Kultkonsole NES Daddeldroge im Kastenformat

Kultkonsole NES: Daddeldroge im Kastenformat Fotos
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Opa der Wii: Vor 25 Jahren startete das Nintendo Entertainment System seinen weltweiten Siegeszug. Millionen von Kids verfielen der Videospielkonsole, der Fernseher wurde zum Abenteuerland - und das Kaufhaus zur Dadelhalle. Auch Denis Brown opferte dem NES seine Jugend. Von

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Als ich Ende der achtziger Jahre das Nintendo Entertainment System, kurz NES, erblickte, war das eine echte Offenbarung! Wie versteinert stand ich in der Computerspielecke des örtlichen Spielwarenhändlers und sah zu, wie sich ein Junge in meinem Alter an einem Ausstellungsgerät verausgabte. Ein irgendwie verzweifelter und unfreiwillig komischer Akt, denn die Vorführmaschine ließ einem zwar die Wahl zwischen 15 verschiedenen Spielen, antesten konnte man diese jedoch lediglich ein paar Sekunden lang. Dann endete der Spaß wie von Geisterhand und der Automat führte den Titelbildschirm des nächsten Spiels vor. Trotzdem startete der Junge immer wieder das gleiche Spiel, das heute legendäre Jump and Run "Super Mario Bros." und versuchte, innerhalb des unfreiwillig auferlegten Zeitlimits zumindest das erste Level zu beenden.

Als er dann irgendwann aufgab, probierte ich es selbst und konnte verstehen, warum er sich so bemühte. Nintendos Telespiel war einfach besser als alles, was bis dahin unter dem Weihnachtsbaum eines präpubertären Jungen landen konnte!

Dabei ahnte ich nicht im Entferntesten, dass die Technik des gräulichen Kastens schon fünf oder sechs Jahre auf dem Buckel hatte. Bereits am 15. Juli 1983 war Nintendos 8-Bit-Konsole unter dem Namen Famicom (für "Family Computer") in Japan auf den Markt gekommen. Amerikaner, Europäer und Australier wurden erst ein paar Jahre später beliefert, als die Maschine aus technischer Sicht eigentlich schon ein alter Hut war. Und doch hatte das, was mir auf dem TV-Schirm entgegenflimmerte, eine Qualität, die alle Videospiele, die ich zuvor gespielt hatte, zu langweiliger Altsoftware degradierte.


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Nin-ten-do - so fremd, so fernöstlich, so exotisch

Mangels technischer Kenntnisse konnte ich damals noch nicht erfassen, wo der Unterschied lag, aber er war nicht abzustreiten. Dazu noch dieser seltsame Name: "Nin-ten-do". Das klang so fremd, so fernöstlich, so exotisch. Ich muss gestehen, ich war auch erst elf oder zwölf Jahre alt und kannte nur die altersschwachen Videospielbibliotheken des "Atari 2600" und des CBS Colecovision, die schon Jahre zuvor ihren Zenit erreicht hatten.

Von einem noblen Computer wie dem Commodore Amiga hätte ich nicht einmal zu träumen gewagt. Immerhin waren es noch die Achtziger. Videospiele genossen damals nicht einmal ansatzweise die heutige Akzeptanz, und in meiner Familie war das Geld sowieso knapp. Daher war das NES für mich vorerst unerreichbar und blieb ein Wunschtraum, der mir den Spaß an den alten Konsolen verdarb.

Dabei war die Grafik gar nicht mal viel schöner als bei den altersschwachen Spielekisten, die sich meine Mutter ein paar Jahre zuvor zugelegt hatte. Das Gerät konnte 16 Farben darstellen, das war mit unserem Colecovision auch schon möglich. Der große Unterschied war, dass die Grafik bei "Super Mario" butterweich mit der Figur mitlief. Davor boten Videospiele nur bildschirmgroße Felder, die man durchwandeln konnte, und bei denen jedes Mal neu geladen werden musste, wenn man den Helden von einem Bild ins nächste lenkte. Auch der Klang, den die Lautsprecher von sich gaben, war ein vertrautes Ächzen, Piepen und Knarren, wie es auch andere zeitgenössische Spielkonsolen von sich gaben. Doch formten sie bei "Super Mario" eine fortlaufende Melodie aus fünf Stimmen, die man sogar mitpfeifen konnte. Von den Spielen auf den anderen Konsolen kannte man bis dato nur piepsige Soundeffekte und kurze zweistimmige Jingles. Und erst diese Bewegungen! Mario, die Hauptfigur des Spiels, sprang so schnell und koordiniert, dass man schon beim Zusehen Spaß hatte.


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Freundschaft durch Wunderkonsole

Das war ein sehr einschneidendes Erlebnis. Wäre es nur um die Grafik und die Musik gegangen, so hätte ich mich sicherlich anderweitig trösten können. Irgendwer aus dem Freundeskreis hätte bestimmt einen Computer gehabt, an dem ich mein Verlangen nach schönerer Optik hätte stillen können. Doch es war die neuartige Steuerung des NES, die mich einfach nicht ruhig schlafen ließ.

