Auschwitz-Überlebender Kazimierz Albin "Wir robbten immer ein Stück weiter. So entkamen wir ihnen endlich"

Im Juni 1940 wurde Kazimierz Albin nach Auschwitz gebracht, drei Jahre später gelang ihm die Flucht aus dem KZ. Im Widerstand gehörte es dann zu seinen Aufgaben, Kollaborateure und Funktionäre hinzurichten.


Nur wenige können noch berichten, was wirklich im Konzentrationslager Auschwitz geschah. In dieser SPIEGEL-Serie erzählen Überlebende von ihrem Leidensweg durch den Holocaust.

Warschau, 30. Dezember. Kazimierz Albin, 92, sitzt in seiner Wohnung auf dem Gelände des ehemaligen Warschauer Ghettos, auf dem Tisch vor ihm liegt ein Fahndungsaufruf der Gestapo neben dem Bundesverdienstkreuz. Davor ein Schwarz-Weiß-Foto, das Albin als 22-Jährigen zeigt: auf einer Krakauer Straße, als Mitglied der Polnischen Heimatarmee - der Widerstandsbewegung gegen die Nazis - kurz nach einer "Aktion", wie er es sagt, vielleicht der Hinrichtung eines SS-Manns. Das war 1944, ein Jahr nach Albins Flucht aus Auschwitz. Haben Sie aus Rache gehandelt?

Ja. Diese Aktionen auszuführen hat mir eine gewisse Befriedigung gegeben. Aber einmal, als ich auf offener Straße einem NS-Funktionär in den Kopf geschossen hatte, musste ich mich übergeben. Ich war ja noch jung damals. 22.

Als ich nach Auschwitz kam, war ich 17. Einige Monate vor Auschwitz hatte ich gehört, dass sich in Frankreich die polnische Armee neu organisiert, die gegen die Nazis gekämpft hatte. Für meinen Bruder und mich war klar, dass wir da auch hinmüssen.

Wir wurden in der Slowakei festgenommen, weil wir die Grenze illegal überschritten hatten - und weil wir in Frankreich kämpfen wollten.

Am 14. Juni 1940 luden die Deutschen meinen Bruder, mich und 726 weitere in die Passagierwaggons eines Zuges. Der Zug war voll mit jungen Polen und einigen Offizieren, die man auf dem Weg nach Frankreich festgenommen hatte.

Das war der erste große Transport polnischer Häftlinge nach Auschwitz.

Ich bekam die Häftlingsnummer 118 tätowiert. Es gibt viele ehemalige Häftlinge, die ihre Nummern gern zeigen. Ich nicht. Ich mag das nicht.

Die wenigen Brotstückchen, die wir am Abend bekamen - am Morgen gab es außer einer braunen Flüssigkeit, die sie Kaffee nannten, gar nichts -, wurden manchmal sogar geklaut. Einmal konnten wir den Dieb über mehrere Nächte nicht dingfest machen. Dann aber doch. Er wurde gelyncht. Ich war dabei, aber ich kam nicht an ihn heran, auf ihm lagen schon zig andere.

Ich arbeitete in der SS-Küche und schmuggelte Essen heraus. Ich machte die Portionen für die SS immer etwas kleiner, als sie sein sollten. Bei den großen Mengen fiel das nicht auf. Wäre das aufgefallen, hätte ich es nicht überlebt.

In der SS-Küche freundete ich mich mit Franciszek Roman an. Nummer 5770. Am 27. Februar 1943 sind Franek und ich geflohen. Wir stiegen durch ein Fenster im Lagerraum. Kalte Luft kam uns entgegen. Die Gitter waren verbogen, unmittelbar vor uns waren fünf andere Häftlinge geflohen. Jetzt die erste Nervenprobe: Draußen mussten wir am Speisesaal vorbei, wo sich die SS-Männer gerade mit Frauen vergnügten. Es gab damals noch keine Verdunkelung, weil keine Flieger kamen. Also war die gesamte Strecke, die wir zu laufen hatten, hell erleuchtet. Ein Blick aus dem Speisesaal hätte gereicht, und unsere Flucht hätte hier geendet.

Wir kamen zu einem Stacheldrahtzaun, der an dieser Stelle nicht elektrisch geladen war. Wir krochen darunter durch. Dann eine Straße, auf der wir höllisch aufpassen mussten, weil sie dort patrouillierten. Und 30 Meter weiter der Fluss Sola. Wir rannten. Vor dem Ufer zogen wir uns aus. Nackt schwammen wir durch die Sola, an Eisschollen vorbei. Unsere Kleidung hielten wir mit einer Hand über dem Wasser.

In der Mitte jaulte die Lagersirene auf. Sie war bei einer Flucht auch das Signal für das Fahrbereitschaftskommando, sich auf den Weg zu machen. Diese Sirene weckte mich auf. Vorher hatte ich wie in Trance gehandelt. Am anderen Ufer zogen wir die Sachen über unseren nassen Körper und rannten weiter. Es ging um Sekunden. Jede konnte über Leben und Tod entscheiden.

Wir kamen an eine Straße und sahen Lichter, die sich näherten. Wir schafften es gerade so, uns in einem Gebüsch zu verstecken. Das Fahrbereitschaftskommando kam, mit ihren Hunden stiegen sie aus und liefen zur Sola. Wir lagen nur Meter entfernt und verstanden jedes Wort.

Sie schossen Leuchtraketen in den Himmel, sodass man jede Ameise sehen konnte. Aber wir waren gut versteckt. Als das Licht einer Leuchtrakete schwand, robbten wir immer ein Stück weiter weg. So entkamen wir ihnen endlich.

Einige Wochen nach meiner Flucht fuhr ich mit dem Zug in meine Heimat, nach Krakau. Ich trat dem Widerstand, also der Polnischen Heimatarmee, bei und wurde Leutnant. Zu meinen Aufgaben gehörte dann eben auch, Kollaborateure und Funktionäre hinzurichten.

Mitte der Fünfzigerjahre besuchte ich mit einer Gruppe ehemaliger Häftlinge Auschwitz zum ersten Mal nach dem Krieg. Weil es damals noch keine Hotels in der Umgebung gab, mussten wir in den dreistöckigen Lagerbetten schlafen. Ich schlief oben, so, wie ich es im Lager immer gemacht hatte. Ich mochte es nicht, unter jemandem zu schlafen. Wenn jemand Durchfall hatte, dann lief das herunter.

Im Halbschlaf sah ich Drähte, und ich sah Licht. Ich war überzeugt, wieder im alten Auschwitz zu sein. Ich wachte schweißgebadet auf. Danach habe ich nie wieder von Auschwitz geträumt.


Auschwitz - Erinnerungen an die Todesfabrik: Lesen Sie hier die Einleitung

Die letzten Zeugen: Lesen Sie die Protokolle der Überlebenden

Protokoll: Jurek Skrobala
Foto/Kamera: Dmitrij Leltschuk, Sara Naomi Lewkowicz
Video: Marco Kasang, Lorenz Kiefer, Marie Joana Loidl, Hannes Opel, Bernhard Riedmann
Illustration: Christian Eisenberg, Ludger Bollen, Elsa Hundertmark, Jens Kuppi Dokumentation: Ulrich Kloetzer
Schlussredaktion: Regime Brandt, Sylke Kruse
Programmierung: Guido Grigat
Foto- und Text-Produktion: Sabine Döttling, Philine Gebhardt, Maxim Sergienko; Gesche Sager
Koordination: Jule Lutteroth



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