Lazarettschwester im Warschauer Ghetto Zeugin des Grauens

Lazarettschwester im Warschauer Ghetto: Zeugin des Grauens Fotos
Ingelene Rodewald

"Seuchengebiet. Zutritt verboten!" Die Lazarettschwester Helmy Spethmann schlich sich trotz der Warnung ins Warschauer Ghetto und fotografierte heimlich das schockierende Elend hinter den Mauern. Gesprochen hat sie darüber nie. Erst nach ihrem Tod fand ihre Nichte Ingelene Rodewald zufällig die Bilder. Von

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Ich stand in der Küche und überlegte, was auf dem für das Abendbrot gedeckten Tisch noch fehlte, als das Telefon klingelte. "Sind Sie Frau Rodewald?", fragte ein Mann. "Ihre Tante ist erkrankt. Sie liegt im Städtischen Krankenhaus in Schleswig, hat eine Lungenentzündung und hohes Fieber. Ich möchte Sie bitten, zu kommen." Ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu Tante Helmy. Sie stand mir fast näher als meine eigene Mutter. Also machte ich mich, obwohl es schon spät am Abend war, sofort auf den Weg von Hamburg nach Schleswig.

Helmy streckte mir lächelnd ihre Hände entgegen. Ihr Kopf war heiß, sie hatte hohes Fieber. Ein feines Lächeln überzog ihr Gesicht und sie schloss die Augen. Ich saß still neben ihr, hielt ihre Hände und wartete. Plötzlich wachte sie wieder auf, sah mich an und sagte: "In meinem Nachttisch liegen noch ein paar Bilder." Ihre Stimme bekam dabei etwas Gehetztes. "Ich möchte, dass du sie an dich nimmst." Sie wollte mir noch mehr dazu sagen, war aber schon zu schwach. Ich nickte und sagte: "Versprochen! Ich nehme die Bilder mit." Erleichtert hob sich ihre Brust. Helmy schlief in dieser Nacht des Jahres 1979 ein und wachte nicht mehr auf.

Am nächsten Morgen sah ich mir ihre Bilder an, zwei einfache schmale Alben aus den dreißiger Jahren. Es waren darin viele Bilder von Freunden, von Krankenschwestern und Ärzten - ihren Kollegen. Nichts Besonderes. Ich wunderte mich, warum die Bilder Helmy so aufgewühlt hatten, verdrängte den Gedanken aber bald wieder und legte sie in meinen Sekretär. Jahre vergingen, ich zog nach Kanada, in die USA und wieder zurück. Immer reisten die Bilder von Helmy mit, schließlich hatte ich es ihr versprochen. Eines Tages, ich war inzwischen selber alt geworden, nahm ich die Alben wieder in die Hand. Zwischen dem Stoffbezug und der Pappe entdeckte ich noch mehr Fotos und erstarrte: Es waren Bilder aus dem Warschauer Ghetto. Darum war es Tante Helmy also gegangen!

Mit Politik und kritischen Fragen aufgewachsen

Um zu verstehen, wie wichtig diese Fotos für Tante Helmy waren, muss ich mehr über ihr Leben erzählen. Ohne die Werte, die ihr in ihrem Elternhaus vermittelt worden waren, hätte sie das Elend im Warschauer Ghetto nie bildlich festgehalten. Sie wäre vor dem Eingang stehen geblieben, hätte sich nie mit ihrer Kamera hineingewagt.

Helmy und meine Mutter Emmy kamen aus einer sehr politischen Familie. Ihr Vater, Wilhelm Spethmann, war Stadtrat von Eckernförde, Reichstagsabgeordneter, Herausgeber der "Eckernförder Zeitung" und Vorsitzender der Freisinnigen Volkspartei. Jede Woche trafen sich in seinem Haus Dichter und Schriftsteller, darunter Theodor Storm, lasen sich gegenseitig vor und diskutierten auch politische Fragen. 1920 trat er der neugegründeten Friedensgesellschaft in Eckernförde bei und wurde ihr Zweiter Vorsitzender. Er setzte sich für die Menschenrechte ein, glaubte an die Verwirklichung eines Bundes der Völker und träumte von einem geeinten Europa. Grundlage jedes funktionierenden Staates war seiner Ansicht nach die Rechtssicherheit. Für damalige Verhältnisse war er unglaublich modern.

Auf die Ausbildung seiner Töchter legte er indes wenig Wert. Sie sollten früh heiraten, die Frage nach einem Beruf stellte sich deshalb nicht. Also besuchte Helmy nur die Grundschule, danach vier Jahre eine private Mädchenschule. Die Noten interessierten niemand. Meine Mutter heiratete tatsächlich mit 20 Jahren. Helmy nicht. Sie war anders als ihre Schwester, nahm mit großem Interesse an den literarischen und politischen Gesprächen im elterlichen Haus teil und schrieb sich die schönsten Gedichte in ein Tagebuch. Dass sie unverheiratet blieb, bereitete ihren Eltern einige Sorgen.

