Konzentrationslager Dachau Modell für die Mordlager

Konzentrationslager Dachau: Modell für die Mordlager Fotos
Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

Als "Erziehungsanstalt" verkaufte Himmler das KZ Dachau der Presse, als er 1933 die Errichtung des Lagers bekanntgab. Doch was hinter Stacheldrahtzäunen entstand, war ein grausames Modellprojekt, dessen Terrorstrategien bald in allen Konzentrationslagern angewandt wurden. Von Johanna Lutteroth

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"Am Mittwoch wird in der Nähe von Dachau das erste Konzentrationslager mit einem Fassungsvermögen für 5000 Menschen errichtet werden." Knapp und sachlich skizzierte Heinrich Himmler, SS-Chef und frisch ernannter Polizeipräsident von München, am 20. März 1933 vor Journalisten die geplanten Neuerungen im bayrischen Strafvollzug. "Hier werden die gesamten kommunistischen und – soweit notwendig – Reichsbanner- und marxistischen Funktionäre, die die Sicherheit des Staates gefährden, zusammengezogen." Das Innenministerium und die Polizei seien überzeugt, dass die "Maßnahme" zur "Beruhigung der gesamten nationalen Bevölkerung" beitrage.

Dass ihn die Grundrechte der betroffenen Personen wenig scherten, machte er im selben Atemzug klar: "Im Interesse der Sicherheit des Staates müssen wir diese Maßnahmen treffen ohne Rücksicht auf kleinliche Bedenken." Die Botschaft war eindeutig: Wer politisch nicht spurt, landet in Dachau. Am folgenden Tag konnten das die Deutschen in nahezu allen Zeitungen lesen. Sogar die "New York Times" brachte die Meldung auf der ersten Seite.

Himmlers Drohung war weltweit gehört und nur zu gut verstanden worden. Die Angst vor der Willkür der neuen Machthaber ging schon seit Wochen um. Seit dem Reichstagsbrand im Februar 1933 wüteten SA und SS-Einheiten auf den deutschen Straßen, nahmen nach Gutdünken vermeintliche Staatsfeinde unter dem Vorwand der "Schutzhaft" fest und pferchten sie in eigenmächtig errichteten sogenannten Konzentrationslagern ein, für die sie den Platz in alten Schulen, Turnhallen oder leer stehenden Fabrikgebäuden fanden. Mehr als 40.000 Menschen landeten im Frühjahr 1933 in diesen "wilden Lagern".

Dachau war zwar nicht das erste Konzentrationslager, in den ersten Jahren der NS-Herrschaft war es aber das mit Abstand berüchtigtste. Denn hier setzte Himmler seine Vorstellungen von einem reibungslos funktionierenden Terrorregime unter der Regie der SS eins zu eins um. Er schuf in Dachau den Prototyp des Vernichtungsapparats, der allen späteren Konzentrationslagern als Modell diente. Systematisch wurden hier die Häftlinge gefoltert, geprügelt und durch harte Sklavenarbeit körperlich zugrunde gerichtet. Dachau war die "Keimzelle des nationalsozialistischen Terrors", wie es der Historiker Wolfgang Benz formulierte.

Besserungs- und Erziehungsanstalt

Der Öffentlichkeit verkaufte Himmler sein Terror-Camp als "Besserungs- und Erziehungsanstalt". Den "kommunistischen Funktionären und staatsfeindlichen Elementen" solle hier das Arbeiten wieder beigebracht werden, konkretisierte der bayrische Staatssekretär Hermann Esser am 4. April 1933 auf einer Pressekonferenz in Berlin die Pläne. Zum Beweis ermöglichte Himmler in- und ausländischen Journalisten regelmäßig Besichtigungstouren durch das Lager. Was sie zu sehen bekamen waren saubere Unterkünfte, gut ausgestattete Waschmöglichkeiten und aufgeräumte Schlafbaracken.

Die Journalisten gingen der Propaganda viel zu oft auf den Leim. Einer von ihnen war der holländische Geistliche C. v. Tourenbuts. Er veröffentlichte am 9. Dezember 1933 einen Artikel im "Dagblaat" von Noordbrabant: "Dachau, Lüge und Wahrheit." Misshandlungen in Dachau gehörten, so Tourenbuts, ins Reich der Fabel. Die einzige Strafe, die es gebe, sei die Einzelhaft. Ein weiteres Beispiel für die verzerrte Berichterstattung ist der Artikel "Die Wahrheit über Dachau", der im Juli 1933 in der Münchener "Illustrierten Presse" erschien. Darin werden Bilder von Häftlingen bei ihren Freizeitaktivitäten gezeigt. Dass das Schwimmbad de facto ein stinkender Tümpel war, in dem das Baden wegen der Infektionsgefahr verboten war, erwähnt der Autor nicht.

Die Wahrheit schilderte erst der kommunistische Reichstagsabgeordnete Hans Beimler. Er wurde am 11. April 1933 von den Nazis gefangen genommen. Bis zu diesem Tag ging es in Dachau noch halbwegs moderat zu, weil die normale Schutzpolizei für die Bewachung der Häftlinge zuständig war. An jenem 11. April lösten Himmlers SS-Schergen die Schupos ab, weil der neue Kommandeur der politischen Polizei, Heinrich Himmler, das so angeordnet hatte. Dies war der Auftakt des ungebremsten Terrors. Gleich am 12. April 1933 kamen die ersten vier Häftlinge ums Leben. "Auf der Flucht erschossen", wie es offiziell hieß. Zehn weitere starben bis Ende Mai unter den Schikanen und Misshandlungen.

Systematisierter Terror

Beimler kam wegen seiner exponierten Stellung in der KPD sofort in Einzelhaft - in den sogenannten Bunker. Mehrfach am Tag prügelten SS-Männer mit Knüppeln und Ochsenziemern auf ihn ein. Aus den Nachbarzellen hörte er regelmäßig die Schreie seiner Mithäftlinge, die dieselbe Tortur durchlitten. Blutige Rücken, vollkommen kaputt geprügelte Gesäße gehörten zum Alltag. "Hier kommst Du nicht lebendig wieder raus", blafften seine SS-Folterknechte immer wieder. Beimler gelang am 9. Mai 1933 das scheinbar Unmögliche: die Flucht.

Im August 1933 veröffentlichte er unter dem Titel "Im Mörderlager Dachau" in Moskau einen Bericht, der die Gräuel schilderte. Obwohl der Text in Deutschland nur in illegalen Zeitungen und Flugblättern Verbreitung fand, schreckte er das NS-Regime mächtig auf. "Nach längerem Bemühen ist es der Botschaft gelungen, Hetzschrift Im Mörderlager Dachau zu beschaffen. Broschüre ist geeignet, das deutsche Ansehen aufs Schwerste zu schädigen", schrieb die deutsche Botschaft im Sommer 1934 an das Auswärtige Amt in Berlin. Vier Monate später wurde Beimler ausgebürgert, was der Völkische Beobachter auf der Titelseite mit der Überschrift "Aus der Volksgemeinschaft ausgestoßen - Volksverräter und Lumpen sind keine Deutschen" feierte.

Nicht alle Häftlinge landeten direkt in den Folterkellern. Die meisten wurden in den normalen Lagerbetrieb integriert. Je nach Schweregrad der "Schuld" wurden die Gefangenen aufgeteilt, zu denen seit Mai 1933 nicht mehr nur Kommunisten und Sozialdemokraten gehörten, sondern auch Monarchisten und Vertreter bürgerlicher Parteien. Wer als vergleichsweise harmlos galt, kam in eine der angeschlossenen Werkstätten - darunter eine Schlosserei, eine Sattlerei und eine Tischlerei. Die vermeintlich schweren Fälle, deren Akten mit dem Vermerk "Auf Entlassung wird kein Wert gelegt" versehen waren, wurden in die nahe gelegene Kiesgrube geschickt und dort systematisch körperlich zugrunde gerichtet. Unter dem Schlagwort "Vernichtung durch Arbeit" sollte die physische und psychische Ausbeutung der Häftlinge später ihren Platz in den Geschichtsbüchern finden.

Besonders hart traf es die jüdischen Häftlinge, die von den SS-Wachen bevorzugt schikaniert wurden. Nicht umsonst waren die ersten vier Toten Dachaus, die am 12. April vermeintlich auf der Flucht erschossen worden waren, Juden. Kamen neue Häftlinge an, wurden sofort die Juden herausgefiltert. Viele bekamen gleich zur Begrüßung vor den Augen des gesamten Lagers 25 Schläge mit einem Ochsenziemer auf das nackte Gesäß.

Das Dachauer Modell

Verantwortlich für das brutale Regime der ersten Monate war der Lagerkommandant Hilmar Wäckerle. Im Juni 1933 wurde er von Himmler Vertrauensmann Theodor Eicke abgelöst, der den Terror schließlich systematisierte und das schuf, was heute als "Dachauer Modell" bezeichnet wird. Bereits im Herbst 1933 legte er eine neue Lagerordnung vor, die das Standrecht etablierte. Eicke listete jedes noch so kleine Vergehen auf und teilte ihm eine konkrete Strafe zu. Wer bei der Arbeit zu laut redete, galt bereits als Meuterer und wurde sofort erschossen. Wer nicht schnell genug aus dem Bett aufstand, wurde mit drei Tagen Arrest im Bunker bestraft.

Weitere Repressalien waren das Strafexerzieren, Prügel und das Pfahlhängen, bei dem die Häftlinge an ihren auf dem Rücken zusammengebundenen Händen aufgehängt wurden. Gleichzeitig strukturierte Eicke die Organisation des Lagers neu und schuf eine Hierarchie, in die perfiderweise auch die Häftlinge eingebunden wurden. Diese Hierarchie ermöglichte "die lückenlose Reglementierung, Unterdrückung und Ausbeutung" der Gefangenen, wie es der Historiker Stanislav Zámecnik formulierte, der selbst in Dachau inhaftiert war.

Zusätzlich richtete Eicke direkt an das Lager angrenzend die sogenannte Dachauer Schule ein, in der die SS-Wachtrupps ausgebildet und mit pervertierten Methoden zu Massenmördern und Folterknechten abgerichtet wurden. Eicke brach den Willen der Männer, hetzte sie systematisch gegen die "Feinde hinterm Draht" auf und gewöhnte sie daran, mit eigenen Händen zu töten. Nahezu alle Kommandanten der späteren Konzentrationslager waren durch Eickes Schule gegangen. Der bekannteste darunter ist Rudolph Höß, von 1940 bis 1943 Kommandant in Auschwitz.

Unverzichtbares Herrschaftsinstrument

Bereits im Sommer 1934 schien es, als habe das Terrorinstrument Konzentrationslager endgültig ausgedient. Die Arbeiterbewegung war komplett zerschlagen, der politische Feind vernichtet. Ende 1934 gab es noch fünf Lager mit rund 3000 Gefangenen, die mittlerweile alle unter Himmlers Kontrolle standen. Doch Himmler gelang es, Hitler davon zu überzeugen, dass die Konzentrationslager ein unverzichtbares Herrschaftsinstrument seien, mit dem sich auch andere, unerwünschte Gesellschaftsgruppen eliminieren ließen.

Himmler ließ daraufhin auch Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Bettler, Landstreicher, Alkoholiker und Prostituierte verhaften. Die Zahl der Gefangenen stieg seit 1935 wieder kontinuierlich an. Neue Konzentrationslager entstanden. 1936 Buchenwald, 1937 Sachsenhausen und im Jahr darauf Mauthausen und Flossenbürg. Alle wurden nach dem von Eicke entwickelten Dachauer Modell aufgebaut. Die ersten Vernichtungslager, die allein auf den industriellen Massenmord ausgerichtet waren, entstanden indes erst Anfang 1942 als Folge der Wannsee-Konferenz. Dachau zählte nie dazu. Dennoch kamen von den rund 200.000 Dachauer Häftlingen insgesamt 40.000 ums Leben – vernichtet durch Arbeit.

