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Mauthausen-Ausbruch "Sind beim Antreffen sofort umzulegen"

Mauthausen-Ausbruch: "Sind beim Antreffen sofort umzulegen" Fotos

Im Februar 1945 überwältigten KZ-Häftlinge in Mauthausen ihre Bewacher und flohen in die Freiheit. SS-Männer und ganz normale Bürger jagten und ermordeten die Flüchtlinge gnadenlos. Von

Die Nacht auf den 2. Februar 1945 war sternenklar und bitterkalt. Im Block 20 des Konzentrationslagers Mauthausen herrschte absolute Stille. Die SS-Männer auf den angrenzenden drei Wachtürmen waren in ihren warmen Schafsfellen entweder bereits eingenickt oder dösten träge vor sich hin. Doch plötzlich brach das Chaos aus. "Die Fenster wurden aufgerissen, und wie eine Lawine stürzten sich ein halbes tausend Tapfere in Richtung Maschinengewehrfeuer", erinnerte sich Vladimir Nikolaevic Sepetja, der zu den Männern gehörte, die in dieser Nacht aus Block 20 ausbrechen wollten.

Die Häftlinge hatten die Wachen mit ihrer Attacke vollkommen überrumpelt. Mit zwei Feuerlöschern griffen sie die SS-Leute auf dem einen Turm an und sprühten ihnen den weißen Schaum entgegen. Zusätzlich beharkten sie ihre Bewacher mit Steinen und Ersatzseife. Am Ende eroberten sie den Turm mitsamt seinem Maschinengewehr. Heftig feuernd schalteten sie damit die SS-Schergen auf den beiden anderen Wachtürmen aus. Mit nassen Decken schlossen sie anschließend den elektrischen Stacheldrahtzaun kurz, der auf der 2,50 Meter hohen Umfassungsmauer des Blocks 20 thronte. In größter Eile schoben, zogen und hievten sie sich gegenseitig über die Mauer, durchliefen die dahinter stehenden Drahtzäune und rannten der Freiheit entgegen. 419 Häftlinge entkamen in dieser Nacht.

Halb verhungert, barfuß und mit dünnen Fetzen bekleidet, schleppten sich die Männer durch die kalte Winternacht. Der Mauthausener Lagerkommandant Franz Ziereis sandte mittlerweile SS-Mannschaften mit Bluthunden zur Suche nach den Ausgebrochenen aus. Zeitgleich alarmierte er die umliegenden Gendarmerieposten sowie die Angehörigen von Volkssturm und Hitlerjugend, um seine Männer zu unterstützen. Der Bürgermeister der ansässigen Gemeinde Schwertberg wiederholte öffentlich den vom KZ-Kommandanten ergangenen Befehl: "Es sind heute in der Nacht in Mauthausen lauter Schwerverbrecher ausgebrochen. […] Diese sind beim Antreffen sofort umzulegen."

"Geschossen wurde auf alles"

Es folgte ein erbarmungsloses Gemetzel an den wehrlosen Flüchtlingen, das im Nazi-Jargon als "Mühlviertler Hasenjagd" bekannt wurde. Nicht nur die ohnehin mörderische SS hetzte die zu Skeletten abgemagerten Menschen durch die Winterlandschaft, sondern auch die Gendarmerie, Leute vom Volkssturm, Hitlerjungen und ganz normale Bürger.

Systematisch durchstreiften die "Jäger" die Gegend um das Konzentrationslager, das sogenannte Mühlviertl. Die Leute stellten sich auf wie bei einer Treibjagd. "Es ging sehr wüst zu", erinnerte sich Johann Kohut, der Postenkommandant der Schwertberger Gendarmerie, an diese Nacht. Die Häscher durchsuchten systematisch Bauernhof für Bauernhof. Mit langen Stangen stocherten sie im Stroh der Heuschober herum, wo sich viele der Häftlinge eingegraben hatten. Bisweilen schossen sie auf Gutdünken in die Haufen hinein. Wen die Männer ergriffen, töteten sie kaltblütig. "Ein großes Morden begann, ein richtiges Blutbad", berichtete Kohut. "Der Schneematsch auf der Straße färbte sich mit dem Blut der Erschossenen. Einigen spaltete man das Haupt mit einem Beil. Die Leichen blieben liegen so wie sie fielen."

