Widerstandskämpfer Witold Pilecki Freiwillig in Auschwitz

Widerstandskämpfer Witold Pilecki: Freiwillig in Auschwitz Fotos
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Es war eine der mutigsten Taten des 20. Jahrhunderts: 1940 ließ sich Witold Pilecki ins Konzentrationslager Auschwitz einschleusen, um darüber Bericht zu erstatten. Doch die Alliierten glaubten ihm nicht - und die Kommunisten stempelten ihn gar zum Verräter. Von

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Warschau, Mokotów-Gefängnis, 25. Mai 1948: Gegen halb zehn Uhr abends wird der Gefangene Witold Pilecki, mehrfach ausgezeichneter Offizier der polnischen Heimatarmee, in eine Sonderzelle gebracht. Wenige Minuten später ist er tot: Genickschuss. Es ist die bevorzugte Mordmethode der Kommunisten.

Man muss von einem Mord sprechen, von einem Justizmord. Denn nach allen menschlichen Maßstäben war Pilecki ein Held, der sein Leben lang für das Gute gekämpft hat. 1939 zerstörte er mit seinem Zug sieben Panzer und drei Flugzeuge der einfallenden deutschen Truppen. Im Warschauer Aufstand 1944 verteidigte er beinahe im Alleingang ein strategisch wichtiges Gebäude gegen die hochgerüsteten Besatzer.

Doch das alles interessierte die neuen Machthaber nach dem Krieg nicht: Wie die meisten Untergrundsoldaten wollte Pilecki kein sowjetisch dominiertes Polen - und darum war er, der mit allen erdenklichen Mitteln gegen die Nazis gekämpft hatte, in der verqueren Logik der Kommunisten ein "Faschist" und "Agent des Imperialismus", den man schließlich wegen angeblicher Spionage zum Tod verurteilte. Seine Leiche wurde in ein anonymes Massengrab geworfen, seine Familie drangsaliert, sein Name systematisch totgeschwiegen. Darum ist Pileckis filmreifes Leben bis heute kaum bekannt.

Freiwillig nach Auschwitz

Warschau, 19. September 1940, 6 Uhr morgens: Witold Pilecki begibt sich absichtlich auf die Straße - denn er weiß, dass die Wehrmacht und die SS heute eine Razzia durchführen. Er wird festgenommen und nach Auschwitz gebracht. Genau das hatte er bezweckt. Er will das berüchtigte Konzentrationslager mit eigenen Augen sehen, Widerstand leisten, die Alliierten aufrütteln, den Häftlingen helfen. Soviel wir wissen, ist Pilecki der einzige Mensch, der freiwillig nach Auschwitz gegangen ist.

Der Plan ist verrückt, doch er funktioniert, zumindest zu Beginn. Es gelingt Pilecki, im KZ ein umfassendes Widerstandsnetz aufzubauen. Man schmuggelt Essen und Medikamente, bereitet einen Aufstand vor. Als er im November 1940 erfährt, dass ein Häftling freigelassen werden soll, schickt Pilecki über ihn seinen ersten mündlichen Rapport nach Warschau. Im März 1941 trifft der Bericht in London ein - das erste offizielle Dokument über Auschwitz im Besitz der Alliierten. Doch diese bleiben passiv, man hält den Bericht für übertrieben.

Was Pilecki schildert, ist tatsächlich drastisch: Obwohl dieses erste Konzentrationslager in Auschwitz keinen eigentlichen Vernichtungstrakt hat wie etwa das drei Kilometer entfernte Birkenau mit seinen Gaskammern, sterben auch hier die Menschen. Sie werden von den Aufsehern zu Tode geprügelt, brechen bei der Arbeit zusammen, werden vom Typhus dahingerafft. Um die Moral der vorwiegend polnischen Gefangenen zu brechen, finden an polnischen Feiertagen Massenerschießungen statt.

"Er befahl ihnen, sich auszuziehen"

SS-Hauptscharführer Gerhard Palitzsch tut sich beim Töten hervor. Er bevorzugt die Pistole und pfeift zwischendurch gern ein Liedchen, bis das nächste Opfer bereitsteht. "Ein hübscher Bursche, der im Lager niemanden schlug, denn dies war nicht sein Stil", schreibt Pilecki über ihn. Manchmal würden ihm "zur Unterhaltung" auch Zivilisten zugeführt - Pilecki schildert diese Szene: "Den Mädchen befahl Palitzsch, sich auszuziehen und im abgesperrten Hof herumzurennen. Er stand in der Mitte und wählte lange, dann zielte er, schoss, tötete - der Reihe nach alle. Keines von ihnen wusste, wer sofort umkam und wer noch eine Weile lebte."

