Kuriose Seenot-Hilfe Rettung in der Hose

Noch im 19. Jahrhundert starben bei Schiffsunglücken unzählige Menschen. Die Not mit der Seenot inspirierte Tüftler zu skurrilen Erfindungen - wie Rettungsringen mit Kurbelantrieb und aufblasbare Mäntel.

Sammlung Eigel Wiese

Von Eigel Wiese


Nur 75 Meter trennten Kapitän Uwe Mauermann und seine Mannschaft vom rettenden Ufer. Doch ein schwerer Sturm peitschte das Wasser der Pommerschen Bucht auf. Gemeinsam hatte sich die Besatzung des am Stettiner Haff gestrandeten Dreimastschoners "Elvi" aus Brake im November 1923 auf die noch aus dem Wasser ragenden Masten gerettet. Lange würde der Rumpf den hohen Wellen nicht mehr standhalten.

Am Ufer nahte aber Hilfe. Eine Rettungsmannschaft baute ein Gestell auf und wenig später zischte mit einem dichten Rauchschweif eine Rakete zur "Elvi" herüber. Das Geschoss zog eine dünne Leine über das Schiff, die die erfahrenen Seeleute mit klammen Händen an einem Mast festbanden. Daran zogen sie ein dickes Seil mit einem hölzernen Klotz und einer daran befestigten Rolle zum Schiff. Im Pendelverkehr konnten die Retter die Schiffbrüchigen nun in Sicherheit ziehen - in einer sogenannten Hosenboje, einem Rettungsring mit einer Hose daran.

Schuppen mit solchen Raketenrettungsapparaten hatte die 1865 gegründete Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger entlang der deutschen Küsten eingerichtet. Ihnen verdanken viele Schiffbrüchige ihr Leben.

Um noch mehr Menschen vor dem Tod auf See zu bewahren, tüftelten etliche Erfinder an immer abenteuerlicheren Apparaturen - Rettungsringen mit Handkurbelantrieb und Reisekoffern, die sich schnell in eine Rettungsinsel verwandeln ließen.

Immer mehr Tote

Bessere Rettungsmittel waren dringend nötig: Die industrielle Entwicklung hatte es ermöglicht, dass im 19. Jahrhundert immer größere Schiffe gebaut werden konnten - die mehr Menschen transportierten.

In der Folge stieg auch die Zahl der Todesopfer bei Unglücken: 456 Menschen kamen beispielsweise 1858 beim Brand des Auswandererdampfers "Austria" ums Leben. Der Untergang des britischen Passagierdampfers "Utopia" im Jahr 1891 riss mehr als 500 Passagiere in den Tod. Als der französische Passagierdampfer "La Bourgogne" im Juli 1898 auf dem Weg von New York nach Le Havre vor der Küste Neuschottlands von dem britischen Segelschiff "Cromartyshire" gerammt wurde und sank, überlebten von den 730 Menschen an Bord nur 165.

Angesichts derartiger Katastrophen kursierten viele Ideen, wie die Seefahrt sicherer zu machen sei. Radar und Echolot waren noch nicht erfunden, so ging es in erster Linie darum, Hindernisse rechtzeitig zu erkennen, Wassereinbrüche in ein Schiff zu vermeiden und einzelne Passagiere in Sicherheit zu bringen.

Stocherstangen und Zwei-Hüllen-Techniken

Patentiert wurde 1895 etwa die Idee, vor dem Schiff eine lange hydraulisch ausfahrbare Stange herumstochern zu lassen. Sie sollte rechtzeitig auf ein Hindernis aufmerksam machen und zugleich auf elektrischem Wege das Steuer herumreißen können. In die Praxis aber wurde eine solche Konstruktion nie umgesetzt: Eine Stange, so lang wie das gesamte Schiff, wäre selbst ein störendes Hindernis gewesen.

Außerdem war nicht sichergestellt, ob dort, wohin das Schiff dann automatisch auswich, auch ausreichend freier Seeraum zur Verfügung stand. Zum Stoppen reichte eine Schiffslänge schon gar nicht aus. Denn ein mit Maschinenkraft betriebenes Schiff benötigt 15 bis 20 Schiffslängen, um zum Stillstand zu kommen.

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Diesen langen Anhalteweg wollte 1903 ein britischer Erfinder verkürzen - mit einer Reihe von Klappen, die als Notbremsen seitlich vom Rumpf ausgefahren werden sollten. Ein anderer Tüftler aus Großbritannien wollte verhindern, dass havarierte Schiffe komplett sinken. Nach seinen Vorstellungen aus dem Jahr 1895 sollte nur die beschädigte Außenhülle in die Tiefe des Meeres sacken - das Schiff selbst mit kleinerem Rumpf weiterfahren.

Die großen voluminösen Überseekoffer jener Zeit wollten einige Erfinder hingegen zu einer Art Rettungsboot umfunktionieren. Im Unglücksfall sollten die Menschen wie in einen Rettungsring mitten durch den Koffer schlüpfen, die Arme auf die breite Seite gestützt, die Beine in einem langen Sack gestreckt, der sie vor dem Wasser schützte. So hätten die Havarierten durch den Auftrieb ihres Gepäckstückes auf die Rettung warten müssen. Diese Idee hatte allerdings einen entscheidenden Nachteil: Der Seegang durfte nicht zu stark sein, sonst würden Wellen den Behälter mit Wasser vollaufen lassen.

Viele solcher Patente - vom fliegenden Motorboot bis zum Blasenteppich auf See - verschwanden angesichts ihrer Wirklichkeitsferne schnell wieder in den Schubladen und wurden nie realisiert.

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16  Bilder
Seenot-Rettungsmittel: Hosenbojen und Kofferboote

einestages erinnert in der Bildergalerie an skurrile Seenot-Rettungsmittel aus zwei Jahrhunderten.



insgesamt 3 Beiträge
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Henning Weede, 30.03.2015
1. Stopweg
Zitat: "Denn ein mit Maschinenkraft betriebenes Schiff benötigt 15 bis 20 Schiffslängen, um zum Stillstand zu kommen." Das ist so nicht richtig. Mehr als 15 Schiffslängen sind gar nicht zulässig. In genehmigungspflichtigen Ausnahmefällen nicht mehr als 20. So steht's in der IMO-Resolution MSC.137(76). Auch wenn das (Geiz ist geil) Reeder und Werften fast nie interessiert.
Peter Barabasch, 31.03.2015
2. Neue Rettungsmittel
Obwohl es neue Rettungsmittel gibt werden diese aber aus Kostengründen nicht angeschafft. Unter www.moje-rettungssysteme.de wird ein Rettungs und Bergegerät vorgestellt. Dieses Rettungsgerät erfüllt alle Anforderungen der IMO.
Sven Woldt, 02.04.2015
3. Aber dann stimmt es doch mit den 15-20 Längen
Zitat: "Denn ein mit Maschinenkraft betriebenes Schiff benötigt 15 bis 20 Schiffslängen, um zum Stillstand zu kommen." Das ist so nicht richtig. Mehr als 15 Schiffslängen sind gar nicht zulässig. In genehmigungspflichtigen Ausnahmefällen nicht mehr als 20. So steht's in der IMO-Resolution MSC.137(76). Auch wenn das (Geiz ist geil) Reeder und Werften fast nie interessiert.
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