Auschwitz-Überlebender Jehuda Bacon "Es ist kalt, Kinder, ihr könnt runtergehen ins Krematorium"

Jehuda Bacon kam als Kind ins KZ Auschwitz und wurde Zeuge des Massenmordes. In den Gaskammern sah er die Duschköpfe, die nicht einmal Löcher hatten. Seine Beobachtungen hat er damals gezeichnet. Bitte schalten Sie den Ton an!


Nur wenige können noch berichten, was wirklich im Konzentrationslager Auschwitz geschah. In dieser SPIEGEL-Serie erzählen Überlebende von ihrem Leidensweg durch den Holocaust.

Jerusalem, 5. Januar. Jehuda Bacon hat als Treffpunkt das LeoBaeck Institut gewählt, er kommt gelegentlich hierher, um sich einen Vortrag anzuhören. Bacon, 85, kannte Leo Baeck, den berühmten Rabbiner, persönlich. Er traf ihn im Ghetto Theresienstadt, wie viele andere Künstler und Intellektuelle, die er bis heute verehrt. Seit wann wussten Sie, dass Sie Maler werden würden?

Ich habe schon als Kind gern gezeichnet, am liebsten Karikaturen der Lehrer.

Ich war ein guter Schüler, nur etwas verträumt, das bin ich bis heute. Als ich neun Jahre alt war und die Deutschen in die Tschechoslowakei einmarschierten, stellten sie in Glaskästen die Zeitung "Stürmer" aus. Ich habe mir das genau angesehen, denn da gab es auch Karikaturen. Die Juden hatten da meist eine ganz lange Nase und einen schlechten Charakter.

Ich selbst war ein blonder, arisch aussehender Junge. Vor unserer Schule warteten damals Gruppen von der Hitlerjugend. Meine Freunde wurden verprügelt. Mich haben sie weggeschoben. Sie glaubten nicht, dass ich ein Jude sein könnte. Zu dieser Zeit passierten merkwürdige Dinge. Wir sollten unsere Wertgegenstände abgeben, Silber, Pelze, später sogar Spazierstöcke. Ich wunderte mich über die Stöcke. Die ersten Menschen aus unserer Nachbarschaft verschwanden.

Erst kam ich nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz, dort wusste ich dann sofort, wozu die Stöcke eingesammelt worden waren. Sie waren zum Schlagen. Das hatte es in Theresienstadt noch nicht gegeben. Auch dass sich die Häftlinge untereinander prügelten, war neu. Die Leute in Auschwitz erschienen uns wie Wilde. Wir kamen ins tschechische Familienlager. Dort hatten wir es etwas besser als die anderen. Es war ja ein Vorzeigelager, bestimmt für den Bluff mit dem Internationalen Roten Kreuz. Aber in unserer Kartografie stand: Sonderbehandlung in sechs Monaten. Wir wussten, dass wir dann vergast würden.

Es gab dort wieder so einen besonderen Menschen, Fredy Hirsch, eine Art Jugendleiter. Er hat uns gezwungen, uns auch im Winter mit Schnee zu waschen. Er brachte uns bei, wie wichtig das Äußere war. Denn wenn die von der SS sahen, dass einer schmutzig war oder krank wirkte, dann ging es gleich ins Krematorium.

Es ging ja immer nur um sechs Monate. Doch dann gab es plötzlich eine Möglichkeit für mich. Die SS suchte eine Gruppe von Jugendlichen. Wir wussten nicht, wofür. Wir wussten nur, wenn ich bei meinem Vater bleiben würde, würde ich auch sterben. Also trafen wir gemeinsam die Entscheidung, dass ich gehe. Er sah mir in die Augen und sagte zu mir, wir sehen uns in Palästina. Wir wussten beide, dass er ins Gas gehen würde.

