Kriegsverbrecher "Hausmeister der Gaskammern"

Seit mehr als 30 Jahren beschäftigt er die Justiz: KZ-Aufseher Iwan Demjanjuk floh nach Kriegsende in die USA, flog auf, wurde an Israel ausgeliefert und zum Tode verurteilt. Als Russlands Archive geöffnet wurden, kippte das Urteil. Nun soll ihm erneut der Prozess gemacht werden - in Deutschland.

AP

Von Andreas Mix


Äußerlich ging es Iwan Demjanjuk nach Kriegsende wie Millionen anderer Menschen, die der Furor des Zweiten Weltkriegs entwurzelt hatte. In einem Lager für "Displaced Persons" in Süddeutschland träumt der Ukrainer Ende der vierziger Jahre davon, alles hinter sich zu lassen und in Amerika ein neues Leben anzufangen. Iwan war 1942 als Rotarmist in deutsche Gefangenschaft geraten, nun fürchtete er, von den Westalliierten in die Sowjetunion zurückgeschickt zu werden und in einem sibirischen Straflager zu landen.

Anfang der fünfziger Jahre dürfen Demjanjuk und seine Ehefrau Wera tatsächlich in die Vereinigten Staat auswandern. In Cleveland im US-Bundesstaat Ohio arbeitete Iwan, der sich nun John nannte, als Mechaniker bei Autokonzern Ford. Den Tag, an dem sie 1958 die amerikanische Staatsbürgerschaft erhalten, bezeichnete Wera Demjanjuk später als den glücklichsten in ihrem Leben.

Doch der amerikanische Traum der Demjanjuks findet ein jähes Ende: Demjanjuk gerät in das Visier amerikanischer Holocaust-Ermittler. Von mehreren Seiten hatten die US-Behörden in den siebziger Jahren Hinweise darauf erhalten, dass Demjanjuk an NS-Verbrechen beteiligt gewesen sei. So stand sein Name auf einer Liste osteuropäischer "Hilfswilliger" der SS, später tauchte ein Dienstausweis Demjanjuks mit dem Eintrag Sobibor auf. Bekannt wurde auch die belastende Aussage eines Kameraden aus einem Nachkriegsprozess.

Vom Rotarmisten zum Trawniki

Demjanjuk bestritt alle Vorwürfe. Seine Verteidiger bezeichneten die Dokumente, die aus sowjetischen Archiven stammten, als Fälschungen des Geheimdienstes KGB. Doch die Ermittlungen weiteten sich aus. In Israel wollten mehrere Überlebende des NS-Vernichtungslagers Treblinka Demjanjuk auf Nachkriegsaufnahmen als "Iwan den Schrecklichen" wiedererkannt haben, einen berüchtigten Wachmann, der in Treblinka Häftlinge gefoltert und die Gaskammer bedient habe.

Während in den USA die Ermittlungen gegen Demjanjuk liefen, musste sich in Deutschland sein ehemaliger Vorgesetzter vor dem Landgericht Hamburg verantworten. Des frühere SS-Sturmbannführer Karl Streibel hatte im ostpolnischen Trawniki ein SS-Ausbildungslager befehligt, in dem seit Herbst 1941 etwa 5000 "fremdvölkische Hilfswillige" für den Dienst an der Seite der SS gedrillt wurden. Aus den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht rekrutierte Streibel Wolgadeutsche, Balten, Ukrainer und schließlich auch Russen. Wichtiger als die "rassischen Merkmale" war der SS die politische Einsstellung der Männer. Das zynische Kalkül: Wer unter Stalins Knute gelitten hat, wird dem NS-Regime willfährig dienen.

Der Dienst für die Deutschen war für die Umworbenen vielfach die einzige Möglichkeit, dem sicheren Tod zu entgehen. Zu Abertausenden starben gefangene Rotarmisten in den deutschen Kriegsgefangenenlagern an Unterernährung oder Krankheiten, von rund 5 Millionen kamen etwa 3,2 Millionen um. So ließ sich im Juli 1942 auch Iwan Demjanjuk von den Nazis anwerben. Im SS-Ausbildungslager Trawniki erhielt er einen Dienstausweis mit der Nummer 1393.

Handlungsreisende des Holocaust

Die Trawniki-Truppe, von den Deutschen auch "Askaris", "Hiwis" oder einfach "Ukrainer" genannt, wurden so etwas wie Handlungsreisende des Holocausts. Mit ihren deutschen Kommandeuren zog die Truppe seit dem Frühjahr 1942 durch das besetzte Polen und liquidierte im Zuge der "Aktion Reinhardt" (dem Tarnnamen für die Vernichtung der polnischen Juden) Ghetto um Ghetto. Die Juden wurden sofort vor Ort erschossen oder in die Vernichtungslager deportiert - allein aus Warschau wurden zwischen Juli und September 1942 mehr als 240.000 Menschen verschleppt. In den NS-Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka gehörten die Trawnikis zum Lagerpersonal, das die Opfer in die Gaskammern trieb. Die deutschen Vorgesetzten blickten auf ihre osteuropäischen Handlanger herab. Sie galten als ein undisziplinierter Haufen, der sich skrupellos an den Opfern bereicherte.

