Kultserie 90210 Kein Sex im Vorort

Kultserie 90210: Kein Sex im Vorort Fotos
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Sie knutschten auf dem Schulhof, stritten mit ihren Eltern und betranken sich auf dem Abschlussball: die Teenies aus der Serie "Beverly Hills 90210" lebten dasselbe Leben wie wir - nur dass sie besseres Wetter und coolere Klamotten hatten. Und sich manchmal aus Versehen einer in den Kopf schoss. Von

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Im Jahr 1992 hat es von Januar bis Dezember geregnet, jeden Tag, 24 Stunden lang - zumindest kam es mir so vor. Ich ging noch zur Schule und träumte von der großen weiten Welt. Von einem Tag auf den anderen war ich dann plötzlich mittendrin - in Beverly Hills, Kalifornien. Genau genommen kam die Welt zu mir ins Wohnzimmer: Im Fernsehen lief "Beverly Hills 90210", eine brandneue Teenie-Serie frisch aus den USA.

Genau wie die Zwillinge mit den zugegebenermaßen ziemlich bescheuerten Namen Brenda und Brandon Walsh, die gerade neu in die exklusive Nachbarschaft gezogen waren, bestaunten meine Freundinnen und ich die Schönen und Reichen im Luxus-Viertel mit der Postleitzahl 90210. Oder wie wir Insider sagen: "Nine Oh Two One Oh".

Am Strand mit Brandon und Brenda

Brenda und Brandon waren mit ihren Eltern aus dem beschaulichen Minnesota nach Beverly Hills gezogen, wo immer die Sonne scheint. Im Handumdrehen wurden sie Mitglieder der coolsten Clique der Schule. Einer Schule, an der alle Schüler mindestens Mercedes oder BMW fuhren.

Wir wollten leben wie Brenda und Brandon: Unsere schönen Körper bei ewig schönem Wetter in die neusten Sommerkleider hüllen, im Cabrio zum Strand fahren, Schulaufgaben nur so nebenbei machen und uns ansonsten ausschließlich mit dem High-End-Sozialleben befassen. Leider saßen wir im verregneten Deutschland, der Strand war weit weg und wir durften noch nicht einmal den Führerschein machen. Da blieb also nur Fernsehen.

Neben den gerade zugezogenen Zwillingen trafen wir in den ersten Staffeln auf die verwöhnte High-School-Schönheit Kelly Taylor und ihre beste Freundin, die überzeugte Jungfrau Donna Martin, die sich im Lauf der Serie mit Dyslexie und einer Beinahe-Vergewaltigung auseinandersetzen musste.

Problemlösung per Scheckbuch

Von der intelligenten Andrea Zuckerman erfuhren wir im Laufe der Serie, dass sie eigentlich im falschen Viertel wohnte und heimlich pendelte, während Dylan McKay vom Geld seines im Gefängnis sitzenden Vaters im Hotel lebte. Steve Sanders, Ex-Freund von Kelly, hatte zwar Geld aber wenig Glück bei den Mädchen. Der Anfangs noch uncoole David Silver gehörte erst richtig zur Clique, nachdem sich sein noch uncoolerer Freund Scott aus Versehen selbst erschossen hatte.

Es war eine schöne Zeit mit den Freunden aus Beverly Hills. Sie teilten unsere Sorgen und Nöte: Krach mit der besten Freundin, heimliches Verliebtsein, Streit mit den Eltern oder Ärger in der Schule. Und hatte jemand in misslicher Lage seine Lektion gelernt, tauchte am Ende immer Daddy auf und löste den Rest mit einem dicken Scheck.

Brandon, der Langweiler!

Uns war klar, dass die Geschichten ziemlich an den Haaren herbeigezogen waren und dem Prinzip der groben Übertreibung folgten. Dennoch fühlten wir mit unseren amerikanischen Freunden. Beispielsweise mit Donna, die ihren Schulabschluss dadurch riskierte, dass sie auf dem Abschlussball Alkohol trank. Nur manchmal wurde es übermäßig skurril: Zum Beispiel als Brenda beobachtete, dass ihre Mutter ihrem Vater eines Morgens keine Grapefruit aufschnitt und sie gleich eine Ehekrise vermutete. Aber die meisten Probleme kamen den unseren doch sehr nahe.

