Kunstpupser Joseph Pujol Der Darmwindkönig von Paris

Kunstpupser Joseph Pujol: Der Darmwindkönig von Paris Fotos

Er intonierte Kinderlieder, Tierstimmen und Kanonendonner: Vor 120 Jahren wurde ein pupsender Bäcker zum Superstar der Pariser Show-Welt. Sogar Könige kamen, um Joseph Pujols Hinterteil zu lauschen. Doch die Töne, die der "Pétomane" allabendlich anstimmte, forderten ihren gesundheitlichen Tribut. Von

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Ein neues Bordell nach dem anderen öffnete seine Pforten, Prostituierte tanzten ohne Unterwäsche in sogenannten "Cafés concerts", um Freier zu werben, und auf den allabendlichen Bällen traten halbnackte Muskelmänner, Löwenbändiger und Freakshow-Schausteller auf: Alles schien möglich in Paris Ende des 19. Jahrhunderts. Doch eine Nummer des Moulin Rouge raubte selbst dem liberalen Pariser Publikum buchstäblich den Atem, wie Zeitzeuge Jacques Charles 1900 berichtet: "Das ganze Publikum heulte und torkelte vor Lachen." Einigen seien Tränen die Wangen hinuntergelaufen, während andere erschöpft zu Boden gefallen seien. Besonders die Damen, so Charles, "bekamen in ihren Korsetts keine Luft mehr." Darum hätten bei dieser Nummer auch stets Krankenschwestern bereitgestanden.

Charles war Zeuge des bestbezahlten Pariser Künstlers seiner Generation geworden - eines schnauzbärtigen Mannes in Lackschuhen, Fliege und Frack. Abend für Abend trat er mit ernster Miene auf die Bühne, verneigte sich feierlich und trug französische Kinderlieder wie "Au clair de la lune", die "Marseillaise" oder Flötenstücke vor, imitierte Tierstimmen und Kanonenschüsse. Und Abend für Abend tobte das Publikum vor Begeisterung. Denn er trug seine Darbietungen nicht mit dem Mund vor - sondern dem anderen Ende seines Verdauungstrakts. Sein Name: Joseph Pujol. Er selbst nannte sich nur "Le Pétomane" - "Der Pupsomane".

Durch eine Laune der Natur war Pujol mit einem Talent gesegnet worden, das ihn zu einer Sensation machte und ihm jahrelang tosenden Applaus und Weltruhm bescherte. Auch, weil seine Kunststücke Publikum und Wissenschaft Rätsel aufgaben.

Violinmelodien und die Schlacht bei Austerlitz

Schon als kleiner Junge hatte der Sohn eines Bäckereibesitzers aus Marseille sein besonderes Talent entdeckt - bei einem Ausflug ans Meer. Als er an einem Sommertag hinausschwamm, untertauchte und die Luft einhielt, spürte er voll Entsetzen, wie eisige Kälte in seinen Körper hineinschoss. In Panik schwamm Pujol an den Strand zurück und stellte fest, dass Wasser aus seinem Hinterteil lief. Seine besorgte Mutter schickte den Jungen zum Arzt - doch der stellte nichts Ungewöhnliches fest.

Jahre vergingen und die sonderbare Episode geriet wieder in Vergessenheit. Erst als Pujol als junger Mann zum Militär eingezogen wurde, erzählte er in launiger Runde von seinem Kindheitserlebnis. Seine Kameraden bogen sich vor Lachen und bettelten um eine Wiederholung des Kunststücks. Also fuhr Pujol an einem freien Tag erneut ans Meer und begann zu experimentieren. Nach kurzer Zeit stellte er fest, dass er gezielt Wasser ansaugen und als Strahl ausstoßen konnte, indem er die Bauchmuskeln anspannte. Und saugte er Luft an, so konnte er anschließend kontrolliert Darmwinde fahren lassen.

