Ladensterben in New York Showdown für die schönsten aller Shops

Sie waren Herz und Seele der New Yorker Viertel - jetzt haben sie Ladenschluss für immer. In New York fallen Traditionsgeschäfte im Dutzend der Krise zum Opfer. Ein bezaubernder Bildband zeigt Geschichte und Untergang der Läden, bei denen jedes Schaufenster ein Kunstwerk war.

James T. & Karla L. Murray

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Die 14th Street war früher mal eine richtige Vorzeigemeile. Sie quert Manhattan, wo sein Bauch am dicksten ist, trennt im Westen das Greenwich Village von Chelsea, im Osten das East Village von Gramercy. Die Einkaufsstraße verkam aber schon vor einiger Zeit zum tristen Ramschkorridor - eine Billigoase inmitten einstiger Bohème-Viertel, deren Mieten längst unbezahlbar geworden sind für die Künstler und Immigranten, die hier lebten.

So elend wie jetzt war es hier aber schon lange nicht mehr. Wer heute die 14th Street entlangläuft, kommt sich streckenweise vor wie in einem Armenviertel - obwohl nur wenige Schritte weiter neue Luxus-Apartmentblocks funkeln. Zahllose Ladengeschäfte stehen leer, verbrettert und vergittert, mit Graffiti und Postern markiert. Die meisten Familienbetriebe sind verschwunden, Markisen zerrissen oder bis aufs morsche Gerüst abmontiert. Übrig bleiben nur Franchise-Ketten und Fast-Food-Hütten: Dunkin' Donuts, Subway, Starbucks.

Das "Nimbal DVD Paradise", ein Schnäppchenparadies für Importfilme, ist nicht mehr. Ebenso "Dapper Dan", der "adrette Dan" mit seinen Retro-Herrenanzügen: Handwerker sitzen in dem leeren Ladenlokal, "zu vermieten" steht im Fenster. Gegenüber räumt der Kleidermarkt die letzten Regale aus, "alle Schuhe fünf Dollar". Nebenan sind komplette Wäschesets auf dem Gehweg gestapelt, 5,99 Dollar das Stück, bewacht von einem grimmigen Schwarzen. "BIG DEAL$", steht grell über der Tür. "Store Closing."

Eine Stadt verliert ihr Gesicht

Ausverkauf einer Straße: Immer mehr kleine, alteingesessene Geschäfte müssen aufgeben - Opfer der Wirtschaftskrise. An der 14th Street offenbart sich das krass, aber ein ähnliches, stilles Drama spielt sich nicht nur hier und in vielen anderen Ecken Manhattans ab, sondern überall in New York: Lower East Side, Chinatown, Little Italy, Hell's Kitchen, Harlem, in Brooklyn, Queens, der Bronx und sogar Staten Island.

Eine Stadt verliert ihr Gesicht. "Die Liste wird länger und länger", sagt der Fotograf James Murray SPIEGEL ONLINE über das dramatische Verschwinden der Kramläden. Murray wohnt selbst am Ostende der 14th Street und hat den Zeitenwandel zusammen mit seiner Frau Karla im Bild dokumentiert. "Es ist extrem traurig."

Die Murrays begannen schon vor zehn Jahren, das Aussterben der "store fronts", wie sie hier heißen, zu protokollieren. Daraus entstand ein einzigartiges Fotobuch*, das diesen Monat herauskam und plötzlich aktueller, prägnanter ist, als je beabsichtigt - ein Nachruf auf ein New York, das unrettbar zugrunde geht.

Salami seit sechzig Jahren

Anfangs waren es noch die üblichen Probleme, die den Ladenbesitzern zu schaffen machten: steigende Mieten, kommunale Bürokratie, Mangel an Erben, demografischer Wandel. Inzwischen jedoch hat die Krise sie und ihre Kunden voll erwischt: Kredit ist unerreichbar geworden, keiner kauft mehr ein - und wenn, dann nur in großen Ketten. Der Einzelhandel spürt die Rezession inzwischen am härtesten.

Es ist aber eben dieser Einzelhandel, mit seinen "mom-and-pop Stores", dem Äquivalent des Tante-Emma-Ladens, der das Straßen- und Stadtbild New York Citys ausmacht - die wahre Seele der Metropole. Von den sich nach Wolkenkratzern hochreckenden Touristen oft übersehen, bestimmen diese Familienbetriebe seit vielen Jahrzehnten das Leben der Leute.

