Kult-Boulevardzeitung "Weekly World News" Die unglaubliche Geschichte

Kult-Boulevardzeitung "Weekly World News": Die unglaubliche Geschichte Fotos

Können Pelzmäntel ihre Besitzer totbeißen? Lebt Hitler noch? Natürlich - wenn man den "Weekly World News" glaubt. In den achtziger Jahren erreichte das amerikanische Anarcho-Revolverblatt eine Millionenauflage. einestages zeigt die unglaublichsten Titelseiten. Von Danny Kringiel

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Im Dezember 1991 geschah in der Antarktis etwas, das die Ordnung der Natur auf den Kopf zu stellen schien: "Ich habe noch nie etwas so Entsetzliches gesehen!", erklärte der Geologe Serge Petrovinova am 21. Januar 1992 der US-Zeitung "Weekly World News". Am Tag des Zwischenfalls beobachtete er, wie sieben Mitglieder seines Teams plötzlich von einer kreischenden, schwarzen Masse überrannt wurden. Eine Gruppe von mehr als 200.000 Königspinguinen hatte, von einem unerklärlichen Blutrausch erfasst, die arglosen Expeditionsteilnehmer angegriffen. Petrovinova: "Ich hatte nie davon gehört, dass Pinguine Menschenfleisch fressen." Doch von den attackierten Kollegen seien nur Kleidungsfetzen, Haarknäuel und Blutflecken zurückgeblieben.

Erstaunlicherweise wurde das schaurige Ereignis von den Medien - abgesehen von der "Weekly World News" - ignoriert. Genau wie der in der gleichen Ausgabe abgedruckte Bericht über das Auto eines Arztes aus Brasilien, das auch nach dem Tod seines Fahrers noch Menschen von Zahnschmerzen oder Hepatitis heilte. Oder wie die Geschichte einer amerikanischen Witwe, die im Urlaub von ihrem plötzlich zum Leben erwachten Nerzmantel zu Tode gebissen wurde. Die "Weekly World News" enthüllte diese Sensationen exklusiv, während der Rest der Pressewelt schwieg.

Seit den achtziger Jahren schrieb das Boulevardblatt aus Florida unter dem Slogan "die einzig verlässlichen Nachrichten der Welt" Pressegeschichte - mit Schlagzeilen, die so absurd waren, dass sich sonst niemand traute, sie abzudrucken: "Priester explodiert bei Exorzismus!", "Wildweststadt auf Venus entdeckt!" oder "Hillary Clinton adoptiert Alien-Baby" - wo auch immer etwas geschah, das zu unglaublich schien, um wahr zu sein, berichtete die "Weekly World News" von vorderster Front. Und schuf mit ihrem Münchhausen-Journalismus einen Medienkult, der bis heute anhält.

Frau bekommt Kind von Werwolf!

Dabei hatte das Blatt als reine Resteverwertungsmaschine begonnen: 1979 beschloss Medienmogul Generoso Pope Jr., nachdem seine Boulevardzeitung "National Enquirer" auf Farbdruck umgestellt hatte, dass er die alten Schwarzweiß-Druckpressen nicht ungenutzt lassen wollte. Und so gründete er die "Weekly World News" als ein Klatschblatt zweiter Klasse: Während sich der "National Enquirer" mit Sängern, Showstars und Skandalen beschäftigte, sollten in der "Weekly World News" die Nachrichten erscheinen, die selbst dem "Enquirer" zu unglaubwürdig erschienen.

1981 wurde Eddie Clontz Chefredakteur, und mit ihm begann eine neue Ära. Folkmusiker Bob Lind, der unter Clontz als Redakteur arbeitete, erinnert sich: "Im Grunde hat Eddie die 'Weekly World News' erschaffen. Er war derjenige, der anfing, sich die Geschichten einfach auszudenken." Zunächst habe Clontz nur einzelne fiktive Geschichten eingeschmuggelt - unter dem Zusatz "von freien Autoren". Lind lacht: "Das war so etwas wie unser Codewort für 'Bullshit'." Als die Redakteure aber merkten, dass die Leser gerade die abstrusen Geschichten über Ufo-Landungen auf Flugzeugträgern, uneheliche Kinder von Werwölfen oder Farmer, die zwei-Meter-Schmetterlinge mit der Flinte erlegen, liebten, brachten sie immer mehr davon.

Clontz versuchte, eine Balance zu halten: Zwischen die ersponnenen Texte packte er Berichte über wahre Begebenheiten - um eine gewisse Glaubwürdigkeit zu schaffen. Denn obwohl die "Weekly World News" zum Kultblatt vieler Studenten avancierte, die sie als Satire lasen, bestand der Kern der Käufer aus einfachen Arbeitern, die wirklich an Außerirdische, Geister und Dämonen glauben wollten. Lind erklärt: "Das Blatt lief nur deshalb so gut, weil es diesen beiden Gruppen gleich viel Spaß machte."

Spaß hatten auch die Redakteure. Lind beschreibt den Redaktionsalltag als "eine einzige Party". Der Lärmpegel sei extrem hoch gewesen, weil sie den ganzen Tag lachten: Über Schlagzeilen wie "Außerirdische fraßen meine Wäsche!". Über ausgedachte Geschichten wie die einer Hausfrau, die für 39 Minuten klinisch tot war, im Himmel eine Partie Bingo spielte und dabei 50 Dollar gewann. Oder jene über einen Mann, der seine Ehefrau mit einem tiefgefrorenen Eichhörnchen verprügelt hatte. Nur einmal, so Lind, sei ihm das Lachen im Halse stecken geblieben: "Ich hatte diese Geschichte über eine alte Frau in Mexiko geschrieben, die nach einem Rezept, das Außerirdische ihr gegeben hatten, ein Heilmittel gegen Krebs gebraut hatte." Dann habe er einen verzweifelten Leserbrief bekommen: "Meine Mutter stirbt an Krebs, es gibt keine Hoffnung mehr. Können Sie mir bitte, bitte sagen, wie ich diese Frau finden kann?" Das habe ihm das Herz gebrochen.

Kind mit Radar-Ohren in Höhle gefunden!

Clontz entfesselte in den Redaktionsräumen ein kreatives Chaos. Sal Ivone zufolge, der damals leitender Redakteur war, glichen sie einem "Requisitenraum in Hollywood." Überall lagen Weltkriegsuniformen, Puppen von Alien-Babys oder Strahlenpistolen aus Plastik herum, die für die 'Beweisfotos' in den Artikeln benötigt wurden. Zeitungen aus aller Welt stapelten sich in Plastikwannen, Mitarbeiter suchten sie nach den bizarrsten Meldungen ab, um sie an die Redakteure weiterzugeben. Und über allem lag ein ohrenbetäubendes Wirrwarr aus laut ausgerufenen Ideen für Artikel und Schlagzeilen.

Doch in dem Durcheinander, das Clontz schuf, sprossen spontan die wildesten Ideen. Eines Tages im Jahr 1992 sah etwa Sal Ivone, wie ein Grafiker am Computer das Bild eines Alien-Kindes zeichnete: "Ich sagte ihm: 'Ich kann Alien-Babys nicht mehr sehen! Könnte das nicht ein Kind aus einer unterirdischen Zivilisation sein?'" Eine Diskussion entbrannte, und die bis heute populärste Phantasiegestalt der "Weekly World News" war geboren: "Bat Boy", der Fledermausjunge mit den Radar-Ohren. Im Frühling 1992 in einer Höhle in West Virginia vom Zoologen Dr. Ron Dillon entdeckt, tauchte Bat Boy über Jahre hinweg immer wieder auf: Er floh vor Wissenschaftlern und griff Passanten an, kandidierte als Gouverneur von Kalifornien und wurde immer wieder von FBI-Agenten eingefangen, die ihn in einer geheimen Einrichtung in Kentucky festhielten.

Die Leser liebten Bat Boy. Sie riefen in der Redaktion an, um zu fragen, wo sich der Fledermausjunge derzeit befinde. Das wahre Ausmaß des erschaffenen Mythos wurde den Redakteuren allerdings erst bei einem Anruf klar, den Eddie Clontz im Sommer 1993 bekam. Ein Mann vom FBI, erinnert sich Bob Lind, habe Clontz angeherrscht: "Lasst diesen Bat-Boy-Unsinn endlich sein! Wir bekommen hier pausenlos Anrufe, dass wir endlich den Fledermausjungen freilassen sollen!" Clontz entschuldigte sich bestürzt und versprach, die Geschichte fallen zu lassen. "Er hatte kaum den Hörer aufgelegt", sagt Lind, "als er auch schon die nächste Bat-Boy-Geschichte in Auftrag gab."

Außerirdische im US-Senat!

Unter Eddie Clontz war fast alles möglich. Ivone erklärt, er habe eine "unglaubliche Toleranz gegenüber dem Wahnsinn" an den Tag gelegt. "Wenn jemand die Idee hätte, zwölf US-Senatoren seien Aliens, ließ uns Eddie ihre Pressestellen um Stellungnahmen bitten. Einige gaben sogar offen zu, Außerirdische zu sein." Vielleicht war Clontz einfach selbst ein wenig wahnsinnig. Oft sprang er spontan auf den Schreibtisch und schoss mit einer riesigen Wasserpistole auf seine Mitarbeiter. Auf Betriebsfeiern tauschte er die Etiketten der milden und extrascharfen Grillsaucen aus und amüsierte sich königlich über die Gesichter der überraschten Kollegen. Ivone: "Der Eigentümer des Blatts tolerierte all das - er sagte, wir seien die 'profitabelste Zeitung der Welt'." Bei minimalen Kosten ging die Auflage der Zeitung in den späten achtziger und frühen neunziger Jahren bis in eine Höhe von 1,2 Millionen.

Der Erfolg hielt nicht ewig an: Gegen Ende der neunziger Jahre begannen die Auflagen zu sinken. Das Alleinstellungsmerkmal, die bizarrsten Geschichten der Welt zu sammeln, war mit dem Internet hinfällig geworden: Im Netz konnten Leser selbst die abstrusesten Geschehnisse rund um den Globus beobachten. 1999 erwarb David Pecker American Media Inc., das Mutterunternehmen der "Weekly World News". Er beschloss, ein reines Comedy-Blatt zu machen. Als Autoren warb er Gagschreiber an. Die Atmosphäre hingegen war nun alles andere als lustig, erinnert sich Lind: "Die Absatzzahlen wurden zur Grundlage für alles andere. Der Spaß war weg. Wenn man heute in das Verlagsgebäude geht, ist es dort wie in einer Gruft - kein Gelächter mehr." Viele Redakteure kündigten kurz darauf - auch Eddie Clontz, der das Blatt 2001 verließ und wenig später starb.

Trotz aller Umstrukturierungen war die Auflage 2006 bis auf 83.000 Hefte gesunken. Und so stampfte das Mutterunternehmen die "Weekly World News" am 27. August 2007 ein.

Zeitung von den Toten auferstanden!

Aber ebenso, wie es jahrelang Elvis Presley, John F. Kennedy und Hitler in den Schlagzeilen der Zeitung getan hatten, sollte auch die "Weekly World News" wieder von den Toten zurückkehren: Im Oktober 2008 erwarb eine Kapitalgesellschaft namens "Bat Boy LLC" das Blatt. Seither versucht ihr Gründer, der Medienunternehmer Neil McGinness, das Kultblatt wieder zu altem Glanz zu bringen: Er veröffentlichte Bücher mit Artikelsammlungen zu Bat Boy oder Bigfoot und dreht mit Steven Spielbergs Produktionsfirma Streamworks eine Fernsehserie mit Charakteren aus der Zeitung.

Und er schuf eine neue Fassung des Kultblatts. Zwar beschränkt die sich bisher auf das Internet - doch das soll sich bald ändern: Ab Januar 2012 soll die legendäre Zeitung in Deutschland wieder gedruckt erscheinen, da die deutsche Popkultur nach Einschätzung von McGinness besonders aufgeschlossen für Kultphänomene ist. Allerdings wird das Blatt laut Geschäftsführer Sven Peters nicht als "Weekly World News" erscheinen, sondern unter dem Titel "Echt". Und in der Optik einer "großen deutschen Tageszeitung mit vier Buchstaben". Ob die Zeitung den Charme des Originals erreichen wird? Bilden wir uns unsere Meinung!

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1.
Christian Sabbagh 13.07.2011
Ein wunderbarer Artikel. Ich erinnere mich, dass es in den 80ern in Deutschland eine ähnliche Zeitung gab. Wie hieß sie noch gleich? "Die neue Wahrheit" oder so? Würde mich freuen, wenn mir jemand weiterhelfen könnte. Christian Sabbagh
2.
stefan maass 13.07.2011
Ich finde ihr seit hier ein wenig unfair. Ohne diese Info's hätten die "Men in Black" niemals die Welt retten können. Nur weil IHR es nicht versteht bedeutet ja nicht zwangsweise das Autos keine heilende Wirkung haben.
3.
bugme not 13.07.2011
Die deutsche Version hieß "Neue Spezial" - ich dachte damals, dass das ein Ableger der WWN gewesen wäre, aber die Wikipedia hat mich eines besseren belehrt: http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Spezial
4.
Wolfgang Göller 13.07.2011
Schöner Artikel! Zeigt er doch, wie verblödet das "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" ist. Ach übrigens, wer auf Bild No. 32 ist das Alien?
5.
Hans Willsprenger 13.07.2011
was mir hier völlig fehlt ist der Hinweis auf die deutsche (bzw. niederländische) "Neue Spezial", die damals glaubhaft nachweisen konnte, dass Elvis noch lebt! http://de.wikipedia.org/wiki/Neue_Spezial
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