Krankenschwester statt Ehefrau

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 löste schließlich das Problem. Helmy wurde Rotes-Kreuz-Schwester und zog begeistert am 1. August neben den abmarschierenden Soldaten durch Berlin. Die erste Euphorie über den Dienst am Vaterland war bald verflogen. Die Begeisterung für den Beruf aber blieb. 1922 legte Helmy ihr Examen zur Vollschwester ab und arbeitete als Stationsschwester im Anscharhaus in Kiel. Sie blieb unverheiratet.

Dann kam Hitler. Ich werde die Wahlen vom 5. März 1933 nie vergessen. Es war Sonntag und wir warteten auf das Essen. Meine Mutter hüpfte förmlich auf ihrem Stuhl auf und ab und sagte plötzlich: "Wenn morgen in den 'Kieler Nachrichten' steht, die Bevölkerung in Holtenau habe mit hundert Prozent Hitler gewählt, stehe ich auf und sage: Das stimmt nicht! Ich habe Hitler nicht gewählt. Das kann ich meinem Vater nicht antun. Nie und nimmer würde er mir verzeihen, wenn ich eine Partei wie die der Nazis wähle. Er war ein freier Demokrat und Vorsitzender der Freisinnigen Volkspartei." An diesem Tag hatte ich gelernt, dass die neue Zeit und mein Großvater nicht zusammenpassten. Gut, dass er bereits 1926 gestorben war.

Die Zeit von 1933 bis 1939 verlief für mich ohne besondere Ereignisse, aber nicht für Helmy. Die Schwestern aus dem Ersten Weltkrieg wurden plötzlich ehrenvoll aufgewertet und neu ausgebildet. Die Vorbereitungen für den Krieg liefen schon damals auf Hochtouren. In Helmys Nachlass fand ich eine Broschüre aus dem Jahr 1935. Auf 30 Seiten wird dort exakt erklärt, was von jedem im Kriegsfall erwartet wird. Die Botschaft ist klar: Der Ausgang des Krieges hängt vom Einsatz jedes Einzelnen ab, auf seine Fähigkeit, Opfer und Entbehrungen zu ertragen.

Hunger, Seuchen, Elend

Kurz nachdem am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg ausgebrochen war, wurde Helmy einberufen. Anfangs war sie in Eckernförde stationiert. Im Frühjahr 1941 wurde sie dann nach Warschau versetzt und dort dem Reserve-Kriegslazarett III zugeteilt. Von Hamburg reiste sie über Nürnberg nach Warschau. In Nürnberg wurde eine Gruppe junger Schwestern zusammengestellt und auf den kommenden Einsatz vorbereitet. Helmy fotografierte die Sehenswürdigkeiten der Stadt der großen Aufmärsche und schickte sie ihrer Mutter. Hinter jedes Bild schrieb sie Ort und Datum. Ihre Reise nach Warschau lässt sich über die Bilder leicht verfolgen.

Ich hatte keine Möglichkeit, sie in Warschau zu besuchen. Was sie dort erlebte, erzählen nur ihre Fotos und ein Brief vom 9. August 1941 an meine Mutter. Dort heißt es: Über Warschau kann ich nicht viel schreiben, viele Kriegsschäden harren noch der Ausbesserung. Es gibt noch manche Straße, wo kaum ein heiles Haus steht. Eben sind wir wieder nach dem Heldenfriedhof hinaus gefahren. Dabei sind wir auch ein großes Ende durch das Judenviertel gekommen. Lauter am Verhungern umherlaufende Gestalten. Außerdem ist es Seuchengebiet und der Zugang strengstens verboten. Ich erzähle Euch später davon. Und über den Kriegsverlauf schrieb sie: Wir hören und sehen viel vom russischen Kriegsschauplatz. Viel Elend.

Das Elend der Juden und das Unrecht, das ihnen geschah, muss Helmy so schockiert haben, dass sie sich ganz im Geiste ihres Vaters über das Verbot hinwegsetzte und mit ihrer Kamera durch das Ghetto zog. Offensichtlich wollte sie das Grauen, die Aushebelung des Rechtsstaates bildlich festhalten. Nach dem Krieg hat sie nie darüber gesprochen. Ihre Bilder aber hat sie gehütet wie einen Schatz.

Als ich nach ihrer Beisetzung den Friedhof verließ, schloss ich die schwere Eisenpforte und damit das letzte Kapitel von der Familie Spethmann in Eckernförde. Was bleibt, sind die Bilder einer Kriegsschwester aus dem Warschauer Ghetto.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
Axel Sasse 25.09.2010
Geschichten wie diese sollten im Gedächtnis bleiben. Meinen aufrichtigen Dank für diesen Beitrag!
2.
Martin Miller 25.09.2010
Liebe Einestages-Redaktion, die jiddische Inschrift "Khesed-shel-emes" auf den beiden Wagen auf Bild 13 bezieht sich auf die Bruderschaft für Armenbegräbnisse. Insofern ist auf diesem Bild nicht nur einfach "ein alter Mann vor einer Kutsche" zu sehen, sondern vermutlich ein Bestatter, vielleicht sogar (seiner Kleidung nach) der Vorsitzende der Bruderschaft oder ein Mitarbeiter des Rabbis. Über letzteres kann Ihnen vielleicht eine jüdische Gemeinde Auskunft geben. Ich würde mich freuen, wenn Sie den Text zum Bild entsprechend ändern würden. Herzliche Grüße, Martin
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