Kultspielzeug Quartett Die phantastischen Vier

Kultspielzeug Quartett: Die phantastischen Vier Fotos
Benjamin Maack

Diktatoren, Dönerbuden, dicke Karren: Das gute alte Quartettspiel erlebt gerade ein furioses Comeback - mit Kartendecks, die sich mit den absurdesten Themen beschäftigen. SPIEGEL ONLINE zeigt die tollsten Trümpfe aus hundert Jahren Quartettgeschichte. Sticht! Von Benjamin Maack

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Mein Schulkamerad Merten hatte alles, was ein Viertklässler sich wünschen konnte: ein Baumhaus, eine unverschämt hübsche, ältere Schwester und ein Wohnzimmer voller Papageien. Doch um eine Sache beneidete ich ihn mehr als um alles andere: seine beachtliche Quartettkartensammlung. Er hatte amerikanische Trucks, Schnellboote, Rettungshubschrauber, Flugzeuge, die verschiedensten Panzerquartette und ein ganz besonders aufregendes mit Dinosauriern. Wenn mein Vater sich mit seinen Freunden zum Skatspielen traf, konnte ich über seine langweiligen Karten nur müde lächeln.

Ganze Generationen von Kindern ließen Skatblätter links liegen und zockten lieber um Traumwagen und Monster-Trucks. Es gibt wohl kaum jemanden, der in seiner Jugend kein Quartett besaß oder zumindest damit gespielt hat. Denn die Karten waren nicht nur bunt und informativ, sondern mit Preisen ab zwei Mark auch für jeden erschwinglich.

Merten und ich verbrachten einige Sommer in seinem Baumhaus und spielten Trumpf beziehungsweise "Supertrumpf" oder sogar "Megatrumpf", wie manche Hersteller ihre Quartettspiele selbstbewusst tauften. Wir schickten die Leistungsdaten der Vehikel gegeneinander ins Rennen, wer mit besseren PS-Zahlen, Hubraumwerten und Höchstgeschwindigkeiten aufwarten konnte, bekam die Karte des anderen. Das heißt, eigentlich waren wir weder in dem Baumhaus, noch spielten wir Quartett. Denn in Wirklichkeit lenkten wir häuserblockgroße Zerstörer über die Weltmeere, fuhren tonnenschwere Lastwagen, knallrote Löschwagen oder ließen gigantische Dinosaurier aufeinander los.

Anzahl der Wirbel: 82 - sticht!

Bei all den Zahlen, die wir uns um die Ohren warfen, hatten wir natürlich keine echte Vorstellung davon, wie viel eine Tonne war oder was 24.300 Kubikzentimeter Hubraum für den Industrielöschzug aus dem Feuerwehrquartett bedeuteten. Doch die Kombination aus visuellem Reiz (ein riesiges Feuerwehrauto) und coolen Fakten, mit denen man sich gegenseitig überbieten konnte, beamten unsere Phantasie im Sekundentakt von einem Cockpit ins nächste. So wurde während des Spiels jeder zum Besitzer seiner eigenen Fahrzeugflotte, die er durch geschicktes Abwägen vergrößern oder verlieren konnte. Wir waren Kapitalisten mit Kartendecks.

Als auf einmal Leistung zählte

Die Mädchen spielten auch Quartett - Pferdequartett, Katzenquartett, Barbie-Quartett. Bis heute weiß ich nicht, mit was man sich bei einem Katzenquartett überbieten will. Aber es gibt ja auch noch diese andere Spielvariante, bei der es nicht darum geht, den anderen zu übertrumpfen, sondern sich durch das Fragen nach Karten Vierergruppen zusammenzustibitzen. Merten und ich haben das nie ausprobiert.

Tatsächlich ist das Sammeln von Vierergruppen aber die frühere Spielvariante. Das erste Kartenspiel, mit dem man sich auch übertrumpfen konnte, ein Autoquartett, kam erst 1952 heraus und stammt, aus Deutschland. Hier waren erstmals Sitzzahl, Höchstgeschwindigkeit, PS-Zahl, Hubraum, Anzahl der Türen und Zylinder angegeben. "Eigentlich war das als ganz normales Quartettspiel gedacht", erklärt Dr. Annette Köger, die Leiterin des Deutschen Spielkartenmuseums im baden-württembergischen Leinfelden-Echterdingen, "doch dann ließen die Kinder auf einmal die Leistungsdaten der Wagen gegeneinander antreten." 1955 erschien diese Spielweise dann erstmals in einer Anleitung.

Das Autoquartett von 1952 war, so Köger, auch der Beginn eines Trends, der technische Gegenstände zum Thema von Quartetten machte. "Zehn Jahre zuvor wäre es bei einem Rennquartett noch um die Fahrer gegangen", erklärt sie. Denn vor dem Erfolg der Vehikelquartette standen in den meisten Fällen Dichter, Denker, Maler, Komponisten und andere wichtige Köpfe der Geschichte im Mittelpunkt der Kartenspiele.

Von Mönchen erfunden

Das liegt daran, dass die Quartettkarten ihren Ursprung in Lernkarten haben, vergleichbar mit den selbstgeschriebenen Karteikartenstapeln, mit denen Schüler und Studenten heute ihren Stoff pauken. Diese Idee stammt von Thomas Murner. Der Franziskanermönch wollte seinen Schülern mit solchen Karten spielerisch Grammatik und Jura vermitteln und erfand dafür Anfang des 16. Jahrhunderts zwei Kartenspiele. Ein Jahrhundert später lernte der junge Ludwig XIV. mit dieser Methode die Reihenfolge seiner Vorfahren. Laut Köger keine leichte Aufgabe, denn das französische Königshaus leitete seine Herkunft selbstverständlich von Göttervater Zeus persönlich ab.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich dann das Quartett durch. In einem Dichterquartett beispielsweise galt es durch Nachfragen und Tauschen, einen Schriftsteller mit dreien seiner Werke zusammenzubringen. So hatte man die Bücher zwar noch nicht gelesen, aber konnte immerhin mit den Titeln angeben. Schnell kamen dann Karten hinzu, die sich mit Themen wie Benimmregeln, Kräuterkunde, historischen Schlachten und fremden Ländern beschäftigten.

Auch Ernst Krumbein glaubt fest an das Bildungspotential der Kartenspiele. Der pensionierte Mathelehrer sammelt seit beinahe 20 Jahren Quartette und gilt als einer der wichtigsten Experten in Deutschland. "Wenn die Eltern noch mit ihren Kindern Quartett spielen würden, wäre Pisa nicht passiert", ist sich der 73-Jährige sicher. Er selbst habe mit seiner Mutter und seinen Geschwistern oft um den Tisch gesessen und Quartette gespielt und so viel über die Flora und Fauna gelernt, aber auch über Literatur und Fahrzeuge. "Wenn ich manchmal Günther Jauchs 'Wer wird Millionär' einschalte, staune ich, wie wenig die Leute heute wissen."

Faschisten, Döner und Straßenlaternen trumpfen auf

Ich selbst kann mich leider an keinen einzigen der Panzer, Flugzeuge und Autos aus Mertens Sammlung erinnern, geschweige denn an ihre Leistungsdaten. Doch in letzter Zeit frage ich mich häufiger, was Merten wohl so treibt. Denn ich stoße ständig auf Quartette. Im Buchladen finde ich ein Dichterquartett, bei dem Roger Willemsen, Marcel Proust und Hemingway unter anderem in der Kategorie "Google-Treffer" gegeneinander antreten. Und ein Musikerquartett, in dem Mozart, Kurt Cobain und Madonna mit ihren Haarlängen wuchern.

Im Museumsshop der Kunsthalle in Hamburg wird es sogar noch irrer: Dort finde ich ein Quartett zum Thema Plattenbauten, eins über Berliner Straßenlaternen und eines namens "Schlicht sticht!", in dem man Alltagsgegenstände gegeneinander antreten lassen kann. Zum Beispiel den Stromverbrauch eines Staubsaugers gegen den einer Stehlampe.

In meinem Stammplattenladen schließlich bin ich ganz und gar baff. Auch hier liegen zwei Quartette auf dem Tresen. Das eine heißt "Seuchen", das andere "Tyrannen". Letzteres unterteilt einen Kartensatz von 32 Gewaltherrschern der Menschheitsgeschichte in die Quartett-Kategorien "Faschisten", "Militärs", "US-Marionetten", "Kleptokraten", "Monarchen", "Völkermörder", "Kommunisten" und "Religiöse Eiferer". Pol Pot, Pinochet, Kaiser Wilhelm II., Hussein und Hitler befehden sich hier in Kategorien wie "Alter der Machtübernahme" oder "Privatvermögen". Und mit ein paar Klicks in Internet stößt man auf Quartette um Dönerbuden, "Die Simpsons", Päpste, Sexstellungen und Biersorten.

"Ich dachte das Quartett würde aussterben"

Eine Renaissance des Quartetts würde der Sammler Krumbein trotzdem nicht ausrufen wollen. Aber er findet es immerhin interessant, dass in Kleinverlagen wieder mehr Quartette mit phantasievollen Themen hergestellt werden. "In den neunziger Jahren waren die Spiele so phantasielos, dass ich dachte, das Quartett würde aussterben", erinnert sich Krumbein.

Mittlerweile habe auch ich eine kleine, aber feine Quartettsammlung. Manchmal überlege ich, ob ich Merten kontaktieren soll, um ihn zu einer Runde einzuladen. Aber wahrscheinlich würden Merten und ich keinen großen Spaß mehr beim Spielen haben. Denn ehrlich gesagt zerbrach an den Quartetten unsere Freundschaft. Immer öfter wurden unsere Spiele durch Diskussionen unterbrochen, welche Werte eigentlich besser oder schlechter waren. War ein hoher Benzinverbrauch nicht eigentlich supercool, weil er auf einen gigantischen Motor hinwies? War es nicht friedfertiger, einen Panzer mit zurückhaltenderer Bewaffnung zu haben? Bedeutete "Hubraum" wirklich, wie laut die Hupe des Fahrzeugs war - und ist eine leisere Hupe nicht dezenter?

Neulich habe ich trotzdem noch einmal versucht, Quartett zu spielen. Es war ein Spiel um berühmte Gemälde. Doch mein Gegenüber legte die Karten nach wenigen Minuten beiseite. Ich hatte gefragt, ob bei dem ungesunden Kunstmarkt-Hype, der heute die Reinheit des Werks verdirbt, niedrigere Preise höhere nicht eigentlich ausstechen müssten.

Derzeit findet im Deutschen Spielkartenmuseum in Leinfelden-Echterdingen eine Quartettkartenausstellung zum Thema "Abenteuer Technik - Die Welt der Technik im Kleinformat entdecken" statt. Mehr Informationen finden Sie unter www.spielkartenmuseum.de


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insgesamt 7 Beiträge
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1.
Andreas Tang 01.07.2008
Vielen Dank für diesen erfrischenden Beitrag. Wissen Sie zufälligerweise, wo man diese doch etwas ungewöhnlichen Quartetts (insbes. "Plattenbau" und "Straßenlaternen") erwerben kann?
2.
Matthias Katte 01.07.2008
Die letzte "Quartettkarte" Star Wars ist deshalb so unverständlich, da es um eine Trading Card handelt, deren Zahlenwerte für ein eigenständiges Regelsystem sind.
3.
Volker Oppmann 01.07.2008
Hallo Andreas, die Plattenbauten und Straßenlaternen gibt es bei den netten Kollegen vom SUPERCLUB Berlin. Und noch etwas fürs Protokoll zum Thema "Schwarze Peter": Das ist nämlich der Untertitel unseres FÜHRER-QUARTETTS und nicht etwa der des im Artikel zitierten Tyrannen-Quartetts !!
4.
Leopold Pachmann 01.07.2008
Hallo zusammen, das Revival der Quartette ist echt ein sehr erfrischender Beitrag. Auch wenn die eigentlichen Karten gar nicht mehr zwingend notwendig sind - Nostalgie in den Händen zu halten ist schön und gut, aber lebendig find ich die Spiele im web2.0. Nur schde, dass man sie nicht immer gegeneinander spielen kann.
5.
Ralph Haiber 02.07.2008
Moin zusammen, die beiden zitierten Seuchen - & Tyrannen - Quartette, gibt es im Moment jedenfalls, nur in Hamburgs bestem Plattenladen FREIHEIT & ROOSEN (Paul-Roosen Str. / Kleine Freiheit) oder im Netz bei Hafenschlammrekords.... aber bestimmt bald überall! Möge Euer BLITZTRuMPF ewig stechen!
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