Kryonik-Pionier Ettinger gestorben Tod des Unsterblichen

Ein Leben nach dem Tod? Für Robert Ettinger war das nie eine Utopie, sondern immer nur eine Frage der Zeit: Irgendwann werde die Wissenschaft so weit sein, tiefgekühlte Leichen weiterleben zu lassen. In diesem Sinne wäre der Kryonik-Pionier nur vorerst gestorben.

Allen Stross

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Fast wäre der Mann, der später vom ewigen Leben träumte, schon früh gestorben. Robert Ettinger kämpfte als US-Soldat in Belgien, als er bei der Ardennenoffensive der Deutschen schwer verwundet wurde. Der junge Mann aus Atlantic City, New Jersey, gerade mal Anfang zwanzig, musste viele Jahre in Krankenhäusern verbringen. Erst eine schwierige Knochentransplantation rettete seine Beine - und veränderte sein Leben.

Ettinger wurde vom Soldaten zum Fortschrittsgläubigen, zum Mann, der plötzlich überzeugt war, dass die Technik auch irgendwann das Leben des Menschen verlängern würde können. Die Bein-OP wurde zum Erweckungserlebnis, zum Anfangspunkt einer großen Karriere. So steht es zumindest in einem Statement des Cryonics Institutes, herausgeben am Dienstag anlässlich des Todes des Gründers: Robert Ettinger. Der war am Samstag im Alter von 92 Jahren gestorben.

Das Institut hatte er 1976 gegründet, seither konnten sich Menschen in Detroit nach ihrem Tod einfrieren lassen. In Behältern, gefüllt mit flüssigem Stickstoff, lagern sie dort bei minus 196 Grad Celsius in der Hoffnung, in unbestimmter Zukunft wieder aufgetaut zu werden und weiterleben zu können - sollte die Wissenschaft irgendwann mal so weit sein.

Der Tod, kein Endpunkt, sondern umkehrbar?

Ettinger war der Erste, der davon überzeugt war, dass der menschliche Körper tiefgefroren konserviert werden könne, bis "unsere Freunde der Zukunft in der Lage sind, uns zu beleben und zu heilen". Kryonik nannte er diese Idee, die bis heute eher eine Glaubenssache denn weithin akzeptierte Wissenschaft ist. Scharlatanerie nennen sie einige, zu groß seien die Schädigungen der Organe und Zellen durch die Kälte. Aber sie hat auch viele glühende Anhänger, die Ettinger als "Vater der Kryonik" verehren.

Schon als Jugendlicher liest der 1918 geborene Ettinger Science-Fiction-Hefte wie die "Amazing Stories"; besonders angetan hat es ihm Anfang der dreißiger Jahre wohl eine Ausgabe, in der eine menschliche Leiche in einer Kapsel in den Weltraum geschossen - und dort, konserviert, nach Millionen von Jahren entdeckt und wieder zum Leben erweckt wird. 1947 stößt Ettinger auf die Versuche des Franzosen Jean Rostand, der mit extrem niedrigen Temperaturen experimentiert.

Ende der Vierziger entsteht Ettingers Vision der Kryonik, die er in einer Kurzgeschichte veröffentlicht - die aber niemanden zu interessieren scheint. Der Tod, kein Endpunkt, sondern umkehrbar? Das ewige Leben, keine Utopie, sondern realistisch? Es dauert bis 1962, dass Ettingers Ideen öffentliche Beachtung finden. Sein Buch "The Prospect of Immortality" wird zum Bestseller und macht seinen Autor zum Star. Der Tiefkühlprophet reist durch die Welt und tourt durch die großen TV-Shows.

"Den Wein kommender Jahrhunderte trinken"

Im SPIEGEL erklärt Ettinger auch den Deutschen die Vorteile seiner Kryonik. Die Tiefkühltruhe sei "unbedingt attraktiver als das Grab", sagt der Physiker, weil Begrabene unwiderruflich tot seien. Tiefgekühlte hingegen seien zwar auch tot, wenn etwas schief gehe - aber wenn sie Glück hätten, könnten sie "den Wein kommender Jahrhunderte trinken. Da muss man zugreifen, selbst wenn die Chancen sehr gering wären."

Dass die Skeptiker den Kopf über den Eismann schütteln, habe Ettinger nie irritiert, sagt sein Sohn David. "Er hat immer getan, was er für notwendig und richtig hielt. Er hat nie viel darauf gegeben, was andere darüber dachten." Die Zweifler vergleicht Ettinger junior mit den frühen Luftfahrtfatalisten. Diese hätten schließlich auch immer geglaubt, "alles was schwerer als Luft ist, kann nicht fliegen".

Ettingers Kryonik-Institut jedenfalls erfreut sich bis heute regen Zulaufs. Nach eigenen Angaben hat es weltweit 900 Mitglieder und 105 tiefgekühlte "Patienten". 28.000 Dollar hat jeder von ihnen bezahlt für die Hoffnung, in ferner Zukunft Wein trinken zu können oder einfach nur weiterzuleben. Seit Samstag ist ein weiterer dazugekommen: Auch Robert Ettinger hat sich selbstverständlich einfrieren lassen.

Mit Material von AP

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Markus Eisenreich, 27.07.2011
1.
28000$ sind ein Schnäppchen, wenn man sich anschaut wie schnell die Bestattungs-/Friedhofskosten steigen.
Sylvia Götting, 27.07.2011
2.
In Fortsetzung des Titels "Kryonik im Film" für Bild 8: Sleeper (1973, mit Woody Allen) Buck Rogers in the 25th Century (1979, mit Gil Gerard, Erin Gray) Late for Dinner (1991, mit Peter Berg), Demolition Man (1993, mit Sylvester Stallone)
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