Kuba in den Fünfzigern Wo die Farben Rumba tanzen

Kuba in den Fünfzigern: Wo die Farben Rumba tanzen Fotos
© Heinrich Heidersberger / www.heidersberger.de

Leopardenbikinis und knallige Cadillacs: Man schicke einen Schwarzweißfotografen mit Farbfilmen nach Kuba - was dann passiert, zeigen die Dias von Heinrich Heidersberger. Der Industriefotograf ging 1954 als Bordknipser auf Kreuzfahrt nach Havanna - und kehrte mit grandiosen Zeitdokumenten zurück. Von Sonja Schewe

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Tiefgelbes Licht flutet über das Deck des amerikanischen Kreuzfahrtschiffs MS "Atlantic" und wärmt junge Familien auf ihren Liegestühlen. Eine Dame mit rosafarbenem Turban und Leopardenbikini strahlt beim abendlichen Buffet die Kamera an. Rosige Wangen verraten Vorfreude auf den Landgang. Dann streift der Blick des Fotografen durch die bunt schillernden Straßen der kubanischen Hauptstadt Havanna: Rote Cadillacs, blaue Häuserecken und bunte Kleider vermischen sich zu einem wahren Farbfeuerwerk.

Es ist 1954, Fidel Castro noch nicht an der Macht und die Technik der Farbfotografie jung. Der Mann hinter der Linse, der diese inzwischen versunkene Welt in ihrem ganzen Farbenreichtum festhält, ist ein begnadeter Fotograf aus Deutschland: Heinrich Heidersberger. Wer den Namen kennt, wird verblüfft sein: Heidersberger und Farbe? Berühmt ist der Lichtbildner nämlich für seine mit technischen Formen und Strukturen spielenden Schwarzweißaufnahmen - Architektur- und Industriefotografie war Heidersbergers eigentliches Metier.

Ob das VW-Werk in seiner Geburtsstadt Wolfsburg, emporragende Wolkenkratzer in New York oder Schattenmuster auf nackter Haut - stets spielen Heidersbergers Aufnahmen mit Perspektiven und unterschiedlichen Graustufen zwischen Schwarz und Weiß. Nichts dergleichen findet sich auf diesen bunten Bildern. Sie wirken weniger wie Kunstobjekte, eher wie gekonnte Schnappschüsse und historische Zeitdokumente. Und in der Tat haben diese seltenen Aufnahmen eine ungewöhnliche Geschichte.

Dunkelkammer in der Kombüse

Schuld daran, dass Heidersberger ausnahmsweise Farbfilme in seine Leica-Sucherkamera einlegte und Menschen fotografierte, anstatt in strengem Schwarzweiß Gebäude oder Produkte abzubilden, war ein Freund und ehemaliger Arbeitskollege. Der überredete ihn, als Bordfotograf auf der MS "Atlantic" anzuheuern - einem durchaus nicht luxuriösen Kreuzfahrtschiff, das amerikanische Touristen preisgünstig von New York auf die damals beliebte Ferieninsel Kuba brachte.

Dabei verfolgte jener befreundete Fotograf auch ein nicht ganz uneigennütziges Ziel: Heidersberger, der schon in den vierziger Jahren als Bildstellenleiter eines Stahlwerks mit der gerade marktreif werdenden Farbfotografie erste Erfahrungen machte, sollte ihm den Umgang mit der komplizierten Technologie beibringen. So kam es, dass Heidersberger nach Amerika reiste, um die Kreuzfahrt nach Kuba mitzumachen - es sollte ihm so gut gefallen, dass er die Reise an Bord der MS "Atlantic" insgesamt dreimal unternahm.

Dort war der Bordfotograf Teil des offiziellen Entertainments: "Ein Teil des Unterhaltungsprogramms an Bord bestand darin, dass während des Essens am folgenden Tag die Dias vorgeführt und verkauft wurden", erinnerte sich der damals 95-jährige Heidersberger 2001 in einem Interview mit Bernd Rodrian, dem heutigen Leiter des Instituts Heidersberger in Wolfsburg. "Dazu gab es nach dem Essen eine große Projektion. Die Passagiere hatten, wenn ihnen ein Bild gefiel oder sie darauf abgebildet waren, die Möglichkeit, das Dia zu kaufen. Sie meldeten sich und erhielten es für einen Dollar." So lichtete er die Kreuzfahrtgäste tagsüber beim Schwimmen, Sonnenbaden, Schwätzchenhalten oder am Buffet ab, nachts entwickelte er die Filmrollen von Hand in einer winzigen Kombüse.

Die bonbonbunten Farben der Fünfziger

Der Star-Architekturfotograf als Touristen-Knipser - die wenigsten der Passagiere dürften geahnt haben, von wem sie an Bord der "Atlantic" abgelichtet worden waren. In den frühen fünfziger Jahre war Heidersberger einer der begehrtesten Auftragsfotografen Deutschlands; er arbeitete für die renommierten Architekten der "Braunschweiger Schule" oder als Industriefotograf für Firmen wie Krupp. Dass er die Bundesrepublik für eine Weile hinter sich ließ, um für ein bescheidenes Salär Touristen an Bord und das bunte Leben auf Kuba zu knipsen, bezeugt sein großes Interesse an Menschen und Kulturen und an den Möglichkeiten der Farbfotografie - an Bord wie auf Landgängen hatte Heidersberger stets seine Mittelformatkamera griffbereit, um das Geschehen, die Stimmungen und eben die Farben - völlig andere als in Deutschland - festzuhalten. Und wie gut, dass nicht alle Aufnahmen, die so entstanden, den Geschmack der Abnehmer an Bord trafen. Denn Heidersbergers überlieferte Kuba-Dias sind nur die übriggebliebenen Aufnahmen, die von den Touristen nicht gekauft wurden; und teils auch Bilder, die Heidersberger besonders gelungen fand und beiseite legte.

