Kuba Castros langer Schatten

Kuba: Castros langer Schatten Fotos

Die Enttäuschung nach der Revolution: Vor 50 Jahren feierten ein Guerillero, ein politikverrückter Journalistensohn und ein Student aus deutscher Unternehmerfamilie Fidel Castros Machtübernahme auf Kuba. Dann gerieten sie ins Kreuzfeuer seiner Diktatur - und hoffen nun auf die Rückkehr nach Havanna. Von Helene Zuber

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
    2.9 (172 Bewertungen)

Der letzte Tag des Jahres 1958 verflog für Huber Matos in atemloser Hetze. Der Kommandeur der Neunten Kolonne humpelte mit eingegipstem Fuß von einer Aufständischen-Einheit zur nächsten. An die Tausend Mann musste er in Stellung bringen. Denn Fidel Castro, der Anführer der Rebellenarmee, hatte dem Comandante vor Wochen den Auftrag gegeben, die Stadt Santiago de Cuba am karibischen Meer zu erobern.

Am 1. Januar sollte es soweit sein. Die Einnahme der zweitgrößten Metropole im Osten der Insel würde den Sieg der Revolutionäre über die Armee des Dikators Fulgencio Batista bringen. Ihren Kampf hatten sie zwei Jahre zuvor begonnen, als Fidel Castro und 81 Mitstreiter auf der Yacht "Granma" von Mexiko kommend 200 Kilometer von Santiago entfernt gelandet waren.

50 Jahre später, wieder naht Silvester. Matos, 90, wichtigster Kronzeuge für Fidel Castros Weg an die Macht und deren Missbrauch, will mit seiner Frau und einer der Töchter in seinem Häuschen in einem kleinbürgerlichen Vorort von Miami feiern. Gibt es überhaupt etwas zu feiern? "Ja, denn Fidel ist nur noch ein lebendiger Leichnam", schmäht Matos seinen acht Jahre jüngeren früheren Kampfgefährten.

Ein schrecklicher Betrug

Die Revolution sei nicht nur für ihn in einem "schrecklichen Betrug" geendet. Wie er sind drei Millionen Kubaner in alle Welt zerstreut, und das Regime, das Castro vor einem halben Jahrhundert installiert hat, hält inzwischen 11 Millionen Menschen in einer kommunistischen Diktatur gefangen.

Der Máximo Líder hat zwar wegen einer schweren Erkrankung seit Juli 2006 seine Staatsämter nach und nach an den jüngeren Bruder Raúl übertragen. Aber er behält den Vorsitz der kommunistischen Einheitspartei und meldet sich beinahe täglich mit so genannten Reflexionen in der Staatszeitung "Granma" zu Wort. "Mein Daseinsgrund ist heute wie damals", sagt Matos, "mitzuhelfen, dass die Kubaner wieder ein freies Volk werden."

Vor 50 Jahren legte sich Matos gegen ein Uhr, schon am Neujahrstag, erschöpft schlafen, in seiner Uniform und mit der M3-Maschinenpistole als Bettgenossin.

Am Silvestertag 1958 bereitete sich Federico Lomnitz, 18, Sohn deutscher Einwanderer aus Berlin, in seinem Elternhaus in der Hauptstadt, im vornehmen Viertel Kohly mit Blick auf die Bucht von Havanna auf die Party vor. Der Student der Rechtswissenschaften im ersten Semester wollte mit seinen Freunden im feinen Biltmore-Club feiern. Doch das Ausgehen war gefährlich geworden. Batistas Geheimpolizei verfolgte brutal Jugendliche unter dem Verdacht, sie steckten mit den Rebellen unter einer Decke. So mancher seiner Kommilitonen hatte schon nach einer durchzechten Nacht Prügel bezogen.

Eine glückliche Zukunft für Kuba?

Carlos Alberto Montaner, damals 15, wollte nicht auf eine öffentliche Silvesterfeier gehen. Er war Sohn eines Journalisten, der in seinen Artikeln für die Wochenzeitschrift "Bohemia" die Ideen des jungen Anwalts und Rebellenführers Castro trotz Zensur verteidigte. Deshalb wusste der Oberschüler, dass Castros im Untergrund wirkende "Bewegung 26. Juli" die Parole ausgegeben hatte, wie die Schergen des Diktators in den Casinos der Mafia und in den Luxushotels zu feiern sei unpatriotisch.

