Kulturimport Als Deutschland rocken lernte

Gitarrengewitter statt Marschmusik: Bill Haley, Chuck Berry und Elvis Presley lehrten die Deutschen in der frühen Nachkriegszeit den Sound der Rebellion. Rüdiger Bloemeke hat Anekdoten und Fotoschätze aus der Urzeit des Beats aufgespürt.

Heinrich Klaffs

In den Trümmern ihrer zerstörten Städte hatten die Deutschen 1945 andere Sorgen, als sich Gedanken über den Musikgeschmack zu machen. Das "Horst-Wessel-Lied" war out, aber die "Capri-Fischer" schipperten munter weiter auf den Funkwellen - dagegen konnte ja niemand etwas einwenden. Bis auf die Besatzungstruppen, die fern der Heimat ihre eigenen Sehnsuchtslieder hören wollten. Also mussten Musiker her, die in AFN- und BFN-Radiosendungen auftraten und sich den Soldaten in deren Clubs live präsentierten.

So konnten sich 1949 auch Deutsche in Berlin in ein Konzert verirren, das etwa die "Grand Ole Opry"-Stars aus Nashville für die GIs vor Ort gaben. Heute unvorstellbar: Der legendäre Hank Williams jodelte damals in der gerade durch die "Rosinenbomber" der Luftbrücke geretteten Stadt seinen "Lovesick Blues". Er war mit General Eisenhowers einstiger Privatmaschine eingeflogen worden.

Vom Ruck zum Rock

"Negermusik" war das alles für die seit "tausend Jahren" vor amerikanischen Einflüssen bewahrten Einwohner des ehemaligen Reiches. Allein ein Teil der Jugend ließ sich vom unerhörten kulturellen Ruck erobern, der bald zum Rock mutierte. Bei der älteren Generation stießen die Alliierten auf eine Mauer der Ablehnung. Die Eltern hatten nichts gegen Chewing-gum, Lucky Strike oder Player's Navy Cut. Aber Jazz und Rock galten als schädlicher Einfluss. Zitat aus dem "Rheinischen Merkur": "Die Idole, denen der letzte Wohllaut der Musik geopfert wird, hören auf die Namen Ellington und Armstrong, Presley und Haley." Ziel der Jugendverderber: "pseudomusikalische Rowdie-Sekten" heranzubilden, "um schließlich ungestört über ein Helotenvolk reizvergifteter und süchtiger Idioten gebieten zu können".

Der Import begann schon in den Kapitulationstagen, als der Soldat Dave Brubeck, der gerade noch in der Ardennen-Schlacht gekämpft hatte, mit seiner "Wolfpack Band" in München "das erste Jazz-Piano" (Brubeck) spielte. Trompeter Chet Baker flog 1946 mit der 298. Army Band nach Berlin. Und dann kamen sie alle: Duke Ellington, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, Billie Holiday, aber auch Johnny Ray, Haley und Presley. Der deutschen Öffentlichkeit wurde plötzlich statt des Marsches der Jazz geblasen, und der Rock 'n' Roll folgte auf dem Fuß. Paradoxerweise waren es die im Gleichschritt ins Reich einmarschierten Soldaten, die hierzulande die Musiklandschaft auflockerten. Deutschland nahm langsam Abschied vom Provinzialismus. Allen, die die Musiker aus der Nähe sahen, ging das Erlebte nahe. Seither gibt's eine Jugendkultur, tanzen Jugendliche aus der Reihe, pfeifen auf Konventionen.

Erst "Reeducation", dann Körperkontakt

Die ersten Besucher betraten noch Neuland. Im Jahr 1950 holten englische Militärs, Mitglieder des Anglo-German Swing-Clubs, den Bandleader Duke Ellington in die Hamburger Musikhalle. 1939 war er hier auf dem Weg nach Dänemark mit seiner Band noch beim Zwischenstopp seines Zuges von Wehrmachtssoldaten am Aussteigen gehindert worden. Jetzt führten ihn die Briten im Zuge ihrer Reeducation-Bemühungen dem deutschen Publikum vor.

Zwei Jahre später schickte Amerika Louis Armstrong als musikalischen Botschafter. Satchmo wurde hier mit Bier geradezu überschüttet, weil sich seine Vorliebe dafür rumgesprochen hatte. Dem Hamburger Torsten Jacobsen gelang es sogar, dem Trompeter eine Kiste "Ratsherren Pils" in die Garderobe der Ernst-Merck-Halle zu bringen. Und er überredete den berühmtesten Jazzer jener Zeit zu einem Privatbesuch in seinem Wohnhaus. Etwas, wovon Günter Grass, der in seinem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" von einer gemeinsamen Session mit Armstrong 1952 fabuliert, nur träumen konnte.