"Katz's Delicatessen", einer der berühmtesten Lebensmittelmärkte der Stadt, existiert seit 1888, sieht heute noch so aus wie vor 60 Jahren und erfand seinen Slogan im Zweiten Weltkrieg ("Send A Salami To Your Boy In The Army"). "Lichtenstein & Co." verkauft seit 1903 Näh- und Schneiderbedarf an der Delancey Street. Die Zinkfassade von "Emey's Bike Shop" an der 17th Street stammt von 1900.

Lieferungen selbst an Feiertagen

Viele sind Anker für Einwanderer, die hier ihre Muttersprache hören können und heimische - "ethnische" - Waren und Lebensmittel bekommen, die es bei den charakterlosen Handelsriesen nicht gibt. "Wenn diese Läden fallen", schreiben die Murrays, die für ihr Buch etliche der Besitzer und Manager interviewt haben, "ist die ganze Nachbarschaft bedroht."

Die "Yonah Schimmel Knish Bakery" backt seit 1910 Teigtaschen nach altem rumänischen Rezept "Knish", wie sie es sonstwo kaum noch gibt. "Russ & Daughters", eine Spezialadresse für koschere Milchwaren, wurde 1914 an selber Stelle eröffnet - heute das letzte Geschäft seiner Art auf der Lower East Side. "C. DiPalo's Latteria" in Little Italy knetet seit 1925 Mozzarella, sieben Tage die Woche.

"Wir tun fast alles, um unseren Kunden die Ware zu bringen", sagt Brian Schames, der das Farbengeschäft "M. Schames & Son" auf der Lower East Side führt, in vierter Generation einer russischen Immigrantenfamilie. Das meint er ernst: Die Schames liefern einem die Farbeimer persönlich ins Haus, selbst an Wochenenden, Feiertagen und abends.

Der erste Cappuccino der USA

Die Legenden, die sich um diese Läden ranken, gehören zur Geschichte New Yorks wie der Union Square Greenmarket oder die Staten Island Ferry. Nebenan von "Jimmy's Stationary & Toys" in Brooklyn wurde der Teddybär erfunden, mit dem Segen von Präsident Teddy Roosevelt. Im "Caffé Reggio" im Village, eröffnet 1927, gab es den ersten Cappuccino der Vereinigten Staaten.

Der Niedergang begann nicht erst mit der Rezession. Die Aufwertung, sprich Verteuerung der Viertel vertrieb viele. An ihre Stelle traten moderne Wohnblocks, Sport- und Sonnenstudios, Bürohäuser, Supermarktketten. Nur wer sein Gebäude besaß, musste keine Vertreibung fürchten - etwa der bekannte Buchladen "Strand" am Broadway.

Andere gingen am Kleingedruckten zugrunde. Neue Hygienevorschriften verboten das Aushängen von Räucherschinken - das Ende für den "E. Kurowycky & Sons Meat Market" im East Village und viele andere kleine Metzgereien. Außerdem erteilt die Stadt schon länger keine Genehmigungen mehr für alte Neonzeichen, die sich sowieso nicht ersetzen lassen, da sie keiner mehr so herstellt - das optische Merkenzeichen vieler Läden verschwindet so auch zusehends.

Das Aus nach 83 Jahren

Die Bäckerei "Gertel's" schloss 2007, nach 83 Jahren. Der "2nd Avenue Deli", 1954 eröffnet, überlebte den Mord an seinem Gründer Abe Lebewohl, aber nicht die letzte Mieterhöhung 2006. 2007 erstand er zwar neu - aber in Midtown East an der 33rd Street, ein deplaziertes Kuriosum. Das Restaurant "Howard Johnson's", seit 1959 legendär im Times Square, erlag 2005 der Mieterhöhung.

Die Murrays hatten Mühe, nachzukommen mit ihrer 35-MIllimeter-Rollfilmkamera, die sie wählten, um der groben Patina der Schaufenster und Fassaden gerecht zu werden. Fast ein Drittel der Geschäfte, die sie ablichteten, waren verschwunden, bevor sie das Vorwort fertiggeschrieben hatten. "Inzwischen ist es fast die Hälfte", sagt James Murray. "Aussehen und Gefühl ganzer Gegenden haben sich geändert, ebenso ihre Individualität und ihr Charme."

