Landschaftsfotografie Mein "Jacobsweg" führte mich nach Rügen

Mit Aktfotos wurde er bekannt, doch sein Herz schlug für andere Dinge: Auf der Ostsee-Insel Rügen entdeckte Klaus Ender die Poesie der Natur - fortan war sie sein liebstes Motiv.

Klaus Ender/Art Photo Archiv Klaus Ender

Irgendwann fragt sich der Mensch, wann und wo seine Wurzeln Fuß fassten - und das geschah bei mir in der letzten Phase des 2. Weltkrieges. Die russische Front rückte von Tag zu Tag näher und das Grollen der Geschütze war unüberhörbar. Meine Mutter nahm mich Sechsjährigen an die Hand, lief mit mir durch meine Heimatstadt Landsberg /Warthe und blieb vor dem imposanten Theater stehen. Sie zeigte auf die großen Lettern des Giebels und sagte "Dort steht geschrieben: In schwerer Zeit - der Kunst geweiht!"

"Was immer auch passieren mag, ob wir nach Sibirien verschleppt werden, getrennt werden oder ob ich sterbe, darfst du eines nicht vergessen: "Du bist ein deutscher Junge und stammst aus dem Land der Dichter und Denker - und darfst darauf stolz sein!" Und dann erzählte sie mir von Goethe und Schiller, von Bach und von Heinrich Heine. Ich erfasste den Ernst der Lage und verinnerlichte ihre Worte für immer.

In den folgenden Nachkriegsjahren fiel mir auf, dass in der sowjetischen Besatzungszone viel von Kulturbaracken die Rede war und ich fragte Mutti, wie so hässliche Baracken zur Kultur passen können und sie sagte" Das ist nur eine Übergangslösung, weil so viele Theater und Kultureinrichtungen zerbombt sind." Außerdem irritierte mich, dass in der Schule nach Gründung der DDR (1949) das Proletariat als positives Beispiel verherrlicht wurde und die Intelligenz als Nutznießer und Parasiten dargestellt wurden, so dass der Zugang zur Kunst fast verstellt war.

Melancholische Gedichte

Erst später, als die DDR 1949 gegründet wurde, erkannte man, dass es ohne Kunst und Intelligenz keine Entwicklung geben würde, entstanden Kunstensemble und Kulturhäuser.

In dieser Zeit las ich Theodor Fontane und war vom Gedicht John Maynard so ergriffen, dass ich anfing zu dichten. Ich erfand eigene Geschichten und Gedichte und zeichnete dazu Bilder, die bald ein Schulheft füllten. In dieser Zeit (1950) hatten Mitschüler ein paar westdeutsche Abenteuer-Romane mitgebracht, die es "drüben" für 50 Pfennige zu kaufen gab. Als ich eines der Hefte haben wollte, sagte einer der Besitzer "dann gib mir dein gezeichnetes Heft - das ist doch viel mehr wert!"

Ich war verblüfft - und tauschte. Dass mein laienhaftes Heft ein gedrucktes Abenteuer-Magazin überbieten würde, hatte mich total überrascht und stolz gemacht. Mit 17 schrieb ich Gedichte, die sehr melancholisch waren und sandte eines davon zu einem Wettbewerb des Jugendmagazins "Neues Leben" ein. Die Auswertung war ein Schlag für mich, man empfahl mir, meine Texte dem neuen sozialistischen Menschen und dem Aufbau des Sozialismus zu widmen. Ich war so frustriert, dass ich 50 Jahre nicht mehr dichte.

Im Herbst 2002 ging es mir gesundheitlich sehr schlecht und es zeichnete sich ab, dass ich meine kraft raubenden Touren mit schweren Kameraausrüstungen einschränken muss. Aber Gott sei Dank habe ich mein Bildarchiv im Laufe der Jahre auf 120.000 Bilder aufgestockt - und diese Naturstudien bilden nun die Basis für erstklassige Bildbände, die auf Texte warten, die diese Bücher zu einer kleinen Lebenshilfe machen.

Die Inspiration der Natur

Ich suchte nach Wegen, meine fotografischen Arbeiten sinnvoll zu ergänzen und fing mit einer Bildauswahl der Insel Rügen an, die mich einst dazu bewog, Fotograf zu werden.

Ich suchte im Internet nach maritimen Gedichten und fand weder unter Fontane, noch unter Theodor Storm und einem Dutzend anderer Schriftsteller Gedichte, die zu meinen Bildern passten. Da erinnerte ich mich meiner Jugendgedichte und sagte zu meiner Frau: "Weißt du was, ich schreibe mir meine passenden Gedichte selbst!"

Sie sah mich an und meinte:" Ich traue Dir ja einiges zu, aber druckreife Gedichte in so breiter Vielfalt zu schreiben - und das in gleichwertiger Qualität deiner Bilder - na, ich weiß nicht." Ich machte mich ans Werk, tauchte in meine Bilder ein - und schrieb Gedicht um Gedicht, als ob ich nie etwas anderes getan hätte. Meine Frau las sie und sagte:" Das wird unser erster Gedichte - Bildband!" Wir behielten Recht.

"Rügen - Poesie einer Insel" wurde gedruckt, zweimal aufgelegt - und steht nun vor seiner 3. Auflage. Weil in unserem einstigen "Land der Dichter und Denker" das Gedicht nur ein Schattendasein führt und weil Verlage wie Buchhandel nur noch am schnellen Geld interessiert sind, ersparten wir uns die mühselige Suche nach Verlagen und gründeten unseren eigenen Verlag, in dem wir Kalender, Kunstpostkarten, Poster und vor allem Poesie-Bildbände herausgeben. Inzwischen sind es sechs Bände und zwei weitere erscheinen im März 2009. Dass Gedichte nicht gefragt sind - wie Verlage, Buchhandel und Medien behaupten, wird täglich durch unsere Kunden und Leserzuschriften widerlegt.



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