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70 Jahre Befreiung von Auschwitz Die Überlebenden


Am 27. Januar 1945 ist das Vernichtungslager Auschwitz befreit worden. Die letzten Zeugen sind hochbetagt. Viele von ihnen haben lange geschwiegen. Inzwischen aber sind die ehemaligen Häftlinge bereit, vom Grauen zu berichten. einestages lässt sie erzählen. Von Susanne Beyer und

Vor siebzig Jahren, am 27. Januar 1945, wird die zehnjährige Frieda, ein jüdisches Mädchen aus Polen, von sowjetischen Soldaten aus dem Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Ein paar Tage später kommt auch das polnische Rote Kreuz und gibt Vitamintabletten aus: "Ich weiß noch, wie sie aussahen: orange, dreieckig, mit einem glatten Überzug, wahrscheinlich aus Zucker."

Frieda Tenenbaum sitzt in der Küche eines Freundes im amerikanischen Cambridge. Sie erzählt dem SPIEGEL-Korrespondenten Johann Grolle von ihrer Zeit als Kind in Auschwitz, von der Befreiung und von ihrem Leben danach.

SPIEGEL-Redakteure haben in den vergangenen anderthalb Monaten in Polen, Frankreich, Österreich, Israel, den USA und Deutschland 19 ehemalige Auschwitz-Häftlinge getroffen und deren Erinnerungen an die Zeit im Konzentrationslager in Form von Protokollen festgehalten. Der SPIEGEL veröffentlicht alle Protokolle in seiner aktuellen Ausgabe.

SPIEGEL ONLINE präsentiert Film- und Tonausschnitte der Gespräche und fünf Protokolle, darunter eines von Frieda Tenenbaum. Die heute 80-Jährige gehört zu den jüngsten Überlebenden. Kinder sind in Auschwitz in der Regel sofort vergast worden, sie habe "Glück" gehabt, sagt sie.

Die meisten Zeugen der Lagerhaft, die heute noch erzählen können, sind um die neunzig Jahre alt. Es sind die letzten Zeugen, die aus dem Inneren dieser in der Menschheitsgeschichte einzigartigen Mordmaschine berichten können.

Als zentraler Schauplatz des Holocaust steht der Name Auschwitz synonym für die Verbrechen des Hitler-Regimes.

DPA

Bahngleise zur Rampe von Auschwitz

Ulstein Bild

Selektion ungarischer Juden an der Rampe 1944

AP

Haupttor von Auschwitz

AFP

Weibliche Häftlinge in Auschwitz-Birkenau

AP

SS-Offiziere in Auschwitz 1944 v. l. n. r.: Lagerarzt Josef Mengele, Auschwitz-Kommandant Rudolf Höss, Birkenau-Kommandant Josef Kramer

AP

Baracke in Birkenau

AP

Kinder in Häftlingskleidung nach der Befreiung von Auschwitz im Januar 1945

REUTERS

Sowjetische Soldaten bei der Befreiung von Auschwitz Ende Januar 1945

REUTERS

Sowjetische Soldaten und befreite Häftlinge Januar/Februar 1945

DPA

Im Konzentrationslager aufgefundene Schuhe, ausgestellt in der Gedenkstätte Auschwitz

Im Sommer 1940 wurde das Lager in der Nähe der Stadt Oswiecim gegründet. Seit 1941 errichteten große Unternehmen aus dem Reichsgebiet im Umfeld des Konzentrationslagers Fabriken, die dort auf eine wachsende Zahl von Zwangsarbeitern zurückgreifen konnten. Die SS ließ zu diesem Zweck zwei Kilometer vom sogenannten Stammlager entfernt ein weiteres Lager errichten, Birkenau, in dem zunächst etwa 50.000 sowjetische Kriegsgefangene untergebracht werden sollten.

