Rettung aus KZ Sachsenhausen Wie Gerta Stern die Gestapo foppte

Mit einem tollkühnen Trick befreite Gerta Stern ihren Mann aus dem KZ Sachsenhausen. Jetzt ist die gebürtige Wiener Jüdin 100 Jahre alt, lebt in Panama - und kennt endlich ihren Retter.

Gerta Stern im Jahr 2015, im Hintergrund ein Foto, das sie mit ihrer Tochter zeigt
Europa Verlag/ Désirée von Trotha

Gerta Stern im Jahr 2015, im Hintergrund ein Foto, das sie mit ihrer Tochter zeigt

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"Aber natürlich praktiziere ich noch", sagt Gerta Stern und lacht ihr helles, mädchenhaftes Lachen. Ein, zwei Kundinnen behandelt die Kosmetikerin täglich in ihrem Studio in Panama-Stadt. Nur mittwochs nicht, da spielt sie Bridge. "Wenn man aufhört zu arbeiten", sagt sie, "dann wird man wirklich alt."

Was es unbedingt zu verhindern gilt. Gerta Stern will am 24. Oktober ihren 101. Geburtstag feiern.

Es ist ihr allererstes Skype-Interview. Roter Lippenstift, hellwache Augen, verschlungene Linien im Gesicht, großer Goldschmuck: Neugierig blickt die alte Dame in die Laptop-Kamera.

Bis heute ist sie stolz darauf, diese Nazis an der Nase herumgeführt zu haben. Dem braunen Terror entronnen, quicklebendig zu sein.

"Es war ein Theaterstück mit ungewissem Ausgang. Ich hatte nichts zu verlieren", sagt sie über den Coup ihres Lebens.

Um ihren Ehemann Munio aus dem KZ Sachsenhausen zu befreien, marschierte Gerta Stern im November 1938 todesmutig ins Hamburger Hauptquartier der Gestapo.

Sie quasselte in breitestem Wienerisch so lange auf die Beamten ein, bis man ihr glaubte, dass Munio gar kein Jude sei - und seine Freilassung veranlasste. "Señora Gerta", wie sie in Panama ehrfürchtig genannt wird, setzte damals alles auf eine Karte, schreibt die Autorin Anne Siegel in einer neuen Biografie. Und gewann dank des schauspielerischen Talents, das sie schon als Kind groß rausbrachte.

Gerta "The Kid"

Gerta Lagodzinsky war erst acht Jahre alt, als sie ein Theater-Casting gewann - weil sie am besten Jackie Coogan verkörperte, den populären US-Kinderstar und Charlie Chaplins "The Kid"-Darsteller. Gerta sorgte danach für Furore an Wiens Theaterbühnen, verdrehte als Teenager den Männern den Kopf und vernachlässigte die Schule.

Trotzdem wurde sie Kosmetikerin statt Schauspielerin, "meine Mutter bestand darauf". Gerta wurde, obwohl beste Absolventin ihrer Klasse, entlassen: weil sie Jüdin war. Im Herbst 1938 - Österreich hatte begeistert den "Anschluss" an Hitlerdeutschland vollzogen - beschlossen Gerta und ihr Ehemann, der Fußballer Moses "Munio" Stern, nach Südafrika zu emigrieren, wo Munios Schwester Lola bereits lebte.

In Wien gab es keine diplomatische Vertretung Südafrikas. Also schickte Lola die Visa nach Hamburg - wo sie nie ankamen. Jeden Morgen reihten sich Gerta und Munio vergeblich in die lange Schlange vor dem Konsulat ein, auch am 9. November 1938: dem Auftakt der Novemberpogrome. Nun eskalierte der antisemitische Terror, brannten Synagogen, wurden Geschäfte geplündert, jüdische Männer deportiert.

Retter mit Hakenkreuz-Abzeichen

"In der ersten Nacht hatten wir noch Glück", erinnert sich Gerta Stern. Als ein SA-Trupp in die Wohnung jüdischer Freunde eindrang, versteckten sich die Wiener Besucher im Bad. Doch 24 Stunden später kehrten die Männer wieder. Sie rissen Moses aus dem Bett, prügelten auf ihn ein, verschleppten ihn ins KZ Sachsenhausen.

Gerta war schockiert, gab aber nicht auf: Da die Visa aus Südafrika nicht eintrafen, klapperte sie sämtliche Konsulate in Hamburg ab. Bis sie eines Nachmittags die falsche Klingel drückte, im Hapag-Büro landete - und einem Mann mit Hakenkreuz-Abzeichen auf der Jacke in die Arme lief.

Ob sie Jüdin sei, fragte er. Gerta bejahte und war sicher: Das war ihr Todesurteil. Doch der Mann, sie beschreibt ihn als "groß, freundlich, etwa 45 Jahre alt", beruhigte sie und sagte: "Nicht alle in Deutschland sind gegen Juden."

Instinktiv vertraute die damals 23-Jährige dem Unbekannten, der sich als "Herr Otto" vorstellte, und erzählte ihre Geschichte. "Herr Otto" riet ihr, sich bei Panamas Konsulat um ein Visum zu bemühen, was problemlos klappte. Nur: Wie sollte sie ihren Ehemann aus dem KZ freibekommen?

"Lossn's mi eini!"

"Eintritt für Juden verboten", stand in großen Lettern auf einem Schild vor dem Gestapo-Hauptquartier in Hamburgs Innenstadt. Gerta fasste einen tollkühnen Plan. Sie würde sich in die Höhle des Löwen wagen - so schildert sie es: "Ich hatte immer einen starken Willen. Und keine andere Wahl." Vergeblich habe "Herr Otto" sie abzuhalten versucht: "Er prophezeite mir, man würde mich dort schlagen, vergewaltigen oder umbringen." Trotzdem - am 23. November 1938, einem Mittwoch, gegen 20.30 Uhr war es soweit.

