50 Jahre Kuba-Krise Diese Fotos führten fast zum Dritten Weltkrieg

50 Jahre Kuba-Krise: Diese Fotos führten fast zum Dritten Weltkrieg Fotos

Raketen, Abschussrampen, Bunker: 1962 schoss ein US-Aufklärungsflugzeug Bilder von sowjetischen Atomwaffen auf Kuba. Die Welt stand am Abgrund. Ausgerechnet ein längst vergessener Rotarmist verhinderte vielleicht den Krieg - weil er sich weigerte, auf den roten Knopf zu drücken. Von

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Aus 21 Kilometern Höhe sah alles so friedlich aus. Durch ein Periskop konnte der Pilot Richard Heyser eine von weißer Brandung umspülte, idyllische Tropeninsel erkennen. Doch unten lauerte der Feind. Bereit, ihn abzuschießen. Vielleicht auch bereit, seine Heimat USA zu vernichten.

Die ganze Nacht war Major Heyser an diesem 14. Oktober 1962 von seinem Stützpunkt in Kalifornien Richtung Südosten geflogen. Mehrmals war sein heikler Einsatz wegen dichter Wolken verschoben worden, doch diesmal war der Nachthimmel sternenklar. Und die Sicht war entscheidend. Denn Heyser saß nicht in einem gewöhnlichen Flugzeug, sondern in einer U-2, dem modernsten Spionageflugzeug der Welt.

Gegen 7.30 Uhr näherte sich die Maschine Kuba. Heyser legte einen Schalter am Armaturenbrett um und aktivierte damit eine Kamera mit dem großen 91-Zentimeter-Objektiv im Rumpf der U-2. Nach nur zwölf Minuten hatte er die Insel überflogen und mehr als einen Kilometer Filmmaterial angefertigt. Was ihm nicht bewusst war: sein vermeintlich harmloser Knopfdruck sollte die Welt an den Rand des Dritten Weltkriegs bringen.

Denn Major Heyser hatte indirekt die Kuba-Krise ausgelöst, lieferten seine gestochen scharfen Fotos doch erstmals eindeutige Beweise, dass die Sowjetunion atomar bestückte Mittelstreckenraketen auf Kuba stationiert hatte. Eine verhängnisvolle Kette von Ereignissen kam in Gang: Präsident Kennedy versetzte seine Truppen in Kampfbereitschaft, schickte Flieger mit Wasserstoffbomben in die Luft und erwog eine Invasion der Insel.

Genau 13 Tage nach Heysers historischem Flug griff ein zweiter einfacher Offizier vor Kuba in die Weltgeschichte ein, diesmal ein Russe: Wassilij Archipow, Zweiter Kapitän auf dem sowjetischen U-Boot B-59. Er sperrte sich dagegen, einen atomar bestückten Torpedo auf einen US-Zerstörer abzufeuern, obwohl der Erste Kapitän und der Waffenoffizier bereits zugestimmt hatten. "Ein Kerl namens Archipow rettete die Welt", vermutete vier Jahrzehnte später ein US-Historiker.

50 Jahre liegt die Kuba-Krise nun zurück, dieser vielleicht gefährlichste Moment der Menschheitsgeschichte. Unzählige Bücher und Filme behandeln die zwei Wochen voller Angst, in denen die Welt in den Abgrund blickte. Doch Richard Heyser und Wassilli Archipow, die beiden Soldaten, die am Anfang und am Ende dieser weltpolitischen Krise standen, sind bis heute kaum bekannt.

Erste Gerüchte über Raketen auf Kuba

Der Mann, der die Welt ungewollt in Panik versetzte, und der Mann, der sie vielleicht vor der Atom-Apokalypse bewahrte, sind sich nie begegnet. Sie sind beide längst verstorben und suchten zu Lebzeiten nie die Öffentlichkeit. In einem der wenigen Interviews sagte Heyser einmal der Nachrichtenagentur AP, er sei unglaublich erleichtert gewesen, dass die Krise nicht in einem Krieg mündete. "Ich fühlte, dass ich als derjenige angesehen werden würde, mit dem alles angefangen hat. Das wollte ich nicht."

Dass er damals, im Oktober 1962, den heikelsten Einsatz seines Lebens fliegen würde, muss ihm ziemlich schnell klar gewesen sein. Anders als üblich instruierten ihn gleich mehrere Generäle vor seinem Abflug. Zudem hatten sich die CIA und die Luftwaffe zuvor tagelang einen erbitterten Streit darüber geliefert, wer für die Operation zuständig sein sollte: Es ging schließlich um die politischen Folgen eines möglichen Abschusses.

Die Aufregung war verständlich: Schon seit Monaten kursierten in Washington Gerüchte über eine massive Aufrüstung Kubas mit sowjetischer Technik. Auch Atomwaffen seien darunter, hatten geflohene kubanische Dissidenten behauptet. Ein CIA-Agent in Havanna berichtete gar im September 1962, er habe einen Lastwagen mit einer verhüllten Langstreckenrakete entdeckt.

Kennedy brauchte Gewissheit, und dafür musste er einen seiner Elitepiloten auf eine lebensgefährliche Mission schicken. Auch weil jeder Einsatz der ultraleichten und hypersensiblen U-2 in immenser Höhe ein riskanter Drahtseilakt war: Flog der Pilot nur etwas zu schnell, drohte die Maschine auseinanderbrechen; war er ein wenig zu langsam, geriet sie ins Trudeln.

Angreifen oder verhandeln?

Zudem hatte ein solcher Einsatz schon einmal in einem Fiasko geendet. Pilot Francis Gary Power, ein Freund Heysers, war 1960 über der Sowjetunion abgeschossen worden. Bis dahin war man auf US-Seite davon ausgegangen, dass die Sowjets so hoch fliegende Maschinen weder orten noch treffen könnten. Der Vorfall beendete vier erfolgreiche Jahre, in denen die U-2 unerkannt über das Riesenreich geglitten waren und viele Informationen über den Stand der Rüstung gewonnen hatten.

Jetzt also Kuba. Dort standen, so viel war sicher, Boden-Luft-Raketen von eben jenem Typ, mit dem einst Francis Power vom Himmel geholt worden war. Doch diesmal blieb alles ruhig. Dafür begann nur einen Tag nach Heysers Rückkehr ein politisches Erdbeben, als Bildspezialisten seine Fotos auswerteten. Sie entdeckten Spezialkräne, am Boden verlegte Kabel, leere Raketentransporter - und viele große Zelte. Die konnten nur unzureichend etwas sehr Langes und Schmales verdecken: Mittelstreckenraketen, Typ SS-4.

Zweifel gab es kaum. "Ich bin so sicher, wie ein Foto-Auswerter nur sein kann", beteuerte der Leiter der Bildspezialisten Kennedy gegenüber. An Imitationen aus Pappmaché glaubte er nicht.

Der Präsident musste handeln, eine solche Bedrohung der USA konnte er nicht dulden. Aber sollte er angreifen oder verhandeln? Schließlich wählte Kennedy einen Mittelweg: Er verhängte eine strikte Seeblockade und forderte schließlich Regierungschef Nikita Chruschtschow ultimativ auf, die Raketen wieder abzuziehen. Doch der wich zunächst nicht zurück.

Die Welt erstarrte im Schock. Wer heute mit Zeitzeugen über den Oktober 1962 redet, bekommt ein Gefühl für die Panik und existentielle Angst, die damals Millionen Menschen erfasste. Sollte man noch mal exzessiv feiern, sich lieben, etwas Verrücktes tun? Dosennahrung bunkern? Oder auf eine entlegene Insel fliehen, die vielleicht nicht vom nuklearen Fallout betroffen sein würde?

"Wir glaubten, das hier ist das Ende"

Auch führende Politiker verfielen zunehmend in Panik. "Ich fragte mich beim Anblick dieses herrlichen Sonnenuntergangs über dem Potomac, wie viele Sonnenuntergänge ich wohl noch sehen werde", beschrieb Verteidigungsminister Robert McNamara später seine Stimmung am 27. Oktober, dem Höhepunkt der Krise.

An diesem Tag gab es den ersten und einzigen Toten der Krise, als Heysers Kollege Rudolf Anderson bei einem weiteren Aufklärungsflug über Kuba abgeschossen wurde. Ein zweiter US-Aufklärer entkam am selben Tag nur knapp einem Abschuss, nachdem er sich in den sowjetischen Luftraum verirrt hatte. Und fast gleichzeitig wurde nordöstlich vor Kuba das sowjetische U-Boot B-59 mit Wassilij Archipow an Bord von US-Zerstörern angegriffen.

