Kult-Motorrad MZ Abgesang auf die Honecker-Harley

Kult-Motorrad MZ: Abgesang auf die Honecker-Harley Fotos

Stirbt "Emme"? Wenn kein Wunder geschieht, ist es aus mit dem DDR-Kultmotorad MZ, ein Drama nicht nur für Ost-Biker wie Jürgen Lisse. Auch Westler kauften den Zweitakter aus Zschopau gerne - aus dem Neckermann-Katalog. Schon, weil man den Motor auch mit Klebstoff reparieren konnte. Von

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Meine Liebe zu MZ erblühte schon im zarten Alter von vier Jahren. Meine Eltern und ich waren in eine Wohnung an der Hauptstraße von Scheibenberg gezogen, und vom Küchenfenster aus hatte ich besten Ausblick auf das Geschehen vor der Haustür. Im Winter wurde es besonders spannend: Da gab es verrückte Männer auf Schneeschuhen, die sich von Motorrädern ziehen ließen. Bei vielen Motorrädern stand "MZ" am Tank, aber das konnte ich damals natürlich nicht lesen. Ich wusste auch nicht, dass MZ für Motorradwerk Zschopau steht. Mir gefiel einfach das geschwungene Logo. Nach dem ersten Winter auf dem Fensterbrett setzte ich sofort alles daran, mir so ein Zeichen zu besorgen - ich habe es noch heute.

Von diesem Winter an prägten die Motorräder von MZ mein Leben. Ich war noch keine sechs Jahre alt, da brauchte ich schon nicht mehr aus dem Fenster zu schauen sondern konnte die RT 125 oder die ES 250 allein an ihrem Klang erkennen. Als ich 15 war, hatten meine Leute endlich ein Einsehen und ich durfte den Mopedschein machen. Der kostete in der DDR nur 5 Mark!

Richtig glücklich war ich danach aber nicht: Denn zuerst musste ich mich mit einer Simson Star zufrieden geben. Dabei wollte ich nichts anderes als endlich Motorrad fahren! Und ein Motorrad war die Simson nicht. Die Enthaltsamkeit fiel besonders schwer, weil ich auf dem Acker und im Garten und manchmal auch auf der Straße schon seit meinem 14. Lebensjahr mit der MZ RT meines Vaters gefahren bin. Ich konnte es kaum abwarten, endlich meinen Motorradführerschein zu machen.

Mit Lederol-Kombi und Eigenbauhelm

Im Frühjahr 1975 war es endlich soweit: Ich durfte mich bei der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) zur Fahrerlaubnis Klasse 1 anmelden. Die GST war eine Freizeitorganisation der DDR, in der sich technikverliebte Jugendliche an allerlei Gerätschaften austoben konnten. Im Gegenzug musste man eine vormilitärische Ausbildung absolvieren, das war quasi das Frühwerbeverfahren der Nationalen Volksarmee. Die vormilitärische Ausbildung hat mich allerdings keine fünf Takte interessiert, mich lockten nur die zwei Arbeitstakte der MZ. Und die GST war damals der günstigste Weg, um an einen Motorradführerschein zu kommen. Nur 22 Mark kostete der Spaß! Und ich durfte zum ersten Mal mit offizieller Erlaubnis auf einer MZ TS 150 Platz nehmen. Ich konnte mein Glück kaum fassen.

In dieser Zeit bin ich soviel Motorrad gefahren wie noch nie. An eine Ausfahrt erinnere ich mich dabei besonders: im März 1975 fuhren wir zum Auftakttraining der Straßenrennfahrer des ADMV an die Rennstrecke nach Schleiz. Damals hatte ich allerdings noch keinen Motorradführerschein und führ noch mit meiner Simson Star. Wir starteten bei schönstem Wetter und alle Mitreisenden machten sich über mein Outfit lustig: Ich hatte eine "Lederol"-Kombi, Gummistiefel, Lederhandschuhe und einen Eigenbau-Integralhelm an.

Mit dem Sturzhelm war das auch so ein Abenteuer: In der DDR gab es keine Integralhelme zu kaufen. Ich wollte aber unbedingt einen haben - und baute ihn kurzerhand selbst. Ich kaufte einen normalen Pilothelm und viel "Hobby-Plast", ein handelsübliches Epoxydharz. Daraus modellierte ich die Form eines Integralhelms und sägte anschließend den Ausschnitt für das Gesicht aus. Farbe drauf, Visier angeschraubt, fertig. Den Helm habe ich übrigens immer noch.