SS-Offizier Streibel, der von seinen Vorgesetzten für "die bestmögliche Ausbildung" der Trawnikis ausdrücklich belobigt worden war, wurde 1976 freigesprochen - er hatte das Gericht überzeugt, erst nach der Rückkehr seiner Männer von deren "Endlösungsreisen" erfahren zu haben. Gegenüber Demjanjuk zeigte die US-Justiz keine derartige Nachsicht. Einen Kameraden von Demjanjuk aus Trawniki, Fedor Fedorenko, liefern die USA 1984 an die Sowjetunion aus, wo er 1986 in Simferopol zum Tode verurteilt und hingerichtet wurde. Über Demjanjuk erhielt das Office for Special Investigations (OSI), zuständig für das Aufspüren von in die USA eingereisten NS-Verbrechern, aus der Sowjetunion weitere belastende Dokumente und Zeugenaussagen.

Da "Iwan dem Schrecklichen" jedoch nach amerikanischem Recht in den USA nicht der Prozess gemacht werden konnte, wurde Demjanjuk 1981 die amerikanische Staatsbürgerschaft entzogen. Fünf Jahre später überstellten die US-Behörden den nun Staatenlosen an Israel, das seine Auslieferung gefordert hatte.

"Begründete Zweifel an der Identität"

Am 16. Februar 1987 - fast sechsundzwanzig Jahre nachdem hier Adolf Eichmann, der "Judenreferent" des Reichssicherheitshauptamtes, vor Gericht stand - begann in Jerusalem der Prozess gegen Demjanjuk. Diesmal richtete sich das Verfahren nicht gegen einen Schreibtischtäter, sondern gegen den "Hausmeister der Gaskammern", so die Staatsanwälte in ihrer Anklageschrift Für die israelische Öffentlichkeit wurde auch dieser zweite Prozess gegen einen Holocaust-Verantwortlichen zu einer kollektiven "Rückkehr ins Grauen" (so der Knesset-Abgeordnete Szewach Weiss). Radio und Fernsehen berichteten täglich live aus dem Gerichtssaal.

Die Staatsanwaltschaft setzte voll und ganz auf die Aussagen von Treblinka-Überlebenden, die detailliert die Grausamkeiten der Täter schilderten und Demjanjuk als "Iwan den Schrecklichen" identifizierten. Ungeachtet einiger Widersprüche in Zeugenaussagen und obwohl in den vorgelegten Dokumenten allein Sobibor als Dienstort Demjanjuks vermerkt war, verurteilte das Gericht ihn am 25. April 1988 zum Tode.

Dann brach die Sowjetunion zusammen. Für das angestrengte Revisionsverfahren wurden dadurch neue Quellen in sowjetischen Archiven zugänglich - mit denen Demjanjuks Anwälte beweisen konnten, dass ihr Mandant nicht "Iwan der Schreckliche" war - sondern ein anderer Trawniki namens Iwan Marchenko. Am 22. September 1993 musste das Oberste Gericht Israels das Todesurteil gegen Demjanjuk wegen "begründeter Zweifel an der Identität" des Angeklagten aufheben.

Neuer Prozess in Deutschland?

Demjanjuk mochte nicht "Iwan der Schreckliche" aus Treblinka sein - aber dennoch war er nachweislich Wachmann in den KZs Sobibor, Majdanek und Flossenbürg gewesen. Die Staatsanwaltschaft aber hatte sich ganz auf seine angebliche Rolle in Treblinka konzentriert und damit die eigene Anklage zum Einsturz gebracht. Im September 1993 wurde Demjanjuk wieder in die USA zurückgebracht, gegen den wütenden Protest von Treblinka-Überlebenden in Israel. In den USA dagegen sprachen Demjanjuks Unterstützer von einer amerikanischen Dreyfuss-Affäre: Das amerikanische OSI hatte tatsächlich einige entlastende Dokumente bewusst zurückgehalten.

Aufgrund der neuen Quellenlage strengte das OSI wiederum Ermittlungen gegen Demjanjuk an. Und wiederum verlor der gebürtige Ukrainer seine amerikanische Staatsbürgerschaft, die ihm ein Gericht zwischenzeitlich wieder zugesprochen hatte. Ende Mai 2008 lehnte der Oberste Gerichtshof der USA in Washington Demjanjuks Einspruch gegen seine zwangsweise Ausbürgerung endgültig ab; nun will die US-Regierung ihn nach 30 Jahren Hin und Her so rasch wie möglich abschieben.

Doch bislang ist kein Land dazu bereit, Demjanjuk aufzunehmen - weder die Ukraine noch Polen zeigen bisher Interesse daran, den KZ-Aufseher vor Gericht zu bringen. Nun soll Demjanjuk in Deutschland angeklagt werden. "Wir arbeiten mit Hochdruck daran", erklärt Kurt Schrimm, Leiter der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg. Schrimms Mitarbeiter haben bereits umfangreiches Material in mehreren Archiven ausgewertet Die Ermittlungen konzentrieren sich diesmal auf die Tätigkeit Demjanjuks im KZ Sobibor, in dem schätzungsweise 250.000 Juden aus Polen, der Slowakei, den Niederlanden und Deutschland ermordet wurden. Dennoch wird Demjanjuk voraussichtlich nur wegen Beihilfe zum Mord angeklagt werden.

Bis es soweit ist, müssen jedoch noch juristische Fragen geklärt werden: Welches Gericht ist für Demjanjuk, der niemals deutscher Staatsbürger war, zuständig? Die Zeit drängt: John Demjanjuk ist heute 88 Jahre alt.



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