Ein Besuch in Elvis Presleys Bad Nauheimer Wohnung entwickelte sich hingegen äußerst stressig für Eva Windmöller. Die Reporterin der "Star Revue" hatte den berühmtesten Wehrdienstleistenden der Welt bei dessen Ankunft in Bremerhaven begrüßt und begleitete die Gewinnerinnen eines Preisausschreibens jetzt zum "Tee mit Elvis". Die jungen Frauen durften dem Rock-'n'-Roll-Star sogar den Bizeps fühlen. Rosemarie Kiel aus Detmold kippte dem King dabei versehentlich ihre Pepsi-Cola-Flasche auf die Hose.

"Ohne Interview fliege ich von der Schule!"

Als wiederum Brenda Lee 1963 für Bert Kaempfert im Studio ihre Platte "In meinen Träumen" aufnahm, hatte sie zuvor bei dessen Frau im Wohnzimmer Deutsch-Unterricht genommen. Auftritte in US-Clubs folgten. Danach ging's in den "Star-Club". Die Eroberer erkannten mittlerweile den Wirtschaftsfaktor des "besetzten" Musikmarktes. So schickte die Firma RCA eine Gruppe ihrer Country-Sänger hinter Lee her. Planung: deutsche Aufnahmen mit Jim Reeves und Bobby Bare. Der Lehrling Richard Weize (heute "Bear Family Records") reiste eigens aus Bad Gandersheim mit dem Zug an, um seine Idole in Hannover beim Konzert zu sprechen. Jim Reeves ließ sich verleugnen und wurde vom Gitarristen und Produzenten Chet Atkins aus der Garderobe herbeigeordert, um Weize Rede und Antwort zu stehen.

Sogar John Lennon war zu solchem Dienst am Kunden bereit: Dem Schüler Paul Löffler gab er 1966 auf der "Bravo"- Tournee ein Interview für die Schulzeitung. Löfflers Trick, mit dem er den Beatle überredete: "Wenn ich das Interview nicht kriege, fliege ich von der Schule!"

Als Chuck Berry vor den Fans fliehen musste

Mit der Beat-Revolution der sechziger Jahre wurden die Sitten lockerer, die Befürchtungen der Elterngeneration schienen sich zu erfüllen: Die Rolling Stones bestätigten ihr Image als "Rabauken", als Mick Jagger dem Werbechef der Plattenfirma Teldec anlässlich eines PR-Termins im Hamburger Hafen eine Zigarette am Hals auszudrücken beliebte. Bebop-Genie Dizzy Gillespie wiederum ließ sich von einem Lüneburger Zahnarzt zunächst eine Prothese reparieren, gab zum Dank einen Privat-Gig und erbat sich dann ein "Chick" für die Nacht. Marianne Faithfull posierte auf der Bühne für einen deutschen Fan im kaum etwas verhüllenden Tüllkleid und hatte keine Einwände, als er sie in ihr Hotelzimmer begleitete.

Und noch eine Anekdote: Bluegrass-Legende Bill Monroe wurde in den siebziger Jahren vom deutschen Banjo-Spieler Rolf Sieker im Ford durch Deutschland kutschiert. Wie in den USA gewohnt, übernachtete er mit seinem Fahrer im Doppelzimmer, erzählte Sieker vor dem Einschlafen von seiner Liebe zu einem viel zu jungen Mädchen, dem er das Lied "My Little Georgia Rose" gewidmet hatte - und stand früh im Morgengrauen mit seiner Mandoline am Fenster, um für die Auftritte zu üben.

Direkten Körperkontakt mit seinen Fans wiederum bekam Chuck Berry in der Hamburger Musikhalle, wo der Rocker von Rockern auf der Bühne heimgesucht wurde. Die "Bloody Devils", nach dem Vorbild der amerikanischen "Hells Angels" gegründet, rückten ihrem Idol extrem dicht auf die Pelle. Berry konnte den Fans nur entkommen, indem er - die geliebte Gibson-Gitarre hoch über den Kopf erhoben - aus der Halle floh.

Kein Zweifel: Der Rock 'n' Roll war in Deutschland angekommen.

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Tanja Krienen, 25.06.2008
1.
Nun ja: Der Jazz, so Adorno (und er sagte dies völlig zurecht, man muss nur hinempfinden), sei nichts als eine andere Marschmusik und Bill Haley begann einst mit Jodlern, die Luis Trenker nicht schaffte. Und so ist der Rock mit seiner Melange aus Schrammel-Musik und Rhytmik und Mimikry nie in Teuschland (das bis heute unverständliche und groteske, ja abstoßenden Erscheinungen auf dem Gebiet des POP huldigt), angekommen. Aber der Autor hat Recht: "68" hatte die moderne Musik (abzüglich der MIT "68" einsetzenden, fürchterlichen Auswüchse) längst - mitsamt ihrer positiven Begleitelemente, begonnen - http://einestages.spiegel.de/static/authoralbumbackground/500/_extase_bis_zur_bewusstlosigkeit.html
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