KZ-Überlebender Jack Terry "Ich fühle noch den Schmerz"

Viele Zeugen gibt es nicht mehr: Jack Terry gehört zu den Überlebenden des KZ Flossenbürg, in dem der mutmaßliche Nazi-Verbrecher John Demjanjuk als Aufseher arbeitete. An den Mann erinnert er sich nicht - wohl aber an die Grausamkeit der Wächter.

Peter von Felbert

Jack Terry wurde 1930 im polnischen Belzyce als Jakub Szabmacher geboren, sein Vater war ein jüdischer Kaufmann. Seit 1995, dem 50. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Flossenbürg in der Oberpfalz, kommt der Psychoanalytiker immer wieder dorthin zurück. Er war damals der jüngste Überlebende, heute ist er Sprecher der ehemaligen Flossenbürg-Häftlinge. Keiner von ihnen erinnert sich speziell an Demjanjuks Gesicht unter den Hunderten von KZ-Wächtern - wohl aber an deren Grausamkeit, die Terry in seiner 2005 erschienenen Lebensgeschichte "Jakubs Welt" schildert. Er wohnt in New York und ist Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Bayerische Gedenkstätten.

einestages : Herr Terry, Sie haben als einziger Ihrer Familie den Holocaust überlebt. Möglicherweise soll schon bald auf deutschem Boden der wohl letzte SS-Scherge wegen Beihilfe zum Mord in Tausenden Fällen angeklagt werden - John Demjanjuk. Was empfinden Sie?

Terry : Es ist ganz wichtig, dass über jemanden, der an dem Mord von Tausenden beteiligt war, im Rahmen einer Gerichtsverhandlung geurteilt wird.

einestages : Demjanjuk ist fast 90 Jahre alt. Soll er, wenn er schuldig gesprochen wird, ins Gefängnis?

Terry : Mir würde es reichen, wenn er auch nur für einen Tag in einer Zelle hocken müsste. Das ist das mindeste, was er verdient, wenn es auch nur Symbolcharakter hat.

einestages : Als junger Mensch wurden Sie neun Monate lang im KZ Flossenbürg gequält, genau in dieser Zeit war dort nach Ansicht von Ermittlern auch Demjanjuk einer der Bewacher. Haben Sie ihn gesehen?

Terry : Nein, ich kannte keinen der Bewacher namentlich.

einestages : Demjanjuk gehörte als Ukrainer zu den sogenannten Trawnikis, den "fremdvölkischen" Gehilfen der SS.

Terry : Hunderte von Trawnikis taten Dienst in Flossenbürg. Das KZ-Personal insgesamt war von großer Brutalität. Aber die Trawnikis haben darin alle übertroffen.

einestages : Flossenbürg war Ihr drittes und letztes Lager. Wo begann Ihr Leidensweg?

Terry : Er begann 1939, als ich nicht mehr zur Schule gehen konnte. Budzy?, im Distrikt Lublin, war mein erstes KZ. Ich war 13. Meinen Vater hatten sie schon nach Majdanek deportiert, ich sah ihn nie mehr wieder. Am 8. Mai 1943 führte die SS zusammen mit 24 Trawnikis Selektionen durch. Meine ältere Schwester wollte nicht von meiner Mutter getrennt werden. Da erschoss sie der Scharführer Reinhold Feix vor den Augen meiner Mutter, und dann erschoss er meine Mutter. Es war total unwirklich, aber damals war es Realität. Ich fühle immer noch den Schmerz meiner Mutter.

einestages : Sie waren 14, als Sie im August 1944 nach Flossenbürg verschleppt wurden. Wo mussten Sie arbeiten?

Terry : Zu Beginn arbeitete ich in einem Steinbruch. Nach zwei Wochen war ich sicher, dass ich das nicht überleben würde. Ich war viel zu klein und zu schwach, um Granitsteine auf Loren zu heben. Meine Haut an den Fingern war völlig abgeschürft, ich konnte nichts mehr anfassen. Dann kam ich in die Produktionsstätte von Messerschmitt, hier wurden für die Me 109 ...

einestages : ... ein Jagdflugzeug der Hitler-Luftwaffe ...

Terry : ... die untere und die obere Klappe in die Flügel eingebaut, ich schlug Nieten ein. Ich habe 14 Stunden am Tag gearbeitet, alle mussten das. Dann wurde ich in der Häftlingswäscherei eingesetzt.

einestages : Im Frühjahr 1945 rückten die Amerikaner heran, die SS evakuierte das KZ und schickte die Häftlinge auf einen der Todesmärsche in Richtung Dachau.