Die Guerilleros hatten sich angewöhnt, zur Verstärkung ihrer politischen Parolen Sprengsätze in Havannas Festsälen hochgehen zu lassen. Bei der überstürzten Räumung einer Bar hatte der Gymnasiast Linda kennen gelernt. In ihrem Elternhaus würde er das Jahr ausklingen lassen.

Zu Silvester vor 50 Jahren kannten sich der Guerillero Matos, der Unternehmersprössling Lomnitz und der Journalistensohn Montaner nicht. Den Sieg der Revolution haben die drei als Triumph bejubelt. Doch wie der Weggefährte Castros fühlen sich auch Lomnitz, 68, und Montaner, 65, um die glückliche Zukunft, die damals auf Kuba anzubrechen schien, betrogen. Wenn Fidel Castro stirbt, werden sie sich wohl endlich treffen in Havanna.

Warten auf den Tod des Diktators

Lomnitz, Exporteur deutscher Lebensmittel, wartet inmitten von Regalen gefüllt mit Tüten voll Lebkuchen, Bierflaschen und Sauerkrautdosen auf den Tod des Diktators. Danach würde er gerne helfen, die vom Mangelsozialismus ausgehungerte Insel aufzupäppeln. Montaner, der unter seinen Landsleuten in Miami lange als Führer einer Exilregierung gehandelt wurde, hält sich immer noch bereit für "den Tag, da Fidel nicht mehr ist" - genauso Matos.

An einem sonnigen Dezembermorgen berichtet der alte Mann mit fester Stimme von seinen Zielen damals. Für seinen patriotischen Traum, "den mir meine Mutter und mein Vater von klein auf in die Seele geprägt haben", schickte er Frau und vier Kinder ins Exil nach Costa Rica, gab seinen Beruf auf und ließ seine Reisplantage im Stich.

Matos war Grundschullehrer gewesen in der Kleinstadt Manzanillo in der Provinz Oriente und Mitglied der nationalistisch-sozialistischen Orthodoxen Partei, für die auch Fidel Castro kandidierte. Im März 1952, kurz vor den Wahlen, putschte der unbeliebte frühere Präsident Batista. Zur Verteidigung der "demokratischen Ideale", so Matos heute, "verwandelte ich mich in einen Rebellen."

"Batista ist weg"

Im März 1958 brachte Matos eine Flugzeugladung Waffen von Unterstützern aus Costa Rica zu Fidel Castro in die Berge der Sierra Maestra südlich von Manzanillo und schloss sich der Guerilla an. Von dort brach er Ende August mit 129 Mann auf, um sich den 100 Kilometer weiten Weg bis Santiago freizukämpfen. Seit Oktober belagerten sie die Stadt, in der 5000 Soldaten stationiert waren.

"Gegen fünf Uhr, am Neujahrstag 1959, haben mich meine Leute schon wieder geweckt", erinnert sich Matos. "Das staatliche Radio war stumm. Dann erfuhren wir, dass Batista abgedankt hat."

Um zwei Uhr morgens hatte der Diktator mit seinen engsten Vertrauten ein Flugzeug bestiegen, das ihn in die Dominikanische Republik brachte. Der junge Carlos Alberto Montaner war gerade zu Fuß von der Feier mit seiner Freundin Linda nach Hause zurückgekehrt, als das Telefon bei der Journalistenfamilie läutete. Sein Vater hörte: "Batista ist weg."

2. Teil: Ein Zigarre rauchender Riese

Artikel bewerten
2.9 (172 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ernst Pelzing 14.04.2009
Während eines Besuchs Kubas im Jahre 1986 besuchten meine Frau und ich u. a. einen Kindergarten in Havanna. Dabei wurden wir auch zu einer Gruppe von Kindern im Alter von etwa 3 Jahren geführt. Einer der Jungen spielte mit einer Holzpistole. Auf meine Frage, was er denn damit machen wolle, antwortete der Steppke ohne zu zögern "matar yanquis" ("Yankees töten"). Die anwesende Kindergärtnerin quittierte die Äußerung mit sichtbarem Wohlwollen. Offensichtlich hatte die Indoktrination gegriffen. Wir waren verständlicherweise überrascht, um es vorsichtig auszudrücken. Die Frage, die sich nun nach der Obama-Initiative, Kuba für US-Touristen wieder zu öffnen, stellt, ist, wie z. B. die seinerzeitigen Kindergarten-Steppkes, nun etwa in den Mitzwanzigern, mit der offiziellen indoktrinären Ausrichtung betr. Behandlung ihrer Nachbarn jenseits der Straße von Florida umzugehen gedenken. Ernst Pelzing
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH