Künstliche Sprachen "nuqDaq 'oH puchpa''e' ?"

Sprechen Sie Volapük? Oder Loglan? Seit mehr als hundert Jahren tüfteln Wissenschaftler und Visionäre an einer Sprache für alle. Einigen konnten sie sich bislang nicht, doch ein Zungenschlag ist stark im Kommen - Zehntausende sprechen klingonisch.

Von

Chris Done

So hatte der liebe Gott sich das eigentlich nicht vorgestellt. Ganz ohne anzuklopfen wollten die Menschen ins Himmelreich platzen, damals, in Babylon, und zwar mit Hilfe eines gigantischen Turms. Das war nicht nur unhöflich, sondern auch ziemlich anmaßend. Also zürnte Gott und strafte: Er griff in den Baukasten für Homo sapiens, kramte allerlei Sprachen hervor und schüttete sie über der Baustelle aus. Sollten die Menschen doch zusehen, wie sie klarkamen, wenn sie einander nicht mehr verstanden! Der Turm zu Babel blieb unvollendet.

Es war einige tausend Jahre später, um 1875 in Litzelstetten am Bodensee, als Gott seine Strafe wohl ein wenig zu mildern gedachte. Jedenfalls schickte er dem katholischen Priester Johann Martin Schleyer eine Eingebung, wie der babylonischen Sprachverwirrung ein Ende zu machen sei. Und so schuf Pfarrer Schleyer "Volapük" - die erste bedeutende internationale Kunstsprache.

Nur wenige Jahre später beherrschten bereits 210.000 Menschen das neue Idiom, wie das "Handbook of Volapük" mitteilt. Sie lasen in elf Volapük-Magazinen und tauschten sich auf Kongressen aus. Volapük - das war 1888 die Zukunft. Und Ausdruck der beginnenden Globalisierung. Händler, Politiker, Banker, Wissenschaftler - sie alle sollten eine Sprache sprechen und endlich das Trauma Babylon besiegen.

Eine neue Sprache für alle

Das jedenfalls war die Vision. Die Wirklichkeit sah etwas anders aus: Parallel zu Volapük wurden allerlei weitere Kunstsprachen erfunden, die einander Konkurrenz machten. So stand die Welt im Jahr 1900 zunächst einmal vor der grundlegenden Frage, welche der Sprachen sie zur offiziellen Weltsprache küren sollten. Musste es überhaupt eine Kunstsprache sein? Ja, es musste! Schon der ausgeprägte Nationalstolz jener Tage verbot es schlicht, eine einzige Sprache über alle anderen zu stellen. Englisch als universelles Kommunikationsmittel? Nein danke.

Eine Alternative boten eigens erdachte Sprachen, die verschiedene Elemente romanischer, germanischer und slawischer Sprachen in sich vereinten. Um die beste unter allen Entwürfen zu finden, bildeten Wissenschaftler während der Pariser Weltausstellung 1900 eine "Delegation zur Annahme einer internationalen Hilfssprache".

Die Arbeitsgruppe bestand aus Wissenschaftlern verschiedener Fächer, darunter auch der spätere Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald. Auf ihrer siebenjährigen Suche nach der geeigneten Sprache befragten die Experten Schüler, Abgeordnete, Händler, Stenografen, Korrespondenten, Pädagogen und Kirchenvertreter; sie lauschten den Klängen europäischer Sprachen ebenso wie slawischer, südamerikanischer und nordafrikanischer. Die neue internationale Sprache sollte "einfach sein und klar wie die grundlegenden Naturgesetze". Und "von allen zivilisierten Nationen verstanden werden" - und zwar "inklusive der Japaner", wie es im Abschlussbericht der Delegation zu lesen steht.

Plaudern mit Außerirdischen

Am Ende stand fest: Keine der neueren Sprachschöpfungen war perfekt. Volapük nicht, und auch nicht Occidental, das der Mathematiker und Physiker Edgar von Wahl der Kommission vorgeschlagen hatte. Immerhin: Das 1887 von dem polnischen Augenarzt Ludwik Lejzer Zamenhof erfundene Esperanto entsprach in Ansätzen dem Wunsch der Delegierten. Esperanto basierte wie Volapük und Occidental auf europäischen Sprachen, bedürfte aber weiterer Entwicklung. Der Welt präsentierten die Sprachexperten schließlich ein reformiertes Esperanto, das sie "Ido" nannten.

Doch weder Ido noch das rund fünfzig Jahre später erfundene IALA-Interlingua setzten sich je als Weltsprache durch. Allein Esperanto ist heute immerhin so weit verbreitet, dass optimistischste Schätzungen von bis zu zehn Millionen Nutzern ausgehen. Radio Vatikan sendet regelmäßig in dieser Sprache, und die deutsche Esperanto-Bibliothek im württembergischen Aalen besitzt heute rund 40.000 Titel.

Aber warum auf eine Weltsprache beschränken? Angesichts des über den Mond hüpfenden US-Astronauten Neil Armstrong deuchte es manchen Visionär, das bald eine einheitliche Galaxiesprache gebraucht werden würde. Zum Glück hatte die der deutsche Mathematiker Hans Freudenthal bereits erfunden: "Lincos - Design of a Language for Cosmic Intercourse", hieß sein 1960 erschienenes Buch. Lincos sollte jedem intelligenten Wesen verständlich zu machen sein - sofern dieses mathematische Grundsätze versteht: o + o = oo, oo + o = ooo und ooo - o = oo.

Logisch, logischer, Loglan

Fast vierzig Jahre nach Freudenthals Erfindung jagte der kanadischen Astrophysiker Yvan Dutil 1999 erstmals eine Lincos-Nachricht ins Weltall. Sie enthielt neben mathematischen Grundsätzen wie dem Satz des Pythagoras auch eine Beschreibung des Menschen inklusive DNA. Zu guter Letzt forderte Dutil den Empfänger der Nachricht auf, die gleichen Informationen über sich preiszugeben und zurückzuschicken. Die Koordinaten der Erde hatte er seiner interstellaren Nachricht selbstverständlich beigelegt. Noch allerdings wartet er auf Antwort.

Sehr viel irdischer war das Experiment, das der Soziologe James Cooke Brown 1960 im "Scientific American" beschrieb. Er wollte überprüfen, ob die jeweilige Sprache das Denken von Menschen beeinflusst. Zu diesem Zweck entwickelte Brown eine Kunstsprache, die so neutral und logisch sein sollte, dass sie das Denken in keine Richtung beeinflussen würde: Loglan.

Bis heute feilt die "Logical Language Group" an Loglan, das inzwischen Lojban genannt wird. Ihre Mitglieder sprechen eine Sprache, die ohne Substantive, Verben und Zeiten auskommt, und Sätze so exakt und neutral ausdrückt, dass in Zukunft sogar eine Kommunikation mit Computern möglich sein soll.

"nuqDaq 'oH puchpa''e' ?"

Davor aber müsste sich Lojban wohl erst einmal bei den Menschen durchsetzen. Eine andere Spracherfindung ist da immerhin auf gutem Wege: Weit mehr Erdlinge als man meinen würde, können auf die Frage "nuqDaq 'oH puchpa''e' ?" die richtige Antwort geben. Das würde den Fragesteller vermutlich freuen, denn "Wo ist das Klo?" wäre für einen Klingonen nach der langen Reise quer durch die Galaxis zweifelsfrei eine dringende Frage.

Klingonen, das wissen wir seit den interstellaren Abenteuern des glatzköpfigen Captain Picard in "Star Trek", sind menschenähnliche Wesen mit ausgeprägter Sorgenfaltenanatomie und Grummellaune vom Planeten Kronos. Für sie ließ der Filmgigant Paramount Pictures 1984 eigens eine komplette Sprache ersinnen, gespickt mit Ausdrücken, die der menschlichen Zunge Akrobatisches abverlangen und unweigerlich zu einer feuchten Aussprache führen.

Dennoch entwickelte die Hollywood-Erfindung deutlich mehr Dynamik als ihre eher wissenschaftlichen Vorläufer. Laut "Klingon Language Institute" ist Klingonisch heute die "am schnellsten wachsende Sprache der Galaxie" - auch wenn das Institut nicht mitteilt, auf welchen Daten diese Behauptung basiert. Immerhin gibt es sogar ein Klingonisches Google, und sogar die Internet-Seite der hochrespektablen Deutschen Welle war 2004 zeitweise auf Klingonisch verfügbar. Der sozialpsychiatrische Dienst des Multnomah County im US-Bundesstaat Oregon suchte laut CNN 2003 einen Betreuer mit klingonischem Wortschatz, Begründung: "Wir müssen die Sprache unserer Klienten sprechen."

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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
George P., 30.11.2008
1.
Wer sich schon mal mit Sprachen beschäftigt hat, wird um das Griechisch der Antike nicht herumkommen. Kurz, knapp, verständlich. Wieso das Rad neu erfinden?
Karsten Schramm, 26.11.2008
2.
Hier ein wenig klingonische Musik: http://www.youtube.com/watch?v=nNTVzwjEyb4 http://www.youtube.com/watch?v=UMHFMoH7mIc http://www.youtube.com/watch?v=s2RbOEd8rPs
Daniel Pfeiffer, 26.11.2008
3.
Als ich den Aufreißer las, dachte ich Ihr hättet glatt Esperanto vergessen. Nicht nur Google kann das. Wenn man es als erste Sprachpräferenz (Kürzel "eo") im Browser konfiguriert, kommt so einiges auf Esperanto. Auch eine Wikipedia gibt es, wo < http://eo.wikipedia.org/wiki/Patro_Nia> Ihr hättet sehen können, daß es konduku (führe) und nicht konduktu (leite, z.B. Strom) hätte heißen müssen. Außerdem habt Ihr eine verkürzte Form des Vater unser, erwischt, der das Ende fehlt.
torsten albrecht, 26.11.2008
4.
Englisch, Chinesisch, Esperanto oder doch Klingonisch... welche Sprache, ob natuerlich oder künstlich, eignet sich am besten als Weltsprache? Hier kann jeder an der weltweit ersten Wahl zu einer künftigen Weltsprache teilnehmen sowie seine eigene Meinung dazu hinterlassen oder einfach mitdiskutieren: http://www.freewebs.com/international-languages/
Wolfgang Bohr, 27.11.2008
5.
Ich finde es nett, dass der Spiegel sich dieser Themas einmal annimmt. Zumindest Esperant findet, nicht zuletzt durch das Weltnetz stärkeren Zuspruch. Die Veranstaltungen weltweit werden mehr und mehr besucht. Die Aktivitäten steigen. Die esperantosprachige Wikipedia ist ein Bespiel hierfür. Esperanto hat sich übrigens als einziger der genannten Beispiele von einem Sprachprojekt zu einer vollwertigen Sprache mit Muttersprachler entwickelt.
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