Kultspielzeug Flipperautomat Stahlkugelregen in der Traummaschine

Ihre Fanfaren erklangen überall, ihre Lightshow machte Generationen glücklich. Dann verschwanden Flipper aus Kneipen, Raststätten und Waschsalons. Doch Bastler, Sammler und Profis einer weltweiten Pinball-Liga huldigen den Daddel-Dinos bis heute - und erleben epische Abenteuer auf den Wundertischen.

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Deutsches Flippermuseum e.V.

Es war ein bizarres Szenario: Im April 1976 stand Roger Sharpe in einem Gerichtssaal in Manhattan vor einer Kommission von Rechtsexperten - und flipperte. Der Buchautor und passionierte Pinball-Fan wollte beweisen, dass eine Partie an einem Flipperautomaten mehr ist als ein Glücksspiel. Er wollte zeigen, dass es dabei auf Präzision und Geschicklichkeit ankommt.

Sharpe machte es wie die Boxlegende Muhammad Ali. Dieser hatte in seinen besten Zeiten regelmäßig angesagt, in welcher Runde er seinen Gegner auf die Matte schicken würde. Sharpe erklärte vor seinem Spiel geduldig, welche Ziele er in welcher Reihenfolge treffen und welche Punktzahl er damit erzielen würde. Dann zog er die Kugel ab - und machte Flippern in New York legal.

Damit beendet er einen vier Jahrzehnte währenden Bannspruch, der für die Pinball-Automaten im Big Apple und anderen amerikanischen Großstädten verhängt worden war. Es war ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum weltweiten Erfolg der Pinball-Automaten und der Beginn ihrer goldenen Ära.

Pinball ohne Flipperhebel

Dabei war das Element Glück beim Flippern schon seit langer Zeit kaum noch ein Thema: Mit der Einführung der Flipperhebel 1947 bei dem Automaten "Humpty Dumpty". Zuvor bestand die Faszinationen dieser Geräte ausschließlich darin, einen Ball durch ein Labyrinth in ein Brett eingeschlagener Nägel rollen zu lassen und so eine möglichst hohe Punktzahl zu erzielen. Geräte dieser Art wurden bereits im 18. Jahrhundert in Frankreich erfunden. Sie hießen dort Bagatelle-Automaten.

Die Einführung der Flipperfinger jedoch befreite den Spieler aus der Rolle des Zuschauers - und löste eine wahre Pinball-Revolution aus. Nach und nach wurden immer mehr verrückte Spielelemente erfunden, wie zum Beispiel 1963 der allseits beliebte "Multiball", bei dem man als Spieler einen wahren Stahlkugelregen über das Spielfeld schießen kann.

Der größte Boom neuer Spielmodi rollte aber Ende der Siebziger bis in die neunziger Jahre auf die Flipperfans zu. In dieser Zeit mussten sich Hersteller wie Williams und Bally gegen die immer erfolgreicher werdenden Videospiele behaupten. Das Ergebnis waren Pinball-Monster mit mehreren Ebenen, absurden Spielmechanismen, gigantischen Spielfeldern und - kurioserweise - komplexen Videospielelementen in den Kopfaufsätzen, den Anzeigetafeln der Flipper.

"Willkommen auf der Enterprise"

Doch mit dieser Entwicklung taten sich die Hersteller keinen Gefallen: Plötzlich waren aus den blinkenden Boxen, die Gelegenheitsspielern ein bisschen Ablenkung und Unterhaltung bieten sollten, eine Wissenschaft geworden, auf die man sich einlassen musste. Statt Momente kleinen Glücks erlebten Freizeitspieler an den neuen Automaten oftmals Frust. Ein Faktor, der, zusammen mit den hohen Unterhaltskosten der Geräte und dem Siegeszug von Arcade-Automaten und Videospielkonsolen für Zuhause dafür sorgte, dass der Stern der Flipper stetig sank.

