Kultsample "Amen Break" Vier Takte für die Ewigkeit

Eine amerikanische No-Name-Band geht 1969 ins Studio, nimmt zwei Songs auf und verschwindet wieder. 20 Jahre später wird das Schlagzeugsolo von "Amen Brother" wiederentdeckt und revolutioniert die Musikgeschichte. einestages über vier Takte, die kaum jemand kennt - die aber jeder schon mal gehört hat.

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Als Mitte der neunziger Jahre das Telefon bei Richard Lewis Spencer klingelte, war es, als erwachte der ehemalige R'n'B-Saxofonist aus einem Traum. Am anderen Ende der Leitung saß ein junger Mann aus England mit einem seltsamen Anliegen: "Er faselte etwas von Jungle-Musik und fragte, ob er das Master-Tape von unserem Stück 'Amen Brother' kaufen könne", erinnert sich der 68-Jährige an den Moment, der sein Leben verändern sollte.

Spencers Verwirrung hätte nicht größer sein können. Fast 30 Jahre war es her, dass er mit seiner Band The Winstons im Studio "Amen Brother" aufgenommen hatte. Der Song war kein Hit, sondern ein runtergeschrammeltes Instrumentalstück, nur Füllmaterial für die B-Seite ihrer Single "Color Him Father" und direkt nach der Aufnahme in der Versenkung der R'n'B-Geschichte verschwunden. Was also wollte dieser Typ von ihm? Spencer rief bei seiner Plattenfirma an - oder das, was von ihr übriggeblieben war. Bereits in den siebziger Jahren hatte das Label Metromedia, bei dem "Amen Brother" erschienen war, dichtgemacht. Der Insolvenzverwalter konnte Spencer auch nicht helfen.

Genau das sagte Spencer dem Interessenten aus England. Und schickte die Frage hinterher, was der denn eigentlich damit wolle. Der junge Label-Abgesandte aus England hatte eine erstaunliche Nachricht für den R'n'B-Musiker im Ruhestand: "Er sagte mir, dass unser 'Amen Break' der letzte Schrei sei in der Clubszene. Hunderte Tracks seien damit schon produziert worden, er wolle sich jetzt die Rechte an dem Break sichern", erinnert sich Spencer.

Ein Schlagzeugsolo macht Karriere

Was er nicht wusste: In den vergangenen zehn Jahren hatte der sogenannte Amen Break, das vier Takte lange Schlagzeugsolo in der Mitte des "Amen Brother"-Songs, ohne sein Wissen eine steile Karriere hingelegt. Hip Hop-Größen wie Public Enemy oder Ice Cube mit seinen Niggaz Wit Attitudes (N.W.A) hatten Ende der achtziger Jahre die Beats der Winstons gesampelt, jeder, der als Hip-Hop-DJ damals etwas auf sich hielt, kannte das Schlagzeugsolo aus "Amen Brother".

Doch damit war der Zenit der Erfolgsstory noch längst nicht erreicht. Nur wenige Jahre später entdeckten Hunderte DJs und Produzenten in England den "Amen Break", beschleunigten ihn und machten die vier Takte zum Grundgerüst Tausender Tracks. Mitte der neunziger Jahre war daraus mit der Jungle- und Drum'n'Bass-Musik eine ganze Musikkultur entstanden, die erst England, dann Europa und schließlich die ganze Welt erfasste.

Und die im Wesentlichen auf dem sechs Sekunden dauernden Schlagzeugsolo des Winston-Drummers Gregory Coleman basierte.

"Für uns war 'Amen Brother' damals eine absolute Dreingabe, wir haben das Ding in zwei Takes eingespielt und uns nicht weiter dafür interessiert", sagt Spencer. Eigentlich waren die Winstons ins Studio gegangen, um "Color Him Father" aufzunehmen, ihren ersten und einzigen eigenen Song.

Comeback eines Wegwerf-Songs

"Wir waren das, was man damals eine Top-40-Band nannte", sagt Spencer, "wir hatten keine eigene Platte auf dem Markt, sondern traten in Bars auf und spielten das, was gerade oben in den R'n'B-Charts stand." The Winstons waren eine zusammengewürfelte Truppe aus Weißen und Schwarzen, die sich aus Spaß an der Musik zusammengefunden hatten - und die es nicht störte, wenn am Ende einer Woche voller harter Auftritte in kleinen Clubs gerade mal 100 Dollar für jeden heraussprangen.

Dann wurden Spencer und die anderen von Curtis Mayfield and the Impressions als Band engagiert. Nun gab es 40 Dollar pro Nase und Aufritt - und außerdem die Geburt von "Amen Brother": "Der Song war das, was wir einen Chaser nannten - ein schnelles Instrumentalstück, das wir immer dann spielten, wenn Mayfield auf die Bühne kam oder von der Bühne ging", erklärt Spencer. "Nichts also, woran wir nach der Aufnahme noch einen Gedanken verschwendet hätten."