Unnachahmlich spiegelt sich in den bonbonbunten Farben dieser Fotografien der spröde Charme der fünfziger Jahre wider - eine Folge der damaligen Beschaffenheit des Filmmaterials, auf dem manche Farbtöne knalliger erscheinen, als sie tatsächlich waren. Auch hing das Spiel der Farben damals entscheidend vom Geschick bei der Filmentwicklung ab: Was heute nachträglich am Computer retouchiert werden kann, war damals reine Handarbeit. Nur ein halbes Grad Celsius Unterschied konnte das Ergebnis entscheidend verändern; mit sechs bis sieben Entwicklungsbädern war die Prozedur für Farbdiapositive zudem extrem aufwendig.

Im Nachlass des 2006 im Alter von 100 Jahren verstorbenen Fotografen fanden sich unter den rund 80.000 Negativen nur einige, wenige Farbdias. Für seine Auftraggeber in der Industrie hat Heidersberger gelegentlich in Farbe fotografiert - etwa eine Farbdia-Tonbildschau für die Jenaer Glaswerke Schott, für die er 1966 sogar mit der Goldmedaille des Frankfurter Tonbildschau-Festivals ausgezeichnet wurde. Auch unter den Auftragsarbeiten für die Firma Krupp sind einige Farbaufnahmen überliefert. Doch außer den Kreuzfahrtbildern von der MS "Atlantic" existiert nur eine einzige weitere Reihe mit Farbdiapositiven, die Alltags- und Straßenszenen zeigt - aufgenommen im Kopenhagen der sechziger Jahre.

Zum Weiterlesen:

Franziska Schmidt/Bernd Rodrian (Hg.): "MS Atlantic. Heinrich Heidersberger", Schaden Verlag, Köln 2006, 109 Seiten mit 31 Schwarzweiß- und 50 Farbabbildungen.

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1.
Ernst Pelzing 10.11.2008
Als Individualtourist auf Kuba (1986) Eine Ergänzung der Bilddokumentation Cadillacs und Pontiacs, sozusagen Altlasten aus der Batista-Ära, haben sich bis heute gehalten. Sie laufen und laufen. Letztlich eine Frage der Ersatzteile und der Improvisationskraft der Kubaner. Allerdings ist der technische Fortschritt in Form modernerer Fahrzeuge nicht unbedingt eine Garantie für deren umfassende Ausstattung, wie wir auf einem privat organisierten Tagesausflug in einem Fiat Uno von Havanna nach Trinidad in der Provinz Sancti Spiritus, einem restaurierten Kleinod aus spanischer Kolonialzeit und seit 1988 Weltkulturerbe, feststellen konnten. Konkret: Die Fahrt führte uns an der Schweinebucht vorbei, die durch die gescheiterte US-Invasion bekannt wurde. Sie ging entlang der Karibikküste auf einer malerischen Landstraße, deren Befahren zur "falschen Zeit" allerdings nicht ohne Risiko möglich ist. Denn hier findet die sicherlich sehr malerische allabendliche Rückwanderung der Landkrabben vom Meer landeinwärts statt. Krabben haben bekanntlich einen harten Panzer und bedeuten für die Kfz.-Bereifung nichts Gutes. Wir befuhren die Strecke vor Einsetzen der Krabbenwanderung, ohne dies jedoch zu ahnen. Bei völliger Dunkelheit ging es dann auf der autobahnähnlichen Strecke in Richtung Havanna zurück. Nur die Lichter Havannas waren in der Ferne erkennbar. Im Scheinwerferkegel des Fiat Uno bemerkten wir plötzlich eine Wildschweinfamilie, die die Bahn von rechts nach links überquerte. Trotz Vollbremsung erwischte es bedauerlicherweise das letzte Familienmitglied, ein Jungtier. Schaden am Wagen entstand nicht. Wir kamen mit dem Schrecken davon. Die weitere Fahrt nach Havanna wurde dann nur noch durch einen Panzer unterbrochen, der die Bahn in einigem Abstand von uns wie eine schemenhafte Erscheinung von rechts nach links überquerte. Insgesamt also ein recht ungewöhnliches Verkehrsaufkommen, das wir als Individualtouristen erst einmal verdauen mussten und dessen mögliche Folgen für uns uns erst am nächsten Tag deutlich wurden. Denn neben der Tatsache, dass wir uns an einer aus Deutschland mitgebrachten Landkarte orientieren mussten - eine Straßenkarte stand unserem einheimischen Fahrer nicht zur Verfügung -, stellte es sich durch Zufall heraus, dass wir auf unserer insgesamt etwa. 700 Km langen Fahrt kein Ersatzrad mitgeführt hatten. Wie gezeigt wurde, ist insbesondere der Individualtourist vor spezifischen Überraschungen im "modernen" Kuba nicht sicher. Ernst Pelzing
2.
André Leichtfuß 20.06.2012
Hat irgendjemand Daten zu dem Schiff MS "Atlantic"? Irgendwie finde ich nichts darüber außer eben diesem Artikel.
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