Heute muss man sich selbst auf Deutschlands größter Amüsiermeile, der Hamburger Reeperbahn durch mehrere trostlose Spielhöllen voller Geldspielautomaten fragen, um endlich einen Flipper zu finden. Ende der Siebziger gehörte eine solche Spaßmaschine fast schon zur Standardausstattung einer Kneipe. Sogar in Restaurants, Raststätten und Waschsalons blinkten die Automaten. Allein 1979 wurden nur in Deutschland 40.000 Automaten neu gekauft, 200.000 Geräte waren öffentlich aufgestellt. Zum Vergleich: 2007 standen selbst in Deutschlands größter Spielhallen-Kette Merkur nur noch schlappe 43 Flipperautomaten - verstreut auf 200 Filialen.

Doch tot sind Flipper deswegen noch lange nicht, eine kleine aber besonders treue Fangemeinde hält den Daddel-Dinosauriern die Treue. Einer von ihnen ist Axel Hillenbrand. Für den diplomierten Sozialpädagogen begann das Flipper-Fieber erst vor drei Jahren. Zum bestandenen Abschluss seines Studiums hatte er sich mit einem "Star Trek"-Flipper auf Ebay belohnt - ein absoluter Fehlkauf. "Als die Maschine ankam, stellte sich heraus, dass sie vollkommen defekt war", erklärt Hillenbrand mit einem stillen Lächeln auf den Lippen.

Denn der Moment der Frustration war nur von kurzer Dauer. Das kaputte Spielgerät wurde für den Flipper-Afficionado in spe zur Herausforderung - und zu einem echten Erweckungserlebnis. Zusammen mit Harald Fleischhauer, einem befreundeten Elektroingenieur, setzte er das Gerät in wochenlanger Werkelei wieder instand. Als Hillenbrand dann das erste Mal eine Münze einwarf und den Startknopf drückte, begrüßte ihn die Stimme von Raumschiff-Kapitän Jean-Luc Picard: "Welcome to the Enterprise". "Da wusste ich, dass dies nicht mein letzter Flipperautomat sein würde."

Flippermuseum zum Anspielen

In kürzester Zeit trugen Hillenbrand und Fleischhauer dutzende Automaten zusammen. Und als ihre Frauen schließlich Einspruch einlegten, weil kein Platz für mehr Geräte sei, eröffneten die beiden kurzerhand eine Ausstellung. Im Deutschen Flippermuseum in Neuwied blinken und lärmen über 70 voll funktionstüchtige Flippermaschinen aus acht Jahrzehnten - zum anfassen und spielen.

Begeisterte Privatiers mit Technikverstand sind heute wohl auch das beste Zuhause für die komplexen Maschinen: Ein durchschnittlicher Pinballautomat besteht aus rund 6000 Teilen und 7500 elektronischen Verbindungen, die verdrecken, klemmen, durchbrennen können - viel Liebe ist nötig, um die Dinosaurier zu pflegen.

Über das Web sind diese verstreuten Pinball-Liebhaber so eng miteinander vernetzt wie kaum eine andere Sammlergemeinde. Dort werden nicht nur Ersatzteile gehandelt, technische Fragen geklärt und über die besten Flipper der Welt philosophiert. Es gibt gleich zwei Wikipedia-Versionen, die nur diesem Thema gewidmet sind. Und in der "Internet Pinball Database" findet man jeden Flipper, der jemals gebaut wurde mit Bildern und ausführlichen Informationen. Und in nationalen und internationalen Flipperligen messen sich Pinball-Perfektionisten in ihrem Können.

Eine Mischung aus Golf und Schach

Einer der besten deutschen Spieler ist Peter Scheldt. Wie Hillenbrand ist auch der Polizeibeamte aus Amöneburg erst seit etwa drei Jahren dabei. Doch schon 2007 wurde Scheldt Deutscher Flippermeister, Mittlerweile steht sein Name auf Platz 45 der Top 1000 des "World Pinball Player Rankings". Doch der 37-Jährige bleibt bescheiden: Sein Können sei, verglichen mit dem der Pinball-Spieler, die in der Weltrangliste ganz vorne liegen, "wie beim Fußball die Championsleague mit der Kreisliga zu vergleichen."

Begeistert erzählt er von den Größen des Flippersports, die er auf Wettkämpfen in England und den USA beim Spielen beobachten durfte. Lyman Sheats, derzeit auf Platz 8 der Weltrangliste, habe beispielsweise eine ganz besondere Spielweise. "Der duckt sich vor dem Gerät, hat den Kopf immer auf Höhe der Scheibe und behandelt den Automaten ganz vorsichtig." Bowen Kerins hingegen, die aktuelle Nummer 2, hört beim Spielen Musik über Kopfhörer und singt lauthals mit. "Da könnt ich gar nichts", gibt Scheldt bewundernd zu.