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Eine 250 Kilometer lange Fahrstunde

Doch zurück zur Ausfahrt nach Schleiz. Nachdem alle ausgiebig über mich und meine Kleidung gelacht hatten, fuhren wir los. Einer der Leute, die am lautesten gelacht hatten, erlebte kurz darauf sein blaues Wunder: Nach 30 Kilometern fing es an zu schneien, und plötzlich sah er in seiner Nietenjeans und mit seinem Lederjäckchen ziemlich alt aus. Genaugenommen fror er so, dass er nicht mehr weiterfahren konnte. Und so saß ich plötzlich, völlig unverhofft, auf einer nagelneuen TS 150 der GST. Mein späterer Fahrlehrer band mir kurzerhand ein Schild mit einem L für Fahrschüler um und sagte: "So, das ist deine erste Fahrstunde." Meine erste Fahrstunde auf einer MZ TS 150 dauerte also zwei Tage und ging über 250 Kilometer.

Als ich dann endlich die begehrte Fahrerlaubnis Klasse 1 hatte, kauften mein Bruder Klaus und ich uns einen Haufen Teile. Daraus ließen wir innerhalb von zwei Monaten eine ES 175 entstehen. Genaugenommen war es keine ES 175, sondern eher eine ES 300. Denn das geniale bei den Motorrädern von MZ war das modellübergreifende Baukastensystem, dank dessen man munter Teile tauschen konnte - zum Beispiel den großen Zylinder der ES 300 auf eine ES 175 montieren. Genau das taten wir, natürlich nicht ohne das Aggregat vorher noch ein wenig zu optimieren. Das Ergebnis waren um die 24 PS, verglichen mit den 14 PS der ES 175 ein deutlicher Unterschied. Selbst die Fahrer einer Java 350, dem stärksten handelsüblichen Motorrad der DDR, mussten sich warm anziehen, wenn wir mit unserem Bastard um die Ecke kamen.

Meine erste ganz und gar eigene MZ war eine ES 150, die ein paar Orte weiter "fahrbereit zum Wiederaufbau" angeboten wurde. Die 500 Mark für den Kauf habe ich mir bei den Eltern und Großeltern zusammengeborgt - ich habe so lange gebettelt, bis sie endlich genervt aufgegeben haben. Stolz wie Oskar trat ich die Heimreise auf meinem neuen Gefährt an - nicht ahnend, was mit blühen würde. Nach ungefähr fünf von elf Kilometern Heimfahrt wurde die ES plötzlich langsamer. Und immer langsamer. Ich habe es gerade so nach Hause geschafft.

Wegen Teilemangel einfach den Motor geklebt

Mein Vater und ich machten uns sofort auf die Suche nach der Ursache des plötzlichen Leistungsabfalls. Wir brauchten allerdings nicht besonders lange zu suchen, auf der Unterseite des Motors klaffte am Kurbelgehäuse ein riesiges Loch! Der Verkäufer hatte den Motor aus unbekannten Gründen offensichtlich mit dem Meißel bearbeitet und danach nach allen Regeln der Kunst zugespachtelt und lackiert. Nun war guter Rat teuer, denn Ersatzteile konnte ich nicht ergattern.

Wir haben das Problem dann ähnlich gelöst wie der Verkäufer, allerdings mit besserem Ergebnis. Alublech mithilfe von Motordichtmasse über das Loch geklebt, anschließend das ganze mit Hobby-Plast zugekleistert, fertig. Vorher haben wir den Motor selbstverständlich komplett zerlegt und - wie es sich gehört - optimiert. Anschließend hatte er dann 16 statt 12 PS und rannte wie am Schnürchen. Gehalten hat er auch, ich habe die ES 150 nach zwei Jahren und 18.000 gefahrenen Kilometern bei bester Gesundheit verkauft. Allerdings bezweifele ich, dass den Motor jemals noch mal jemand auseinander bekommen hat.

In den folgenden Jahren war mein Leben von den Motorrädern Marke MZ bestimmt. RT, ES, MZ 125 - ich fuhr sie alle. Oder baute aus Einzelteilen verschiedener Modelle eigene Kreationen zusammen, zum Beispiel ein Geländemotorrad.