Stundenlang jagten die Zerstörer die B-59; wegen der verhängten Seeblockade wollten sie es zum Auftauchen zwingen. Heftige Detonationen erschütterten das U-Boot, unter der Mannschaft brach Todesangst aus. "Wir glaubten, das hier ist das Ende", sagte ein sowjetischer Offizier später. Er wusste damals nicht, dass die Amerikaner nur Übungsbomben warfen. Und die Amerikaner wussten nicht, dass die Sowjets einen ihrer Torpedos mit einem Atomsprengkopf bestückt hatten.

Ein Missverständnis, das fast zur Katastrophe führte. Denn an Bord des U-Boots kippte die Stimmung. Hatte der große Krieg etwa schon begonnen? "Wir werden sterben, aber wir werden sie alle versenken! Wir werden die Ehre unserer ruhmreichen Marine nicht beschmutzen!", soll Kapitän Sawitzky damals gebrüllt haben. Mit seinem Waffenoffizier war er sich einig, die Torpedos abzufeuern. Fehlte nur noch die Zustimmung von Wassilij Archipow. Doch der sagte nein. Immer wieder. Und schaffte es, die Stimmung langsam zu beruhigen. Schließlich tauchte B-59 trotz der Demütigung auf.

Nur einen Tag nach diesem Vorfall endete auch die Kuba-Krise friedlich. Die persönliche Geheimdiplomatie zwischen Kennedy und Chruschtschow war erfolgreich gewesen: Keine Invasion Kubas, sollten die Sowjets zügig ihre Raketen abziehen. Zudem versprach Kennedy den Abzug amerikanischer Jupiter-Raketen aus der Türkei, sofern Chruschtschow diesen Teil des Abkommens vor der Öffentlichkeit geheim halten würde. Die Logik der gegenseitigen Abschreckung und der Sieg der Vernunft gingen in die Geschichtsbücher ein. Richard Heyser und Wassilij Archipow wurden vergessen.

Heyer starb 2008, Archipow neun Jahre zuvor. Letzterer hatte womöglich einen sehr persönlichen Grund, den Feuerbefehl zu verweigern: Er hatte die schrecklichen Folgen nuklearer Verseuchung am eigenen Leib erfahren. Anderthalb Jahre vor dem Zwischenfall mit den US-Zerstörern war er bei einem schweren Unfall an Bord eines nuklear angetriebenen U-Bootes verstrahlt worden.

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1.
Patrick Schär, 16.10.2012
Danke Herr Archipow! Das Schicksal der Welt in den Händen eines Einzelnen.
2.
Jens Ziegenbalg, 16.10.2012
Die bösen Russen hatten eben das atomare 1:1 erzielt - da muß nach westlicher Logik natürlich angegriffen werden. Schuld sind selbstverständlich die Angegriffenen. Wann wird diese Geschichtsschreibung endlich korrigiert? Warum fängt der Artikel nicht mit der Stationierung der US-Raketen in der Türkei unmittelbar an der sowjetischen Grenze an?
3.
Deter Roosu, 16.10.2012
Solange die Amis sich als die Herren der Welt fühlen und auch aufführen, kann es keinen Frieden geben. Gerade Curtis LeMay hat oft genug betont, dass man die Russen angreifen müsse. Man kann zu Kennedy stehen, wie man will: Zumindest in diesem Fall war es sein Verdienst, dass es keinen Krieg gab. Warum allerdings erst mal Raketen in der Türkei aufgestellt wurden, ist genauso hirnrissig wie der Raketenschirm jetzt ganz aktuell in Polen. Raketen, A-Bomben usw. - aber nicht mal ne vernünftige Kranken- und Rentenversicherung! DAS IST AMERIKA! "America's economy is buit on war" - dieser Satz galt seit seit etwa 1915 und seitdem ununterbrochen! Und Waffen, die hergestellt wurden, werden auch irgendwann eingesetzt - von der Pistolen-Patrone bis zur Atombombe!
4.
Johannes Roth, 16.10.2012
Sehr berührend. Vielleicht sollte man den russischen Marineoffizier für den Friedensnobelpreis posthum und ehrenhalber vorschlagen.
5.
Alexander Dittrich, 16.10.2012
Auch ich verstehe nicht, warum eine Institution namens EU, die gerade halb Europa an den Rand eines großen Bürgerkrieges bringt, den Friedensnobelpreis erhält, während todesmutige Friedensbewahrer wie Archipow oder Stanislaw J. Petrow (http://de.wikipedia.org/wiki/Stanislaw_Jewgrafowitsch_Petrow) von der Geschichte verschluckt und vergessen werden.
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