Unter den jüngsten Opfern seit der Veröffentlichung des Bildbands: der Fünfziger-Jahre-Coffee-Shop "Ideal Dinettes", der "C&N Everything Store" in der Bronx (anno 1956), das "P&G Café" auf der Upper West Side (1933 eröffnet) und der Metzger "B&B Meat Products" in Brooklyn, der ein als Cowboy kostümiertes Plastikschwein in der Auslage stehen hatte.

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Das Fotografenpärchen Murray weigert sich trotzdem, die Situation zu beweinen. "Statt das Glas halbleer zu sehen", sagt James, "versuchen wir, es halbvoll zu sehen." Mit ihrem Buch wollten sie den Leuten "die Augen öffnen" für das, was in ihrer Ecke verlorengeht, "und vielleicht helfen, dass sie die Läden unterstützen und so vielleicht sogar retten".

Für die "Rite Aid Pharmacy" an der seventh Avenue ist es dafür zu spät: Obwohl sie einem Konzern gehört, fungierte diese Filiale stets als Nachbarschaftsladen, wo Medikamente und Toilettenartikel billiger waren und der Service persönlicher als gegenüber bei der seelenlosen Drogeriekette "Duane Reade". Doch Rite Aid fährt seit zwei Jahren Verluste ein, und jetzt leeren sich die Regale der Dependance im Village, ohne nachgefüllt zu werden. Und draußen über der kaputten Neonreklame hängt das gleiche Schild wie mittlerweile überall hier: "Top-Ladenfläche zu vermieten."

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
max muetze, 08.04.2009
1.
Wenn das, was auf den Bildern zu sehen war, die schönsten Shops sein sollen, will ich nicht wissen, wie die anderen aussehen. Es gibt Läden, die in Würde altern und an Glanz gewinnen. Aber was auf den Fotos abgelichtet wurde, sieht einfach nur gammlig aus. Vielleicht bezieht sich das Wort schön, auf die inneren Werte der Läden. Dann mag es stimmen. Wie der Autor schreibt, haben sie eine Seele, bergen viele schöne Geschichten - und Waren. Immerhin kümmert sich wenigstens in New York jemand um das Ladensterben dieser Perlen. In Deutschland blieb es weitestgehend unbeachtet. In Berlin und Leipzig sah ich Läden, welche den Sozialismus überlebt hatten, und schon seit knapp hundert Jahren exisitierten, ebenfalls an der Aufwertung ihres Viertels zugrunde gehen.
Thomas Feucht, 08.04.2009
2.
Wer in New York mit offenen Augen durch die Stadt und Ihre Viertel geht, weiss wovon der Autor spricht. New York ist keine Stadt in der es nur um Schönheit, Ordnung oder Glanz geht. Je mehr Glanz und Ordnung in die Stadt kommt, desto mehr verliert Sie an Ihrem Spirit und Ihrem Wesen. Jeder dieser auf den ersten Blick "gammlig" erscheinenden Stores, macht letztlich den wirklichen Charme der Stadt aus. Richtig gammlig werden Sie erst dann wenn man Sie in Ruhe verrecken lässt und sich keiner mehr um sie kümmert! Interessant finde ich, dass man gerade viele "Celebs" und "fancy people" in diesen alten Stores findet, warum wohl?
Volker Detering, 08.04.2009
3.
Marc Pitze tendiert dazu fuer NYC schwarz zu sehen und das Alte, Vergangene zu romantisieren. Das zeigt er auch mit diesem Artikel. Es ist wirklich nicht so schlimm das diese Laeden von der Bildflaeche verschwinden. Den einen Diner in den Bildern kenne ich - das Essen war nicht sehr gut. Es gibt auch viel schoenere Laeden als die Gammelbuden in den Fotos. New York City aendert sich staendig und ist geplagt vom Landmangel und staendig steigenden Mieten. Aber das ist auch der Reiz der Stadt. Kein Viertel ist langfristig vom Wandel verschont. Jede Generation praegt die Stadt von Neuem.
Bodo v. Ulmenstein, 09.04.2009
4.
Gammelig finde ich persönlich die Storefronts überhaupt nicht, man muss nur einmal genau hinschauen, da ist viel Orginalität im Spiel, Liebe zu Neonschriftzügen siehe Bild #4 und schliesslich ist die Nachbarschaft dieser Läden bestimmt kein Museumsdorf.
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