"Lossn's mi eini! Losst mi zum Chäf", herrschte Gerta einen Gestapo-Mann an, der sie verdutzt eintreten ließ. "Mein Blick", erzählt Gerta, "wechselte beständig zwischen kokett und nicht ganz dicht." Beharrlich forderte sie die Männer dazu auf, sie zum Chef vorzulassen. Mal sprach sie im ärgsten Dialekt Wiener Taxifahrer, mal zitierte sie alle englischen Phrasen, die ihr gerade in den Sinn kamen: "Don't get nervous! Be patient! We have the money!"

Bis sie vor Günther Kuhl stand. Dem Hamburger Gestapo-Leiter schrieb sie alles auf einen Zettel, Hochdeutsch sprechen konnte sie ja angeblich nicht: dass sie und ihr Mann nicht aus Hamburg kämen, sondern nur auf der Durchreise nach Johannesburg seien. Dass eine Verwechslung vorliege. Dass Munio schnellstmöglich freigelassen werden müsse.

Gerta, so erzählt sie es, muss die Rolle so überzeugend gespielt haben, dass Kuhl ihr Glauben schenkte. "Er nahm einen Zettel und notierte Namen und Geburtsdatum meines Mannes", erinnert sie sich, "ich dankte ihm mit einem Ballettgruß zum Abschied." Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten bestätigt heute die ungewöhnlich frühe Entlassung von Moses Stern aus dem KZ Sachsenhausen.

Schmuck in der Schuhsohle

Als Gerta ihren Munio am Sonntag darauf in Hamburg an der Bahn abholte, konnte er vor Schmerzen und Erschöpfung kaum gehen. Die Gestapo gab ihm genau 24 Stunden Zeit, um Deutschland zu verlassen - sonst wäre der Österreicher bei einer Kontrolle erneut im KZ gelandet. "Herr Otto" organisierte den Sterns sowie Munios jüngerem Bruder Siggi einen Platz auf dem Hapag-Passagierschiff "MS Cordillera", das am 15. Dezember 1938 nach Panama fuhr.

Um einer erneuten Festnahme zu entgehen, gingen die drei in Frankreich statt in Hamburg an Bord. Ihr Retter veranlasste, dass ein Ruderboot sie nachts um halb zwei im Hafen von Boulogne sur Mer abholte und zur "Cordillera" brachte.

Die Sterns schafften es nach Panama. Dort arbeitete Gerta als Kosmetikerin, ihr Mann als Juwelier und Fußballtrainer. 1950 trainierte er die panamaische Nationalmannschaft. Auch Gertas Mutter Sofie flüchtete nach Panama, in hohlen Schuhsohlen hatte sie den Familienschmuck aus Wien versteckt.

Die Familie war glücklich in der neuen Heimat, nur eine Frage ließ Gerta keine Ruhe: Wer war dieser "Herr Otto", der ihnen damals so überraschend half?

Buchautorin Anne Siegel beschloss, Gerta Stern zum 100. Geburtstag eine Antwort zu schenken. Ihren Recherchen zufolge muss es sich beim Retter der Sterns um den Seerechtler Otto Dettmers handeln - damals im Vorstand der Reederei Norddeutscher Lloyd, in jenem Spätherbst 1938 auch tätig im Hamburger Hapag-Büro.

"Kleine entzückende Frau"

"Es kommt sonst niemand mit dem Vornamen Otto infrage, der die Macht hatte, mitten in der Nacht ein Schiff an der französischen Küste anzuhalten", sagt Siegel. Ihre These bestätigte auch der einstige Assistent Dettmers.

Bleibt ein letztes Rätsel: Wie um alles in der Welt kann eine fast 101-Jährige so fit sein wie Gerta Stern? Die Dame in der Blumenbluse lacht und erzählt von einer Begegnung in Bad Hofgastein, wo sie den Sommer zu verbringen pflegt: Ein arabischer Geschäftsmann habe ihr sogar Geld geboten, damit sie das Geheimnis ihrer ewigen Jugend preisgibt. Vergebens. Señora Gerta schweigt eisern.

Sie sagt nur: "Ich nehme keine Medizin und keine Mittel. Der liebe Herrgott muss mich einfach sehr gern haben." Vielleicht hilft es ja, ab und zu alte Wiener Gassenhauer zu trällern. Lächelnd und mit voller Stimme stimmt Gerta Stern mitten im Gespräch einen Schlager aus den Dreißigern an, den ihr ein einstiger Verehrer auf den Leib geschrieben haben könnte:

"Kleine entzückende Frau,
bitte schau in den Spiegel genau,
denn im Spiegel, da steht es geschrieben,
man muss dich lieben, du kleine Frau."

Gerta Stern im Skype-Gespäch: "Ich hatte nichts zu verlieren"

Anne Siegel


insgesamt 2 Beiträge
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Carmine di Pierro, 22.09.2016
1. Gänsehaut.
Absolute Gänsehautgeschichte. Phantastisch, dass es in der Barbarei immer noch Menschen mit Herz gibt. Solange ist die Menschheit nicht verloren.
D Brueckner, 22.09.2016
2. Katja Iken ist der einzige Grund...
...überhaupt noch den SPON anzuklicken. Wie jeder ihrer Artikel ist auch dieser lesenswert. Informativ, nicht belehrend, das eigene Urteil anregend, ohne Schaum vor dem Mund.
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