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Länderspiel-Premiere Der schwarze Tag von Basel

Länderspiel-Premiere: Der schwarze Tag von Basel Fotos
DFB

Im April 1908 traf die deutsche Fußballnationalelf in Basel zu ihrem allerersten Länderspiel an - und ging in einer Schlammschlacht 5:3 gegen die Schweizer unter. Zur tragischen Figur der missratenen Premiere wurde der Magdeburger Linksverteidiger Ernst Jordan. Von

Da stand er nun, Ernst Jordan, im Hotel Metropol in Basel an einem Sonntagmorgen um 9 Uhr im April 1908. Er und seine zehn Mitstreiter warteten im Zimmer von Wilhelm Behm, dem Schatzmeister des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Dem Funktionär aus Wiesbaden war es vorbehalten, den ersten elf deutschen Nationalspielern ihre Trikots für die am Nachmittag bevorstehende Länderspiel-Premiere gegen die Schweiz zu überreichen.

Vor allem der Magdeburger Linksverteidiger Jordan konnte es kaum erwarten, das in schwarz gehaltene Jersey mit den weißen Ärmeln und dem riesigen kaiserlichen Adler mitten auf der Brust überzustreifen. Noch eine Woche zuvor hatte er nicht im Entferntesten damit rechnen können, bei dem historischen Ereignis dabei zu sein. Im deutschen Aufgebot waren für die Abwehr nämlich das eingespielte Leipziger Duo Hempel und Riso I vorgesehen gewesen. Doch dann hatte sich der erfahrene Riso I, zweimaliger Deutscher Meister mit dem VfB Leipzig, eine Woche vor dem großen Tag verletzt - just bei einem Spiel in Magdeburg.

Nur deshalb war auch Ernst Jordan - seiner Körpergröße wegen auch "Langmeier" genannt - nun in Basel "unter den 11 besten Spielern Deutschlands", wie im Programmheft des Spiels zu lesen war. Tatsächlich allerdings handelte sich bei der deutschen Auswahl eher um eine Notelf. Denn der Spieltermin war nur wenige Wochen zuvor festgelegt worden, kurz nachdem der DFB-Bundestag im Februar 1908 beschlossen hatte, überhaupt Länderspiele durchzuführen. Viele der besten deutschen Spieler jener Zeit waren so unabkömmlich - am Tag der Länderspiel-Premiere traten etwa gleich zwei Berliner Stadt-Auswahlmannschaften, gespickt mit sieben späteren Nationalspielern, gegen Teams aus Wien und Leipzig an.

Ein rabenschwarzer Tag

Auch die Schweizer hatten es im Vorfeld des ersten Länderduells nicht besonders eilig gehabt. Wo gespielt werden sollte, war noch zwei Wochen vor dem Spieltermin offen - sowohl Old Boys Basel als auch der FC Basel bewarben sich um die Durchführung. In letzter Minute bekam der FC den Zuschlag, nachdem eine Mitgliederversammlung die Errichtung einer Extra-Tribüne für 700 Zuschauer am Sportplatz Landhof beschlossen hatte. Eine Schokoladenfabrik sprang als Sponsor für die Tribüne ein, an der am Spieltag in großen Lettern "Chocolade LUCERNA isst die ganze Welt!" prangte. Jeder weibliche Tribünengast erhielt eine Tafel Schoki als Präsent.

Das Publikumsinteresse verblüffte die deutschen Gäste einigermaßen, als sie im mit 4000 Besuchern vollbesetzten Stadion eintrafen. "Die Fahrt glich einem Spießrutenlauf insofern, als unser Weg bis zum Platze durch endlose Reihen Menschen führte", notierte Hugo Kubaseck, der Spielausschussvorsitzende des DFB. "Das Interesse für den gemeinsamen Sport ist in Basel, wie in der Schweiz überhaupt, ganz bedeutend." Ob sich auch der Abwehrspieler Ernst Jordan von den Verhältnissen rund um den Landhof beeindrucken ließ, ist nicht überliefert - wohl aber, dass der Magdeburger zur tragischen Figur der deutschen Länderspiel-Premiere wurde.

Dabei war der 24-jährige Malermeister einer der erfahrensten Spieler, nach Mannschaftsführer Arthur Hiller der Zweitälteste in einem Team, das es im Durchschnitt gerade einmal auf 21½ Jahre brachte. Doch Jordan erwischte in seinem ersten Länderspiel einen rabenschwarzen Tag.

"Ein zweites Haupt kreuzt den Weg des Balles"

Zunächst begann dabei alles sehr verheißungsvoll für Jordan und seine Mitspieler. Bereits nach sechs Spielminuten erzielte der junge Frankfurter Fritz Becker das 0:1 für Deutschland. Doch binnen zwanzig Minuten machten die Schweizer aus diesem Rückstand eine 2:1-Führung - auch unter unfreiwilliger Mithilfe Jordans. Was war geschehen? Kurz nach dem Ausgleich zum 1:1 setzte ein peitschender Hagelschauer ein, dem ein heftiger Dauerregen folgte. "Der aufgeweichte, schlüpfrige Boden lässt ein sicheres Spiel nicht mehr aufkommen", schilderte der Reporter des Fachblatts "Football Suisse" einige Tage später seinen Lesern die Situation. Ein großgewachsener Spieler wie Jordan, der mit fast 1,90 Metern die meisten Mitspieler um gut einen Kopf überragte, kämpfte unter diesen Bedingungen mehr mit ihrer eigenen Körperkoordination als mit seinen rotgekleideten Gegenspielern mit dem weißen Kreuz auf der Brust.

Auch die genagelten Lederstollen seiner Fußballschuhe verschaffen dem Hünen auf diesem Geläuf keine Bodenhaftung mehr und selbst die gewohnte Lufthoheit beim Kopfball wird im Schlamm des Landhof-Stadions für Jordan zum Lotteriespiel. In der 26. Spielminute tritt der Schweizer Kapitän einen Freistoß scharf vor das deutsche Tor. "Ehe sie die Situation erkannten", schilderte Kicker-Chronist Joseph Michler Jahre später in einem Rückblick diese Szene, "war Kämpfer zum Ball gleichsam emporgestiegen: ein scharfer Ruck des Kopfes, ein zweites Haupt taucht auf, kreuzt den Weg des Balls und stieß ihn mit energischer Drehung - ins eigene Netz!"

Das Selbsttor Jordans leitet die Wende des Spieles ein - bereits vier Minuten später erzielen die Schweizer auch noch das 3:1. Und als Schiedsrichter Devitte, ein in Genf lebender Engländer, das Debut der deutschen Nationalmannschaft nach 90 Minuten abpfeift, lautete der Endstand gar 5:3 für die Eidgenossen. Das Urteil der Öffentlichkeit über die deutsche Defensivabteilung und speziell den linken Verteidiger Ernst Jordan war vernichtend. "Die Deutschen haben durch ihre Hintermannschaft verloren. Jordan war der schwächste Punkt", war im Fachblatt "Football-Suisse" vom 9. April 1908 zu lesen. DFB-Funktionär Kubaseck ging ebenso hart mit dem unglücklichen Torschützen ins Gericht: "Falls nicht der Back Jordan so versagte, wäre es wohl möglich gewesen, ein unentschiedenes Resultat zu erringen."

Das Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft hat Ernst Jordan nie wieder anziehen dürfen.

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