Kulturgut Plastiktüte Die Abschlepphilfe

Kulturgut Plastiktüte: Die Abschlepphilfe Fotos
Andreas Waidosch/Dr. Heinz Schmidt-Bachem

Liebling der Hausfrauen, Hassobjekt der Umweltschützer: Der Plastebeutel polarisiert wie kein anderer Massenartikel. Andreas Waidosch schildert Aufstieg und Fall einer Säule der Konsumgesellschaft. Von

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Mit der Plastiktüte verhielt es sich immer schon wie mit der "Bild"-Zeitung: Niemand kauft sie, aber jeder hat eine in der Hand. Wie kaum ein anderer Massenartikel spiegelt sie die Gesellschaft, ihre Individuen, Schichten und Milieus wieder. Und sie ist eines der großen Symbole für die Verschmutzung unserer Umwelt. Eingebrannt in die Verbraucherköpfe sind Bilder ganzer Landstriche in Plasteweiß getaucht, von qualvoll an Plastiktüten erstickten Vögeln, Armen in der der Dritten Welt, die sich in Slums durch Tütenberge schaufeln. Damit soll jetzt Schluss sein: die Plastiktüte soll verboten werden, jedenfalls hier und da - und wieder einmal.

Die Wirtschaftswunderjahre legten den Grundstein für die deutsche Konsumgesellschaft und den Siegeszug des Plastebeutels. Zu Beginn der fünfziger Jahre wurde vor allem in den Städten täglich zur Speiseversorgung eingekauft. Alles, was beim Kaufmann an der Ecke abgewogen werden musste, wurde in Papiertüten verstaut und nach Hause geschleppt. Mit der Entwicklung der Polyethylen-Verarbeitung drängte nach und nach auch die Plastiktüte in die Geschäfte Die bot viele Vorteile: leicht, feuchtigkeitsundurchlässig und reißfester als Papier.

Von den Konsumenten wurde sie dennoch nicht gerade geliebt. Plastik verachtete und verschmähte die Kriegsgeneration als billiges Ersatzprodukt - bis es der Industrie gelang, Kunststoff mit dem Nimbus des "Werkstoffs mit Zukunft" zu versehen

Das Hemdchen und die Doppel-Kraft-Tasche

In den sechziger Jahren begannen Selbstbedienungsläden in schwindelerregender Zahl zu eröffnen. Die neuen "Supermärkte" führten bald zig-tausende Produkte allein in der Lebensmittelabteilung. Im Überfluss des Angebots verdrängten Impulskäufe die schnöde Bedarfsdeckung. Nur ein Problem musste noch gelöst werden: Wie bekam man die vielen neuen Dinge bequem nach Hause? Antwort: im "Hemdchen", der ersten Tragetasche, die den Namen Plastiktüte verdient und die 1961 aus einem deutschen Patent zur Stanzung von Griffen aus einem Plastikbeute entstand.


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Selbstbedienung und Plastiktüte begannen bald, sich gegenseitig zu befruchten. "Das eine hätte es ohne das andere wohl nicht in der Art gegeben, wie wir es heute vorfinden", erklärt Heinz Schmidt-Bachem, Experte in Sachen Tragetaschen-Historie. Schuhe, Lebensmittel, die Zeitung - jeder noch so kleine Gegenstand wurde in Plastiktüten gestopft. Denn überall lagen sie in rauen Mengen bereit, um Warteschlangen an den Kassen abzubauen. Tüte auf, Ware rein - der nächste bitte.

Die großen Kaufhäuser gingen bald einen Schritt weiter: Damit die Konsumenten immer mehr und immer größere Dinge bequem mit nach Hause nehmen konnten, wurden stabilere Tüten als die "Hemdchen"-Tragetasche eingeführt: Zunächst die sogenannte Reiterband-Tragetasche mit angesetzten Griffen, dann das heute noch gebräuchliche Modell mit integrierten und verstärkten Griffen: die "Doppel-Kraft-Tasche", kurz "DKT".

Stigma Aldi-Tüte

Damit war auch ein idealer Werbeträger war geschaffen, der massenhaft und dabei so gut wie kostenlos verbreitet werden konnte. Nun offenbarten sich auf der Straße gesellschaftliche Unterschiede: Wer nicht als Aldi-Einkäufer ertappt werden wollte, musste beim Einkaufen seine Edeka-Tüte parat haben oder konnte erst im Dunkeln nach Hause kommen.

Meist dominierten simple Firmen- oder Marken-Logos auf den Tüten. Anders als in anderen Ländern wurde keines der in Deutschland verbreiteten Modelle für den alltäglichen Warenhausgebrauch je von einem Künstler gestaltet - ihren Ruf als die Inkarnation von Müll ist die Kunststoff-Tragehilfe so nie wirklich losgeworden. Im Ostblock dagegen galten West-Tüten geradezu als Statussymbol, weil sie einen hauch der ersehnten Markenwelt des Westens in die realsozialistische Konsum-Ödnis transportierten. Und sie konnten sogar zum politischen Statement mutieren, wie die Tragetaschen einer Zigarettenmarke, die sich wegen des aufgedruckten Werbeslogans "Let's go West!" Ende der Achtziger großer Beliebtheit hinter dem Eisernen Vorhang erfreuten.

