Kultobjekt Pez-Spender Im Bann der Zuckerspucker

Kultobjekt Pez-Spender: Im Bann der Zuckerspucker Fotos
PEZ AG

Spender verzweifelt gesucht: Sie haben die Köpfe von Darth Vader oder Mickymaus - und kosten Sammler mitunter so viel wie ein Mittelklassewagen. Um die Pez-Spender hat sich in den letzten Jahrzehnten ein irrer Kult entsponnen. Sogar für die Gründung von Ebay sollen sie verantwortlich sein. Von Danny Kringiel

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Was haben Prinz William, Darth Vader und Pinocchio gemeinsam? Ganz einfach: Wenn man ihren Kopf nach hinten knickt, kommt ein Bonbon aus ihrem Hals. Genau wie bei Papa Schlumpf, Uncle Sam, Mary Poppins, Elvis, Batman, Julius Caesar, Charlie Brown, Kermit dem Frosch, Mickymaus, Homer Simpson, Super Mario, Bugs Bunny, Barbie und dem Weihnachtsmann. Oder einem anderen der über 500 verschiedenen Plastikköpfe, die schon die Pez-Spender zierten.

Der Grundstein für den Kult um die bunten Zuckerspucker wurde bereits vor 85 Jahren im beschaulichen Traun in Österreich gelegt - mit einem Rezept für Backpulver.

"Mit der Germ must sterb'n!", lautete der recht drastische Werbeslogan, mit dem der Arzt Eduard Haas ein von ihm hergestelltes Backtriebmittel vermarktete. Viele seiner Patienten litten an Verdauungsproblemen nach dem Verzehr von Hefe, das damals als Zusatz für Backwaren aller Art verwendet wurde. Und so verschrieb Haas ihnen als Ersatz für Hefe ein selbst hergestelltes Pulver. Dass seine Patienten begeistert waren, wie luftig der Teig mit dem Backpulver gelang, kümmerte Haas wenig. Erst sein Enkel - Eduard Haas III. - erkannte das Potential des Pulvers: 1915 machte er das Rezept seines Großvaters mit einem Vermarktungskniff zum Hit. Er packte das Pulver zusammen mit den bereits portionierten anderen Zutaten und verkaufte es als "Hasin". In einer Werbekampagne pries er die Vorzüge seiner Backmischungen, und bald riss sich halb Österreich darum.

Doch Haas' Vermarktungstalent ging noch weiter: Er sollte eine Erfindung machen, die noch Jahrzehnte später Kinder begeistern und eine treue Anhängerschaft von Fans hervorbringen würde, die fünfstellige Beträge für kleine Plastikboxen mit den Köpfen von Comicfiguren bezahlen würde.

Zucker statt Zigarette

Zu Haas' gutem Gespür für Vermarktung gehörte es natürlich auch, gute Kunden seiner Backpulverfirma bei Laune zu halten, daher schenkte er Geschäftsfreunden stets ein paar selbstgemachte Pfefferminzbonbons. Eigentlich waren das nur billig selbstgepresste, mit Pfefferminzöl beträufelte Mini-Zuckerbriketts. Aber die Beschenkten waren so begeistert von den kleinen "Zuckerln", dass Eduard beschloss, sie in handlichen Döschen zu verkaufen - unter dem Namen "Pez", einer Abkürzung für das Wort "Pfefferminz".

Pez wurde zu einem kleinen regionalen Erfolg - aber damit wollte Haas sich nicht zufrieden geben. Er suchte fieberhaft eine Möglichkeit, eine breitere Zielgruppe anzusprechen. Und so bewarb er seine Bonbons mal als "Frischmachertabletten" gegen schlechten Atem, mal als Kraftspender und Durstlöscher für müde Wanderer. Einmal behauptete er, Pez sei eine sinnvolle prophylaktische Maßnahme gegen Erkältung, dann wieder pries er Pez als "Luxuskonfekt der vornehmen Welt" an. Doch selbst die "Pez-Girls", langbeinige Pin-ups in Pagenuniform, brachten nicht den erwünschten Erfolg.

Dann kam Haas eine geniale Idee: Als Abkömmling einer Arztfamilie war er überzeugter Nichtraucher. War es nicht möglich, mit seinen Bonbons Glimmstängel-Konsumenten zu helfen, die ihre ungesunde Gewohnheit ablegen wollten, aber etwas brauchten, das sie im Mund haben konnten? Und so startete er die Werbekampagne "Rauchen verboten - PEZen erlaubt!", in der er die Zuckerstücke als gesunde Alternative zur Zigarette anpries.

Ein Bonbon erobert Amerika

Der Clou daran war eine neue Verpackung, die aussah wie ein Feuerzeug. Drückte man oben auf den Knopf, kam jedoch keine Flamme heraus - sondern eines von Haas' Pfefferminzbonbons. Das hatte nicht nur den Vorteil, entwöhnungswilligen Rauchern vertraut zu sein, sondern erlaubte es zudem, die Zuckerstücke mit anderen zu teilen, ohne dass diese mit - möglicherweise ungewaschenen - Fingern in das Pfefferminzdöschen hineingreifen mussten. Auf der Wiener Herbstmesse im Jahr 1949 wurde der Spender erstmals vorgestellt - als Luxusprodukt für Erwachsene. Er verkaufte sich rasend. Zunächst in Österreich, dann im gesamten deutschsprachigen Raum.

Doch Haas wollte noch mehr: Er gründete 1952 den Firmenableger Pez USA mit Hauptquartier in New York. Leider funktionierte die Idee, Pfefferminzbonbons zur Rauchentwöhnung an den Mann bringen zu wollen, hier mehr schlecht als recht.

Widerwillig begann Haas, der Pez eigentlich als exklusive Erwachsenenmarke sah, über Kinder als Zielgruppe nachzudenken. Bald brachte er sein Pfefferminz in neuen Geschmacksrichtungen auf den Markt - Erdbeer, Zitrone, Orange, sogar Cola. Und er ließ Spender in Form von Weltraumpistolen bauen, in Gestalt des Weihnachtsmanns oder in Roboterform. Die waren zwar beliebt bei Kindern, aber auch aufwendig herzustellen.

Mit Pez zum Eigenheim

Der Idee, die Pez zum Erfolg führen sollte, kam Haas schließlich bei einer schicksalhaften Begegnung: 1962 lernte der Unternehmer auf einer Feier Walt Disney kennen. Sie gerieten ins Gespräch, und Haas hatte den Geistesblitz, Disney-Figuren als Pez-Spender zu bauen - aber nicht mit ihrem ganzen Körper, sondern als oben aufgesetzte Köpfe, was viel günstiger zu fertigen war. Der Vertrag wurde noch im gleichen Jahr abgeschlossen. Die neuen Pez-Behälter mit den Köpfen von Mickymaus, Donald Duck und Co. eroberten die Herzen amerikanischer Kinder im Sturm.

Heute verkauft die Firma rund 80 Millionen Pez-Spender pro Jahr - den größten Teil davon in den USA. Nicht nur Kinder entdeckten dort ihr Herz für die Zuckerbehälter. Über die Jahre entstand eine riesige Szene von Sammlern, die Hunderte der Spender, ordentlich nach Jahrgang geordnet, in Regalen hortet und bereit ist, für seltene Exemplare sehr tief in die Tasche zu greifen.

Wie tief, das erfuhr Peter Linski, ein New Yorker Finanzanalyst, im Jahr 1992 durch reinen Zufall. Er habe seinem Lebensgefährten Mark McMahon zu Weihnachten ein paar Pez-Spender geschenkt, sagte Linski im November 2002 der "Seattle Times". Aus Jux beschlossen die beiden, einige davon in ihrer gemeinsamen Boutique auszustellen - und waren baff: "Sie wurden uns förmlich aus den Händen gerissen." Sie beschlossen, professionell ins Geschäft einzusteigen und bauten einen Pez-Webshop auf. Inzwischen hat Mark seine Arbeit als Stage Manager eines New Yorker Theaters aufgegeben und verkauft in Vollzeit Pez-Spender - zu Stückpreisen von bis zu 3500 Dollar. Von den Gewinnen kauften sich die beiden ein Eigenheim in New Jersey.

