Kriminalgeschichte Herrn Ekenbergs tödliche Erfindung

Der Tod kam per Post: Anfang des 20. Jahrhunderts schockierten vier Anschläge ganz Schweden. Der erste Paketbomben-Serientäter der Welt hatte vier Sprengsätze an Direktoren großer Firmen verschickt. Doch was wie eine Kriegserklärung an die Obrigkeit wirkte, entpuppte sich als die Tat eines enttäuschten Erfinders.

Von


Die Terrordrohung erreicht das schwedische Boulevardblatt "Aftonbladet" im Oktober 1909. Den Briefkopf der Nachricht, deren Verfasser mit Justus Felix unterzeichnet, ziert der Name einer merkwürdigen Institution namens "Sozialdemokratischer Gerichtshof, Vollstreckungsausschuss". "Wir nehmen es in die Hand", schreibt Justus Felix, "die gesellschaftlichen Verbrecher, Bankiers, Redaktoren zu bestrafen." Das Schreiben verurteilt die "Vampire und Parasiten der Gesellschaft", die den einfachen Arbeiter betrügen würden, um in "Bequemlichkeit, Luxus, Saus und Braus von ihrem zu unrecht eingeheimsten Mammon zu fressen". Der Autor schließt seine Tirade mit einer Kriegserklärung an die Obrigkeit: "Wir glauben an die wundersame Wirkung einer Bombe hie und da." Die Todesstrafen würden nun vollstreckt, die Reihenfolge sei per Los bestimmt.

Die Drohung, ein Todesurteil mit einem Sprengsatz zu vollstrecken, muss damals so manchem Zeitgenossen ziemlich absurd erscheinen. Mit einer Bombe auch wirklich die Zielperson zu töten, wirft zahlreiche Probleme auf: Wie sollen die todbringenden Konstruktionen platziert werden, so dass sie den Richtigen treffen? Wer soll sie deponieren, ohne dabei erwischt zu werden? Und selbst, wenn dies gelänge: Wie soll man sie zum richtigen Zeitpunkt zur Detonation bringen? Der Absender des Drohbriefes hat für diese Probleme eine erschreckend simple Lösung parat. Er hat einen Weg gefunden, die Bomben direkt in den Büros, mitten auf die Schreibtische seiner Opfer zu schaffen - und sorgt sogar dafür, dass sie von ihnen selbst zur Explosion gebracht werden. Er verschickt seine explosiven Todesurteile mit der Post.

Der Mann, der mit dem Decknamen Justus Felix unterschrieben hat, weiß, dass diese Art des Attentats funktioniert. Er hat es bereits zweimal getan.

Der Deckel scheint zu klemmen

Es ist der Morgen des 19. August 1904, als Karl Fredrik Lundin, der Direktor der Schwedischen Zentrifugengesellschaft, in sein Büro kommt und ein merkwürdiges Paket vorfindet. Er öffnet eine mit Lack versiegelte Schnur, entfernt Packpapier und hat ein für seine Größe ungewöhnlich schweres Kästchen vor sich stehen. Die 19 mal 30 Zentimeter große, hölzerne Schatulle ist an beiden Seiten mit Häckchen verschlossen. Lundin lässt sie aufschnappen, doch der Deckel scheint zu klemmen. Mit einem Ruck reißt er ihn hoch.

Fotostrecke

12  Bilder
Kriminalgeschichte: Herrn Ekenbergs tödliche Erfindung

Ein ohrenbetäubender Knall folgt, die Kiste speit ihrem Empfänger eine mächtige Flamme entgegen, verbrennt ihm die Jacketärmel, sein Hemd, das Gesicht und lässt Lundin fast erblinden. Das Feuer breitet sich im ersten Stock des Gebäudes aus, Angestellte springen in Panik aus den Fenstern auf die Straße. Einige Tage später erhält die Polizei eine Bekennerpostkarte, in der sich der Bombenbauer als ehemaliger Angestellter zu erkennen gibt. Die Ermittler müssen den Fall aber aufgrund fehlender Indizien bald zu den Akten legen.

Neun Monate später explodiert die zweite Bombe. Dieses Mal verfehlt sie ihr Ziel, wütet aber nicht weniger verheerend. Da das Paket nicht ausreichend frankiert ist, verweigert der Stockholmer Notar Alfred Valentin die Annahme. Zurück im Postamt öffnet der Bote Johan Gottfrid Sundvall den hölzernen Zylinder und findet darin einen Parfümflakon. Als er den Korken aus dem Gefäß ziehen will, explodiert das Fläschchen in seiner Hand, reißt ihm Finger ab, herumfliegende Glassplitter treffen seine Augen.