Aber warum wurde dann genau dieser Song zum Grundstein für Hunderte Songs? Dieser Frage geht der Künstler Nate Harrison schon seit Jahren nach. Seine Faszination für das kleine Stück Musikgeschichte hat er in der 20-minütigen Audio-Installation "Can I Get an Amen" zusammengefasst - aber eine Antwort, die ihn rundum befriedigt, immer noch nicht gefunden. "Sicher, es ist ein relativ langer Break, man hat viel Material, das man sampeln kann", versucht er im Interview eine Erklärung.

Drum-Breaks als Rap-Geheimwaffe

Und ja, das mag bei den ersten Gehversuchen mit dem "Amen Break" sicher auch ein Argument gewesen sein. Damals, als die sogenannten Sampler, Geräte, mit denen man Ausschnitte von Musik aufnehmen und in immer wiederkehrenden Loops aneinanderreihen kann, die Musikwelt revolutionierten und zum festen Bestandteil von Hip Hop wurden. Die Rapper extrahierten die Beats aus der Mitte von "Amen Brother" mit dem Sampler, verlangsamten das Tempo und hatten so eine drückende, treibende Schlagzeuguntermalung für ihre Reime.

Doch die Länge allein kann den Erfolg des "Amen Break" nicht erklären. In den sechziger und siebziger Jahren war es gang und gäbe, Schlagzeugsoli in die Songs einzubauen. "'Give him some' hieß das damals, gib dem Drummer Zeit zum Spielen - das machten alle, wirklich alle", pflichtet auch Spencer bei. Entsprechend wurden auch andere Drum-Soli im Sampler zur Rap-Geheimwaffe, zum Beispiel der "Funky Drummer"-Break des James-Brown-Schlagzeugers Clyde Stubblefield, der zusammen mit dem "Amen Break" als meistgesampeltes Schlagzeugsolo der Welt gilt.

Doch was ist es dann, das die Anziehungskraft des "Amen Break" ausmacht? Ist es das monoton durchgeschlagene Becken oder die scharfe Snare Drum, die "süchtig macht", wie Nate Harrison sagt? Oder ist es die Tatsache, dass man das Filetstück des Winston-Instrumentalsongs, anders als die meisten Breaks seiner Zeit, in verschiedenen Tempi spielen kann und immer einen treibenden Beat bekommt?

Suchtfaktor "Amen Break"

Tatsächlich übt der "Amen Break" schnell eine Faszination aus, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Schon im Original wirkt er hynoptisch: kein Basslauf, keine Percussion, nichts stört, vier Takte purer Groove. Seine ganze Magie entfaltet der "Amen Break" aber erst, wenn man ihn in unterschiedlichen Geschwindigkeiten abspielt. Verlangsamt wird der Beat zu einem Kopfnicker - unglaublich massiv und druckvoll. Beschleunigt man die vier Takte, entwickeln sie plötzlich eine schwingende Leichtigkeit, die in die Beine geht. Und dann ist da noch dieser verflixte vierte Takt: Dieses Stolpern, diese gewollte Verzögerung, das Warten der Bass Drum, das mit einem scheppernden Schlag auf das Becken gekrönt wird - es ist eine Konstruktion, in der man sich verlieren kann.

Und genau das passierte: Nachdem er in seinem Ursprungsland USA eher vereinzelt recycelt wurde, entstand in England Anfang der Neunziger ein regelrechter Kult um die vier Takte des "Amen Brother". "Jeder Breakbeat-Produzent, der irgendetwas auf sich hielt, verwendete und verehrte den 'Amen Break'", sagt Nate Harrison. Manche Künstler wie Havratski oder Luke Vibert produzierten ganze Alben, die nur den "Amen Break" verwenden - zu einer Zeit wohlgemerkt, in der längt jeder mit Hilfe von Drum-Computern seine eigenen Beats komponieren konnte.

"Es gab Produzenten mit einem regelrechten 'Amen'-Fetisch", sagt Nate Harisson. Leute wie Squarepusher oder Aphex Twin namen den Break Bauteil für Bauteil auseinander und setzten ihn wieder neu zusammen, so komplex, so verdreht, so vielschichtig, dass er kaum noch tanzbar war. Hinter dieser intellektuellen Breakbeat-Speerspitze stampfte die große Armee von Drum'n'Bass-Produzenten, die sich damit begnügten, den "Amen Break" weitgehend unverändert zu verwenden - so lange und so beharrlich, bis der Beat ins kollektive musikalische Unterbewusstsein übergegangen war und selbst von Werbeagenturen zur Untermalung ihrer trendigen Spots verwendet wurde.

Zerstört vom Ruhm

Von all dem hatten die Winstons keine Ahnung. Ein gutes halbes Jahr, nachdem die Band im Studio "Color Him Father" und die B-Seite "Amen Brother" aufgenommen hatte, zerbrach die Gruppe, "am Erfolg", wie Richard Lewis Spencer glaubt. Nach Anlaufschwierigkeiten wurde "Color Me Father" im Herbst 1969 zum Millionen-Seller und stürmte die amerikanischen Charts.

