Auschwitz-Überlebende Frieda Tenenbaum "Wir dienten Mengeles sogenannter Zwillingsforschung"

Frieda Tenenbaum kam im Juli 1944 als Zehnjährige nach Auschwitz. Sie überlebte, obwohl Kinder in dem KZ in der Regel gleich umgebracht wurden. Das Mädchen war in Mengeles Zwillingsbaracke untergebracht - obwohl sie gar kein Zwilling war.


Nur wenige können noch berichten, was wirklich im Konzentrationslager Auschwitz geschah. In dieser SPIEGEL-Serie erzählen Überlebende von ihrem Leidensweg durch den Holocaust.

Cambridge/USA, 7. Januar. Frieda Tenenbaum, 80, möchte keinen Besuch bei sich zu Hause, sie hat einen Freund, der ebenfalls Holocaust-Überlebender ist, gebeten, seine Wohnung für das Treffen zur Verfügung zu stellen. Frieda Tenenbaum kam im Juli 1944 als Zehnjährige nach Auschwitz. Sie überlebte, obwohl Kinder in der Regel gleich umgebracht wurden. Haben Sie eine Erklärung?

Wir sind bei unserer Ankunft in Auschwitz im Juli 1944 aus den Viehwaggons gesprungen und wurden direkt weggeführt - ohne Selektion. Warum? Ich weiß es nicht. Vielleicht hatte der Kommandant des Arbeitslagers gesagt, wir alle seien arbeitsfähig. Aber wie auf so viele Fragen habe ich auch darauf keine Antwort. Warum zum Beispiel wurden vielen Frauen die Haare geschoren, mir und meiner Mutter aber nicht? Warum bekamen wir keine gestreifte Häftlingsuniform? Ich weiß es nicht.

Nach dem Duschen jedenfalls schickten sie uns zu diesem großen Kleiderhaufen, und wir sollten uns welche aussuchen. Mein Blick fiel auf ein marineblaues Kleid mit weißen Polka-Punkten. Ich beschloss sofort: Das wollte ich haben. Meine Mutter drängte mich, mir etwas Wärmeres auszusuchen, aber viel Zeit blieb ja nicht. "Schnell, schnell, schnell", hieß es die ganze Zeit. Deshalb gab sie nach. In dem blauen Kleid bin ich dann bis in den Herbst hinein herumgelaufen.

Niemand bei uns im Lager trug eine gestreifte Uniform. Ich nehme an, dass es eine Art Übergangslager war, von wo aus man dann zu den Selektionen geschickt wurde, was ja in der Tat später auch mit uns passierte. Aber aus irgendeinem Grund blieben wir erst einmal da, für Monate. Wir waren einfach da, wurden hungriger, froren, unsere Schuhe lösten sich im Schlamm langsam auf. Morgens mussten wir zum Zählappell, oft viele Stunden lang. Abends dann dieselbe Prozedur. Arbeiten mussten wir nicht, auch meine Mutter nicht. Was wir gemacht haben tagsüber? Ich muss gestehen, ich weiß es nicht mehr. Außer, dass wir immer hungriger wurden.

Irgendwann wurde unsere Baracke dann doch evakuiert. Man brachte uns in ein anderes Lager, das sich FKL nannte, das Frauenkonzentrationslager. Dort kamen wir in einen ziemlich großen Raum, wo wir uns ausziehen und in einer Reihe aufstellen sollten. Am Ende standen SS-Männer: Mengele und noch ein paar andere. Er bestimmte, wer nach rechts und wer nach links gehen sollte. Irgendwann war ich an der Reihe, und er schickte mich nach links. Nach mir kam meine Mutter, und bei ihr deutete er nach rechts. "Nein", sagte sie, "ich will mit ihr gehen", und sie zeigte auf mich. Sie schoben sie, sie schlugen sie, aber meine Mutter blieb stur, bis sie nachgaben und sie zu mir gehen ließen.