Terry : Mich hatte der Lagerschreiber versteckt, ein Tscheche namens Milos Kucera. Er versteckte mich in einem Tunnel, der von der Wäscherei zur Küche führte, direkt unter dem Appellplatz. Ich lag auf heißen Rohren, über mir hörte ich Schüsse, Getrampel, Geschrei. Es war dunkel, ich hatte nichts zu essen und nichts zu trinken. Dort blieb ich zwei Tage lang. Danach versteckte man mich in der Krankenstation. Bis zum 23. April.

einestages : Da haben die US-Truppen Flossenbürg befreit.

Terry : Das Lager war befreit - aber dieser Tag war der schmerzlichste Tag meines Lebens. Zum ersten Mal in drei Jahren konnte ich an etwas anderes denken als an Essen. Zum ersten Mal konnte ich mir den Luxus erlauben, über das Schicksal meiner Familie nachzudenken. Ich war 15 Jahre alt. Ich gehörte zu niemandem, und niemand gehörte zu mir. Das ist die eine Erinnerung an diesen Tag.

einestages : Und die andere?

Terry : Eine Episode, die mir im Nachhinein in gewisser Weise surreal erscheint. Wir hatten Hunger, ein Sergeant nahm seine Pistole, um für uns ein Pferd zu töten. Als er abdrückte, konnte er das Tier nicht ansehen, er schaute weg. Ein Tier! Ich hatte etliche Menschen sterben sehen, ich hatte gesehen, wie SS-Leute Babys aus Fenstern warfen oder sie gegen Hauswände schleuderten, und dieser Soldat scheute sich, auf ein Pferd zu schießen. Und schlagartig wurde mir wieder die Grausamkeit klar, mit der meine Mutter und meine Schwester ums Leben gekommen waren.

einestages : Wie ging es weiter?

Terry : Ein Colonel hat mich mitgenommen. Über Frankreich bin ich im März 1946 in die Vereinigten Staaten gekommen, der Offizier wollte mich adoptieren, doch dies ging nicht, weil er noch in der Armee war. Zehn Jahre später kehrte ich nach Deutschland zurück, als junger Leutnant der US-Streitkräfte. Ich war in Schwetzingen stationiert.

einestages : Sie haben erst als Geologe gearbeitet und dann Medizin studiert, um Psychoanalytiker zu werden. Hat dies mit Ihrem Schicksal zu tun?

Terry : Ja, unbedingt. Ich entschied mich dafür, als ich als Geologe im Dschungel von Venezuela gearbeitet habe. Dort sah ich im Geiste den Appellplatz von Flossenbürg, wo Häftlinge versuchten, einem Sterbenden ein Stück Brot abzunehmen. Ich wollte versuchen zu verstehen, wie es möglich ist, dass Menschen so tief sinken können. Ich wollte wissen, warum Menschen das taten, was ich erlebt habe, warum Menschen tun, was sie tun. Und ich wollte jenen Menschen versuchen zu helfen, die in der gleichen Lage waren wie ich. Zu meinen Patienten gehörten etliche ehemalige KZ-Häftlinge.

einestages : Sind diese Menschen überhaupt therapierbar?

Terry : Kurze Antwort - nein. Sie leben mit dieser schrecklichen Erfahrung weiter, und sie hatten auch nicht die Möglichkeit, während des Kampfes ums eigene Überleben den Tod ihrer Angehörigen zu betrauern. Eine solche Trauerarbeit ist eminent wichtig. Obwohl ich Flossenbürg so schnell wie möglich verließ, hat Flossenbürg mich nie verlassen. Für uns, die ehemaligen Häftlinge, wurde diese Vergangenheit zum Fundament unseres gezeichneten Lebens.

Das Interview führte Georg Bönisch.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Burkhard von Grafenstein, 06.05.2009
1.
Die besondere Grausamkeit der Trawnikis wird verschiedentlich vermerkt. Doch was ist die Ursache dafür? Ich fand Hinweise darauf, dass russische Helfer, etwa die Kaminski-Brigade, durch die Verachtung, die die Deutschen ihnen gegenüber als "Untermenschen" und schwächstes Glied in der Befehlskette entgegenbrachten, demoralisiert worden waren, und dies an der ihnen ausgelieferten Zivilbevölkerung ausließen. Daniel Goldhagen berichtet, dass den slawischen Helfern bei den Erschießungen Alkohol ausgeteilt wurde. Andere meinen, es habe in Osteuropa aus spezifischen soziokulturellen und historischen Gründen einen wütenden Antisemitismus eigener Art gegeben.
Burkhard von Grafenstein, 19.05.2009
2.
Im Interiew wird nicht erwähnt, dass Demjanjuk 7 Jahre in israelischer Haft war.
Burkhard von Grafenstein, 17.03.2010
3.
In Münster haben Wissenschaftler gerade zu den Kriegserinnerungen von Greisen geforscht und publiziert. Im hohen Alter werden die Menschen noch einmal vom Leid in Krieg und Genozid eingeholt, da sie das Gefühl zunehmender Ohnmacht an die Kindheit und ihre Peiniger erinnert.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.