Doch die meisten Gefangenen waren schon auf dem Weg nach Auschwitz verhungert. Stattdessen wurden Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle sowie politische Häftlinge aus ganz Europa deportiert und - seit 1942 - bei der Ankunft in Birkenau einem bis dahin einzigartigen Verfahren ausgesetzt, das die Nazis "Selektion" nannten: Junge Männer und Frauen kamen zunächst mit dem Leben davon und mussten auf den Baustellen der neuen Fabriken und in diversen Nebenlagern arbeiten; Mütter mit kleineren Kindern, Schwangere, Kranke und ältere Menschen wurden in der Regel sofort in den Gaskammern umgebracht.

Die Häftlinge wurden regelrecht ausgeraubt. Die Befreier von Auschwitz entdeckten in den Tagen nach dem 27. Januar 1945 in den noch intakten Magazinen neben Tausenden Schuhen, Bergen von Brillen, Rasierpinseln und Zahnprothesen 348.820 Herrenanzüge und 836.255 Damenkleider und -mäntel. Außerdem fanden sie sieben Tonnen Haar, das, nach Schätzungen, von 140.000 Frauen stammte. Die Asche der verbrannten Körper wurde auch im Straßenbau verwendet.

Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg
Infografik: Christian Eisenberg

In den Lagern Auschwitz I, II und III kamen bis Kriegsende mindestens 1,1 Millionen Menschen ums Leben, entweder in den Gaskammern, durch Erschießung, durch Hunger, Krankheiten oder im Verlauf medizinischer Versuche. Nach ihrer Ankunft und Selektion wurden die Deportierten von der SS direkt zu den Gaskammern getrieben. Entscheidend für den von den NS-Verbrechern erwünschten reibungslosen Ablauf des Massenmords war laut einer Studie des Soziologen Wolfgang Sofsky die "systematische Täuschung der Opfer".

Die SS, so Sofsky, sei darauf angewiesen gewesen, "dass sich die Menschen bereitwillig selbst entkleideten, ihre Habseligkeiten ordneten und ohne Zögern in die Gaskammern gingen": Die Gaskammern wurden als Duschräume getarnt, im Umfeld der Krematorien wurden Bäume gepflanzt und irreführende Schilder aufgestellt. SS-Führer hielten Ansprachen, um die Todgeweihten in Sicherheit zu wiegen.

Mit dem Heranrücken der sowjetischen Truppen stellten die SS-Leute die Vergasungen ein, der Abbau der Gaskammern begann, und Tausende Häftlinge wurden in westlich gelegene Konzentrationslager verschleppt.

Auschwitz sah die Vernichtung der Häftlinge vor, die Überlebenden sind Ausnahmefälle. Insofern zeichnen die Protokolle, die SPIEGEL ONLINE zeigt, weniger ein Bild dessen, was Auschwitz faktisch gewesen ist, als vielmehr ein Bild dessen, wie sich Erinnerung heute präsentiert, und zwar bei denjenigen, die die Ausnahme gewesen sind.

Viele der Zeitzeugen, die heute über die Erlebnisse sprechen, sind über Jahrzehnte nicht gehört worden, einige sahen sich aber auch nicht in der Lage, über die Exzesse der Entwürdigung zu reden. Inzwischen berichten die Zeitzeugen bereitwillig, gern sogar an Schulen, damit die jungen Leute wissen, was war und was nie wieder sein soll.

Aber was geschieht, wenn keiner der Überlebenden mehr berichten kann? Der Friedensnobelpreisträger und Auschwitz-Überlebende Elie Wiesel hat diese Frage vor ein paar Jahren in einem Beitrag für ein SPIEGEL-Buch so beantwortet: "Jeder, der heute einem Zeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden."

Das Wissen um Auschwitz muss von Generation zu Generation weitergegeben werden. Wissen heißt allerdings nicht verstehen. Denn wer sich als Zuhörer oder Leser tief in das Innere dieser Mordmaschine begibt, steht am Ende wieder vor einem Rätsel.


Auschwitz - Erinnerungen an die Todesfabrik: Lesen Sie hier die Einleitung

Die letzten Zeugen: Lesen Sie die Protokolle der Überlebenden

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