Ich und die anderen Jungen, die ich noch aus Theresienstadt kannte, kamen dann ins Männerlager Auschwitz-Birkenau zum Arbeiten. Wir zogen einen Pferdewagen und transportierten einen Holzbalken oder einen Christbaum durch das Lager. Einmal nach der Arbeit sagte der Kapo vom Sonderkommando zu uns: "Es ist kalt, Kinder, ihr könnt runtergehen ins Krematorium, da ist es wärmer." Viele hatten Angst, aber ich ging mit ein paar anderen. Ich wollte genau wissen, wie das alles passiert. Ich sah die Duschköpfe, die nicht einmal Löcher hatten, ein Bluff nur für den ersten Augenblick. Ich habe das alles gezeichnet damals, das war sehr gefährlich.

Zwischen uns Kindern gab es etwas, dass es sonst eigentlich nicht gab in Auschwitz: Kameradschaft. Das war außergewöhnlich. Unsere Freundschaften hatten von Theresienstadt bis hierher gehalten.

Später, bei den Todesmärschen, wurde jeder erschossen, der zurückblieb. Doch wenn einer von uns keine Kraft mehr hatte, dann nahmen wir ihn links und rechts und zogen ihn mit. Keines von uns Kindern wurde erschossen.

Wir hatten unsere eigenen moralischen Kodizes, zum Beispiel, dass man nicht von einer Frau stiehlt. Da war so ein ausgehungerter Junge, der klaute einer Frau etwas. Den haben wir bestraft, indem wir nicht mehr mit ihm sprachen. Er hat darunter furchtbar gelitten. So sehr, dass er zu diesem schrecklichen Kapo im Lager ging, der für einen Laib Brot mit den Jugendlichen schlief. Er hat diesen Laib Brot dann bekommen. Er ist sofort nach dem Krieg gestorben. Die Russen, die uns befreiten, meinten es gut. Sie gaben den Häftlingen das Beste zu essen. Aber die fast Verhungerten konnten es ja nicht mehr verdauen. Daran ist er gestorben.

Andere starben, weil die SS die Lebensmittel vergiftet hatte. Ich hatte einen Würfel Margarine in meiner Tasche. Ein großer, starker Häftling schlitzte mir die Jacke auf und nahm ihn weg. Ich war sehr traurig. Auch da bin ich dem Tod entkommen.

Nach der Befreiung sah ich in einem Lazarett in den Spiegel. Wahrscheinlich war ich schon damals ästhetisch begabt, denn mir wurde schlecht. Ich wog 34 Kilo.

Durch die Hilfe von ganz wunderbaren Menschen kam ich nach Prag und schließlich nach Israel. Diese Menschen haben mir etwas zurückgegeben. Wir glaubten ja niemandem mehr. Aber die wollten uns einfach nur Gutes.

Ich hatte nur eines im Kopf, ich wollte erzählen, was passiert war. Dann, glaubte ich, würden die Menschen besser werden. Natürlich war es eine große Enttäuschung, weil man mir nicht einmal zuhören konnte. Ich hatte keinen Filter. Es war den Leuten zu viel. Also widmete ich mein Leben der Kunst, um es auszudrücken.


Auschwitz - Erinnerungen an die Todesfabrik: Lesen Sie hier die Einleitung

Die letzten Zeugen: Lesen Sie die Protokolle der Überlebenden

Protokoll: Nicola Abé
Foto/Kamera: Dmitrij Leltschuk, Sara Naomi Lewkowicz
Video: Marco Kasang, Lorenz Kiefer, Marie Joana Loidl, Hannes Opel, Bernhard Riedmann
Illustration: Christian Eisenberg, Ludger Bollen, Elsa Hundertmark, Jens Kuppi
Dokumentation: Ulrich Kloetzer, Heiko Buschke, Johannes Eltzschig, Johannes Erasmus, Nadine Markwaldt-Buchhorn, Margret Nitsche, Stefan Storz, Ursula Wamser
Schlussredaktion: Regime Brandt, Sylke Kruse
Programmierung: Guido Grigat
Foto- und Text-Produktion: Sabine Döttling, Philine Gebhardt, Maxim Sergienko; Gesche Sager
Koordination: Jule Lutteroth



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