Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano "Eine Bestie, ein widerlicher Kerl"

Esther Bejarano wurde 1943 in einem Viehwaggon ins KZ Auschwitz gebracht. Ein Akkordeon rettete ihr das Leben. Hier berichtet sie, wie das möglich war.


Nur wenige können noch berichten, was wirklich im Konzentrationslager Auschwitz geschah. In dieser SPIEGEL-Serie erzählen Überlebende von ihrem Leidensweg durch den Holocaust.

Hamburg, 22. Dezember. Esther Bejarano hat erst vor wenigen Tagen im Hamburger Stavenhagen-Haus mit 300 Gästen ihren 90. Geburtstag gefeiert. Ihrer Wohnung sieht noch aus wie ein Blumenladen: Gestecke, Sträuße in großer Zahl. Die Wände des Wohnzimmers sind mit Erinnerungsstücken geschmückt, Plakate von ihren Auftritten, ein Rosa-Luxemburg-Bild, ein Kalender "Die Kunst der DDR". Noch immer steht sie regelmäßig als Sängerin auf der Bühne, inzwischen allerdings mit einer jungen Rap-Gruppe, der "Microphone Mafia", die ihre alten Lieder neu interpretiert. Bevor sie erzählen kann, klingelt es an der Haustür. Ein Mann von der Post bringt ihr ein großes Paket aus ihrer Heimatstadt Saarlouis. Was könnte da drin sein?

Das muss die Gedenkurkunde sein, meine Ehrenbürger-Urkunde. Die habe ich am 29. November bekommen. Aber ich weiß gar nicht, wo ich die noch hinhängen soll, an den Wänden ist doch gar kein Platz mehr.

Ich bin ja vor 90 Jahren in Saarlouis geboren worden. Ein Jahr später zogen wir nach Saarbrücken. Mein Vater war Oberkantor, wir hatten einen jüdischen Haushalt, ein Haus der offenen Tür.

Nachdem Hitler an die Macht gekommen war, schickten meine Eltern meinen Bruder nach Amerika, meine Schwester nach Palästina. Mein Bruder bemühte sich dann sehr, uns nach Amerika zu holen. Er musste eine bestimmte Summe hinterlegen. Aber als er sie endlich beisammen hatte, verdoppelten die USA die Summe plötzlich. Und die konnte er nicht mehr aufbringen.

Eines Tages fand mein Vater eine Stelle in einer Gemeinde in Zürich. Er wurde aber nicht genommen, weil er ein sogenannter Mischling war. In den liberalen Gemeinden in Deutschland war es kein Problem, dass er ein - wie es damals hieß - Halbjude war, in der Schweiz dagegen schon. Ich finde das noch heute unmöglich. Wie konnte man ihn nur ablehnen in so einer Zeit, als man schon wusste, dass früher oder später alle jüdischen Familien deportiert werden würden?

Wir wurden 1943 in einem Viehwaggon nach Auschwitz gebracht. Jahrelang hatte ich noch grauenhafte Träume von dieser Zeit.

Abends baten mich die Blockältesten immer, ob ich ihnen etwas vorsingen könne. Die wussten, dass ich gut singen kann. Ich kannte viele Lieder, von Schubert etwa oder von Mozart. Und die Blockältesten erzählten offenbar auch der Tschaikowska von mir, das war eine Musiklehrerin, die den Auftrag hatte, ein Orchester in Auschwitz aufzubauen. Jedenfalls kam sie eines Abends zu mir und fragte, ob ich ein Instrument spielen könne. Ich sagte: "Klavier." Sie: "Das haben wir nicht, wir haben aber ein Akkordeon." Also habe ich geantwortet: "Ja, ich kann Akkordeon spielen." Was gar nicht stimmte.

Das Akkordeon, so sagte sie, sei ganz wichtig für das Orchester. Und sie forderte mich auf: "Spiel mir mal den deutschen Schlager 'Du hast Glück bei den Frauen, Bel Ami'." Ich habe ihr dann gesagt, dass ich lange nicht mehr Akkordeon gespielt hätte und kurz üben müsste. Ich bin also in eine Ecke gegangen und habe herauszufinden versucht, wie das mit den Bässen in der linken Hand funktioniert. Dabei habe ich eine Taste gefunden, die etwas eingebuchtet war. Das ist bestimmt C-Dur, habe ich mir gedacht und den Rest dann einfach abgeleitet.

Wir haben mit dem Orchester meistens Märsche gespielt, Landsknechtslieder, die leichte Muse eben.

Doch ich bekam Typhus, ganz hohes Fieber. Wir hatten ja diesen Arbeitsführer Otto Moll, eine Bestie, ein widerlicher Kerl eigentlich. Aber der kam immer zum Orchester, weil er Musik mochte. Als er erfuhr, dass die einzige Akkordeonistin krank geworden war, hat er dafür gesorgt, dass ich aus dem jüdischen Krankenrevier ins christliche kam, denn im jüdischen bekam man keine Medikamente und musste am Ende ins Gas. Der Moll hat einer tschechischen Ärztin gesagt, wenn sie mich nicht wieder gesund mache, dann werde er sie erschießen. Der hatte irgendwie einen Narren an mir gefressen, ich weiß nicht warum. Das war meine Rettung.

Am 15. September 1945 bin ich in Palästina gelandet. Aber als wir dort ankamen, war das eine große Enttäuschung, weil die Engländer uns gleich wieder in ein Lager mit Stacheldraht steckten. Also das war wirklich eine Sauerei, uns so zu empfangen. Und leider waren unter den Bewachern auch viele Juden.

Später habe ich in der Fabrik gearbeitet und ganz schlimme Erfahrungen gemacht. Da gab es unter den jüdischen Arbeitern viele Terroristen, die die britischen Kolonialoffiziere angegriffen haben, um sie aus dem Land zu treiben. Ich sagte denen immer wieder, mit diesen Anschlägen könne man doch niemanden für seine Sache gewinnen. "Das wird doch immer schlimmer werden, die Engländer lassen sich das bestimmt nicht gefallen." Diese Leute waren deswegen sehr wütend auf mich und sagten: "Hitler hat wohl vergessen, dich zu vergasen."

1960 bin ich nach Deutschland gekommen, mit meinem Mann und meinen beiden Kindern. Wir hatten keine andere Möglichkeit, ich konnte nicht in Israel bleiben, ich war immer krank und konnte die Hitze nicht vertragen. Und mein Mann wollte auch nicht mehr in den Krieg ziehen.


Auschwitz - Erinnerungen an die Todesfabrik: Lesen Sie hier die Einleitung

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Frieda Tenenbaum

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Jehuda Bacon

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Erna de Vries

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Esther Bejarano

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Kazimierz Albin

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Protokoll: Martin Doerry
Foto/Kamera: Dmitrij Leltschuk, Sara Naomi Lewkowicz
Video: Marco Kasang, Lorenz Kiefer, Marie Joana Loidl, Hannes Opel, Bernhard Riedmann
Illustration: Christian Eisenberg, Ludger Bollen, Elsa Hundertmark, Jens Kuppi
Dokumentation: Ulrich Kloetzer, Heiko Buschke, Johannes Eltzschig, Johannes Erasmus, Nadine Markwaldt-Buchhorn, Margret Nitsche, Stefan Storz, Ursula Wamser
Schlussredaktion: Regime Brandt, Sylke Kruse
Programmierung: Guido Grigat
Foto- und Text-Produktion: Sabine Döttling, Philine Gebhardt, Maxim Sergienko; Gesche Sager
Koordination: Jule Lutteroth



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