So lebte die Welt lange in einem regelrechten Plastiktüten-Rausch. Langsam allerdings begannen die Dinger, durch das land zu wehen wie Tumbleweeds in der Wüste von New Mexico. So geriet die Tüte in das Visier der Umweltschützer, die sie zu Teufelszeug erklärten: weil sie das Grundwasser verseuche, Schuld sei am Sauren Regen und ihre Herstellung unnötig die Erdölvorräte dezimiere.

"Jute statt Plastik"

Dass aufgrund des Rohölverbrauchs für Plastiktütenherstellung bald kein Sprit zum Autofahren mehr da sein werde, weckte deutsche Ur-Ängste - die Gegenbewegung gewann an Fahrt. Auf der Insel Amrum und in Hannover kam es zu ersten Versuchen, die Polyethylen-Pest rigoros zu verbieten Der Handel schaffte kostenlose Plastiktüten ab und verlangte fortan den "Tütengroschen" - vorgeblich aus volkserzieherischen Gründen der Umwelt zuliebe, tatsächlich besserte der Plastiktüten-Verkauf vor allem die Bilanzen mit Millionenbeträgen auf.

Auch wenn die Umweltbewegung bis heute fleißig "Jute statt Plastik" propagiert: Alle Versuche, der Plastiktüte den Garaus zu machen, sind bisher schief gegangen. Ihr globaler Siegeszug hält unvermindert an. Weltweit soll die Produktion mittlerweile etwa 500 Milliarden Stück pro Jahr betragen, allein die 82 Millionen Bundesbürger benutzen jährlich geschätzte 33 Milliarden Exemplare.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es nun aber Anzeichen für einen Rollback: Australien plant ein Plastiktüten-Totalverbot. In China dürfen sie ab Juni 2008 nicht mehr kostenlos verteilt werden. Tansania, Uganda und Kenia haben dickwandige Tüten verbannt und auf dünne Tüten hohe Steuern eingeführt. Die Stadt San Francisco möchte Plastikbeutel in größeren Supermärkten und Apotheken untersagen. In Großbritannien hat die 1500-Einwohner-Gemeinde Modbury mit einer entsprechenden Regelung Ernst gemacht; London will nachziehen. Paris verbietet Tüten, die sich biologisch nicht abbauen lassen. In Deutschland fordert der Bremer Umweltsenator ein Verbot der Plastiktüte oder zumindest ihre Besteuerung.

Und wir? Die Wette gilt: Auch in Zukunft werden wir unter das Laufband der Supermarktkasse greifen und unsere Einkäufe in verschweißte Polyethylen-Schläuche mit Tragegriffen verstauen. Vielleicht bringt der eine oder andere seinen Jute-Beutel mit, weicht man ab und zu auf Papiertragetaschen aus. Doch die Plastiktüte - reißfest, wasserdicht und leicht verknotbar - wird uns insgeheim doch immer ein bisschen willkommen sein.

Worein soll man denn auch sonst schon allein seinen ganzen Hausmüll stecken.


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insgesamt 2 Beiträge
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1.
C.F. Romberg 22.02.2008
In Kalifornien, ich glaube Los Angeles und San Francisco, darf seit einigen Monaten nur noch Papier in Supermärkten als Tüte verwendet werden. Plastiktüten sind seitdem nicht mehr als Einkaufstüten erlaubt. Es gab ja mal eine Zeit in der man annahm das Plastiktüten umweltfreundlicher als Papiereinkaufstüten sind. Das hat sich aber als grosser Irrtum herausgestellt, aber das scheint im ach so umweltfreundlichen dDeutschland noch nicht angekommen zu sein...
2.
Björn Beitter 20.11.2008
ich kann mich noch daran erinnern, als es in den 70ern mit der Gegenbewegung Jute statt Plastik begann, daß die Plastiktüten dann 10 Pfg. kosteten. Meine Mutter begann daraufhin verstärkt - obwohl sie es schon vorher tat - die Plastiktragetaschen pfleglich zu behandeln und aufzuheben. Dies hat sich selbst auf mich übertragen und vor nicht allzulanger Zeit habe ich erst einmal begonnen viele alte Plastiktragetüten auszusortieren. Ganz einfach weil sie gar nicht genutzt wurden sondern "nur falls man mal eine benötigt" vorhanden waren. Leider war die Vernichtungsaktion vor dem Auffinden dieser Site - sonst hätte ich vielleicht noch mit einigen Bildbeiträgen zur Belustigung beitragen können.
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