Pilecki selber ist mehrmals in akuter Lebensgefahr. Nur dank Sanitätern, die seiner Widerstandsorganisation angehören, überlebt er den Typhus und eine Lungenentzündung - für gewöhnlich bekommen Kranke nämlich die Todesspritze.

Bedrohliche Situationen entstehen auch dadurch, dass Pilecki seine Identität geheimhalten muss. Um seine Familie nicht zu gefährden, hat er sich im KZ als Tomasz Serafiski registrieren lassen. Das ist der Name eines ihm unbekannten polnischen Offiziers, dessen Ausweis er zufällig in Warschau gefunden hatte. Doch mehr als einmal wird Pilecki von Neuankömmlingen erkannt und mit seinem richtigen Namen angesprochen. Sein Neffe, der mit anderen 16- und 17-jährigen Schülern nach Auschwitz kommt, weil er patriotische Lieder gesungen hat, schreit bei seinem Anblick: "Ah! Onkel!" Zum Glück hört die SS nicht mit.

Keine Hilfe von den Alliierten

Doch nach zweieinhalb Jahren im KZ wird Pilecki ungeduldig: Ein Aufstand der Gefangenen, wie er ihn plante, erscheint ihm sinnlos, solange nicht gleichzeitig ein Angriff von außen erfolgt. Die Alliierten aber nehmen seine zunehmend dringlicheren Bitten, die er ihnen über das Nachrichtennetzwerk der polnischen Widerstandsbewegung zukommen lässt, nicht ernst. Als schließlich die SS seine Widerstandsorganisation zu zerschlagen beginnt, entschließt er sich zur Flucht. "Kann man denn", fragt ihn ein Kamerad der Widerstandsorganisation, "nach Auschwitz einfach hinein- und hinausfahren, wann man will?" - "Ja, man kann", antwortet Pilecki.

Natürlich kann es nicht jeder: Es braucht Mut, Entschlossenheit und Glück, und von allem sehr viel. Pilecki legt die Flucht auf den Ostermontag, weil dann die Kontrollen weniger streng sind. Die Details werden minutiös geplant. Die Widerstandsorganisation verschafft ihm die nötigen Papiere, damit er zweieinhalb Kilometer außerhalb des Lagers in einer Bäckerei arbeiten kann. Ein Schlosser in Auschwitz fertigt einen Zweitschlüssel für die Bäckereitür - auf der Grundlage eines Originalabdrucks im Innern eines Brots, den ein eingeweihter Bäcker gemacht hat.

Am 26. April 1943 ist es so weit. Pilecki ist für die Nachtschicht in der Bäckerei eingeteilt. Als der eine SS-Wachmann schläft, macht er sich mit zwei Kollegen, die auch flüchten wollen, an der Tür zu schaffen. Der Schlüssel funktioniert, doch eine Stange versperrt den Weg in die Freiheit. Plötzlich steht der andere SS-Mann hinter ihnen, mustert Tür und Stange. Und bemerkt - nichts. Jedenfalls schlägt er keinen Alarm. Sekunden später sind sie draußen. "Kälte wehte über unsere glühenden Köpfe, die Sterne am Himmel blitzten auf, als wollten sie uns verständnisvoll zublinzeln."

Unerwartete Begegnung

Sie rennen drauflos. An der Weichsel haben sie wieder Glück: Der Bäckereischlüssel passt zufällig auch zu einem Vorhängeschloss, mit dem hier die Boote festgemacht sind. Sie setzen über, retten sich in den nahen Wald. Trotz ihres Zustands genießen sie jede Sekunde in der Freiheit: "Alles bezauberte uns, wir liebten die ganze Welt." Noch einmal wird es gefährlich, als unvermittelt ein deutscher Soldat auftaucht und auf die Flüchtlinge schießt. Pilecki kommt mit einer ungefährlichen Schulterverletzung und vier Schusslöchern in den Kleidern davon. Nach sechzig Kilometern Flucht kommen sie in der Nähe von Krakau bei einer Gastfamilie an, die ihnen Schutz bietet.

Schließlich besucht Pilecki den Kommandanten des lokalen Postens der polnischen Heimatarmee, die im Untergrund gegen die deutschen Besatzer kämpft. Als er dessen Namen erfährt, ist er baff: Es ist Tomasz Serafiski - jener Mann, "unter dessen Namen ich so viele Tage in der Hölle gesessen hatte."

Die beiden Serafiskis, der echte und der falsche, fallen sich in die Arme. "Wir küssten uns herzlich und wurden augenblicklich Freunde", schreibt Pilecki. Später muss Serafiski für den Namensmissbrauch bitter büssen - er wird ins Gefängnis gesteckt und gefoltert.

Pileckis Bericht

Pileckis eigenes Schicksal ist noch viel tragischer. Nach der Flucht schreibt er einen ersten ausführlichen Bericht über Auschwitz - es handelt sich wohl auch um das erste glaubwürdige Zeugnis über den Holocaust, das in die Hände der Alliierten gerät. "In Birkenau", schreibt Pilecki, "werden ganze Menschentransporte vergast, die mit Zügen und Autos angeliefert werden - manchmal einige tausend täglich. Vorwiegend Juden." Doch man glaubt ihm nicht, und wenn man ihm doch glaubt, so hält man jedes Eingreifen für aussichtslos.

Anderseits rückt auch die heißersehnte Freiheit für sein Land in immer weitere Ferne. Zwar werden die Deutschen 1945 vertrieben, aber für Polen ist das kein Sieg. Es entsteht ein Satellitenstaat von Moskaus Gnaden, der von brutalen Säuberungen geprägt ist. Pilecki, der sich keinesfalls anpassen will, wird beschattet, verhaftet, gefoltert. Im Gefängnis reißt man ihm die Fingernägel aus. Als ihm die Peiniger mit der Verhaftung seiner Familie drohen, unterschreibt er ein vorgefertigtes Geständnis, ohne es gelesen zu haben. Es ist gleichzeitig sein Todesurteil.

1990, kurz nach dem Zusammenbruch des Kommunismus, wird Pilecki juristisch rehabilitiert. Im Jahr 2000 erscheint erstmals eine umfassende Ausgabe seiner Auschwitz-Berichte. 2006 erhält er posthum den Weißen Adler verliehen, den höchsten Orden Polens.

Seit letztem Sommer wird das Warschauer Massengrab systematisch exhumiert. Von mehr als hundert Opfern des Kommunismus hat man schon Überreste geborgen. Die DNA-Tests sind noch nicht abgeschlossen. Es ist gut möglich, dass Pileckis Leiche noch dieses Jahr gefunden wird.

Zum Weiterlesen:

Witold Pilecki: "Freiwillig nach Auschwitz. Die geheimen Aufzeichnungen des Häftlings Witold Pilecki". Orell Füssli, Zürich, 224 Seiten. Erscheint im August 2013.

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insgesamt 23 Beiträge
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1.
Ingo Meyer 11.06.2013
Ein hervorragender Beitrag über einen mutigen Mann! Der Bericht ergänzt sehr gut, den in Polen leider missverstandenen Film " Unsere Väter - unsere Mütter" . Es ist ein Glücksfall der Geschichte, dass wir mit Polen eine gewisse Aussöhnung erreicht haben!
2.
thorsten krach 11.06.2013
Ein sehr interessanter Artikel. - Immer wider hört man, dass die Alliierten trotz der häufigen Berichte über die Konzentrationslager, den Überbringern der Nachrichten keinen Glauben schenkten. Ich glaube den Alliierten nicht, dass sie den Berichten nicht glaubten. Betrachtet man sich die Reaktionen der Politiker zu den jeweiligen Kriegsgeschehen der letzten rund 70 Jahre, dann kann man diesen Politikern nicht mehr glauben.
3.
Berend Dressen 11.06.2013
"der sein Leben lang für das Gute gekämpft hat. 1939 zerstörte er mit seinem Zug sieben Panzer und drei Flugzeuge der einfallenden deutschen Truppen." Leider kann ich nicht erkennen, was hier "gut" sein soll. Die Soldaten, die dabei ums Leben kamen, hatten auch Familie - Eltern, Geschwister, Kinder. Im Krieg gibt es kein "gut" oder "böse" jeder kämpft für seinen Machthaber und am Ende stirbt jeder für sich allein.
4.
Jan Skalski 11.06.2013
von wegen in Russland geborener - höchstwahrscheinlich in dem von Russland besetzten Polen geborener...
5.
Bernhard Keim - Etcetera AG 11.06.2013
Auch wenn die Rote Armee viele vor dem sicheren Tod gerettet hatte, die Freiheit brachte sie nicht und jenen die darauf bestanden eben auch den Tod. Ein Regime löste das andere ab. Schweine waren sie beide. Das eine ein Großes, das andere ein wenig kleiner.
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