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    Seite 1    
1.
Detlev Vreisleben 20.03.2013
Warum wurde der Begriff "Konzentrationslager" am Anfang mit "KL" abgekürzt und später mit "KZ"? Gibt es dafür eine ErklärunGß
2.
H. Lorenz 20.03.2013
Dem *Spiegel* wäre solch ein oberflächlicher und meinungsmanipulierender Beitrag nicht untergekommen - dem Spiegel mit _Bertelsmann-Beteiligung_ schon. Kein Hinweis, wo sich denn Himmler hat "inspirieren" lassen für die Errichtung von Konzentrationslagern. Denn diese Lager waren zur Abwechslung mal keine deutsche Erfindung. Auch findet weiter die falsche, denn durch angloamerikanische Medien publizierte Bezeichnung "KZ" - wegen des "harten Zischlautes", Verwendung. Korrekt war aber - nachweislich - die Bezeichnung *KL* für *K*onzentrations*L*ager (wie es auch im Rest der Welt bezeichnet wird). Im Ganzen betrachtet ist es natürlich egal, wie die Vernichtungslager bezeichnet wurden. In einer Abhandlung mit dem Thema der Entstehung der deutschen Konzentrationslager sollte aber ein "Nachrichten-Magazin", dazu noch ein meinungsbildendes "Leitmedium" entsprechende Sorgfalt walten lassen. MfG
3.
Hans-Gerd Wendt 20.03.2013
"Bereits im Sommer 1934 schien es, als habe das Terrorinstrument Konzentrationslager endgültig ausgedient. Die Arbeiterbewegung war komplett zerschlagen, der politische Feind vernichtet." Diese zwei Sätze darf man so nicht stehen lassen! Auch nach 1934 war der "politische Feind" noch lange nicht "vernichtet". Natürlich waren die Umstände, unter denen gegen die Faschisten gearbeitet wurde, äußerst schwierig. Dennoch gab es im ganzen Deutschen Reich Widerstandsgruppen, die den Kampf organisiert fortsetzten. Mit vielfältigen Verbindungen ins demokratische Ausland kam einerseits Aufklärung über die Naziverbrechen nach Deutschland hinein, andererseits halfen Informationen über die Aufrüstung der Wehrmacht den späteren Alliierten gegen die Kriegsvorbereitungen Hitlers. Selbst in den 40er Jahren blieben Widerstandgruppen aktiv. Wenn die immer neuen Verhaftungen auch große Lücken rissen: Vollständig haben die Nazis ihre Gegner nie besiegt.
4.
Tim Eggebrecht 21.03.2013
>Auch findet weiter die falsche, denn durch angloamerikanische Medien publizierte Bezeichnung "KZ" - wegen des "harten Zischlautes", Verwendung. Korrekt war aber - nachweislich - die Bezeichnung *KL* für *K*onzentrations*L*ager (wie es auch im Rest der Welt bezeichnet wird). Komisch nur, dass auch in der DDR die Lager als KZs bezeichnet wurden und die war sicher nicht durch angloamerikanische Medien beeinflusst. Ihr Argument greift also nicht.
5.
Angelika Spallek 21.03.2013
Welche Tatsache soll eigentlich die "akademische" Unterscheidung zwischen Arbeits- und Vernichtungslagern erhellen? Ähnliche Kleinkariertheit sehe ich in der Wichtigkeit, die der Bennenung KL oder KZ beigemessen wird. Auch der Fakt, dass es "auf deutschem Boden" kein Vernichtungslager gab, macht es nicht weniger katastrophal. Aus meiner Sicht bleibt es im Grunde gleichgültig, ob die Menschen eher zufallsgesteuert durch Schwerstarbeit, Hunger, und Krankheit und medizinische Experimente oder in einer " äußerst effektiven" Tötungsmaschinerie unter Einsatz von Giftgas vernichtet wurden. Die Menschenverachtung, der Hass und die absolute Verrohung Einzelner, gepaart mit preußischen Tugenden ist beiden Formen gemein und lässt sich m.E. so nicht versachlichen.
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