Kulträder Die Moto-Crossies

Wie wurde Nicole Kidman berühmt? Auf einem BMX-Rad! Trotzdem waren in Filmen wie "BMX Bandits" oder "E.T." die kleinen Cross-Räder die eigentlichen Stars. Für Achtziger-Kids wurden sie zum Vehikel der Wahl - einestages-Kolumnist Philipp Kohlhöfer schwört sogar: sie hätten den Kalten Krieg beenden können.

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Natürlich denke ich bei allem was mit BMX zu tun hat, zuerst an die Flucht von Elliot. Böse Wissenschafter wollten seinen außerirdischen Freund E.T. (der aussah wie ein Mischung aus Pekinese, Zwerg und Nacktmull) einfangen, um ihn zu sezieren. Aber Elliot packte den Alien, lud ihn in seinen Fahrradkorb und fuhr den Häschern auf seinem wahnsinnig cool aussehenden Rad davon. Elliot und E.T. und das fliegende BMX-Rad vor der Kulisse des aufgegangen Vollmondes - dieses Bild werde ich nicht vergessen, bis ich sterbe, das ist mal sicher.

Als 1982 Stephen Spielberg "E.T. - Der Außerirdische" in die Kinos kam, war ich acht Jahre alt und die popkulturelle Breitseite hatte mich mit voller Wucht erwischt. Und nicht nur mich. Ein Jahr später hatten alle meine Kumpels ein BMX-Rad. Ich kannte überhaupt niemanden im Dorf, der keines hatte. Im Sommer war der Bolzplatz, der drei Blocks hinter unserem Haus lag, verwaist, weil alle im Wald um die Wette fuhren. Darüber, dass das Kürzel "BMX" absurderweise für "Bicycle Motocross" stand - wieso bitte "Moto" -, dachte damals keiner nach. Warum auch? Mein BMX-Rad war blau-gelb, ich hatte es von meinem Lieblingsonkel geschenkt bekommen.

Hoch springen, schnell im Ziel sein

Er schenkte mir dazu noch einen seiner Helme (er war Motocross-Fahrer) und ein passendes Rennhemd. Ich liebe ihn dafür noch heute, obwohl der Helm viel zu groß und schwer für mich war und er mich bei einem Unfall vermutlich eher verletzt als geschützt hätte. Aber schwer gestürzt bin ich nie, was wohl daran lag, dass mir schwierige Tricks immer zu schwierig waren und ich mich darauf beschränkte, hoch zu springen und schneller als die Anderen im Ziel zu sein. Ein Bild, das meinen Bruder (sein Rad war rot-blau) und mich während eines Rennens zeigt - wir liegen beide gleichauf und fahren durch eine Kurve, der Dreck fliegt in die Kamera -, hängt noch immer bei meinem Eltern im Keller.

Ich liebe das Bild und jedes Mal wenn ich es sehe, werde ich ganz schwermütig. Kein Wunder, war doch das BMX-Rad immer mehr als ein Fahrrad, es war ein Versprechen, eine Verheißung. Es war das Tor nach Hollywood und damit in die Welt - irgendwie.

Außerdem war es der Auslöser meiner damals einsetzenden (und irgendwann wieder schwächer werdenden, aber nie ganz abgeklungenen) Begeisterung für Amerika. Von Anfang bis Mitte der Achtziger war USA-Zeit: Geschürt wurde sie vom Raketenmann bei Olympia 1984 in Los Angeles und von dem ARD-Olympiasong "People Are People" von Depeche Mode, bei dem das Erste Programm die Beine von hübschen Strandläufern in Venice Beach zeigte. Die "Goonies" und die US- Armee, die im Wald hinter unserem Haus zweimal im Jahr Manöver abhielt, taten ihr Übriges. Unter anderem, weil die Soldaten mit ihren Panzern Bürgersteige niederwalzten und uns olivegrüne Überlebenspakete schenkten, die wir benutzten sollten, wenn die Rote Armee käme. Es gab "Beverly Hills Cop" und "Ghostbuters", "Pershing 2" und "Minuteman", "The Day After" und "Police Academy" und das dauernde Gefühl, das die Vernichtung der Erde in jeder Sekunde anfangen kann. Ziemlich unheimlich, aber auch sehr aufregend.

Jedenfalls: Das BMX- Rad war der Beginn, der Schlüssel zur Magie. Und ich hatte ihn in der Hand oder besser: in der Garage.

"BMX Bandits" und Kidman-Küssen

An Außerirdische und Ronald Reagan (heute kommt es mir vor, als sei beides das gleiche) habe ich trotzdem nie gedacht, während der Rennen. Ich dachte an Abenteuer, ferne Länder, Gangster, Dreck im Gesicht und dass Mädchen immer die verwegenen Männer wollen. Ich will nicht sagen, dass diese Kussszene, deren Zeuge ich 1983 werden durfte und die in einem leeren Grab in Melbourne spielte, die beste ist, die ich jemals gesehen habe. Aber sie hat mich auf jeden Fall so tief beeindruckt, dass ich mir jahrelang wünschte, mir wäre das passiert. Ich tagträumte davon auf meinem BMX-Rad, während ich fuhr. Und wenn ich nachts nicht schlafen konnte, malte ich mir die Szene mit mir in der Hauptrolle aus. Ich wurde ein Fan von Nicole Kidman noch bevor ich wusste, wer Nicole Kidman war.

Ich habe "BMX Bandits", diesen australischen Film von 1983, in dem Kidman ihre erste Kinorolle spielte, nie wieder gesehen und ich bin nicht sicher, ob er mir heute noch gefallen würde. Der Plot war ziemlich simpel und beschränkte sich auf das Abfilmen diverser spektakulärer Fahrten durch die Stadt: Drei Kinder auf BMX-Rädern, darunter eben Kidman, wurden von einer Gangsterbande verfolgt, weil sie irgendwas besaßen, das die Gangster wollten. Und dann eben diese Kussszene. Grandios. Der Film kam nicht nur bei mir gut an: In der DDR hatte er über vier Millionen Zuschauer. Meines Wissens bauten die Mitteldeutschen Fahrradwerke inspiriert von diesem Erfolg ab 1987 BMX-Räder für den DDR-Markt.

Hätte ich damals schon gewusst, dass die Landsleute im Osten auch nur BMX-Räder wollten, hätte ich vermutlich die Mär von der roten Gefahr und den bösen Kommunisten - tausendmal erzählt von den Amerikanern die mit ihren Panzern die Bürgersteige plätteten - mindestens angezweifelt. Das BMX hatte also das Potenzial Völker zu vereinen, weil es auch im Sozialismus beliebt war. Welches andere Fahrrad kann das schon von sich behaupten?

Die Rote Armee fährt BMX

Also nur mal angenommen, die Rote Armee wäre damals mit BMX- Rädern durch die berüchtigte Fulda-Gap in den Westen gerollt - ich weiß nicht, wie ich reagiert hätte. Vielleicht wäre ich einfach mitgefahren, denn der Russe an sich ist ja ohnehin kein schlechter Kerl, wie wir spätestens seit Gorbatschow wissen. Und nur mal nebenbei: Ich finde es sehr verwunderlich, dass auf allen Fotos, die Mitte der Achtziger Russland zeigten, immer fette Sowjetfrauen bei der Kartoffelernte zu sehen waren, die ungefähr 500 Goldzähne im Mund hatten. Denn als Gorbatschow an die Macht kam, stammten auf einmal alle schönen Frauen der Welt aus Osteuropa. Ob das wohl was mit Propaganda zu tun hatte?

Wie auch immer: Ein BMX-Rad kommt für mich heute einfach nicht mehr in Frage. Nicht, weil ich es dumm und kindisch finden würde, im Gegenteil, ich bin immer noch ganz hin und weg von diesem Rad, aber jetzt ein BMX-Rad zu kaufen, wäre wie eine Fortsetzung von "Scarface" zu drehen. Es würde einen Mythos zerstören.

Manchmal bedaure ich die Leute, die erst nach dem Kalten Krieg mit dem BMX-Sport angefangen haben. Für sie muss es tatsächlich nur ein Sport sein, nichts weiter. Fußball, Synchronschwimmen, Kegeln, BMX. Dazu würde auf jeden Fall die Entscheidung passen, BMX in diesem Sommer olympisch werden zu lassen. Was zum einen natürlich die endgültige Etablierung im Kreis der "richtigen" Sportarten bedeutet, zum anderen aber BMX auf eine Stufe rückt mit Curling, Softball oder ähnlich bescheuerte Sportarten - wann wird eigentlich Boßeln olympisch?

