Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Menschenexperimente im Frauen-KZ Ravensbrück Vom Mut der Kaninchen

Zwangsoperationen im Frauen-KZ Ravensbrück: Wie die Versuchstiere gequält Fotos

Polnische Frauen schmuggelten Beweise aus dem KZ Ravensbrück, die grausame medizinische Experimente belegen. Jahrzehntelang lag ein Teil dieser Dokumente in einem Wald verscharrt. Nun sind sie erstmals auf Deutsch zu lesen. Von

In einem ihrer schlimmsten Träume verwandelt sich Wanda Poltawska in eine Fliege. Ein kleines, wehrloses Insekt, deren rechtes Bein sich in einem Spinnennetz verheddert hat. Im Netz hockt eine fette Spinne mit haarigen Beinen und einem menschlichen Kopf. Das Gesicht nähert sich, wird größer und größer, wie in einem Film füllt es bald die ganze Leinwand aus. Es ist das Gesicht ihres Peinigers, des KZ-Arztes Fritz Fischer.

Wieder und wieder quälte der Chirurg Wanda und ihre Leidensgenossinnen auf grausamste Weise: Den zumeist jungen Frauen wurden die Beine aufgeschnitten und mit Eiter erregenden Bazillen infiziert. Manchen wurden Holz- und Glassplitter in die offenen Wunden gelegt, bei anderen wurde an Knochen, Muskeln und Nerven experimentiert. "Króliki", polnisch für "Kaninchen": So nannten sich die Frauen selbst. Weil sie von den Nazi-Ärzten wie Versuchskaninchen malträtiert wurden.

Die "Króliki" litten unvorstellbare Schmerzen. Wer nicht sofort starb, wurde zum Invaliden an Leib und Seele. Was die Opfer pseudomedizinischer Experimente am Leben hielt, war allein die Hoffnung. Die Hoffnung, dass die ungeheuren Verbrechen, die sich hinter den vier Meter hohen Mauern des KZ Ravensbrück abspielten, ans Tageslicht kommen - und die Täter bestraft würden.

Beseelt von diesem Willen, dokumentierten die Frauen ihr Martyrium so detailliert wie möglich. Es gelang ihnen, die Aufzeichnungen hinter dem Rücken der SS-Aufsicht aus dem 90 Kilometer nördlich von Berlin gelegenen Lager herauszuschmuggeln. Ein Teil der Schriften wurde noch während des Krieges im Wald nahe Neubrandenburg in einem Glasbehälter vergraben, wo man sie 1975 entdeckte. Ein jetzt veröffentlichtes Buch mit dem Titel "Damit die Welt es erfährt… Illegale Dokumente polnischer Häftlinge aus dem Konzentrationslager Ravensbrück" (Metropol Verlag 2015) zeichnet den Weg nach, den die erschütternden Zeugnisse einst nahmen - und bietet erstmals eine deutsche Übersetzung.

"Noch ist Polen nicht verloren"

Das in der Erde verscharrte wasser- und luftdicht verschlossene Glas enthielt 14 Briefe und 37 Gedichte aus dem Jahr 1943, zudem Listen mit den Namen im KZ erschossener Frauen sowie der 74 polnischen Opfer pseudomedizinischer Experimente. Minutiös sind Datum, Art der Operation und Anzahl der Schnitte aufgeführt. Weiterhin befanden sich in dem Behälter eine Zeichnung sowie eine aus einem Zahnbürstenstiel geschnitzte Miniatur eines Adlers.

"Noch ist Polen nicht verloren" steht auf der einen Seite der winzigen Schnitzerei, "Freiheit und Sieg 1943" auf der anderen Seite. Wer traute sich so etwas? Wer brachte den Mut und den Optimismus für derlei Sprüche auf, im Angesicht von Terror und Zensur, Demütigung, Schmerz und Tod?

Die Urheberinnen jener unter Lebensgefahr verbotenen Dokumente stammten zumeist aus dem polnischen Widerstand. Sie waren aufgrund ihrer Arbeit im Untergrund festgenommen und nach Ravensbrück, ins größte Frauen-Konzentrationslager auf deutschem Gebiet, deportiert worden. Wanda Poltawska, jene Frau, die nach dem Krieg als enge Vertraute von Papst Johannes Paul II. Bekanntheit erlangen sollte, ist eine von ihnen.

"Erinnere dich, wie farbige Wiesen blühen"

1941, mit 19 Jahren wurde die gebürtige Lublinerin von der Gestapo verhaftet, weil sie als Mitglied einer Pfadfinderinnengruppe verbotene Aktivitäten gegen die deutschen Besatzer organisiert hatte. Nach sechs Monaten Haft im Lubliner Schloss wurde Poltawska nach Ravensbrück deportiert, wo sie zunächst schwerste Zwangsarbeit verrichten musste.

Anfang August 1942 wunderte sich die junge Frau: Nach eineinhalb Jahren des leidvollen Lageralltags durfte sie plötzlich ein heißes Bad nehmen. Doch die Euphorie wich blankem Entsetzen. Ärzte schnitten ihr das rechte Bein auf, infizierten die Wunde, gipsten das Bein ein - und warteten ab.