Selbst Ebay soll nur durch die Pez-Sammlerszene entstanden sein. Denn angeblich wollte Ebay-Erfinder Pierre Omidyar mit dieser Online-Handelsplattform nur seiner Gattin einen Gefallen tun -, die passionierte Pez-Sammlerin war und eine Möglichkeit suchte, einfacher Geschäfte mit anderen Fans zu machen.

Pez-Bikinis im Pez-Museum

Das stimmt zwar nicht - die Anekdote war 1997 von einem PR-Manager erfunden worden, um Ebay in die Medien zu bringen. Ganz abwegig ist sie aber nicht. Denn Pez-Sammler tun einiges, um an die Spender ihrer Träume zu kommen. Vorwiegend legen sie astronomische Summen für die kleinen Plastikspielzeuge an: Eine seltene Asterix-Box aus den siebziger Jahren brachte schon 5000 Dollar. Anlässlich der königlichen Hochzeit von Prinz William und Kate Middleton wurde ein Pez-Spenderpärchen-Unikat des Hochzeitpaars für 9200 Euro versteigert. Und ein seltenes Modell in Form eines Astronauten wechselte gar für rekordverdächtige 32.000 Dollar den Besitzer.

Viele dieser Sammler werden auch in diesem Jahr wieder dabei sein, wenn die 20th Annual National PEZ Convention in St. Louis ihre Tore öffnet. Scharen eingeschworener Pez-Heads werden dort zusammentreffen, um zu handeln, um Fachvorträgen über Marktwerte seltener Modelle oder die Reparatur defekter Spender zu lauschen - oder um einfach beim Pez-Quiz, Pez-Tic-Tac-Toe oder dem großen Pez-Bingo mitzuspielen.

Angesichts dieser kultischen Verehrung erscheint es nur folgerichtig, dass sich die Pez-Firmenleitung 2009 entschied, ein zwei Millionen teures Pez-Museum in den USA zu errichten. Im Museumsshop der 2011 eröffneten Ausstellungsräume sollen nun bald neben Pez-Sandalen, Pez-Bikinis und Pez-Teppichen auch Pez-Spender aus reinem Gold zu erwerben sein.

Im österreichischen Traun werden heute noch immer Backpulver und Kuchenmischungen hergestellt - vor allem aber Pez-Bonbons. Jahr für Jahr werden weltweit so viele der eckigen Bonbons verschlungen, dass man damit eineinhalb Mal die Erdkugel umrunden könnte, würde man die Zuckerstücke aneinanderreihen. Als Eduard Haas die ersten Pfefferminz-Pastillen als Werbegeschenke presste, hätte er sich das sicher nie träumen lassen.

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1.
Wolfgang Rueckert 13.06.2012
Wer hätte das gedacht, habe letzte Woche wg Wohnungsauflösung Elternhaus einen ganzen Karton aus den 70er davon auf den grossen Haufen im Garten geworfen.
2.
Sylvia Götting 14.06.2012
Ich habe die PEZ Bonbons - am liebsten Zitrone - früher (in den 60ern) immer gleich aus der Packung gegessen. Erstens konnte ich dann mehrere gleichzeitig in den Mund stecken, ohne sie einzeln mit dem Spender erst mal in der Hand sammeln zu müssen, zweitens waren die Spender sowieso schnell kaputt und drittens nichts für die Hosentasche, besonders wenn man hinfiel und dann genau auf das Teil. Aber die Bonbons schmeckten gut.
3.
Wolfgang Handl 27.10.2013
Ich habe eine Datenbank namens MoMoPEZ gefunden, wo 3200+ verschiedene Figuren und weitere 3000 andere PEZ Produkte aufgelistet sind. Zu finden unter http://www.momopez.com
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