Als er das Kunststück seinen Kameraden zeigte, kriegten die sich nicht mehr ein vor Lachen. Ehrgeiz packte Pujol: Er trainierte, mit Blähungen Kerzen auszublasen oder durch Modulation des Schließmuskels die Tonhöhe zu verändern. Schon bald amüsierte sich die halbe Einheit über seine anal vorgetragenen Salutschüsse, Violinmelodien oder Vertonungen historischer Schussgefechte (besonders beliebt: Napoleons Schlacht bei Austerlitz).

Pujol hatte sein Showtalent entdeckt - und so wagte er, als sein Militärdienst abgeleistet war, den Sprung auf die Bühne. Doch seine Pups-Nummer erschien ihm zunächst zu anstößig, und so tingelte er ohne großen Erfolg zwei Jahre durch Theater in und um Marseille, indem er Posaune und Geige spielte, sang oder Witze erzählte. Erst, als Freunde Pujol 1887 schließlich überredeten, auch seine Furz-Kunststückchen aufzuführen, kam die Wende: Abend für Abend waren die Auftritte ausverkauft.

Rekordgagen für den Blähungskünstler

Als Pujol eines Tages im Jahr 1892 an der Tür des Moulin-Rouge-Managers Charles Zidler klopfte und ihm erklärte, durch die "besondere Elastizität" seines Schließmuskels könne er "eine fast beliebige Menge geruchlosen Gases ausstoßen", hielt sich dessen Begeisterung in Grenzen. Dann gab Pujol ihm eine Kostprobe seines Könnens. Zidler engagierte ihn vom Fleck weg und ließ ihn noch am selben Abend auftreten.

Sofort wurde "Le Pétomane" zum Publikumsliebling des Moulin Rouge: Nicht nur, weil seine Fähigkeit, eine Durtonleiter, den Klang zerreißenden Stoffes oder Erdbebengeräusche zu pupsen oder mit einem rückwärtig eingeführten Schlauch eine Zigarette zu rauchen, die Besucher in aufrichtiges Staunen versetzte. Vor allem war es der Kontrast zwischen dem todernsten Auftreten des Mannes im Frack und weißen Handschuhen und dem ungeheuerlichen Tabubruch des Pupsens als Kunstform, der die Menschen vor Lachen fast zusammenbrechen ließ.

Schon bald wurde überall über seine Auftritte gesprochen - nicht nur in Paris. Aus dem Ausland reisten Prominente wie Sigmund Freud, der britische Thronanwärter Prinz Edward und sogar - wenn auch inkognito - König Leopold II. von Belgien an. Und wer es nicht wagte, in der anrüchigsten Show des Moulin Rouge zu erscheinen, der heuerte den Furzkünstler eben für eine Privatvorstellung an. So wie der dänische Monarch Christian IX., der Pujol zu sich an den Hof einlud. Und der ließ sich seine Dienste königlich bezahlen: An einem Abend kassierte der Darmwindkünstler rund 20.000 Francs Gage - die selbst die 8000 Francs weit in den Schatten stellten, welche die legendäre Pariser Schauspielerin Sarah Bernhardt pro Auftritt verlangte.

Körperlicher Verschleiß

Obwohl Pujol sich zum Zugpferd des Moulin Rouge entwickelte und die Presse ihn mit Lob überschüttete, gab es bald Missklänge zwischen ihm und dem Management: Ein Exklusivvertrag verbot es dem "Pétomanen", außerhalb des Moulin Rouge aufzutreten. Doch als ein Bekannter Pujols in Geldnot geriet, trat der zum Freundschaftspreis auf dessen Marktstand auf, um Kundschaft anzulocken. Natürlich bekam Zidler Wind von der Sache - und setzte seinen Star in Rage auf die Straße.