Für den Flippersportler ist das Spiel eine Mischung aus Golf und Schach - die Präzision mit der er die Kugel mit den Flipperfingern in Richtung seiner Ziele schlägt, kommt vom Golf, die Taktik mit der er seine Züge vorausplant, um möglichst viele Punkte zu erzielen, vom Schach. Doch Scheldt spielt nicht immer nach Punkten. In seinem Keller hat er mittlerweile fünf Geräte stehen. Spielt er an ihnen, geht es dem Polizisten darum, den Flipper "durchzuspielen". Wie bitte?

"Das ist wie ein Rollenspiel", erklärt Scheldt, "der Flipper gibt Missionen vor, die man starten und erspielen muss." Mit der Kugel als Protagonisten erlebt er auf dem engen Spielfeld eines Pinballtisches komplexe Abenteuer. In dem Klassiker "Medievil Madness" müssen Skelettarmeen zurückgeschlagen und Prinzessinnen gerettet werden und in "Herr der Ringe" kann Scheldt gleich die ganze Trilogie durchspielen. "Dieses Gerät ist relativ neu, von 2003, da gibt es so viele Missionen, das ist der reine Wahnsinn", freut sich der Polizist.

Pure Pinball-Magie

Doch diese Faszination erschließt sich offensichtlich nur noch einem kleinen Kreis von Eingeweihten. Von den großen Firmen der Flippergeschichte hat nur ein Hersteller überlebt: Stern Pinball produzierte jüngst das Spiel zum letzten Batman-Film "Dark Knight". Sein neuester Flipper ist ein Gerät zur erfolgreichen Krimi-Serie "CSI". Doch selbst Modelle, die von erfolgreichen Franchises profitieren, haben es nicht leicht auf dem Markt.

Roger Sharpe jedoch kann auch über dreißig Jahre nach seinem Schau-Spiel im New Yorker Gerichtssaal kein Computergame der Welt von seiner Begeisterung für das Flippern kurieren. Der Familienvater ist nicht nur Autor des Flipper-Standardwerks "Pinball!" er hat auch eigene Automaten entwickelt - und seine beiden Söhne mit dem Pinball-Virus infiziert. Josh und Zach belegen Platz 3 und 5 der Flipper-Weltrangliste.

Und wenn man den Pinball-Veteranen fragt, was ihn an den Maschinen interessiert, weckt man den Poeten in ihm: "Ein guter Automat ist eine kunstvolle, interaktive Fantasie hinter Glas." Wenn die Architektur des Geräts dem Spiel Rhythmus und Flow verleihe. Wenn die Geschichte, die der Spieler erleben kann ebenso spannend und vielschichtig wie nachvollziehbar und verständlich erzählt sei. Und wenn die Sound-Effekte, das Artwork und die blinkenden Lichter uns komplett in das Spiel eintauchen lassen, schwärmt Sharpe: "Dann ist das pure Pinball-Magie."

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Polg Hirstenskötter, 02.12.2008
1.
Zu diesem Thema gibt es von George Maledik den sehr sehenswerten Film "Tilt - The Battle to Save Pinball", der den Untergang von Williams' Pinball-Abteilung trotz spektakulärer Neuentwicklungen der Designer und Ingenieure dokumentiert. Siehe http://www.tilt-movie.com . Mein Onkel hatte früher eine Kneipe, in der auch ein halbjährlich wechselnder Flipperautomat stand. Weil wir zwei Fahrtstunden entfernt wohnten, waren wir nicht oft dort, aber bei allen Besuchen war ich vom Flipper nicht wegzubekommen. In der Stadt, in der ich zur Zeit wohnhaft bin, konnte ich leider keinen Flipper finden, was aber auch an meiner Abneigung gegen Spielhöllen liegen mag...
Volker Eschen, 21.11.2014
2. Danke
Dass es ein Flippermuseum gibt, wusste ich bisher nicht. Jetzt weiß ich, wohin ich meinen nächsten Tagesausflug mache.
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