Kultposter Schritt für Schritt zum Superschnitt

Kultposter: Schritt für Schritt zum Superschnitt Fotos

Dieter Bohlen im pinken Strampelanzug, Axl Rose auf dem Damenklo und Uschi Glas in Lack und Leder: 40 Jahre lang zierten lebensgroße "Bravo"-Stars deutsche Jugendzimmer - nicht immer in vorteilhafter Pose, wie ein Blick in die Pop-Poster-Historie beweist. Von Sven Stillich

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.7 (101 Bewertungen)

"Was Sie auf der nebenstehenden Seite sehen, sind die Füße von Brigitte Bardot." Mit diesem Satz beginnt 1959 eine der größten Geschichten deutscher Jugendkultur - zumindest von der Fläche her: Die "Bravo" hat gerade den Starschnitt erfunden. Von nun an wird die Zeitschrift "in jedem Heft die Portionen und Portiönchen der Bardot veröffentlichen", bis die Leser eines Tages die ganze zierliche Figur von Frankreichs lebendem Denkmal in ganzer Größe zu Hause haben". 156 Zentimeter wird der erste Starschnitt groß sein, elf Teile hat Brigitte Bardot, erst kommen die Füße, am Ende das Gesicht.

"Bravo bringt eine Überraschung für Sammler", steht über dem ersten Starschnitt - und die Überraschung ist der jungen Zeitschrift gelungen. Denn ab jetzt gibt es die unerreichbaren Stars in Lebensgröße, zum Anhimmeln und um die Freundinnen neidisch zu machen. Über Wochen hinweg in Einzelstücken geliefert, ist jedes Teil des Riesenposters ein Stück Vorfreude auf den Moment, in dem der begehrte Star endlich an der Wand im Kinderzimmer hängt, als Hin- oder - wenn es nach vielen Eltern geht, als Weggucker.

Dass das rheinland-pfälzische Sozialministerium wegen der lasziven Pose der Bardot die Indizierung der Ausgabe fordert, wird den Starschnitt natürlich nicht aufhalten: Auf die Schauspielerin folgt in 15 Teilen "Deutschlands beliebtester Teenager-Star" Peter Kraus, dann Conny Froboess ("Pack die Badehose ein"), und 1969 erscheint mehr als ein halbes Jahr lang eine zerstückelte Wandtapete von Elvis Presley, "da nicht alle seine Fans nach Bad Nauheim reisen können, um den beliebten amerikanischen Rock'n'Roll-Sänger persönlich zu sehen".

Alle wollen das nächste Körperteil ihres Lieblingsstars

"Sammelt mit! Schneidet mit! Klebt mit!": 118 Mal werden die Leser der "Bravo" dieser Aufforderung in den kommenden Jahrzehnten nachkommen, 2285 Teile wird es geben, mehr als 30 Jahre lang macht die "Bravo" mit ihrem Starschnitt Auflage. Jede Woche rennen Kinder und Jugendliche voller Fleischeslust an die Kioske: Sie wollen den nächsten Körperteil ihres Stars. Es gibt zwar auch Poster in der "Popcorn", der "Pop Rocky" oder der "Metal Hammer" und natürlich auch in der "Bravo"; es gibt kleine Poster, DIN-A3-Poster, Superposter, Riesenposter, XXXL-Poster, und alle werden sie über Jahrzehnte hinweg in frisch entflammter Liebe auf- und mit kalter Schulter abgehängt, wenn der Star verglüht ist.

Aber die Poster sind nur wie Heiligenbildchen, die in hoher Auflage unters Volk gebracht werden - der Starschnitt gleicht antiken Statuen: Es gibt keine größere Form der Verehrung, und es gibt sie nur in der "Bravo". Nicht umsonst stehen neben jedem Starschnitt die Wörter "Nachahmung verboten". Um die Leser noch mehr zu binden, lässt die Redaktion ihre Kundschaft wählen, wer mit einem Starschnitt geehrt werden soll - und einige Male zeigt "Bravo", um die Spannung zu steigern, nur die Umrisse des abgebildeten Künstlers: Wer schließlich in "Lebensgröße" zu sehen ist, offenbart sich erst mit den letzten Teilen. Zum ersten Mal erprobt die Redaktion diesen "Starschnitt mit Pfiff" 1962. Nach 14 Wochen ist klar: Das "hübsche, junge Mädchen" ist Heidi Brühl.

So entsteht über die Jahre ein Archiv der Jugendkultur, dessen Exponate heute oft verwundern - finden sich unter den Stars doch viele Künstler, die Jugendliche von heute kaum als "Bravo"-tauglich empfinden würden: Roy Black und Uschi Glas sind gleich mehrfach dabei, Caterina Valente und Chris Roberts werden zerteilt, Jürgen Drews und Gus Backus ("Da sprach der alte Häuptling der Indianer") ebenso - und immer wieder Pierre Brice als Winnetou, mit und ohne Schwester Ntscho-Tschi.