Um Pujol-Fans zu besänftigen, stellte das Moulin Rouge eine Ersatzattraktion auf die Bühne: "La Pétomane", die mit richtigem Namen Angele Thiebeau hieß und zu Klavierbegleitung pupsend über die Bühne tanzte. Außer sich vor Wut verklagte Pujol seine Nachfolgerin, die er des Betrugs bezichtigte. Doch Thiebeau erntete mit ihrer Nummer ohnehin katastrophale Kritiken. Als sie versuchte, gerichtlich gegen den ätzenden Verriss einer Zeitung vorzugehen, wurde die Klage mit so drastischen Worten abgeschmettert, dass Pujol von seiner erniedrigten Konkurrentin abließ. Mit Familie und Freunden gründete er das "Théâtre Pompadour", in dem der "Pétomane" noch viele Jahre neben Zauberkünstlern und Pantomimen auf der Bühne stand.

Doch allmählich begann Pujols "Pétomanie", ihre Spuren zu hinterlassen. Nach über 25 Jahren des professionellen Flötens und Donnerns mit seinem Darmausgang ließ ihn sein wertvollstes Körperteil immer öfter im Stich, wie Ian MacNaughton 1979 in seinem Film "Le Pétomane" rekonstruierte: Immer häufiger geschahen unappetitliche "Unfälle", bei denen Pujols Aufführungen buchstäblich in die Hose gingen, und nach und nach strich er seine schwierigsten Programmpunkte aus den Vorführungen. Sein Arzt riet ihm von weiteren Nummern - wie den "21 Salutschüssen" - ab, und Pujols besorgte Frau drängte ihn, sich endlich zur Ruhe zu setzen.

25.000 Francs für die Leiche des "Pétomanen"

Als im August 1914 der erste Weltkrieg ausbrach, holten die Schrecken des Krieges Pujol ein, der Tausende mit seinen Auftritten zum Lachen gebracht hatte. Vier seiner Söhne wurden zur Armee eingezogen, sodass er gezwungen war, sein familienbetriebenes Theater zu schließen. Am 5. September 1914 gab er seine Abschiedsaufführung. Es sollte keine temporäre Auszeit bleiben: Nachdem einer seiner Söhne in Kriegsgefangenschaft geriet und zwei als Invaliden heimkehrten, war Pujol so am Boden zerstört, dass er mit seiner Karriere als pupsender Humorist abschloss.

Die Kunst der "Pétomanie" geriet in Vergessenheit. Es schien, als wäre Pujols Begabung tatsächlich einzigartig gewesen - denn es fand sich niemand, der in seine Fußstapfen treten konnte. Erst, als Joseph Pujol 1945 im Alter von 88 Jahren starb, flammte wieder Interesse an ihm auf: Die medizinische Fakultät des Collège de Sorbonne bot den Hinterbliebenen 25.000 Francs, um die Leiche obduzieren und ihr Pujols anatomisches Geheimnis entlocken zu dürfen. Die Familie lehnte ab.

Lediglich ein kleines Straßenschild in Marseille erinnert heute an den eigenartigen Künstler. Betritt man eine kleine, heruntergekommene Gasse ganz in der Nähe des Bahnhofs Saint-Charles, sieht man es: "Rue Pujol" steht dort. Doch die Straße wurde nicht zu Ehren der Darmbeherrschung des Pupskünstlers nach ihm benannt - sondern nach dem Geschäft seines Vaters: Der Bäckerei Pujol.

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1.
Marianne Gabel 22.08.2012
und das unter Topmeldungen, nicht zu fassen
2.
Gerd Vathauer 22.08.2012
Schöner Artikel. Ein wahrer Entertainer.
3.
Erwin Schlonz 22.08.2012
Diese Art Musik bezeichnet man auch als Meteorismusmusik. Einen interessanten Artikel dazu, nebst vertontem Beispiel, gibt es auf http://de.uncyclopedia.org/wiki/Meteorismusmusik.
4.
Tom Rohwer 22.08.2012
Ich find's herrlich...
5.
thorsten krach 22.08.2012
Vielen Dank für den sehr interessanten, ausführlichen und witzigen Artikel.
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