Die wohl langweiligste Figur der Serie war der von Jason Priestley gespielte Brandon Walsh. Ich konnte ihn nicht ausstehen. Etliche weibliche Fans werden jetzt wahrscheinlich entsetzt aufschreien ("Er war doch sooo süß!"). Aber er war eben entsetzlich langweilig! Immer, immer, immer musste er alles richtig machen, moralisch korrekt handeln und reden und noch schlimmer: andere ständig auf ihre Verfehlungen aufmerksam machen. "Nein, so etwas darf man nicht über jemand anderen sagen. Entschuldige Dich bitte dafür oder wir können nicht mehr befreundet sein." Das war einer seiner Standardsätze.

Trotz dieser ätzend-moralinsauren Einstellung wurde er heiß und innig angehimmelt von Andrea Zuckerman, der Schülerzeitungs-Aktivistin aus nicht ganz so reichem Haus, die so unglaublich intelligent war. Sie schwärmte Brandon so holzhammerartig an, dass es wirklich an ein Wunder grenzte, dass er davon nichts mitbekam. Meine Freundinnen und ich nannten es das "Brandon-Syndrom". Es begegnete uns öfter. Manche Jungs waren eben einfach zu blöd zu merken, wie verknallt man in sie war.

Die taffe Zicke Brenda

Meine Lieblingsfigur blieb die von Shannen Doherty gespielte Brenda Walsh. Alle sagten, sie sei zickig, dabei hatte sie nur ihren eigenen Willen. Angesichts der vielen "I hate Brenda"-Kampagnen stand ich mit meiner Meinung allerdings ziemlich alleine da. Nach vier Staffeln und einem Streit mit dem Produzenten Aaron Spelling flog sie dann leider aus der Serie.

Shannen Doherty sagte später, sie sei stolz, so heftige Reaktionen hervorgerufen zu haben. Wirklich gehasst zu werden sei immer noch besser als einfach nur ein bisschen gemocht. Das fand ich auch. Ehrlich rausgeschmissen zu werden ist allemal besser, als mit einem "Pleeease Daddy!" (Augenplinker) in die Serie reinzukommen. So ungefähr muss Donna Martin, gespielt von der damals erst 16-jährigen Tori Spelling, in die Serie gerutscht sein. Die Figur war nachträglich ins Drehbuch reingeschrieben worden, die Namensgleichheit mit dem Produzenten Aaron Spelling kein Zufall - Tori ist seine Tochter.

Wie könnte auch ein Vater, der seiner kleinen Tochter mehrere Tonnen Schnee vor die Villa in Los Angeles liefern lässt, um ihr ein "Weißes Weihnachten" bescheren, seiner Tochter den simplen Wunsch nach einer Schauspielkarriere versagen? Toris fünf Jahre jüngerer Bruder Randy durfte übrigens ebenfalls mitspielen, als Ryan Sanders, der kleine Bruder von Steve - immerhin 14 Folgen lang.

Ex-Freund, Dauerliebhaber, Fast-Ehemann

Bezeichnend für die oft hemdsärmlige Machart der Serie war die Besetzung des damals 25-jährigen Luke Perry als Dylan McKay, des Motorrad fahrenden und surfenden Rebellen mit der sensiblen Seele, der sogar mal Virginia Woolf gelesen hatte. Das Perry für einen Schüler zu alt war, schien die Macher nicht zu stören. Mich schon. Der Ex-Freund von Kelly, Dauerliebhaber von Brenda und Fast-Ehemann der Mafiosi-Tochter Antonia, die am Morgen der Hochzeit Kapuzenpullover tragend mit Dylans Auto fuhr und an seiner Stelle ermordet wurde, verließ nach fünf Staffeln die Serie, um eine ernsthafter Kinokarriere anzustreben. Ein Projekt, das offenkundig scheiterte. Drei Jahre später tauchte Dylan wieder in Beverly Hills auf.

Im Laufe der insgesamt zehn Staffeln kamen und gingen noch viele Figuren. Ich aber bin eigentlich schon zusammen mit Brenda ausgestiegen. Ohne sie war einfach nichts mehr wie vorher.

Wiedersehen unter Freundinnen

Einige Jahre später habe ich die Mädels übrigens wiedergesehen: die etwas schwierige Brenda, die sexuell erfahrene Kelly, die leicht biedere aber romantische Donna und die nicht ganz so hübsche, dafür aber noch intelligentere und beruflich erfolgreiche Andrea.

