Kurioser Wettermacher Sorry, ich habe San Diego versenkt

Er war ein einfacher Nähmaschinenverkäufer - aber herrschte über die Naturgewalten: Das zumindest behauptete Charles Hatfield, der meinte, er könne mit Chemikalien Regen erzeugen. Niemand glaubte ihm. Doch als er in San Diego eine Dürre bekämpfen sollte, geschah ein schreckliches Wunder.

Corbis

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Am 30. Januar 1916 waren die meisten Leichen schon geborgen. Die zwölf Meter hohe Flutwelle, die vor drei Tagen durch das Zentrum von San Diego gepflügt war und alles, was ihr in den Weg kam, mit sich gerissen hatte, war verschwunden. Geblieben war Verwüstung: Mehr als 200 Brücken eingestürzt. Hunderte Kadaver auf den Weiden. Häuser, Silos, ganze Siedlungen einfach fortgespült, mitsamt der Menschen. Am Strand vor San Diego, so berichtete das "Journal of San Diego History" im Winter 1970, lagen riesige Felsen, Stahlplatten und Betonblöcke - die Überreste des gebrochenen Lower Otay Staudammes. 19 Kilometer von ihrem einstigen Standort entfernt.

Rund 40 Kilometer landeinwärts, am Ufer eines anderen Stausees, des Lake Morena, packten Charles Hatfield und sein Bruder gerade ihre Geräte zusammen, als im nahe gelegenen Haus von Dammaufseher Swenson ein Telefon klingelte. Swenson war Aufseher des Morena-Staudamms, und seit die Hatfields vor einem Monat hier oben ihren Wetterturm aufgebaut hatten, hatte er ihre Arbeit neugierig verfolgt. Swenson nahm den Hörer ab. Ein Mann fragte, ob Hatfield da sei. Er und seine Freunde wollten ihn nämlich besuchen kommen. Um ihn umzubringen.

Charles Hatfield war vielleicht der Berühmteste unter den Regenmachern, die Anfang des 20. Jahrhunderts in Trockenregionen der USA ihre Dienste anboten - aber auch der Berüchtigtste. Ausgerechnet sein Erfolg sollte ihm zum Verhängnis werden: Denn der Auftrag der Stadt San Diego, eine jahrelange Dürrewelle zu beenden, wurde 1916 zugleich zum Höhepunkt seiner Karriere - und zu ihrem dramatischen Ende.

Der Regenmessias von Kalifornien

Begonnen hatte alles im Frühjahr 1902 auf einer Ranch im südkalifornischen Bonsall, die der 27-jährige Charles mit seinen Geschwistern und Eltern, streng gläubigen Quäkern, bewohnte. Er arbeitete als Nähmaschinenverkäufer, die Freizeit widmete er seiner wahren Passion: dem Wetter. Stundenlang brütete er über Regenstatistiken und Büchern wie "War and the Weather - The Artificial Production of Rain" von Edward Powers, der einen Zusammenhang zwischen Pulverdampf in Kriegen und Regengüssen entdeckt haben wollte. Charles war fasziniert: Sollte es wirklich möglich sein, eine gottgegebene Naturgewalt wie den Regen selbst steuern zu können?

Kurzerhand verwandelte er den Turm einer Windmühle auf der Ranch in sein Wetterlabor: In großen Pfannen verdampfte er dort oben Chemikalien und prüfte ihren Einfluss auf Wolken und Niederschlag. Und tatsächlich häuften sich damals, von April bis Juni 1902, Regenfälle in der Gegend. Jahre später erklärte Hatfield, sie seien allein sein Werk gewesen. Nach wochenlangen Experimenten hatte er eine geheime Mixtur aus 23 Chemikalien zusammengestellt, die seinen Erkenntnissen nach Regen hervorrief.

Sein Geschäftsgeist erwachte. In Kalifornien herrschten damals lange Dürreperioden, die Farmern zu schaffen machten. Hatfield bot ihnen gegen Bezahlung seine Dienste an - ohne jedes Risiko: Kein Regen, kein Honorar. Hunderte nahmen das Angebot an, und schon bald war er auch in anderen Bundesstaaten gefragt. Trotzdem hing ihm der Ruf eines Scharlatans nach. Und so wickelten viele Gemeinden ihre Geschäfte mit ihm nur streng geheim ab, um sich nicht die Blöße zu geben, auf einen billigen Betrüger reingefallen zu sein, falls der Regen ausblieb.