Poltawska fieberte hoch, halluzinierte, wand sich in Höllenqualen. Und überlebte dennoch. Die heimlich zugesteckten Botschaften ihrer Leidensgenossinnen retteten sie vor dem Tod. "Denke an gar nichts! Erinnere dich, wie farbige Wiesen blühen, (…) wie die Nachtigallen sangen" stand auf einem der Zettel, wie Poltawska nach dem Krieg in ihrer Autobiografie "Und ich fürchte meine Träume" erinnert.

Eingesperrt, geknebelt, zwangsoperiert

Kaum war Poltawska wieder in der Lage dazu, schrieb sie in einem der vorliegenden Briefe auf, was ihr und den anderen "Kaninchen" widerfahren war: "Wir nutzen die Gelegenheit und wollen Euch die Zustände, wie sie im jetzigen Augenblick in unserem Lager herrschen, darstellen", beginnt Poltawska ihr Zeugnis.

Sodann schildert sie detailliert eine Revolte der operierten Frauen: Nachdem eine Gruppe sich im August 1943 geweigert hatte, ins Lazarett zu kommen, wurden die Häftlinge eingesperrt, geknebelt und "am 16. August, im Bunker in ihren Kleidern, ungewaschen operiert", so Poltawska: "Man hat sie mit Gewalt genommen, die SS-Männer haben sie an Händen und Beinen festgehalten, eine Schwester hat die Spritzen gegeben."

Wie bei den anderen im Glas enthaltenen Briefen lautete der Adressat auch hier: "Liebe Jungs". Damit waren polnische Kriegsgefangene gemeint, die unweit des Frauen-KZs, im Stammlager II A Neubrandenburg, zur Zwangsarbeit eingesetzt waren und über ein Außenkommando in heimlichem Kontakt mit den Häftlingen standen. Die "Jungs" ließen den Polinnen Medikamente, Nahrungsmittel, Hostien und Bücher zukommen. Zugleich übermittelten sie die Informationen der Frauen an konspirative Zellen, die sie in chiffrierter Form an die Heimat weiterleiteten.

Delikatessen statt Hilfe

Ab Dezember 1942 wusste man in Polen Bescheid über die grausamen Versuchsoperationen, wie die Historikerin Wanda Kiedrzynska anhand von Quellen rekonstruiert hat. Über die Heimatarmee (Armia Krajowa) gelangten die Informationen an die polnische Exilregierung in London. Zudem leitete die Ende 1943 aus Ravensbrück entlassene Aka Kolodziejczyk Informationen über die medizinischen Experimente an den britischen Rundfunksender BBC.

Auch der Vatikan war informiert: Laut Kiedrzynska bat die polnische Botschaft den Vatikan in einem Aide-Mémoire vom 20. März 1943 um Intervention. Doch Kiedrzynska zufolge fand diese Intervention nicht statt. Stattdessen ließ der Vatikan den Ravensbrücker "Kaninchen" Lebensmittelpäckchen zukommen. Das Rote Kreuz in Genf wiederum, erinnert Poltawska, schickte den inhaftierten Frauen Zucker, Trockenfrüchte und portugiesische Sardinen.

Und die "Kaninchen"? Schrieben, dichteten und zeichneten weiter - getrieben von dem übermächtigen Wunsch, vor ihrem Tod gehört zu werden. Ein letztes Paket mit Dokumenten konnte nicht mehr weitergeleitet werden und wurde vergraben, wie sich der polnische Arzt und einstige Kriegsgefangene Henryk Grabowski erinnert.

Verschollenes Testament erfüllt

Grabowski war es auch, der die DDR-Behörden 1975 zu der Stelle führte, an der die Dokumente im Erdreich versteckt worden waren. Am 24. Mai 1975, um 10 Uhr morgens, begann eine Einsatzgruppe der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Neubrandenburg, nach dem Glas zu suchen. Noch am gleichen Tag wurde man fündig: Der vor mehr als 30 Jahren verscharrte Behälter befand sich mitten im Wald, einen Meter von einem Markierungsstein entfernt.

Was das Glas nicht enthielt, was möglicherweise noch immer irgendwo im Mecklenburger Erdreich schlummert, ist das Testament der operierten Frauen. Fest in dem Glauben, getötet zu werden, verfassten die "Kaninchen" um die Jahreswende 1943/1944 ihren letzten Willen: Sie baten um die Gründung einer Schule, in der, so Poltawska, "Frauen zu friedliebenden Menschen erzogen werden sollten, die auch keine verbrecherischen Experimente an Menschen mehr zulassen würden".

Finanziert werden sollte die Schule von den Entschädigungszahlungen, die Deutschland nach dem Krieg an Polen entrichten würde. Das von 72 operierten Frauen unterzeichnete Testament gilt nach wie vor als verschollen - und wurde doch erfüllt: 2002 eröffnete in unmittelbarer Nähe des KZ Ravensbrück eine Internationale Jugendbegegnungsstätte.

Anzeige

Artikel bewerten
2.5 (1056 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...



© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH