KZ-Filmdokument Leichenzug der Lügner

Jahrzehnte hatte Hollywood-Regisseur Samuel Fuller den Film unter Verschluss gehalten, erst dann machte er seine zutiefst verstörenden Aufnahmen aus dem KZ Falkenau öffentlich. Sie zeigen, wie US-Soldaten bei Kriegsende 1945 Einwohner des Ortes mit der schrecklichen Wirklichkeit des Lagers konfrontierten.

Von E.F. Kaeding

Emil Weiss

"Krieg ist Wahnsinn, organisierter Wahnsinn!" Sichtlich bewegt berichtete Samuel Fuller dem französischen Dokumentarfilmer Emil Weiss 1988 von den blutigen Gräuel des Zweiten Weltkriegs, die er und seine Kameraden über Jahre täglich ertragen hatten. "Aber wir hätten nie geglaubt, dass wir einmal etwas erleben würden, was diesen schrecklichen Alptraum wie ein Spaziergang erscheinen ließ."

Dann kam der 8. Mai 1945. An dem Tag, an dem endlich alles vorbei zu sein schien, befreiten amerikanische Truppen, in denen der spätere Hollywood-Regisseur Fuller als Infanterist dienste, das Konzentrationslager Falkenau in der Tschechoslowakei. Vollkommen unerwartet und mit voller Gewalt sei ihnen die "grausame Wahrheit" des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs ins Gesicht geschlagen.

Noch heute fange er an zu zittern, wenn er sich an die "Lebenden hingekauert zwischen den Toten“ erinnert, bekannte er in seiner kurz vor seinem Tod 1997 verfassten Autobiographie "A Third Face". "In den Baracken waren Männer und Frauen mit eingefallenen Augen, zu schwach ihre geschundenen Körper zu bewegen", schrieb er. Überall hätten Leichen einfach so herum gelegen, achtlos wie alte Zeitungen übereinander geworfen. Der süßliche Gestank verwesender Körper habe wie eine Dunstglocke über dem Lager geschwebt. "Einige Soldaten kotzten ihre Angst, ihr Grauen einfach aus."

Jahrzehntelang hatte Fuller die Erinnerungen unter Verschluss gehalten. Erst Anfang der Achtziger wagte er sich daran und arbeitete auf, was er als einfacher Soldat in der Ersten US-Infanteriedivision, die wegen der roten Eins auf den Schulterklappen auch "The Big Red One" genannt wurde, erlebt hatte. Er drehte den Kriegsfilm "The Big Red One", der den Vormarsch von der Normandie bis in die Tschechoslowakei zeigt. Acht Jahre später erklärte er sich bereit, gemeinsam mit Emil Weiss einen Dokumentarfilm über das KZ Falkenau zu machen - und holte dafür einen uralten Film aus dem Schrank, den er am 9. Mai 1945 mit seiner 16mm-Kamera gedreht und seither nicht mehr angesehen hatte. Zu groß war seine Angst vor den schmerzhaften Erinnerungen. Vier Jahrzehnte später indes hatten die Bilder eine fast tröstende Wirkung. Denn sie dokumentieren, wie es Fuller formulierte, "eine kurze Lektion über die Menschenwürde".

"Die lächerlichste Lüge der Welt"

Seit 1938 gehörte die Kleinstadt Falkenau in Nordböhmen zum Großdeutsche Reich. Etwa 10.000 Menschen lebten hier. Die Häuser waren sauber, die Fassaden geschmückt mit Blumenkästen. Es war eine "anständige" Kommune mit "aufrechten Bürgern", erinnerte sich Fuller. Ein barockes Rathaus und zwei Kirchen auf dem Altmarkt markierten die politischen und sakralen Mittelpunkte der Gemeinde. Das Konzentrationslager aber lag nur einen Steinwurf vom Ortsrand entfernt. Hunderte Menschen sollten in Sichtweite dieser offenkundig so heilen Welt gequält und ermordet worden sein, ohne dass jemand eingriff? Fuller und seine Kameraden wollten und konnten es nicht glauben.

Auch für Captain Kimble R. Richmond, Kommandant von Fullers Einheit, war das unvorstellbar. Deshalb ließ er alle wichtigen Persönlichkeiten des Ortes zusammenrufen, darunter den Bürgermeister, Banker, Bäcker, Schlachter, und stellt sie zur Rede. Sie zuckten nur mit den Schultern und beteuerten ihre Unschuld. Sie hätten nichts von der Existenz des Konzentrationslagers gewusst - und vor allem nichts gerochen. Überhaupt seien sie gegen Hitler gewesen. "Es war die lächerlichste Lüge, die jemand äußern konnte", sagte Fuller als er 1988 gemeinsam mit Weiss in Falkenau war, um das Erlebte vor Ort zu rekonstruieren. "Denn der Gestank des Todes" war überall.

Die Antwort der Stadtbewohner überraschte die US-Soldaten kaum. "Während unseres Feldzuges hatten wir gelernt, Bekenntnissen der Zivilbevölkerung zu misstrauen", erinnerte sich Fuller. "Jeder Araber in Nordafrika war gegen die Nazis. Jeder Franzose schwor Gefolgschaft auf die Freien Französischen Streitkräfte. Sizilianer hassten Mussolini. Belgier hassten Hitler. Und immer mehr Deutsche waren nie NSDAP-Mitglied gewesen."

Eine ungewöhnliche Lektion

Aufgebracht und angewidert angesichts dieser so offensichtlichen Lüge bestellte Richmond die befragten Falkenauer für den kommenden Tag ins Konzentrationslager ein. Insgesamt 14 Männer. Wer nicht erscheine, ließ er verlauten, werde sich vor einem Erschießungskommando wiederfinden. Und dann fragte er Fuller: "Haben Sie noch die Kamera, die Ihre Mutter Ihnen geschickt hat? Holen Sie sie!"

Fuller, der vor dem Krieg erst als Polizeireporter für eine New Yorker Boulevardzeitung gearbeitet hatte und später als Drehbuchautor und Schriftsteller in Hollywood, ließ sich nicht lange bitten. Er hatte sich freiwillig zur Armee gemeldet und einen Schreibtischplatz dankend abgelehnt, weil er meinte, nur als Infanterist "der Wahrheit auf die Spur" zu kommen. Jetzt hatte er die Chance "das größte Verbrechen des Jahrhunderts aufzudecken". Nie zuvor hatte er einen Film gedreht. Dies war sein Debüt.

Am Morgen des 9. Mai machten sich 14 Falkenauer auf den kurzen Weg in das Lager. Schweigend durchschritten sie das Tor zwischen den beiden Wachtürmen, an dem das stählerne Schild mit der Inschrift "Konzentrationslager Falkenau" befestigt war. Richmond ließ sie im Kreis antreten und gab ihnen einen klaren Befehl: Kleidet die Toten an und begrabt sie. Er wollte, wie es der französische Kunstphilosoph Georges Didi-Huberman beschrieb, "eine Situation schaffen, die, wenn nicht das Verbrechen als solches (...) so doch wenigstens diese Lüge (des Unwissens) bestrafte. Und angesichts solch unermesslicher Würdelosigkeit eine Geste der Würde erzwingen." Die Bürger von Falkenau sollten nie wieder behaupten können, nichts gewusst zu haben.

Leichenkarren durch die Stadt

Fuller platzierte sich mit seiner 16mm-Kamera auf einem Erdwall und filmte das gesamte Begräbnisritual: Zwei Falkenauer tragen die erste Leiche an Armen und Beinen aus einer der dunklen Baracken. Die Überlebenden des Konzentrationslagers erheben sich andächtig. Ein abgezehrter Körper folgt dem anderen. Sie werden auf weiße Bettlaken gelegt. Dann gehen die 14 Männer zu einem alten Pferdekarren und holen Hemden und Hosen heraus. Fuller schwenkt auf einen Falkenauer, der vor einer ausgemergelten Leiche kniet und ein Hosenbein über den knochigen Fuß ruckelt. Der Kopf des leblosen Körpers kippt dabei erst nach rechts, dann nach links, und schließlich nach hinten. Der Mund und die Augen sind weit geöffnet, die Qualen des Todes unauslöschlich ins Gesicht geschrieben.