Eine Alternative zum echten Motocross

Zudem ist Olympia für das Abenteuergefühl nicht gerade hilfreich, das früher für mich so eng mit dem Fahren eines BMX-Rades verbunden war. Allein die Entstehungsgeschichte: Bicycle-Motocross, wurde irgendwann als Alternative zum "echten" Motocross in den späten Sechzigern oder frühen Siebzigern erfunden, manche Quellen sprechen sogar von den Fünfzigern. Selbst der Ort der Entstehung liegt im mystischen Verborgen. War es New Jersey oder Nebraska oder doch Kalifornien? Auch die Niederlande werden manchmal erwähnt. Was allerdings fest steht, ist, dass die Kalifornier den ganzen Ruhm abbekommen haben. Denn dort wurde 1971 der Dokumentarfilm "On Any Sunday" gedreht, der sogar Steve McQueen beim BMX-Fahren zeigte.

Damals wurde in erster Linie mit einem Fahrrad namens Schwinn Sting Ray gefahren, einer Mischung aus Bonanza- und Hollandrad. Erst Mitte der Siebziger wurden die ersten Firmen gegründet, die BMX-Räder so konstruierten wie man sie heute kennt. Ende der Siebziger gab es dann die ersten offiziellen Rennen, die Ersten auf deutschem Boden fanden 1981 in Bremen und einem Kaff bei Stuttgart statt. 1982 folgte die erste Weltmeisterschaft, aber wahrscheinlich waren dort nur die Mütter der Fahrer anwesend.

Seither hat sich - siehe Olympia - einiges getan: Mittlerweile gibt es fünf verschiedene Disziplinen namens "Street", "Park", "Vert", "Dirt" und "Flatland", die alle verschiedene Tricks auf verschiedenen Strecken beinhalten. Aber darauf kann ich, Asche über mein Haupt, nicht näher eingehen. Weil ich zum einen dann wahrscheinlich aus Versehen irgendwas vergesse und irgendwer dann persönlich beleidigt ist. Zum anderen - und das ist der weitaus wichtigere Grund - finde ich Tricks auf einem BMX-Rad ähnlich männlich wie Kunstradfahren in Leggings. Ich weiß, dass hier vermutlich das Machotum aus mir spricht, aber ich habe es gern simpel: Deshalb mag ich Rennen. Wer zuerst im Ziel ankommt hat gewonnen - und Schluss.

Nicole Kidman hat schließlich auch keinen Handstand gemacht, damals auf dem Fahrrad.

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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Ingo Petzke, 13.02.2008
1.
Natürlich wurde Kidman nicht mit diesem Film "berühmt" - das geschah erst mit "Dead Calm" ["Todesstille'] von Phillip Noyce 1989. "BMX Bandits" wurde erst nachträglich wegen Kidman wirklich beachtet - wer schaute sich schon australische Teenie-Filme an?
Helge Vogl, 18.02.2008
2.
Lieber Philipp, einmal BMX, immer BMX, ich würde mir wie ein Verräter vorkommen, würde ich im Sommer mit was anderem fahren. Der schon gewohnten Frage, "warum fährst du denn ein Kinderradl?", begegne ich mit ätzender Herablassung. Übrigens, Deine Andeutung, Trix mit dem BMX seien unmännlich, führe ich mal auf Dein schlechtes Gewissen zurück. Trau dich, kauf dir ein neues BMX, entdecke die Welt damit ganz neu und lerne paar dieser schw....Tricks, wenn Du dich traust. Oder hast Du Angst vor den olympiareifen BMXKids und alles ist nur Ausrede? p.s. und schau dir "Die BMX Bande" wieder an, Du wirst jetzt noch mehr Gaudi mit diesem Film haben, versprochen!
Daniel Nikolaou, 22.06.2009
3.
Ganz nett geschrieben, allerdings doch ein wenig einseitig, nur das Thema Race zu bebildern. Wie man ja bekanntlich (hoffentlich!) weiß, hat BMX noch etliche mehr Facetten (auch schon in den 80ern)! Ach ja: Backflip=unmännlich - schon mal gemacht? Nein? Dachte ich mir....
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