Unbeschreibliche Szenen spielten sich ab. "Die SS gebärdete sich gar tobsüchtig", schrieb Kohut. Auch Zivilisten und Mitglieder des Volkssturms töteten in einem regelrechten Blutrausch. Der Kaufmann Leopold Böhmberger geriet in Rage, weil Gendarmen in Schwertberg sieben Häftlinge entgegen dem ausgegebenen Befehl festgesetzt und nicht ermordet hatten. Kurzerhand erschoss er die Wehrlosen eigenhändig.

Ein anderer Mann erstach einen Entflohenen, den seine Frau im Stall entdeckt hatte, mit dem Taschenmesser. "Die Frau sprang hinzu und versetzte dem Sterbenden noch eine Ohrfeige", berichtete Kohut. Nach 24 Stunden hatten die Mörder bereits 300 der 419 Entflohenen gefasst und getötet. Drei Wochen später waren fast alle Entflohenen ihren Häschern ins Netz gegangen.

"Es ist so furchtbar"

Mit Ausnahme von drei Familien verrieten alle Bauern die halbtoten Männer, die in ihren Heuschobern, Ställen und Garagen Zuflucht gesucht hatten, und übergaben sie der SS. Sie hatten Angst - sowohl vor den ausgezehrten Häftlingen, die sie tatsächlich für Schwerverbrecher hielten, als auch vor den Repressalien der SS, die drohte, jeden selbst ins KZ zu bringen, der nicht mitzog.

Nur die Langthalers aus Winden, die Wittenbergers aus Lanzenberg und Mascherbauers aus Doppl hatten den Mut, die Häftlinge zu verstecken und sie mit Essen zu versorgen. Maria Langthaler, deren Sohn Alfred bei der Jagd mitmachen musste, erzählte später, was ihr Sohn über die Jagd auf die KZ-Häftlinge berichtet hatte: "[…] mein Gott, Mutter, es ist so furchtbar." Da habe sie intuitiv beschlossen zu helfen.

Was keiner der Bauern wusste: Die 419 entflohenen Häftlinge waren keine Schwerverbrecher, sondern sowjetische Kriegsgefangene, die oft schon jahrelang als Zwangsarbeiter in Deutschland geknechtet worden waren, dann auf der Flucht gefasst wurden und daraufhin gemäß einem geheimen Erlass in Mauthausen zu Tode gequält werden sollten.

Penibel verschleierte das NS-Regime den völkerrechtswidrigen Umgang mit diesen Kriegsgefangenen. Sie wurden nicht in den offiziellen Häftlingslisten des KZ geführt. An die Wehrmachtsauskunftsstelle, die die völkerrechtliche Verantwortung für Kriegsgefangene trug, wurden sie als "geflohen und nicht wieder ergriffen" gemeldet. Damit verschwanden die Männer für immer aus den Akten der NS-Bürokratie und gleichzeitig lautlos im Block 20, dem Todesblock von Mauthausen.

"Hunderte lebende Skelette"

Vom Rest des Konzentrationslagers war dieser Block durch seine Lage im Quarantänelager hermetisch abgeschirmt. Zeitweise wurden hier bis zu 1800 Häftlinge eingepfercht, die auf dem nackten Boden schlafen mussten. Sie erhielten weder Decken noch Schuhe, nur ein Hemd und eine Hose. Die Todgeweihten, die offiziell nicht existierten, bekamen nur alle drei Tage eine dünne Steckrübensuppe. Ihre Tage mussten sie von 6 Uhr morgens bis 20 Uhr abends auf dem winzigen Hof verbringen. Dort waren sie dem Sadismus ihrer Bewacher ausgeliefert, die sie mit Turnübungen quälten oder mit Knüppeln im Entengang rund um die Baracke jagten.

"Hunderte lebende Skelette, die sich kaum auf den Beinen halten konnten, mit borstigen Haaren bedeckt, mit entzündeten Augen, mit fest zusammengebissenen Zähnen gingen in der Hocke dahin, fielen, standen wieder auf und gingen weiter", erinnerte sich Ivan Blakanov, der zusammen mit zehn anderen Männern die "Mühlviertler Hasenjagd" überlebte. "Bei Regenwetter mussten wir uns auf den nassen, schmutzigen Boden legen und einen Teppich bilden, damit sich der SS-Mann die Stiefel nicht beschmutzte", erinnerte sich Michail Lvovic Rybcinskij, der von der Familie Langthaler gerettet wurde. Regelmäßig wurden die Häftlinge mit einem Wasserschlauch nass gespritzt und dann die Fenster der Baracke über Nacht aufgerissen. Etliche holten sich dabei eine Lungenentzündung und starben. Im Schnitt starben täglich 10 bis 20 Häftlinge. Über 4000 sowjetische Kriegsgefangene waren zwischen Frühjahr 1944 und Januar 1945 auf diese Weise im Todesblock ums Leben gekommen.

