Kriegsweihnacht Fest der Finsternis

Feuerschein am Horizont, Verdunkelungsgebot und bescheidene Geschenke: Weihnachten 1944 stand für den 13-jährigen Ernst Woll im Zeichen des Krieges. Gegen den Mangel half Erfindergeist.


Im Krieg geht das Leben irgendwie weiter, weil es weitergehen muss. Auch die großen Feste werden gefeiert. Nur eben bescheidener. Während 1944 der Krieg in vollem Gange war und die Menschen in den Großstädten und Industriezentren unter den Bombardierungen der Alliierten zu leiden hatten, lebte ich mit meinen Eltern und Großeltern auf dem Thüringer Land. Meine Vorfreude auf das Fest war ungebrochen, auch wenn mir damals mit meinen 13 Jahren die Sorgen der Menschen nicht entgingen. Die Gespräche kreisten um verwandte und bekannte Soldaten an der Front und die vielen Gefahren, denen sie ausgesetzt waren. Damals war es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Kampfhandlungen auch deutsches Gebiet erreichen würde.

Trotz strengen Verbotes wurde damals in fast allen Familien heimlich BBC in deutscher Sprache gehört. Auch während der Festtage wollten die Menschen wissen, was an der Front tatsächlich geschah, ob Hoffnung bestand, dass sich die Soldaten während des Weihnachtsfests von den schweren Gefechten erholen können würden. Nicht verboten waren die deutschen Wunschkonzerte des Deutschlandsenders. Die hörten wir auch. Frontsoldaten konnten Grüße mit ihren Lieben in der Heimat austauschen und ihre Siegeszuversicht zum Ausdruck bringen. Besonders am Heiligen Abend war diese Radiosendung hoch emotional. Das Schicksal der Soldaten berührte mich. Schließlich hatte auch ich in der Schule und im Jungvolk kleine Frontpakete mit Plätzchen, Stollen und Süßigkeiten, selbstgestrickten Handschuhen und Weihnachtsschmuck gepackt. Einige der Absender dieser Weihnachtspakete wurden während der Sendung namentlich genannt. Ich lauschte gespannt, ob auch mein Name fallen würde, aber ich wurde enttäuscht.

Damals war im Jungvolk und in der Schule das Wort "Christbaum" verpönt. Er wurde schlicht "Tannen-" oder "Weihnachtsbaum" genannt. Das passte zu der allgemein antireligiösen Stimmung damals. In der Schule hatte es einmal geheißen, das Weihnachtsfest beruhe auf falschen historischen Annahmen, nur das Julfest zur Wintersonnenwende am 25. Dezember entspreche unserem germanischen Erbe. Aber so einfach ließ sich das Weihnachtsfest nicht durch vorchristliche Bräuche ersetzen. Die Menschen hingen an ihrem Fest und dessen Bedeutung. "Christbaum" übrigens bezeichnete damals im Volksmund auch etwas ganz und gar Unweihnachtliches: die Leuchtmarkierungen nämlich, die die Alliierten in den Himmel setzten, um die Bomber zu ihrem Abwurfsort zu leiten. Nachts hörten wir das Einschlagen der Bomben in den großen, viele Kilometer entfernten Städten und sahen den Widerschein des Feuers am Horizont.

Kerzen aus der eigenen Gießerei

In den vorangegangenen Kriegsjahren hatten wir die Entbehrungen noch nicht so stark zu spüren bekommen wie bei den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest 1944. Im Rückblick ist mir bewusst geworden, dass unsere relativ gute Versorgung mit der Ausbeutung der besetzten und überfallenen Gebiete zu erklären ist. Versorgungsgüter erreichten uns vor allen Dingen von dort. Im Winter 1944 war davon nichts mehr zu spüren. Es fehlte an allem. Es wurde reichlich getrickst. Schon Mitte des Jahres begannen wir mit der Bevorratung für Weihnachten. Für den traditionellen Christstollen wurden schon ab Mai Lebensmittelmarken für Mehl, Butter und Zucker aufgespart. Für die übrigen Zutaten mussten Notlösungen herhalten. Ich weiß noch, dass anstelle von Mandeln das Innere von Pflaumenkernen und für Rosinen getrocknete Pflaumen oder Ähnliches herhalten mussten.

Trotz des Mangels konnten gerade wir auf dem Land uns glücklich schätzen. Wir hatten aus eigener Zucht und Mast immerhin eine Gans für den traditionellen Braten behalten dürfen, während die übrigen Gänse abgeliefert werden mussten. Außerdem besaßen wir Kaninchen. Zu jener Zeit waren diese Tiere der wichtigste zusätzliche Fleischlieferant, und sie ergaben einen ordentlichen Festtagsschmaus. Auch ein Christbaum durfte in Familien mit Kindern nicht fehlen. Glaskugeln und Lametta, die aus der Vorkriegszeit stammten, konnten alle Jahre wieder verwendet werden. Nur Baumkerzen gab es kaum. Denn Wachskerzen wurden für die Notbeleuchtung während der Stromsperren gebraucht. Ihr Abbrennen am Weihnachtsbaum galt deshalb als Verschwendung.

Baumkerzen mussten also selbst hergestellt werden. Woher das Wachs kam, weiß ich nicht. An die Herstellung aber kann ich mich erinnern: Wir bastelten Formen aus Blech, die wir mit dem erhitzten Wachs zunächst bis zur Hälfte füllten, legten dann einen Wollfaden ein und gossen die Form voll. Schwierigkeiten gab es immer dann, wenn wir nicht den richtigen Faden auswählten. Dieser verkohlte dann, ohne dass die gewünschte Kerzenflamme entstand.

Pragmatische Geschenke im Dunkeln

Das Weihnachtsfest 1944 war wahrlich kein Fest des Lichtes. Durch die angeordnete Verdunkelung war außerhalb der Wohnungen alles in Finsternis getaucht. Auch in den Häusern musste man vorsichtig sein. Das drückte auf die Stimmung. Geschenkt wurden damals hauptsächlich nützliche Dinge, Bekleidung und Gebrauchsgegenstände. Ich hatte mir ein Paar Skier gewünscht, denn meine alten waren nach einem Sturz nicht mehr zu gebrauchen. Aber Schneeschuhe waren große Mangelware, denn sie mussten an die Wehrmacht abgegeben werden, damit die Soldaten, besonders in der schneereichen Sowjetunion, beweglich waren.

Also bekam ich ein Paar gebrauchte Bretter. Sie waren 2,1 Meter lang, sehr breit und schwer und hatten eine Riemenbindung, die ich immer nur mit Mühe am Schuhwerk befestigen konnte. Besonders die Metallteile, die zum Arretieren der Schuhe dienten und die auf den Holzbrettern festgeschraubt wurden, lösten sich immer wieder. Das Holz war vom vielen Aufschrauben morsch und spröde geworden. Trotzdem war ich glücklich, auch wenn das Schneeschuhfahren mit diesen Ungetümen sehr beschwerlich war.



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