Umstrittene Grenzverläufe in Atlanten Politik mit roten Pünktchen

Wie soll die Krim künftig in Atlanten aussehen? Putin dürfte sie sich auch kartografisch schnell einverleiben, auf ukrainischen Karten wird das anders aussehen. einestages erinnert an gezeichnete Grenzlinien, mit denen Politik gemacht wurde.

Georg Westermann Verlag

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Die neuen Insignien der Macht waren schnell etabliert. Auf der Krim weht nun die russische Fahne, russische Einheiten patrouillieren, der Rubel ist Zahlungsmittel und die ersten russischen Pässe sind ausgehändigt. Völkerrecht hin oder her - Wladimir Putin fehlt eigentlich nur noch eines, bis er sein Lehrstück über die Annexion eines strategisch wichtigen Gebiets vollendet hat: die Veränderung des Status der Krim auf den Weltkarten.

"Ich vermute, dass sich Russland die Krim auch kartografisch sehr schnell einverleiben wird", sagt Georg Stöber, Forscher am Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig und Leiter des Arbeitsfeldes "Schulbuch und Konflikt". Die Ukraine wiederum könnte die Krim künftig im Gegenzug in ihren Atlanten als "unter russischer Besatzung" bezeichnen - oder die neuen politischen Realitäten komplett ignorieren und einfach so tun, als sei die Krim weiterhin integraler Teil der Ukraine.

Seit mehr als 20 Jahren befasst sich Geograf Stöber mit Schulatlanten und weiß, wie einfach "mit Karten langfristig Geschichtsbilder und Identitäten konstruiert werden können". Die Methoden sind so subtil wie wirkungsvoll: Grenzen werden verändert und dann, je nach politischer Zielsetzung, dick wie Bollwerke oder dünn und zerbrechlich wie Haarnadeln gezeichnet. Länder werden einheitlich eingefärbt, um eine Homogenität zu suggerieren, die angesichts der gesellschaftlichen Wirklichkeiten blanker Hohn ist. Historische Beispiele für diese Macht der Karten gibt es viele - auch aus Deutschland.

Deutschland schrumpfte - nur nicht in seinen Atlanten

Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg etwa wurde Deutschland in Atlanten trotzig in seinen Grenzen von vor 1914 abgebildet. Die Gebietsverluste durch den Versailler Vertrag? Egal! Per Erlass drängte die preußische Schulverwaltung die Verlage dazu, die politische Realität zu ignorieren. Eine Kulturpolitik, die allerdings auch eine verbreitete gesellschaftliche Stimmung widerspiegelte, welche in dem verhassten Vertragswerk ein verbrecherisches "Friedensdiktat" der Siegermächte sah.

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Umstrittene Grenzverläufe in Schulatlanten: Politik mit roten Pünktchen

Dasselbe Spiel nach dem nächsten verlorenen Weltkrieg: Deutschland schrumpfte noch weiter zusammen - nur nicht in seinen Atlanten. Da wurde etwa in einer Diercke-Ausgabe von 1951 die Bundesrepublik weiter in den Grenzen von 1937 dargestellt. Und von der DDR? Keine Spur. Das war nicht etwa der Wunsch der Verlage, sondern ein Beschluss der seit 1948 tagenden Kultusministerkonferenz.

Die radikalen politischen Veränderungen der Nachkriegszeit deuteten diese Karten nur zaghaft an. Kaum erkennbare dünne, gepunktete Linien, so fragil wie Perlenketten, sollten das verschleiern, was sie de facto darstellten: die östlichen Staatsgrenzen Deutschlands, die Oder-Neiße-Grenze. Die Punkte aber suggerierten, diese Grenzen seien weder endgültig noch politisch anerkannt. Die dicken roten Linien weiter östlich dagegen sahen dann wie die wahren Staatsgrenzen der Bundesrepublik aus. Experte Stöber bestätigt: "Im Atlas von 1951 ist die eigentliche Grenze durch rote Punkte markiert, die Atlas-Signatur für eine Staatsgrenze war aber schon damals eine dicke rote Markierung."

Kleine kartografische Wunder

Alles sollte also so aussehen, als wären Breslau, Stettin und Königsberg, West- und Ostpreußen sowie Schlesien noch deutsch. Oder zumindest bald wieder: Denn für diese Gebiete vermerkten die Karten deutscher Atlanten, sei seien "unter polnischer Verwaltung" beziehungsweise "unter sowjetischer Verwaltung". Daran änderte auch Brandts Ostpolitik wenig. Trotz der Annäherung blieb die offizielle Haltung der Bundesrepublik, die Ostgrenze bis zum Abschluss eines endgültigen Friedensabkommens unter Teilnahme der vier Siegermächte nur unter Vorbehalt zu akzeptieren.