Berühmt wurde Hatfield 1904 durch einen Auftrag der Stadt Los Angeles. Seit drei Jahren herrschte eine so strenge Dürre, dass sogar die Kirchen am 31. Januar zu einem Regengebet aufgerufen hatten. Farmer der Gegend hatten Geld gesammelt und boten Hatfield 50 Dollar, wenn er es innerhalb von fünf Tagen regnen ließe. Am 3. Februar ging er an die Arbeit. Zwei Tage später setzte der Regen ein - und hielt eine Woche an. Die Zeitungen rissen sich um den Regenzauberer, doch er mied die Öffentlichkeit. Und so interviewte die "Los Angeles Times" notgedrungen seine gläubige Mutter - die ihren Sohn prompt zum Heiligen stilisierte: "Die Gebete der Menschen um Regen wurden durch ihn beantwortet. Eine Art göttliche Kraft muss ihm Hilfe leisten."

Wetterfrosch mit Schrotflinte

Sein Erfolg in Los Angeles, dessen Bürger sogar Loblieder auf ihn dichteten, war hervorragende Werbung für Hatfield: Als San Diego im Dezember 1915 nach einer jahrelangen Dürre um das städtische Wasserreservoir bangte, besannen die Stadtväter sich auf den Regenmacher von Los Angeles. Hatfield erklärte, er könne das Reservoir ohne weiteres wieder vollregnen lassen - gegen ein Honorar von 10.000 Dollar. Der Stadtrat willigte ein.

Am 1. Januar bauten Charles Hatfield und sein Bruder Joel am Ufer des Morena-Stausees ihr Lager auf: Messinstrumente, ein blickdichtes Laborzelt und einen meterhohen Turm, auf dem die geheimen Chemikalien verdampften. Die Abgeschiedenheit hier kam ihnen gelegen, denn Besucher schätzten die Hatfields gar nicht: 1904 in Los Angeles hatten sie sogar einen Nachbarn mit vorgehaltener Schrotflinte aus ihrem Zelt vertrieben. Ungestört von solch unliebsamen Zwischenfällen schien ihre Arbeit schon bald Früchte zu tragen: Am 5. Januar setzte leichter Regen am See ein. Fünf Tage später goss es wie aus Eimern.

Dammaufseher Seth Swenson und seine Frau stapften zu ihren skurrilen Nachbarn hinüber, um ihnen zu gratulieren. Charles lief ihnen eilig entgegen, als wolle er verhindern, dass sie noch näher kämen. "Jetzt regnet's definitiv!", scherzte Frau Swenson. Hatfield entgegnete nur: "Das ist noch gar nichts. Warten sie noch zwei Wochen - dann wird es richtig regnen." Sie ahnten nicht, wie recht er damit hatte.

Sintflut aus dem Landesinneren

Denn der Regen riss einfach nicht ab. Erst tropfte er durch Häuserdächer, dann ließ er Abwasserkanäle überlaufen. Schließlich unterspülte das Wasser Straßen und Bahnstrecken, knickte Telefonmasten um und schnitt San Diego völlig von der Außenwelt ab. Der Tijuana River und der San Diego River traten über ihre Ufer. Selbst Betonbrücken wurden von der Wucht der Wassermassen fortgerissen. Baumstämme, Häuserteile und Herden toter Tiere trieben in den zu kilometerbreiten Strömen angeschwollenen Flüssen vorbei. Dutzende starben. Doch das Schlimmste stand San Diego noch bevor.

Um 4.30 Uhr am Morgen des 27. Januar 1916 ging R.C. Wueste, Aufseher des Lower Otay Wasserreservoirs, über den Staudamm seines vom wochenlangen Regen randvollen Sees. Auf halbem Weg kam er an einem winzigen Rinnsal vorbei, das in der Mitte des Damms entlangtröpfelte. Als er wenige Minuten später von der anderen Seite zurückkam, musste er bereits über einen stattlichen Wasserstrom springen. In Panik lief er zur Böschung - und sah, wie der tonnenschwere Wall aus Felsbrocken, Beton und Stahl den rund 60 Milliarden Litern Wasser im Lower Otay Lake nachgab. Eine Flutwelle schoss tosend davon - Richtung San Diego.

