Falscher Abschussbefehl für Atomraketen Der Tag, an dem die Welt (beinahe) unterging

Die Welt ist im Oktober 1962 offenbar knapper einem Atomkrieg entgangen als bisher bekannt. Beinahe hätten US-Soldaten laut dem Bericht eines Zeitzeugen während der Kuba-Krise ihre Atomwaffen abgefeuert. Der Grund: falsche Codes.

Von

USAF

Angespannt verfolgten die Männer der 498th Tactical Missile Group auf ihrem Stützpunkt auf der japanischen Insel Okinawa die weltpolitische Entwicklung: Wie an jedem Tag empfing die US-Basis auch am 28. Oktober 1962 den täglichen Funkspruch aus ihrem Hauptquartier. Er enthielt die Zeit, Wetterdaten und einen Code. Es war die Aufgabe dieser Männer, den Code eilig mit dem in ihren Unterlagen abzugleichen, um die Gefahrenlage abzuschätzen.

Niemals zuvor stand die Welt so nahe vor einem atomaren Krieg wie während der sogenannten Kuba-Krise zwischen dem 14. Oktober und 28. Oktober 1962. Die US-Streitkräfte waren mobilisiert. Seit die USA sowjetische Atomwaffen auf der Karibikinsel Kuba entdeckt hatten, waren in ihren Stützpunkten weltweit Hunderte Atomraketen abschussbereit ausgerichtet auf die Sowjetunion. Mit Wasserstoffbomben ausgerüstete B-52-Bomber kreisten in der Luft, amerikanische U-Boote hatten Position bezogen.

Möglicherweise war die Situation damals noch gefährlicher als bislang angenommen: Der ehemalige US-Luftwaffensoldat John Bordne enthüllte jetzt laut einem Bericht des Fachblatts "Bulletin of the Atomic Scientists" ein mehr als 50 Jahre lang gehütetes Geheimnis. Demnach hätten die auf der Pazifikinsel Okinawa stationierten US-Soldaten beinahe irrtümlich atomar bestückte Marschflugkörper abgeschossen.

Befehl zum Angriff

Wie an jedem Tag hatten die Offiziere den empfangenen Code rasch abgeglichen - anders als sonst stimmte er an jenem 28. Oktober wohl tatsächlich mit den Angaben in ihren Unterlagen überein. Es galt, weitere Zeilen zu überprüfen. Auch diese waren identisch. Schließlich gab es noch einen dritten Teil des Codes, der separat aufbewahrt wurde. Stimmte auch dieser überein, bedeutete dies: Abschuss.

Sie waren identisch, wie sich John Bordne erinnert. Lediglich sein Vorgesetzter William Bassett habe Zweifel an dem Abschussbefehl gehegt. Normalerweise durften die US-Streitkräfte ihre Atomwaffen nur im Alarmzustand "DEFCON 1" starten. Dieser bedeutete Krieg. Bis dahin hätte lediglich die schwächere Stufe "DEFCON 2" gegolten.

Offizier Bassett habe sich in seinen Zweifeln bestätigt gefühlt, so berichtet Bordne, als er die Liste der Angriffsziele seiner Mannschaft las. Nur eins lag in der Sowjetunion. Er tauschte sich darüber mit seinen Kollegen aus, die wie er jeweils für vier Marschflugkörper verantwortlich waren. Ein anderer Offizier meldete, dass auch zwei der ihm vorgegebenen Ziele außerhalb der Sowjetunion lagen.

Angriff abgeblasen

Bassett habe daraufhin um erneute Übermittlung des Codes gebeten, um einen Fehler auszuschließen. Die erneute Sendung allerdings habe den Angriffsbefehl bestätigt. Unter den Führungsoffizieren spitzte sich die Situation zu. Ein Leutnant hätte sich geweigert, mit dem Abschuss zu warten: Seine vier Angriffsziele befanden sich in der Sowjetunion. Kurzerhand, so sagt es Bordne, habe Basset angeordnet, den Offizier zu erschießen, falls er weiterhin den Abschuss vorbereiten würde.

Per Telefon erreichte Bassett danach offenbar den Major, der den Code abgeschickt und damit beinahe einen tödlichen Fehler begangen hätte. Der Angriff wurde abgesagt.

