Lager Spaldingstrasse Ein unbekanntes KZ mitten in Hamburg

Mit der S-Bahn vom Hamburger Hauptbahnhof kommend in Richtung Berliner Tor unterwegs, springt einem rechts ein langgestrecktes Gebäude in schmuckem Gelbweiß ins Auge. Nichts weist darauf hin, dass sich hier im letzten Kriegsjahr 1944/45 das größte Nebenlager des KZ Neuengamme befand.

Barbara Brix

Das Gebäude, eine ehemalige Tabakfabrik, war von der SS vermutlich im November 1944 ausgesucht worden, weil es die schweren Bombardierungen, die die umliegenden Viertel Hammerbrook und Rothenburgsort in Schutt und Asche legten, nur wenig beschädigt überstanden hatte. Die "Georgsburg", wie der Komplex genannt wurde, stand einsam in der Trümmerlandschaft, und der einzige Zugang an der Spaldingstrasse war leicht zu bewachen (auf der Rückseite verlief ein heute zugeschütteter Kanal ). In unmittelbarer Nähe lagen einige der Örtlichkeiten, an denen die Häftlinge arbeiten sollten: Sie hatten dort die zerstörten Schienen und Kabelschächte von Reichs- und S-Bahn zu reparieren, Minen in den Ruinen der Häuser zu räumen und Leichen zu bergen.

An dem siebenstöckigen Gebäude nahm die SS nur wenige Veränderungen vor: In dem teilweise eingestürzten Vorderhaus wurde eine Küche eingerichtet, in jedem Stockwerk Waschräume und Toiletten installiert und die Fenster zugemauert. Im Erdgeschoss des Hinterhauses waren Wachdienste und Kommandantur untergebracht. Dort hatte auch der berüchtigte SS-Sturmbannführer Arnold Strippel, der alle Nebenlager von Neuengamme beaufsichtigte und unter anderem den Mord an den 20 jüdischen Kindern vom Bullenhuser Damm befehligte, seinen Dienstsitz.

Die Zahl der ausschließlich männlichen Häftlinge schwankte jeweils zwischen 1500 und 2000. Sie kamen aus aller Herren Länder: Russen, Polen, Franzosen, Belgier, Dänen, Deutsche, Tschechen. In den Etagen 2 bis 5 wurden je 300 bis 500 Häftlinge zusammengepfercht. Das oberste, siebte Stockwerk war beschädigt und wurde nicht genutzt. Im 6. Stock lag das Krankenrevier, in dem die Kranken in zwei großen, schlecht beleuchteten, schmutzigen Sälen auf Strohsäcken schliefen. Über lange Zeit gab es kein Wasser, weil die Zuleitungen zerstört waren.

In dem schmalen Innenhof wurden täglich in der Schwärze des frühen Morgens nach dem brutalen Wecken (um 4:30 Uhr oder früher), der Betteninspektion und einem Becher Eichelkaffee die nicht enden wollenden Zählappelle durchgeführt und die Arbeitskommandos eingeteilt, bevor die arbeitsfähigen Häftlinge in Fünferreihen aus dem Tor marschierten.

Leichenschleppen auf dem Heimweg

Der Arbeitstag dauerte bis zum Sonnenuntergang, und wenn ein Trupp in den Augen der SS zu früh in die Spaldingstraße zurückkehrte, musste er kehrt machen und aus den umliegenden Trümmergrundstücken Ziegelsteine und Eisenträger für den weiteren Ausbau des SS-Luftschutzbunkers herbeischleppen.

"Der Rückweg ins Lager (...) war normal mit Leichentragen verbunden.", erinnert sich der Häftling Stanislaw Sterkowicz. "Es waren Erschlagene oder Tote aus totaler Erschöpfung und in den letzten Zügen. Am Eingang (...) mussten sich die Häftlinge mit abgelegten Mützen dem Rapportführer zum Rapport melden und vor ihm defilieren. Die Leichen wurden in einem bestimmten Raum im Erdgeschoss niedergelegt, die in den letzten Zügen dem Arzt im Revier überlassen. Jede Woche transportierte man die Leichen zum Stammlager Neuengamme, wo sie im Krematorium verbrannt wurden." Allein im Dezember 1944 kamen 300 Gefangene um.

Die meisten Kommandos erreichten ihre nahe gelegenen Arbeitsstellen zu Fuß; aber andere fuhren quer durch Hamburg mit der Straßen- oder S-Bahn. "Die Hauptbeschäftigung bestand im Schuttwegräumen zerstörter, kriegswichtiger Gebäude, im Hin- und Herschaffen von Sand, Baumaterialien und sonstigen schweren Lasten", so der Spaldingstraßen-Häftling Manfredis Zichmanis. Es gab "gute" Kommandos, wie zum Beispiel die Billbrauerei oder das Telegrafenamt, wo man unter Dach arbeitete, die Kapos nicht so streng waren oder vielleicht eine Suppe gereicht wurde; es gab "schlechte", wie etwa bei der Reichsbahn in Rothenburgsort, wo harte Arbeit bei Wind und Kälte im Freien verrichtet werden musste und es nichts zu essen gab; und es gab gefährliche "Himmelfahrtskommandos" beim Beseitigen von Blindgängern.

Das Außenlager mit den meisten Toten

Von den Außenlagern des KZ Neuengamme war die Spaldingstraße das mit der höchsten Zahl an Opfern: 500 Tote sind nachgewiesen, die tatsächliche Zahl wird auf etwa 800 geschätzt. In den rund sieben Monaten seines Bestehens suchte es seinesgleichen, was Brutalität und Arbeitsbedingungen, Hygiene und Mangelernährung angeht. Die einzige Wasserquelle war eine Badewanne, in der auch die Pinkelbecken gereinigt werden mussten. Auf dem Weg zur Arbeit durchstöberten die unterernährten Häftlinge Mülltonnen auf der Suche nach Essbarem. "Wenn auf der Straße manchmal ein Auto einen Hund überfahren hatte, griffen wir nach dem toten Tier und aßen es", berichtet Sterkowicz.

Anfang April 1945 begann die Räumung des Lagers. Unterschiedliche Häftlingstransporte verließen die Spaldingstraße zu Fuß oder mit Lastwagen in Richtung des KZ Sandbostel bei Bremen, wo viele von ihnen noch vor aber selbst nach der Befreiung durch die Engländer am 29. April an Krankheiten oder Entkräftung starben.

Warum ist die Spaldingstraße 158 ein "unbekanntes" KZ-Nebenlager geblieben? Alle Lagerdokumente, einschließlich des Totenregisters aus dem Revier, sind in den letzten Tagen des Krieges verbrannt worden; damit fehlt - außer einigen Häftlingsberichten - jedes schriftliche Beweismaterial für die Untaten der Bewacher. Nachfragen bei den Nachfolgern der damaligen Arbeitgeber und Nutznießer der Häftlingsarbeit wie der Deutschen Bahn, der Stadt Hamburg oder der Telekom ergeben immer wieder die gleiche Antwort, man besäße keine Unterlagen.

Die gegenwärtige Eigentümerin des Gebäudekomplexes Spaldingstraße 152-162, eine Münchner Immobiliengesellschaft, wehrte sich lange gegen die Anbringung einer Erinnerungstafel. Nachdem im August 2007 die Lokalzeitung "Hamburger Morgenpost" über das unbekannte KZ im Herzen der Hansestadt berichtet hatte, erklärte eine Sprecherin des Unternehmens, man sei bereit, darüber mit der Denkmalschutzbehörde noch einmal darüber zu verhandeln.



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