Kalter Entzug bei der Armee

Dann kam die Zeit der Leere. Armee, Studium, Heirat, Kinder, Hausbau - und keine "Emme". Eine Simson S51 B3, ein Kleinkraftrad, welches ich übrigens noch heute - mit 40.000 Kilometern auf dem Tacho - besitze, konnte den Durst nach Freiheit nicht stillen. Erst nach der Wende sollte wieder ein Motorrad seinen Weg zu mir finden. Ich hatte in der Zwischenzeit eine Autoverwertung eröffnet und eines Tages tauchte ein Kunde auf, der eine ETZ 150 mit kapitalem Motorschaden zum Ausschlachten verkaufen wollte. Der Bock war erst drei Jahre alt, er wechselte für 50 Mark den Besitzer. Der Motorschaden entpuppte sich bei genaueren Hinschauen schnell als Lappalie: Es war lediglich die Feder des Kickstarters gebrochen und schleifte. So hatte ich endlich wieder ein Motorrad - und dann auch noch ergattert für ein Taschengeld.

Das Beste dabei: Die ETZ fuhr sich wie ein Traum, das war Spaß pur. Ich hatte vor der Wende nie die Gelegenheit, eine "Etze" zu fahren, um so mehr war ich jetzt begeistert. In der Entwicklunsgabteilung bei MZ saßen offensichtlich Leute, die ihr Handwerk verstanden und die ihre Motorräder auch selber testeten, das merkte man sofort. Und dabei meine ich nicht nur die Tatsache, dass die Motorräder von MZ auf den eher schlechten Straßen zu Zeiten der DDR konkurrenzlos waren. Nein, nach der Wende konnte man dank des genialen Fahrwerks mit einer Emme auch auf optimalem Straßenbelag gegen größere Motorräder aus Japan bestehen.

Ich erinnere mich immer wieder gern an den Tag, an dem ich auf der wunderschönen Strecke von Oberinhau im Erzgebirge bis nach Pirna eine 900er oder 1000er Kawasaki gejagt habe. Auf den Geraden war die Kawa natürlich schneller - aber in den Kurven konnte ich auf dem Gas bleiben, während der Fahre der Kawa in die Eisen steigen musste. Es ist schwer, das Fahrverhalten, die Faszination der Motorräder von MZ in Worte zu fassen. Am besten guckt man sich einfach die zerkratzten Fußrasten oder Auspuffanlagen einer Emme an. Dann weiss man, wie sehr MZ-Fahren Spaß macht!


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1.
Klaus Mueller 22.07.2008
Ein netter Artikel über das Motoradfahren in der DDR. Die Überschrift allerdings ist wenig gelungen und stammt auch sicher nicht vom Autor. Kein MZ-Fahrer nennt seine Maschine "Honecker-Harley". Der schon länger kreisende Begriff "Sachsen-Harley" ist zwar besser gemeint, aber auch nicht viel intelligenter. Dem Erfinder der Schlagzeile hätten vielleicht "Mielke-Säge" oder "Grenzers-Bock" ins Kalkül gepasst, sind ihm aber zum Glück nicht eingefallen. Dann bleibt uns hoffentlich auch "Honeckers Physikerin" für "Kohls Mädchen" erspart. Ich nenne meine Zschopower Zweitakter "Emme", genieße meinen Emmenrausch, hebe an zu einem Lobgesang auf das Motrorradwerk im Erzgebirge und den wünsche den Kollegen dort viel Glück und eine lange Zukunft. Ein fröhliches Rängdängdäng!!!
2.
Tony Schulze 23.07.2008
Ich glaube irgendwo gehört zu haben, dass die DDR das Motorradfahrerland Nummer 1 weltweit war. Nirgendwo gab es mehr Motorradfahrer pro 1000 Einwohner. Klingt plausibel, wenn man bedenkt, wie lange man auf ein Auto warten musste. Ein Motorrad ließ sich doch irgendwo besorgen. Die Tradition des Motorradbaues in Zschopau sollte noch erwähnt werden: Bei DKW wurde die Serienproduktion für Motorräder zuerst eingeführt, so wie es Ford bei den Autos vorgemacht hat, und DKW war lange Zeit (unterbrochen durch die zwei Weltkriege) die größte Motorradfabrik der Welt.
3.
Michael Karalus 16.10.2011
Die Kisten machen einfach süchtig.. Habe mir in den frühen 80ern ein Gespann gekauft, um über den Winter zu kommen. Darauf wurden etliche Jahre. Irgendwann fehlte dann auch die Zeit, dann kamen einige Japaner - und jetzt mit Ende 40 habe ich mir ein 251-Gespann gekauft, das nächste Woche angeliefert wird - ich freu mich wie ein Schneekönig auf meine neue, alte Emme! :)
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