Eine Bestätigung für diese Geschichte, so wie sie der Luftwaffensoldat John Bordne 2015 dem Magazin erzählte, gibt es bislang nicht. William Basset selbst ist 2011 gestorben, wie die Website "The Intercept" meldete. Zwar interviewte laut "Bulletin of the Atomic Scientists" 2013 ein japanischer Journalist einen weiteren Zeugen, der allerdings anonym bleiben wollte. John Bordne wäre demnach vorerst der einzige aussagewillige Überlebende für die Vorgänge in der Atomwaffenbasis.

Untergang entkommen

Bekannt war allerdings bereits, dass Unfälle und fahrlässiger Umgang im Zusammenhang mit Atomwaffen eher die Regel als die Ausnahme waren. Schon 1958 verloren die US-Streitkräfte eine Atombombe in der Arktis , drei Jahre später stürzte in North Carolina ein Bomber mit zwei Wasserstoffbomben an Bord ab.

Auch die sowjetische Seite verzeichnete Beinahe-Katastrophen. Am 27. Oktober 1962, genau einen Tag vor dem kritischen Moment auf der US-Basis auf Okinawa, hatten US-Kriegsschiffe im Atlantik ein sowjetisches U-Boot zum Auftauchen zwingen wollen. Dessen Kommandant ordnete daraufhin das Abfeuern eines Nukleartorpedos an. Der Offizier Wassili Archipow allerdings verweigerte seine erforderliche Zustimmung. Der Angriff blieb aus - und ebenso der mögliche Gegenschlag. 1983 meldete schließlich das sowjetische Frühwarnsystem den Abschuss amerikanischer Atomraketen. Nur weil Oberst Stanislav Petrow den vermeintlichen Angriff richtig als Fehlalarm identifizierte, entging die Welt dem nuklearen Inferno.

Sofern John Bordnes Geschichte stimmt, war die Welt am 28. Oktober 1962 dem Untergang noch einmal entkommen. Und mit William Bassett um einen Helden reicher geworden.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Thomas Dorloff, 29.10.2015
1. Besser man verschrottet die Dinger
Auf der Liste der unnützen Erfindungen steht die Atombombe für mich auf Platz 1.
Bruno Fabro, 29.10.2015
2. Oberst Petrov
In Lars Mikkelsens Film "The Man Who Saved the World" äußert sich Petrov trotz allem sehr pessimistisch. Nach seiner Meinung ist eine atomare Auseinandersetzung lediglich eine Frage der Zeit. Gut möglich, dass er Recht behält. Die Waffen sind nun einmal da und es wäre schließlich das erste Mal in der Weltgeschichte, dass eine entwickelte Waffe nicht eingesetzt worden wäre - und das wurde sie schließlich bereits. Man mag entgegen, dass Atomwaffen heute keine militärischen sondern politische Waffen seien. Aber auch Atomkraftwerke wurden lediglich dazu entwickelt Energie zu liefern. Genützt hat es nichts. Irgendeine Verkettung von unglücklichen Umständen wird schon stattfinden. Und inzwischen sind ja nicht nur die USA und Russland fleißig dabei solche Verkettungen zu produzieren.
Bernd Brincken, 29.10.2015
3. Ziele
Bei einer Reichweite der 'Mace' von maximal 2.300 km konnte sie von Okinawa aus nur die süd-östliche Ecke der SU erreichen, dort liegt Wladiwostok. Die im Bericht erwähnten "nicht SU-Ziele" dürften nach einem Blick auf die Karte wohl in China gelegen haben. Also wer immer die Koordinaten sendete, wollte einen Konflikt auslösen, der über das Spannungsfeld USA-SU noch hinaus ging.
René Brandenburg, 29.10.2015
4. Das atomare Gleicgewicht...
...welches so oft als friedenserhaltend und abschreckend bezeichnet wird,hatte eben auch immer schon das Risiko eines ungewollten Krieges in sich. Die immer kürzeren Reaktionszeiten und die Automatismen, welche bei Fehlalarmen anliefen, hätten jederzeit zum Inferno führen können... Gut,dass es auch immer noch einen Faktor Mensch mit Hirn im Kopf gab...
Eberhard Tölle, 29.10.2015
5. Garantie
Und wer garantiert uns, dass die Situation heute anders ist?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.