Alle Stars werden vom "Bravo"-Team-zerschnibbelt

Die große Zeit des Starschnitts sind die Achtziger, hier zeigen die Riesenposter den Geschmack des Jahrzehnts: Tommie Ohrner macht den Anfang, Kim Wilde kommt an die Wand, Adam Ant und Shakin' Stevens natürlich auch, sowie Madonna und Modern Talking - und Nena wird sogar in zwei Jahren hintereinander vom "Bravo"-Team zerschnibbelt. Auch Nichtmusiker bekommen immer wieder Starschnitte: der Schwimmer Mark Spitz etwa, Bruce Lee, der Außerirdische ET, Boris Becker, die Fußballnationalmannschaft 1974 - und sogar die Ponderosa-Ranch aus der Serie "Bonanza", die aber natürlich nicht in "Lebensgröße".

Die Größe des Starschnitts war nie das Wichtigste, aber sie gibt einen Hinweis darauf, wie groß der Star zu seiner Zeit war. Die Schnitte mit den meisten Teilen gibt es von den "New Kids On The Block" (45), von "Status Quo" (46) und von Juliane Werding (50), der sie in einem silbernen Anzug auf einem Motorrad sitzend zeigt. Knapp geschlagen wird die "Chopper-Mieze" ("Bravo") nur vom 53-teiligen "Village People"-Starschnitt - aber da sind auch mehrere Personen drauf. Und dann gibt es natürlich noch die größte Band der Welt: die Beatles. Die kommen zwar - unter der Überschrift "Hi-Hi-Hilfe, wir werden zerschnitten!" - nur auf 44 Ausschnitte, für die jedoch müssen die Leser 40 Wochen lang immer wieder die "Bravo" kaufen. Das ist Rekord.

Der Niedergang des Starschnitts beginnt in den neunziger Jahren. 1990 erscheint nur noch ein einziger - eben der von "New Kids On The Block". Vielleicht, weil die damaligen Teenager mit dem bunten Star-Trommelfeuer von MTV und Privatfernsehen aufwachsen und eine größere Fläche stillen Papiers sie nicht mehr begeistern kann. Vielleicht, weil der Starschnitt zur Abgrenzung von den Eltern mit ihren Panoramatapeten nicht mehr taugt wie noch in den siebziger Jahren. Vielleicht, weil die Stars jener Jahre für immer kürzere Zeitspannen wirkliche, konsensfähige Stars sind und es an langlebigen Showgrößen mangelt, die sich die Teenies nach Monaten noch an ihrer Wand ansehen möchten - es ist wohl ein Zeichen, dass als einer der letzten sogar DSDS-Sternchen Daniel Küblböck einen Starschnitt bekommt ("Wahnsinn! Hol dir Daniel in dein Zimmer!").

Von der pfiffigen Idee zum Journalismus-Urgestein

Alle Moden und Trends hat der Starschnitt überlebt - bis 2004 die letzte Wandtapete nach bewährtem Muster aufgelegt wird: 18 Teile Bully Herbig als "Spucky" in "(T)Raumschiff Surprise". Zwei Starschnitte folgen noch - und eine Schere braucht niemand mehr: Die Band "US5" sowie Tom und Bill von "Tokio Hotel" werden auf DIN-A3-Postern geliefert, die ohne Zuschnitt nahtlos aneinander passen.

Die Erinnerung jedoch bleibt. Wer in den achtziger Jahren aufgewachsen ist, der hat einen Starschnitt an der Wand gehabt - oder den des Freundes bewundert. Der Starschnitt war ein journalistisches Urgestein wie das "Was macht eigentlich?" im "Stern" oder das Streiflicht der "Süddeutschen Zeitung". Er ist so in den Köpfen der heutigen Mittdreißiger verankert, dass sich heute in verschiedenen Zeitungen immer wieder kleine "Starschnitte" finden. Die Wirtschaftszeitung "Financial Times" hat sich sogar den Spaß erlaubt, nach der US-Präsidentenwahl einen Barack-Obama-Starschnitt im Internet zu veröffentlichen.

Der Starschnitt lebt in der Erinnerung gleich mehrerer Generationen weiter, die Schere im Kopf ist noch scharf. Kein Wunder, dass das "fröhliche Puzzle-Spiel" ("Bravo") auch heute noch bei älteren Fans begehrt ist: Ein Original-Starschnitt der Beatles kostet auf Auktionen inzwischen mehr als hundert Euro - die "Bravo" gab es damals für 80 Pfennig.

Zum Weiterlesen:

Archiv der Jugendkulturen e.V. (Hrsg.): "50 Jahre Bravo". Bugrim/Verlag Thomas Tilsner, Berlin 2005, 325 Seiten.

Erhältlich bei Amazon.

Artikel bewerten
3.7 (101 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH