Kult-Kiez St. Pauli Das Amüseum

St. Pauli ist wild, genau wie das Leben von Günter Zint. Der Fotograf gründete die "St. Pauli Nachrichten", arbeitete im Starclub und im Sextheater Salambo. Nun eröffnet Zints St.-Pauli-Museum erneut die Pforten - als Schaufenster des Kiez und als Zeugnis eines bewegten Lebens.

Günter Zint/Panfoto

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Vielleicht war früher wirklich alles besser. Leichter. Das Leben, die Liebe, die Arbeit. Man konnte in eine Redaktion des Bauer-Verlags marschieren und als Musikfotograf wieder rauskommen. Man konnte eine freche Zeitung machen, die politisch war und trotzdem Nackte zeigte und deren Auflage innerhalb eines Jahres von 10.000 auf 1,2 Millionen stieg. Man konnte an einem Musikclub beteiligt sein und in einer Kommune leben. Man konnte beim legendären Starclub angestellt sein und drei Tage später beim Sextheater Salambo. Im gleichen Gebäude.

Man konnte alles, in Hamburg, in den Sechzigern und Siebzigern, und das alles konnte sogar ein einziger Mann machen. Wenn er Günter Zint hieß. "Meine Tochter hat letztens zu mir gesagt: Günter, wenn wir dich nicht kennen würden, würden wir dich für den größten Hochstapler der Welt halten." Zint lacht, ein runder Mann mit wachen Augen und Brille. Er sitzt im St.-Pauli-Museum, das ein einziger großer Raum ist und deshalb nicht wirkt wie ein Museum, sondern eher wie eine kleine Bibliothek. Es sieht hier provisorisch aus, was daran liegt, dass das St.-Pauli-Museum gerade umzieht. Noch liegen Filme unter Glas, noch stehen Bücher in Regalen, die meisten mit Fotos von Günter Zint. Der Großteil über St. Pauli, den Kult-Stadtteil Hamburgs. Huren, Krüppel, Clubs. Schwarzweißbilder aus einer Zeit, die es nicht mehr gibt. Eines zeigt ihn mit der Huren-Ikone Domenica, ein anderes mit Willi Bartels in dessen Hotel Hafen Hamburg.

Das Hotel Hafen Hamburg steht noch, aber Willi Bartels ist ebenso tot wie Domenica. Bartels nannte man den "König von St. Pauli", weil ihm der halbe Kiez gehörte. Ein ehemaliger Schlachterlehrling, der zum Immobilienmagnaten aufstieg und bei dem Günter Zint öfter frühstückte, "wenn ich mal wieder um Geld betteln musste". Bartels war einer der Unterstützer des Kiez-Museums und bis zu seinem Tod Ehrenvorsitzender. Dem Museum stellte er die untere Etage seines Eros-Centers auf der Großen Freiheit zur Verfügung, bis es irgendwann wieder umzog. "Heimatloses Heimatmuseum" nannte sich das Kiez-Museum, weil es seit Ende der achtziger Jahre nie einen festen Platz zu geben schien.

Bis jetzt.

Am 9. Oktober wird das St.-Pauli-Museum neu eröffnet, in einem Haus direkt gegenüber der legendären Davidwache. McDonald's war vorher dort drin, ein Symbol für die neuen Zeiten. Über Wochen wurde Kacheln von den Wänden geschlagen und die Küche abgebaut, "neue Elektrik, neue Böden wurden verlegt", sagt Zint und auch, dass viele Helfer ehrenamtlich gearbeitet hätten wie die Marketingmanagerin Daniela aus dem Nachbarhaus, die im Blaumann den Schutt aus der Baustellte schaufelte. Keiner identifiziere sich eben so mit seinem Stadtteil wie die St. Paulianer, die oft hier geboren sind und manchmal zugereist, wie Günter Zint, 69, Fotograf, geboren in der Barockstadt Fulda, mit Spielplätzen im malerischen Fliedetal zwischen Rhön und Vogelsberg.

"Es gibt mehr als Penny-Markt und Elektroschrott"

Das "Amüseum" (Zint) wird Bilder, Installationen und Filme über St. Paulis Geschichte dann direkt an der Reeperbahn zeigen, um die Ecke die Herbertstraße, Große Freiheit, Discounter-Märkte und blinkende Läden. An dem Ort, den die meisten Touristen für den "Kiez" halten. "Wir wollen mit dem Museum zeigen, dass es hier mehr gibt als Penny-Markt, Elektroschrott-Läden und zwielichtige Geldeintreiber wie Inkasso-Henry", sagt Zint. Das sei der Kiez, dessen Bild in den Medien gemalt werde, ein Bild, in dem St. Pauli "insgesamt als Hure fungiert". Dieses Image habe dem Stadtteil zwar nie geschadet, eher seiner Popularität genützt, sagt Zint. "Nur mit der Realität hat das Image nicht mehr viel zu tun."

Zint hat ihn noch gesehen und fotografiert, den alten, echten Kiez. Die Kämpfe in der Hafenstraße und die Luden in der Großen Freiheit. Er hat in seinen Bildern aber vor allem die einfachen Menschen festgehalten, die oft mehr vom Leben verstanden hätten als jeder Intellektuelle, so Zint. Hunderttausende Bilder sind so entstanden - sie bilden neben den Werken des Kiez-Malers Erwin Ross das inhaltliche Gerüst des neuen Kiez-Museums.

Und weil das so ist, ist in diesem Museum auch das wilde Leben eines Fotografen ausgestellt.