Schließlich ziehen die 14 Männer die Leichen auf Holzkarren zum Friedhof. Der Weg führt mitten durch ihre Stadt, vorbei an einheimischen Zuschauern, die sich am Straßenrand versammelt haben. Bedrückendes Schweigen. Auf dem Friedhof werden die Toten in ein Massengrab gelegt. Ein vielleicht 14-jähriger Junge, der noch in einer Uniform der Hitler-Jugend steckt, legt ihre Streichholz-dünnen Arme vor der Brust gekreuzt übereinander. Ein anderer Mann überdeckt die Leichen mit weißen Tüchern. Ein Geistlicher spricht ein knappes Gebet. Erde wird über die reglosen Körper geworfen. Die KZ-Überlebenden, die sich lange genug auf den Beinen halten können, halten eine Ehrenwache. Sie wurden "mit Würde beerdigt", schrieb Fuller fünf Jahrzehnte später in seinen Erinnerungen.

Ihn selbst lässt die herzzerreißende Zeremonie am 9. Mai 1945 wie betäubt zurück.

Als Fuller 1946 in die USA zurückkehrt, vergräbt er die Filmrolle in der hintersten Ecke eines Schrankes, so als wolle er die Erinnerung an diese Tage in den letzten Winkel seines Herzens verbannen. Vier Jahrzehnte später kommentierte er seine erste Regietätigkeit mit den Worten: "Der Film mag aussehen wie die Arbeit eines Amateurs. Die darin gezeigten Morde aber waren von Fachmännern."

Zum Weiterlesen:

Fuller, Samuel: A Third Face. My Tale of Writing, Fighting and Filmmaking. New York, A. Knopf, 2002

Zum Weitersehen:

"Falkenau, the Impossible", Regie: Emil Weiss (1988)



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Michael Rund, 07.05.2011
1.
Vielen Dank fuer den Artikel! Die Stelle von KZ gibt es noch- Heute ist das eine Plattenbausiedlung. Die Stelle von Massengrab auch. Heute ist dort ein Denkmal.
Rosie Dransfeld, 08.05.2011
2.
1992 haben meine Kollegin Diane Zweng und ich einen TV Beitrag fuer den NDR realisiert unter dem Titel 'Nur Gott der Herr kennt ihre Namen", basierend auf dem gleichnamigen Buch ueber die Massengraeber entlang der Heidebahn Linie zwischen den KZ Lagern Bergen-Belsen und Neuengamme. darin haben wir Flmmaterial des Imperial War Museums verwendet, dass die Umbettung der Leichen dokumentiert. In deisem Fall waren die Dorfbewohner alte Maenner, Frauen und Kinder. Ich vermute, dass man den Film beim NDR Archiv in Hamburg einsehen kann.
Peter Smith, 08.05.2011
3.
Interessanter Artikel. Den Film/Doku "Falkenau the impossible" gibts uebrigens auf youtube. werde es mir nachher mal ansehen!
Susanne Modeski, 09.05.2011
4.
Na, das ist doch bei den Amis genauso. Da glaubt heute noch eine Mehrheit, in Guantanamo und Abu Ghraib wird nicht gefoltert, GIs erschießen keine Zivilisten im Irak und Afghanistan, Babies in Vietnam sterben nicht an den Folgen von Agent Orange und die Indianer sind von selber tot umgefallen.
Ralf Mahrhost, 09.05.2011
5.
Auch von mir: Vielen Dank! Gegen das Vergessen.
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