Und doch ereigneten sich in dieser Zeit kleine kartografische Wunder: Der Diercke-Atlas von 1971 etwa kennzeichnete die Oder-Neiße-Grenze nun nicht mehr mit kleinen roten Punkten, sondern mit einer dicken - wenn auch durchbrochenen - Linie. Das war zwar noch keine Staatsgrenze, aber deutlich mehr als die Pünktchen. Eine Aufwertung, die das verbesserte Verhältnis zum Nachbarn widerspiegelte.

Erst mit der Wiedervereinigung wurden 1990 im Zwei-plus-Vier-Vertrag die deutschen Ostgrenzen endgültig anerkannt. Jetzt reagierten auch die Verlage. Die löchrigen Grenzen verwandelten sich grafisch plötzlich in durchgezogene Linien, und auch die Städtenamen wurden nun erstmals in Polnisch statt in Deutsch angegeben.

Kaschmir indisch? Nein, pakistanisch!

Der Eiertanz um Punkte und Striche ist kein deutsches Phänomen. Indische Schulbücher etwa schlagen bis heute das von Pakistan und Indien beanspruchte Kaschmir komplett der Heimat zu; pakistanische Schulbücher machen es umgekehrt ähnlich. Auf chinesischen Karten ist Taiwan nicht als eigenständiger Staat, sondern als Teil der Volksrepublik China verzeichnet. Taiwanische Kartografen hingegen verfahren da ganz anders.

Die Verlage bringen Kriege und plötzliche Grenzänderungen also immer wieder in arge Schwierigkeiten. Wer in Atlanten blättert, sucht nach Klarheit, Orientierung und Objektivität, die er dort aber nicht immer finden kann. So wird es auch im Fall der Krim sein. Eine Sprecherin des Klett-Verlags, der den Haack Weltatlas herausgibt, sagt: "Solange die Bundesrepublik den Status der Krim nicht anerkennt, werden wir die Krim auf unseren Karten nicht als russisch kennzeichnen."

Putin dürfte das verschmerzen. Die Atlanten seines Landes werden anders aussehen.



insgesamt 38 Beiträge
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Besserr Wessi, 01.04.2014
1. Kunashiri und Etorofu
Die Karte 3 (japanischer Schulatlas?) zeigt nicht nur farblose Gebiete zur Unterstreichung der Umstrittenheit, sondern auch die Inseln Kunashiri und Etorofu als ganz gewöhnliches Staatsgebiet, obwohl sie de facto russisch sind. In der japanischen Schulatlanten fehlt dazu meist jegliche Erklärung. Besonders auf den Karten mit Seeverbindungen kann sich der japanische Schüler (hoffentlich tut er es …) dann wundern, warum Schiffsverbindungen nach Kunashiri und Etorofu vollkommen fehlen.
M W, 01.04.2014
2. Nochmal hinschauen (mit Lupe)
"in diesem Diercke-Weltatlas von 1974 die Insel ebenfalls als Teil Chinas dargestellt wird. Man erkennt das auch daran, dass keine rosa Grenzlinien zwischen der Insel und dem Festland gezogen wurden." da sind Grenzlinien an der Festlandsküste (u.a. Matsu-Inseln)
Markus Harteis, 01.04.2014
3. noch ein schönes Beispiel
ist der Montblanc. Nach französischer Kartographie ist der Gipfel ganz in Frankreich gelegen, nach italienischer Lesart geht die Grenze genau über den Gipfel, so dass der Gipfel auch in Italien liegt. Vielleicht findet SPON ja noch die entsprechenden Karten.
Stefan Bürvenich, 01.04.2014
4. @ 3: Richtig.
Zudem ist Taipeh als Hauptstadt unterstrichen, was sie als Teil Chinas nicht wäre.
Carsten Fröhlich, 01.04.2014
5. Und wir dachten, es sei Propaganda
Und zwar Rote, dass wir in der DDR in unseren Schulbüchern auf genau diese Punktgrenzen hingewiesen wurden mit dem Vermerk zZt. Polnisch verwaltet. Das gabs in Zonenfibeln nicht!
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