So fand ich mich also in einer Gruppe, alle nackt, die meisten älter als meine Mutter, aber auch noch einige andere Kinder, auch Renia, meine Cousine. Und da standen wir und standen und standen, bis es dunkel wurde. Zur Linken konnte ich diese große metallgefasste Tür mit Guckloch sehen. Ich hatte die vage Ahnung, dass das die Gaskammer war.

Nachdem es dunkel wurde, hieß es plötzlich: "Geht und holt euch eure Kleider!" Und sie trieben uns zu einer anderen Baracke, die etwas stabiler war als die, die wir kannten. Am Eingang erwartete uns ein großer Kessel mit Suppe. Es war wundervoll, denn wir waren am Verhungern. Wir hatten keine Ahnung, was passiert war. Und ich weiß es bis heute nicht. Wir haben später versucht, die Daten zu korrelieren. Es muss etwa zu der Zeit des Aufstands in den Krematorien gewesen sein. Damals gelang es den Häftlingen des Sonderkommandos, das Krematorium IV in Brand zu setzen, und die Tötungsmaschine stockte. Das könnte der Grund für unsere Rettung gewesen sein.

Die Gefahr war aber noch nicht vorüber. Jetzt waren wir in Baracke 25, sozusagen das Wartezimmer für die Gaskammer. Aber selbst dort hatte ich Glück: Eine SS-Frau wandte sich an meine Mutter. Sie sah mich und meine Cousine an und fragte: "Willst du diese Kinder retten?" Dann nahm sie uns bei der Hand und führte uns zu einer Baracke mit Kindern jeden Alters, und man sagte uns, das sei Mengeles Zwillingsbaracke.

Natürlich hatten wir Angst, zum ersten Mal ganz ohne unsere Mütter. Aber immerhin waren wir jetzt an einen Ort geraten, der besser war als der, wo wir vorher gewesen waren. Wir merkten bald, dass einige der Kinder tagsüber abgeführt wurden, und wenn sie zurückkamen, hatten sie Verbände und sahen sehr verstört aus. Natürlich waren auch wir dort und dienten Mengeles sogenannter Zwillingsforschung. Ich habe keine Ahnung, als was die SS-Frau uns da angemeldet hat. Ich glaube, dass sie wusste, dass wir keine Zwillinge waren. Aber sie dachte wohl, dass wir als solche durchgehen würden. Für Experimente wurden wir nie geholt.

Wir versuchten mit den anderen Kindern zu kommunizieren. Aber sie kamen aus allen Teilen Europas, und viele wollten nicht sprechen. Von den Experimenten erzählte niemand etwas. In unserer Baracke waren wir vielleicht 40 Kinder. Wir sahen uns jeden Tag, und sie ließen uns diese wirklich bizarren Kinderspiele spielen. Ringelreihen, deutsche Lieder und so weiter. Ich weiß noch, dass ich dachte: Wie verrückt, wir spielen hier Kinderspiele!


Auschwitz - Erinnerungen an die Todesfabrik: Lesen Sie hier die Einleitung

Die letzten Zeugen: Lesen Sie die Protokolle der Überlebenden

Frieda Tenenbaum

Frieda Tenenbaum

Jehuda Bacon

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Erna de Vries

Erna de Vries

Esther Bejarano

Esther Bejarano

Kazimierz Albin

Kazimierz Albin

Protokoll: Johann Grolle
Foto/Kamera: Dmitrij Leltschuk, Sara Naomi Lewkowicz
Video: Marco Kasang, Lorenz Kiefer, Marie Joana Loidl, Hannes Opel, Bernhard Riedmann
Illustration: Christian Eisenberg, Ludger Bollen, Elsa Hundertmark, Jens Kuppi Dokumentation: Ulrich Kloetzer, Heiko Buschke, Johannes Eltzschig, Johannes Erasmus, Nadine Markwaldt-Buchhorn, Margret Nitsche, Stefan Storz, Ursula Wamser
Schlussredaktion: Regime Brandt, Sylke Kruse
Programmierung: Guido Grigat
Foto- und Text-Produktion: Sabine Döttling, Philine Gebhardt, Maxim Sergienko; Gesche Sager
Koordination: Jule Lutteroth



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