Ich war nie ein großer Freund von Joysticks. Schon meine allerersten Videospielerfahrungen sind mit der Erinnerung an schmerzende Hände von unhandlichen Steuerknüppeln verknüpft. Und so erschien mir das handliche, rechteckige Stück Plastik, in dem ein Steuerkreuz, zwei unterschiedliche Feuerbuttons sowie zwei Optionsknöpfe verankert waren, wie ein Geschenk des Himmels. Mit dem neuen NES-Controller konnte man endlich präzise die Laufrichtung des Videospielhelden bestimmen, während die beiden Feuerbuttons sogar unterschiedliche Aktionen auslösten.

Verstärkt wurde mein Verlangen nach einer eigenen Nintendo-Kiste durch den Umstand, dass einer meiner Spielkameraden mir etwa ein Jahr nach meinem einschneidenden Erstkontakt offenbarte, er hätte schon länger so ein Ding. Der blanke Neid stieg in mir auf - und legte sich wieder, als er mich zu sich nach Hause einlud, um ein paar Games auszuprobieren. Heute ist er mein bester Freund. Und dieser gemeinsame Tag vor der Wunderkonsole war der erste unserer Freundschaft. Profan, aber wahr.

Ich war eines dieser Kaufhof-Kinder

Nach ein paar Stunden mit Spielen wie dem Bergsteigerabenteuer "Ice Climber", dem Gruselgame "Castlevania" und natürlich "Mario" gab es kein Zurück mehr. Allein der Gedanke daran, in "The Legend of Zelda" ohne Vorgaben die Gegend erkunden, Gegenstände finden und das Spiel speichern zu können, um es irgendwann später durchzuspielen, brachte mich völlig um meine Konzentration in der Schule. Nie zuvor hatte ich so viele, wirklich unterschiedliche und markante Videospiele an einem einzigen Tag gesehen. Für mich war klar, dass ich so ein Gerät haben musste.

Allerdings vergingen noch Jahre, bis ich das Geld dafür zusammen hatte. Zwischenzeitlich besuchte ich meinen Kumpel so oft, dass es ihm schon auf die Nerven ging. Oder trieb mich nach der Schule im Kaufhof herum, um den Verkäufern so lange die Ohren vollzuheulen, bis sie mir irgendein Spiel für eine halbe Stunde einlegten. Ja, ich gestehe, ich war eines dieser Kaufhof-Kinder, bei denen sich einige Verkäufer sicherlich gefragt haben, ob meine Eltern eigentlich wissen, wo ich meine Zeit verbringe. Nein, sie wussten es nicht.

Am Ende war es eine mit viel Schweiß zusammengetragene Summe aus Gelegenheitseinkünften und vorgestrecktem Geburtstagsgeld, die mir meinen Traum erfüllte. 300 Mark waren eben viel Geld, doch bereute ich diesen Schritt nie. Ich hatte mir die Kiste offensichtlich genau zum rechten Zeitpunkt zugelegt, denn die Flut an brauchbaren Spielen schien kein Ende zu nehmen. Kein Wunder also, dass ich von der Nintendo-Manie vollkommen eingenommen wurde, und meine Ambitionen, nach der Schule zu lernen und Hausaufgaben zu machen, auf ein Minimum schrumpften. Zwischen dem Daddeln, dem täglichen Treff auf dem Bolzplatz und der Suche nach tauschfreudigen NES-Spielern war dafür einfach keine Zeit. Nur nebenbei: Trotzdem habe ich nach meiner Mittleren Reife noch ein gutes (nachgeholtes) Abitur hingelegt.

Nintendos NES war bis 1993 auf dem Weltmarkt präsent, wurde aber bereits ein paar Jahre zuvor von seinem leistungsfähigeren Nachfolger abgelöst. Dass sich das NES so lange halten konnte, lag an der verzögerten Veröffentlichung der neuen Hardware, die mit etwas Zeitabstand zur Veröffentlichung in Japan den US-amerikanischen und europäischen Kunden erreichte. Doch auf das Super Famicom (hierzulande bekannt als Super Nintendo) war ich besser vorbereitet. Zeitschriften wie die "Power Play" und deren Telespiel-Pendant "Video Games" machten mir mit ihren Import-Rezensionen Anfang der Neunziger den Mund wässrig, was mir wiederum das Spielen meiner NES-Konsole madig machte. So schloss sich der Kreis, in dem ich heute noch als passionierter Videospieler wie ein Hamster meine Runden drehe.


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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Bernd Weckermann 16.07.2008
Ich besitze noch eine und ab und an geht sie auf Sendung. Der Spieltrieb funktioniert damit immer noch sehr gut und man stellt fest, dass es nicht immer hochauflösende Grafik und Prozessorpower sein muss.
2.
Denis Brown 16.07.2008
Oh ja, meine Konsole hängt anlässlich des Geburtstages auch an meinem HD-Ready-TV (!), was bei einer Auflösung von 256 X 224 natürlich nur begrenzt Sinn macht. Leider produziert der Videoaugang meines NES heute hin und wieder kleine Grafikfehler wie z.B. durchlaufende horizontale Streifen. Wahrscheinlich werde ich mir bald ein neues besorgen...
3.
Paul Ney 16.07.2008
Der Bericht hat mir gefallen, danke. Aus dem Anlaß möchte ich hier auch die einestages-Redaktion ansprechen: Es gibt auch einfache "remakes" solcher Spiele und zwar im ".SWF" (Schockwave) Format. Ob so etwas hier eingebunden und gleich gespielt werden kann?!
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