Seit Tagen hörte man in den überfluteten Straßen der Stadt nur das Peitschen des Regens und Rufe umherstreunender Tiere - nun drang aus den Tälern ein Donnern heran. Die Flut, die Sekunden später durch die Straßen schoss und alles verwüstete, kam völlig unerwartet. Auch wenn es nach den katastrophalen Regenfällen schien, als könne es nicht schlimmer kommen - mit einer Sintflut aus dem Landesinneren hatte niemand gerechnet.

Sein letztes Geheimnis

Dem Zorn der Bürger San Diegos entging Hatfield drei Tage später nur knapp. Sofort, nachdem sein Nachbar Swenson ihm von der Morddrohung am Telefon erzählt hatte, machten Charles und sein Bruder sich zu Fuß auf den Weg. All ihre Gerätschaften ließen sie zurück. Nur, indem sie sich durchs Unterholz schlugen, entgingen sie den wütenden Männern, die ihnen aus dem Tal entgegen kamen. Charles tauchte für eine Weile ab, bis der Zorn sich etwas gelegt hatte.

Erst am 17. Februar wagte er es, vor den Stadtrat zu treten und seine 10.000 Dollar zu fordern - schließlich habe er Regen geliefert. Unglücklicherweise hatte er keinen schriftlichen Vertrag. Die Stadtväter weigerten sich, zu zahlen, wohl aus Kalkül: Hätten sie zugegeben, den Auftrag für die Regenfälle selbst erteilt zu haben, wären sie auch haftbar gewesen für die Schäden. Erbost verklagte Hatfield die Stadt. Nach jahrelangem Rechtsstreit urteilte das Gericht schließlich, der Regen, der San Diego heimgesucht hatte, sei nichts als ein Werk Gottes gewesen.

Hatfield ließ das Regenmachergeschäft fallen. Er zog nach Los Angeles, wo er wieder mit Nähmaschinen handelte. Die Geschichten über den Regenmacher von San Diego gerieten mit den Jahren in Vergessenheit, und so nahm die Öffentlichkeit keine Notiz davon, als Charles Hatfield am 12. Januar 1958 mit 82 Jahren starb. Längst hat sich auch die Wissenschaft ernsthaft dem 'Impfen' von Wolken mit Chemikalien zur Regenerzeugung zugewandt. Doch ob Hatfield tatsächlich nur ein Scharlatan war oder nicht, wird die Welt nie erfahren: Die Formel für sein Regenwundermittel nahm der mysteriöse Wettermacher mit ins Grab.



insgesamt 2 Beiträge
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Roland Mayer, 27.05.2012
1.
2004 war ich bei einem Konzert von "The Doors of the 21st Century", u.a. mit zwei Original-Mitgliedern der Doors, Manzarek und Krieger. Als es zum Auftakt von "Riders On The Storm" donnerte und blitzte und zu regnen anfing, waren doch einige aus dem Häuschen. Viele dachten dann, Jim Morrison hätte sich zugeschaltet, Manzarek sagte, er wisse nicht ob Gott Mann oder Frau sei, aber das hätte er /sie gut hingekriegt. Ich dachte, Mann, jetzt haben es die Konzertveranstalter schon drauf, das passende Wetter herbeizuzaubern. Nach der Lektüre dieser Geschichte tendiere ich zur letzteren Erklärung. :-)
Olaf Nyksund, 13.01.2017
2. Dreams come true
Wollen wir mal hoffen, dass es unseren Gläubigen an den "menschengemachten Klimawandel" ihre Träume, die globale Temperatur wie auch immer zu beeinflussen, auch für immer nur Träume bleiben. Die Hybris erinnert mich noch an Stalins Ideen, den Lauf der großen sibirischen Flüsse umzudrehen, dazu die Arktis mit Kohlepulver bedecken - um auf diese Weise das unwirtliche Sibirien ins fruchtbare Agrarland umzuwandeln.
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