man durch Bestechung bekam.
Gangolf. Freisberg, 04.02.2015
2.
Es ist beschämend, dass man nicht endlich mal zu den Kriegsverbrechen steht und dieses kleine Land pordentlich entschädigt. Deutschlland kann durch eine grosszügige Zahlung nur gewinnen.
dr. reuter, 04.02.2015
3. manchmal ...
Hin und wieder findet sich auch online im Spiegel ein lesenswerter Artikel. Danke. Man sollte einen Ausdruck davon allen überheblichen Deutschen übersenden, und davon gibt es eine Menge - wie sich hier immer wieder zeigt.
Frank Weiß, 04.02.2015
4. typischer ablauf , der skandal um den
diese leute haben den krieg und den holocoust doch erst möglich gemacht. das getriebe, welches sie leiteten, sorgte für ausplünderung und spätere ermordung der gegner und der jüdischen bevölkerung. es ist nicht erstaunlich,daß die deutsche justitz die "beihilfe zum mord" gerade für diese millionenfachen massenmörder im jahr 1960 verjähren ließ.selten haben solche leute selbst abgedrückt, die "schreibtischtäter" waren fein raus, denn die kriegte eine überaus wohlwollendende justitz höchstens für beihilfe dran.lager wie auschwitz und andere hätten niemals ohne die "investitionen" der industrie enstehen und betrieben werden können. die ig-farben hatte fast 1 mrd reichsmark in die fabriken aus dem auschwitzgelände investiert und bekam dafür hundertausende jüdischen zwangsarbeiter zum auspressen. die ss kassierte 4 rm pro tag von ig-farben/krupp und anderen. ein geschäft für alle beteiligten, außer den millionen opfern!
W N, 04.02.2015
5.
Wenn ich mich recht erinnere war es mit Griechenland ähnlich wie in Nordafrika. Italien hat Griechenland bereits 1940 überfallen, weil Mussolini nicht als Dummer da stehen wollte, und eine Niederlage erlitten, so dass wie in Afrika Deutschland seinem Verbündete zu Hilfe kommen mußte. Komisch an Italien erinnert sich keiner mehr in diesem Zusammenhang.
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