Die Massenflucht vom 2. Februar 1945 war daher reine Verzweiflungstat. Die Häftlinge hatten die Wahl zwischen dem sicheren Ende im Todesblock und der leisen Hoffnung, ihren Peinigern doch noch zu entkommen. Für nur 11 der 419 Flüchtlinge sollte dieser Traum wahr werden.

Juristische Aufarbeitung

Die grauenhaften Taten der "Mühlviertler Hasenjagd" blieben wenigstens juristisch nicht ungesühnt. In mehreren Prozessen wurden die Taten später aufgearbeitet. Die Spannbreite der Urteile indes war groß, wie diese beiden Beispiele zeigen: Während der Schwertberger Bürgermeister Niedermayer wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen freigesprochen wurde, bekam Hugo Tacha, der sich als Wehrmachtssoldat auf Fronturlaub an der Jagd beteiligt hatte, 20 Jahre Gefängnis.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Mir bleibt die Spucke weg.
Rolf Hegemann, 02.02.2015
Ich hätte nie gedacht, daß sich Menschen so zu Bestien entwickeln können wie hier geschildert. Man kann sich kaum erklären, was Menschen antreibt, solche Treibjagden mitzumachen. Hier war die Rede davon daß die Bürger tatsächlich glaubten, es seien Schwerverbrecher ausgebrochen. Aber die Wachmannschaften mußten doch wissen, daß dies Kriegsgefangene waren...mir bleibt einfach die Spucke weg.
2. Verbrecher
Karl Napf, 02.02.2015
Die breite Masse hat es gewusst und die Verbrecher nach dem Krieg auch noch gedeckt und wieder in die Gesellschaft integriert, schließlich hätte man die Expertise benötigt. Verbrecher durch und durch.
3. Menschen wie du und ich
Jim Beam, 02.02.2015
Was sagt das über uns aus? Ich würde nicht behaupten, dass die hier gezeigte Grausamkeit eine spezifisch deutsche Charakteristik ist, sondern dass Menschen generell, unter geeigneten Bedingungen, zu allem imstande sind.
4. Bitte meldet euch,
Wilfried Salz, 02.02.2015
wenn ihr von euch behaupten könntet, dass ihr so gehandelt hättet, wie die Langthalers aus Winden, die Wittenbergers aus Lanzenberg und Mascherbauers aus Doppl. Wieviel Mut, wieviel (Gott?)Vertrauen gehört dazu, inmitten der Barberei einfach Mensch zu bleiben. Es ist so leicht, die Menschen so zu indoktrinieren, dass sie sich selbst für die Guten halten und den Mitmenschen als Abschaum. Dabei atmen wir alle die selbe Luft, spüren die selbe Leere, sind alle gleichwertiger Teil der Schöpfung. Wir projezieren die negativen Aspekte unseres Seins auf Menschen, die uns ein Feind dargestellt werden. Sind wir als Deutsch heute besser geworden als in der geschilderten Zeit? Wieder lassen wir uns in Kriege treiben oder gingen freiwillig gerne mit, wie aktuell mal wieder gegen Russland. Und statt gegen Juden wird gegen Muslime gehetzt. Teil ganz offen auf der Strasse, teil subtil und hinterhältig von der offiziellen Leitbildern. "Toleranz" für die muslimischen Einwanderer wird eingefordert, gleichzeitig Muslime aber unterschwellig mit gewälttätigen Islamisten gleichsetzt ( die oft auch noch von unserer "westlichen Wertegemeinschaft" gesponsort werden.
5.
Anna Gabel, 03.02.2015
Aber sie sind dabei immer anständig geblieben - laut Himmler - wie es sich eben für gute Deutsche gehört. Sie hatten vermutlich nicht mal ein schlechtes Gewissen. Was für eine Generation und was für ein Erbe.
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