KZ Faulbrück Mit 15 kam ich in die Hölle

Als er noch ein halbes Kind war, kam Josef Königsberg ins KZ. Fünf Jahre lang musste er zwischen Schwerstarbeit und sadistischen Aufsehern täglich ums nackte Überleben kämpfen. Dennoch sagt er, er habe "Glück im Unglück" gehabt. Denn er überlebte den Krieg – anders als seine Mutter und Schwester.

Josef Königsberg

Als der Krieg ausbrach, war ich 15 Jahre alt. Ich lebte mit meiner Familie in Kattowitz. Nach dem Überfall der deutschen Armee auf Polen wurden wir bei Nacht und Nebel aus unserer Wohnung gejagt. Vater konnte den Nazi-Mordkommandos entkommen. Meine Mutter und meine kleine Schwester wurden nach Auschwitz deportiert, wo sie kurze Zeit später ermordet wurden. Ich machte eine fünf Jahre andauernde Horror-Odyssee durch verschiedene Konzentrationslager. Von meinen Erlebnissen zu erzählen, bin ich denen schuldig, die damals nicht überlebten.

Im dritten Jahr meiner Gefangenschaft wurde ich zusammen mit meinen Jugendfreunden Ruth und Dago in das dem zentralen Konzentrationslager Groß-Rosen unterstellte KZ Faulbrück verlegt. Jeden Tag kämpften wir aufs Neue gemeinsam ums Überleben. Ruth arbeitete in der Küche und versorgte uns hin und wieder heimlich mit einer Zusatzration - mal war es eine Kartoffel, mal ein Stückchen Brot, das sie uns unauffällig zusteckte. Dago arbeitete im Bestandslager und hatte die Möglichkeit, an jedem zweiten oder dritten Tag ein paar Socken, warme Unterhosen oder ein Paar Handschuhe zu ergattern, die eigentlich für die Soldaten an der Ostfront gedacht waren. Diese Sachen tauschten wir dann für einen Teller Suppe, Brot oder Kartoffeln ein.

Eines Tages war er jedoch nicht vorsichtig genug. Ein Wachposten wurde aufmerksam, und zur Strafe erhielt er 25 Peitschenhiebe. Es waren nicht nur die physischen Qualen, die meinen mutigen Freund brachen - noch schlimmer war der psychische Zusammenbruch, von dem er sich nicht mehr erholen konnte. Jahre später stürzte er sich von der obersten Etage eines Gebäudes der Universität, an der er nach dem Krieg ein Studium aufgenommen hatte, in die Tiefe.

Ich schrie wie von Sinnen

Ich wurde einer Arbeitskolonne zugeteilt, die sich in einem Steinbruch abplagen musste. Mit einem schweren Hammer schlugen wir große Brocken aus einer Steinwand und transportierten sie zu einer Sammelstelle. Die SS-Männer in Begleitung ihrer Schäferhunde beobachteten uns ununterbrochen und gönnten uns nicht eine Minute zum Ausruhen. "Hey, du bist doch ein großer starker Junge! Du kannst noch viel größere Steine auf die Schulter nehmen!", sprach mich ein SS-Posten an und zeigte auf einen riesigen Steinbrocken.

Ohne Widerspruch stemmte ich den schweren Stein hoch und ging unter der Last fast zusammenbrechend weiter. Ich strengte meine Muskeln bis zum äußersten an. Aber ich konnte nur unsicher und sehr langsam auf wackligen Beinen vorankommen. Der SS-Mann gab keine Ruhe. "Willst du mich verarschen, du Drecksack?", fluchte er. Er kam auf mich zu, hob seine Peitsche und schlug zu. Sein Schäferhund fing laut an zu bellen und riss wie wild an der Leine. In Panik versuchte ich, zur Seite zu springen, um dem Zähne fletschenden Ungeheuer zu entgehen.

Dabei geriet ich mit meiner schweren Last ins Trudeln, der Stein entglitt meinen Händen, plumpste mit lautem Krachen zu Boden und traf unglücklicherweise eine Vorderpfote des Hundes. In seinem Schmerz jaulte er erst laut auf und in der nächsten Sekunde schnappte er nach meinem linken Bein, biss zu und riss ein großes Stück Fleisch aus meinem Unterschenkel. Der Schmerz war schier unerträglich. Ich schrie wie von Sinnen. Ein Blutschwall ergoss sich aus der tiefen Wunde auf meinen Fuß. Glücklicherweise zeigte der SS-Mann Erbarmen und riss den aufgebrachten Hund von mir weg. Ich wäre sonst wohl zu Tode gebissen worden.

Aus der Hölle befreit

Halb ohnmächtig wurde ich auf einer Bahre in die Baracke gebracht. Und wiederum hatte ich Glück im Unglück: Mein Freund Alek Weinreich, der dort als Sanitäter arbeitete, nahm sich meiner an. Er nähte meine Wunden zusammen und legte die Bandagen besonders eng an, damit die Verletzungen schnell abheilen sollten. Außer Aspirin hatte er jedoch kaum weitere Medikamente. Die Wunden bluteten und eiterten noch monatelang. Läuse nisteten sich in die tiefen Fleischlöcher ein und piesackten zusätzlich. Die immer noch großen Narben an meinem Bein erinnern mich bis heute an dieses furchtbare Erlebnis.

Zwei Jahre später wurde ich durch die Rote Armee aus der Hölle befreit. Sechzig Jahre später habe die schrecklichen Ereignisse von damals in meiner Biografie "Ich habe erlebt und überlebt" niedergeschrieben. Die "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" veröffentlichte mehrere Artikel, ich wurde zu Lesungen eingeladen und es entstand ein reger Dialog zwischen mir und den Lesern. Darüber bin ich sehr froh, konnte ich doch meinen kleinen Teil dazu beitragen, dass dieses dunkle Kapitel europäischer Geschichte nicht in Vergessenheit gerät.



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