Plötzlich veränderte sich alles. "Vorher waren wir einfach froh, zusammen Musik machen zu können. Es hat uns nichts ausgemacht, nichts zu haben. Ein Pappeimer Chicken Nuggets von KFC, in den wir alle reingriffen - das hat uns glücklich gemacht", beschreibt Spencer die Zeit vor dem Chartsturm. Doch dann konnte die Band aus ihrem Erfolg kaum Kapital schlagen: "Wir hatten zwar eine Single in den Top Ten, aber niemand buchte uns - weil wir eine gemischtrassige Band waren. Die weißen Clubs wollten uns nicht, weil wir Schwarze in der Band hatten, und die schwarzen Clubs wollten uns nicht, weil wir Weiße in der Band hatten", beschreibt Spencer die vertrackte Situation. Frust macht sich breit, Angst, wie es weitergeht, Diskussionen begannen. Wer eigentlich wie viel Anteil an der Komposition gehabt hatte- Und wer künftig das Wort führen sollte. Im November, kurz vor dem Start einer Multimillionen-Dollar-Tour, trennte sich die Band.

"Ich kehrte zurück in meine Heimatstadt Washington. In der Tasche hatte ich den Grammy für 'Color Him Father' und einen Führerschein. Rate mal, was mir mehr genutzt hat!", sagt Spencer. Er kehrte dem Musikbusiness den Rücken, trat eine Stelle als Busfahrer an und besucht parallel die Universität. Zu den anderen Bandmitgliedern hatte er keinen Kontakt mehr.

Am Ende obdachlos

Spricht man mit Spencer darüber, dass er nie finanziell vom Erfolg des "Amen Break" profitiert hat, ist die Bitterkeit in seiner Stimme nicht zu überhören. "Am meisten tut es mir für Gregory leid. Soweit ich weiß, ist er als Obdachloser gestorben. Dabei hätte er Multimillionär sein müssen!"

Doch auch an ihm nagt der Frust über die Ungerechtigkeit. Selbst die Tatsache, dass sein Song, seine Komposition, diese sechs Sekunden purer Rhythmus zum Fundament für eine ganze Jugendkultur geworden und längst in die Annalen der Musikgeschichte eingegangen sind, macht ihn nicht stolz. "Ich verstehe es nicht", sagt er und schiebt hinterher, "sie haben doch alle nur geklaut."

Auf die direkte Frage, ob es ihn frustriert, gibt er freilich eine andere Antwort. "Es gibt zwei Sorten von reichen Menschen. Die, die sich alles kaufen können, und die, die alles haben. Ich bin als Schwarzer im rassengetrennten Amerika geboren worden. Ich habe es trotzdem geschafft, Musiker in einer der kulturell spannendsten Zeiten zu sein. Ich habe einen Grammy gewonnen, danach habe ich studiert, mich gebildet, eine wunderbare Frau geheiratet und einen Sohn gezeugt. Es kann sein, dass alle anderen mit meinem Song Geld verdient haben - aber ich bin auch reich."

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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
v klink, 17.02.2011
1.
Wenn ich richtig hingehört habe, ist sogar die Futurama Titelmelodie mit dem Amen-Beat unterlegt. Vielen Dank für diesen klasse Beitrag! Könnte man dem "Funky Drummer" ebenfalls gönnen...
Gila von Meissner, 17.02.2011
2.
Ahhhh..... immer panischer habe ich mich durch die Galerie geklickt, den Beat sofort in meinem persönlichen Lieblingslied erkannt - und dann sollte es nicht dabei sein? An letzter Stelle dann Reprazent/ Roni Size.... Danke dafür!
aleks discodust, 17.02.2011
3.
Schöne Hommage an den wohl wirklich am meisten gesampleten 'Break' überhaupt. Allerdings sind die verwendeten Hörbeispiele ziemlich verwirrend... Der Ausschnitt zu 3rd Bass scheint ein anderer Track als 'Wordz Of Wisdom' zu sein, zumindest ist hier nicht der Hauptteil mit dem Amen Break zu hören. In "Unbelievable" von EMF höre ich keinen Amen-Break raus, sondern den Break von "Ashley's Roachclip" von The Soul Searchers. Bei dem gewählten Ausschnitt aus "Chico: Death Of A Rockstar" von Goldie ist der Amen auch nicht zu hören, wohl aber in anderen Teilen des Tracks. Der Break von 'Firestarter' klingt sehr nach einem Break aus 'Devotion (The Voice Of Paradise Mix)' von Ten City, den Amen höre ich da nicht. 'Music' von LTJ Bukem verwendet den 'Hot Pants' Break von Bobby Byrd. Und in 'Brown Paper Bag' von Roni Size ist ebenfalls kein Amen zu hören für mich.
Michael Arndt, 17.02.2011
4.
Au man, das ist jetzt aber ein gaaaanz alter Hut. ;)
Louis Dimanche, 17.02.2011
5.
Ein wunderbarer Beitrag zum Amen Break aus dem Jahre 2006 (und das war das Datum, an dem der CCC das veröffentlichte ...): http://chaosradio.ccc.de/ctv031.html Also keine Entdeckung aus dem Jahre 2010 ... Aber danke für die Erinnerung an viele tolle Stücke ...
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