Die Klofrau hält sich bei den Beatles die Ohren zu

Zint, ausgebildet bei der Deutschen Presse-Agentur, fängt Anfang der sechziger Jahre beim Bauer-Verlag als Fotograf an. Für die "Okay", "TWEN" und die "Quick" macht er Fotos von Musikern in England und auch in Hamburg, wo ein Club langsam zu einer der heißesten Musikadressen Europas wird: der Starclub. Hier spielen Bill Haley, Chuck Berry, Ray Charles, Jimi Hendrix und kurz nach der Eröffnung des Clubs auch eine Band aus Liverpool: die Beatles.

Zint fotografiert sie alle, und er schwärmt heute vom Starclub als der Location, die Lennon und Co. eigentlich groß gemacht habe. Nicht das "Indra" um die Ecke, wo sie ihre ersten Konzerte in Hamburg gaben. Die taugten laut Zint ohnehin nicht für nachträgliche Verklärung. Weil der Inhaber nicht wusste, ob Jazz oder Beat besser bei den Gästen ankam, habe er neben den Beatles auch den Jazzmusiker Knut Kiesewetter auftreten lassen. "Paul McCartney hat mir erzählt, die Beatles hätten meist vor leeren Stühlen gespielt oder paar Rentner aufgeweckt, die auf Striptease warteten. Nur die Klofrau sah zu, hielt sich aber laut McCartney immer die Ohren dabei zu", sagt Zint.

Der Starclub prägte Hamburg in den sechziger Jahren, im Museum bekommt er eine eigene Sektion - mit vielen Beatles-Fotos und vielleicht auch ein paar Haaren von John Lennon. Die wurden ihm einst für Dreharbeiten in der Lüneburger Heide abgeschnitten, Zint ließ sich von Lennon die Echtheit der Haare bestätigen, verkaufte sie "für 5000 Mark an die 'Bravo'" und erwarb für sich selbst einen BMW V8 Super.

"Wir waren rotzfrech und haben auch Nackerte gedruckt

Im St.-Pauli-Museum werden auch alte Ausgaben der "St. Pauli Nachrichten" hängen, die heute ein Sexblatt sind, aber von Zint 1968 als politische Zeitung gegründet wurden. Die sich über Franz-Josef Strauß lustig machten und gegen den Vietnam-Krieg wetterten. "Wir waren rotzfrech und haben auch Nackerte gedruckt, was damals quasi noch verboten war", erinnert sich Zint. Die Auflage startete bei 10.000 und erreichte nach einem Jahr 1,2 Millionen.

Es wird einen Ü-18-Bereich geben im Kiez-Museum und ziemlich eindeutige Bilder vom Salambo, dem legendären Sextheater des Franzosen René Durand. Der übernahm die Räumlichkeiten des Starclub, als dieser Ende Dezember 1969 dichtmachen musste. Und Durand übernahm auch Günter Zint gleich mit, den Fotografen des Starclub, der ab 1970 für das Salambo die Schaukästen dekorierte - und als Kameramann arbeitete. Zint filmte die "Trockenübungen", in denen die Amateurdarsteller für den Sex auf der Bühne übten. Auch Paare waren darunter, Zint weiß von drei Kindern, die auf der Bühne des Salambo gezeugt wurden.

Das Salambo wird das erste Sextheater der Welt, eine Sensation - und ein wirtschaftlicher Erfolg.

"Es kamen Tischbestellungen aus Japan und den USA", sagt Zint. Für die Hamburger Behörden aber ist das Salambo ein Skandalclub, immer wieder wird das Theater durchsucht wegen des Verdachts der Prostitutionsförderung. Durand habe dann die Polizisten hineingewunken und gesagt, dass er schon Schlimmeres erlebt habe. "Auf dem Unterarm war noch seine KZ-Nummer eintätowiert", sagt Zint. 1997 ist endgültig Schluss für das Salambo, Durand lebt heute in Marokko.

"Dann müsste ich Ole von Beust verhaften"

Portiere gibt es vor den Clubs der Großen Freiheit schon lange nicht mehr, dafür jede Menge betrunkene Touristen, "die glauben, sie könnten sich alles erlauben". Der Stadtteilclub St. Pauli ist in der Bundesliga, aber Günter Zint findet, dass auch das nicht nur Positives hat. "Nach Niederlagen war die Stimmung im O-Feuer schöner. Es wurde mehr gelitten, getröstet und mehr getrunken", sagt der Fotograf. Es gibt jetzt ein Waffenverbot auf dem Kiez, aber die Waffengeschäfte haben bis 24 Uhr geöffnet. Es gibt ein Glasflaschenverbot, aber wer wie Günter Zints Sohn abends Flaschen in den Container werfen will, muss mit 40 Euro Strafe rechnen. Vielleicht kann man den alten Kiez bald nur noch im Schaufenster sehen, im St.-Pauli-Museum.

Als Günter Zint mal wieder im Hotel Hafen Hamburg zum Frühstück bei Willi Bartels war, saß am Tisch ein älterer Mann. Er erkannte Zint an diesem Tag vor drei Jahren und sprach ihn an: "Ich habe damals mehrere Hausdurchsuchungen bei Ihnen gemacht, in der Zeit der St. Pauli Nachrichten", sagte der Mann. "Aber bitte seien Sie nicht nachtragend. Wenn die Gesetze von damals heute noch gelten würden, müsste ich nämlich ins Rathaus marschieren und Ole von Beust verhaften. Weil er schwul ist." Als Zint die Anekdote erzählt, muss er wieder lachen. Denn damals gab es tatsächlich noch den Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch, der Homosexuelle diskriminierte. Und erst 1973 wurde der Kuppelei-Paragraf abgeschafft. Es ist wohl doch nicht alles besser, nur weil es lange zurückliegt.



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