Sie lebten inzwischen in meiner neuen Traumwelt, dem glitzernd-glamourösen New York, beschäftigen sich in erster Linie mit Designerklamotten, Männergeschichten und Nachtleben. Trotz beruflichen Erfolgs verbrachten sie so gut wie nie Zeit am Arbeitsplatz, gingen stattdessen Shoppen, zu Dates mit unglaublich gutaussehenden und reichen Männern oder saßen zusammen in schicken Bars und redeten übers Shoppen und Dates mit unglaublich gutaussehenden Männern.

Ach ja, sie nennen sich jetzt Carrie, Samantha, Charlotte und Miranda und die Serie heißt "Sex And The City".


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1.
Nils Heininger 27.02.2008
Was meines Erachtens in dem Artikel zu kurz kommt ist die für mich erstaunliche politisch korrekte Vorbildfunktion der Serie, die sie nicht daran hinderte zum Kult zu werden. Sicherlich manchmal übertrieben, wenn Brandon nach einem Abend mit etwas Bole von Dylan zu einem Treffen der anonymen Alkoholiker geschleppt wird .... Dennoch dieses erstaunliche Verantwortungsbewusstsein der damaligen Drehbuchschreiber hat sicher viele Millionen von "Kids" positiv geprägt hat und so langweilig Brandon auch war so wichtig war sein Rolle als "cooler Moralapostel" für eine ganze Generation.
2.
Alexandra Simon 27.02.2008
Ich teile Hernn Heiningers Meinung bezueglich der korrekten Vorbildfunktion, und offen gesagt empfand ich Brandon nie als soooooooo langweilig. Ich hatte zwar keinen Liebling in der Serie, weder Frau noch Mann, aber ich empfand Brandon immer als einen interessanten Charakter, der ambitioniert seinen Weg gehen wollte. Auch muss ich zugeben, dass mich Donna in den spaeteren Jahren schauspielerisch mehr ueberzeugte, als ihre weiblichen Kolleginnin. Soweit ich mich erinnere, ist Dylan's Frau erst nach der Hochzeit ermordet worden, und nicht davor, aber hierfuer moechte ich meine Hand nicht ins Feuer legen. Ich habe diese Serie jeden Samstag mit grosser Begeisterung verfolgt, obwohl ich damals schon "21 Jahre" alt war, und eigentlich gar nicht direkt zur Zielgruppe gehoerte, sondern wohl eher zu der von Melrose Place. Allerdings hat mich Melrose Place nie begeistern koennen, lediglich zwei Folgen habe ich ertragen, mehr nicht. Beverly Hills hatte damals auch in mir die Sehnsucht nach Amerika oder einem Leben ausserhalb Deutschlands wieder aufkeimen lassen, und offen gesagt war es gar kein so schlechter Impuls. Allerdings habe ich diese Serie nur ein paar Jahre verfolgt, eine laengere Pause gehabt und dann wieder mal eine Folge gesehen, allerdings war ich diesmal weniger begeistert, so dass es tatsaechlich nur bei einer Folge blieb. Sehr wahrscheinlich war ich dann doch einfach viel zu "alt" dafuer:-) Den Vergleich zu Sex and the City kann ich allerdings nicht unterstuetzen, hier ein Paradigma zu setzen erscheint mir zu weit hergeholt. Obwohl Frau und Mitte 30 konnte ich mich nie mit dieser Serie identifizieren, sie geschweige denn ertragen.
3.
Brigitte Orangindo 28.02.2008
Brandon ist so cooool! Mitten in einer Prüfung gab er einfach den Prüfungsbogen ab um zu seiner kranken ... zu gehen.. Ich habe die Serie geliebt, hab mich mit Brenda identifiziert bis zu dem Zeitpunkt als sie den Schwangerschaftstest gemacht hat. Ich war 12 und war einfach schockiert. Meine späte Heldin war die Tochter des Rektors (?) des Colleges, die mit Kelly und Donna ein Apartment geteilt hat, die wenn sie alleine schlafen musste, immer schnarchte und außerdem ein photographisches Gedächtnis hatte. Wie hieß sie eigentlich nochmal?
4.
Stefan Schunck 28.02.2008
Der Vergleich zu "Sex and the City" hinkt meiner Meinung nach auch arg. "90210" war auch für Männer interessant, SATC hingegen doch eher auf ein weibliches Publikum zugeschnitten. Auch mir fehlt im Artikel ein bisschen der oft übertrieben zur Schau gestellte "moralische Zeigefinger", der sich wie ein roter Fade durch alle Staffeln zog. Hätte man vielleicht noch ein wenig genauer herausarbeiten können.
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