Eine schrecklich beeindruckende Konstruktion

Die Polizei ist ratlos, die Sprengstoffexperten abgestoßen und beeindruckt zugleich. Nur durch das Herausziehen des Stopfens wurde das Schießpulver im Inneren entzündet. Eine schauderhaft raffinierte Konstruktion, offenbar erdacht von einem äußerst erfinderischen Geist. Ein Bekennerschreiben führt die Ermittler lediglich in die Irre. Wieder muss die Polizei den Fall ungelöst zu den Akten legen.

1909 sind die beiden Briefbombenanschläge fast in Vergessenheit geraten, als Tage nach dem Drohbrief des ominösen "Sozialdemokratischen Gerichtshofs" ein Päckchen bei John Hammar, dem Direktor der schwedischen Exportvereinigung, eintrifft. Es enthält eine Seite der anarchistischen Zeitung "Brand" und eine schwarze Pappröhre. Er öffnet den Verschluss, zieht an dem blaugelben Seidenband, das nun zum Vorschein kommt. Im nächsten Moment brüllt Hammar: "Ich bin angeschossen!" Seine Mitarbeiter finden ihn mit abgerissenen Fingern, zerfetzten Kleidern und versengtem Gesicht auf dem Boden seines Büros.

Auch nach diesem Anschlag folgt ein handschriftliches Bekennerschreiben. Dieses Mal jedoch wird es den Täter überführen. Die Zeitschrift "Dagen" veröffentlicht den Brief und versetzt damit ganz Schweden in Panik. Reihenweise wird die Annahme von Paketen verweigert, Geschenke werden ungeöffnet zur Polizei gebracht. Die linke Presse sympathisiert indessen mit dem Täter. Schließlich sorge er dafür, dass der Hass auf die Herrschenden am Leben erhalten werde.

Alf Larsson findet das Bekennerschreiben in der Zeitung und wundert sich. Sieht die Handschrift nicht der eines Bekannten zum Verwechseln ähnlich? Er verständigt die Polizei und äußert seine Vermutung, dass sein langjähriger Freund und Geschäftspartner Doktor Martin Ekenberg der Täter sei.

Der glücklose Erfinder

Der 39-jährige Schwede Ekenberg lebt zu dieser Zeit in London. Der Chemiker blickt auf eine holprige Erfinderkarriere voller genialer Geistesblitze und frustrierender Rückschläge zurück. So erfand er etwa ein Milchpulver und erdachte das visionäre Konzept der schwimmenden Fischfabrik, die den Fang direkt auf See verarbeiten sollte. Zudem versuchte er ein Verfahren zu entwickeln, um den Fettgehalt von Milch zu messen - bis der zuständige Direktor befand, dass die Prozedur unsinnig sei.

Als nächstes versuchte er in einer anderen Firma, aus Heringsöl billiges Maschinenöl zu gewinnen. Doch die Entwicklung des Verfahrens ging so langsam voran, dass sich die Investoren zurückzogen. Als Ekenberg nach neuen Geldgebern suchte, fühlte sich der Direktor der schwedischen Exportvereinigung berufen, persönlich vor dem unsteten Erfinder zu warnen.

Und auf einmal fügt sich alles zusammen. Denn es war John Hammar, der von der Investition in Ekenbergs Visionen abriet. Und der Direktor, der dem Erfinder bei der Entwicklung seinen Milchfett-Experimenten den Geldhahn zugedreht hatte, war Karl Frederik Lundin. Offenbar wuchs mit jedem Rückschlag Martin Ekenbergs Hass auf die Vorgesetzten, die seine Erfindungen abwiesen. Bis er schließlich eine Bombe baute, adressierte und abschickte.

Gentleman oder Schwerverbrecher?

Als die Ermittler ihn verhören, streitet der elegante Gentleman alles so geschickt ab, wirkt so wenig wie ein gefährlicher Verbrecher, dass die aus Schweden gesendeten Polizisten selbst an seiner Schuld zweifeln. Erst als sie die Werkstatt mit allen Utensilien zum Bau von Bomben in seiner Wohnung finden, wissen sie, dass Ekenberg der Bombenbauer ist und nehmen ihn fest.

34 Erfindungen sind bis heute unter dem Namen Ekenberg notiert - berühmt ist er nur für eine. Ironie des Schicksals, dass er die Paketbombe gar nicht als erster erdacht hat. Bereits 1764 notiert der dänische Historiker Bolle Willum Luxdorph in seinem Tagebuch: "Colonel Poulsen, wohnhaft in Børglum wurde eine Kiste zugesandt. Als er sie öffnete, befindet sich darin Schießpulver und ein Gewehrschloss, welches es in Brand setzt, so wurde er stark verletzt."

Der Briefbombenbauer Martin Ekenberg wurde für seine Verbrechen nie verurteilt. Bevor er an Schweden ausgeliefert werden konnte, starb das enttäuschte Genie in seiner Zelle in Brixton an einem Schlaganfall.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.