Leben für die New Economy Pixel aus Gold

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Frühstücksbuffets im Büro, Gratismassagen und Ballerspiele, bis der Schädel rauchte: Der Internet-Boom Ende der Neunziger machte Arbeits- zu Spielplätzen. Auch Wolfgang Müller programmierte in einer der hippen Web-Agenturen - und war immer kurz davor, Millionär zu werden. Von

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Anfang 1999 betrat ich das erste Mal eine Internet-Firma. Ich hatte mich mit einer fürchterlich schlechten, selbst produzierten CD-ROM bei einer großen Hamburger Agentur beworben. Und so wartete ich auf mein Vorstellungsgespräch in einem weichen Sessel zwischen dutzenden Monitoren, auf denen ein fiktives Interview mit einem Avatar lief, einem computer-animierten Wesen, das damals das Aushängeschild der Agentur war. Es lief leise Chill-Out Musik im Hintergrund, und der Mann, der das Gespräch führen sollte, war drei Jahre jünger als ich.

Ich hatte nur als Jugendlicher ein bisschen programmiert, hauptsächlich Spiele im Text-Modus. Die neuen Programmiersprachen, HTML und Javascript, hatte ich mir in einem zweiwöchigen Crash-Kurs selbst beigebracht, nachdem mir klar geworden war, dass ich doch kein Soziologe werden würde. Kurz gesagt: Ich hatte eigentlich keine Ahnung von gar nichts. Trotzdem wurde ich sofort als Praktikant eingestellt.

Massagen und Galao

Ich brauchte ein paar Wochen um zu begreifen, dass Arbeit hier ein relativer Begriff war. Jeden Morgen gab es erst einmal ein Frühstücks-Buffet und Massage-Termine, die man nach Belieben nutzen konnte. Wer bereits um zehn da war, verbrachte die Zeit mit Rauchen, Essen, Nachrichten-Seiten lesen und Musik hören - vorwiegend frisch heruntergeladen von Musiktauschbörsen wie "Napster", wo es alles gab, was das Herz begehrt. Kostenlos natürlich. Gearbeitet wurde meistens von elf bis eins, dann war Mittagszeit. Nach dem Essen ging es direkt zum Portugiesen, um einen dieser neuartigen "Galaos" in der Sonne zu trinken, auf dem Bordstein direkt an der Straße. Das war irgendwie schick.

Gegen halb drei trudelte man wieder in die Agentur, um dann vielleicht bis sechs noch ein bisschen zu arbeiten. Dann fingen die ersten an, sich über das Firmen-Netzwerk in Ego-Shootern wie "Unreal Tournament" die Pixel um die Ohren zu schießen. Ab neun durfte man sich auf Agentur-Kosten (weil man so lange gearbeitet hatte) eine Pizza bestellen. Irgendwann zwischen zehn und elf Uhr abends schlich man dann völlig verstrahlt nach Hause. Nicht wenige schliefen einfach in der Agentur.

Anarchie im System

Da fast niemand wusste, was wir Entwickler eigentlich genau machten, fiel es uns nicht schwer, unserer Freiräume geradezu pervers weit auszubauen. Diejenigen, die für Animationen zuständig waren, verschanzten sich manchmal tagelang in ihrem Büro und spielten. Den Gruppenleitern war es egal, solange die Arbeit gemacht wurde. Da sich zu dieser Zeit aber die Agenturen einen Krieg um die besten Leute lieferten und fast jeden einstellten, der eine Maus bedienen konnte, war für das Heer an Programmierer oft tagelang nichts zu tun. Ich selbst habe einmal einen Monat nur an meiner eigenen Seite gebastelt - mit Wissen und Unterstützung meiner Chefs. O-Ton: "Mach ruhig, wenn du dabei was lernst." Dabei war ich zu diesem Zeitpunkt schon lange kein Praktikant mehr.

Aber selbst wenn gearbeitet wurde, war es ein Leichtes, Tätigkeiten von zehn Minuten als Tageswerk zu verkaufen. Wir waren ein wild zusammengewürfelter Haufen aus Freaks, die sich entweder das Programmieren selbst beigebracht hatten - oder es gerade taten. Einige sahen so aus, als hätte sie der Internet-Boom gerade noch vor der Obdachlosigkeit gerettet. Waren wir vor kurzem noch kleine Nerds gewesen, die blass und uninteressant vor ihren Computern hingen, so waren wir auf einmal die Stars der New Economy, die Eliteeinheit der Zukunft. Zumindest in den Augen der anderen.

Doch eigentlich hatte niemand von uns wirklich eine Ahnung, wie man das alles jetzt eigentlich richtig machte. Und so waren unsere Produkte oft haarsträubende Konstruktionen, die mit Ach und Krach liefen. Da aber unsere Kunden und Gruppenleiter noch sehr viel weniger Ahnung hatten als wir, fiel das nicht besonders auf.

sex.de

Ein beliebter Sport war damals, sich die griffigsten Domain-Namen zu sichern. Wie beim Goldrausch schien es das Wichtigste zu sein, erst einmal seinen Claim zu markieren - in diesem Fall die Internet-Adresse. Begriffe wie "erotik.de" oder "sex.de" waren natürlich längst vergriffen, aber viele andere Adressen waren noch frei. Jeder bestellte beim geringsten Verdacht einer Eingebung haufenweise .de, .net oder .org Domains, um später, wenn die zündende Idee dann kommen würde, schon den passenden Namen für sein Baby zu haben. Aber alle diese Projekte krankten an denselben Fehlern wie die ganze New Economy: Keiner wusste so recht, wozu man das eigentlich alles machte - und wie man damit Geld verdienen sollte.

Tatsächlich wurden wir Entwickler fürstlich entlohnt, und da dieses Geld ja nur durch das Erstellen von Webseiten generiert wurde, lag der Schluss nah, mit der richtigen Idee zum richtigen Zeitpunkt noch viel mehr Geld verdienen zu können. Wie genau das funktionieren sollte, war zwar weniger klar, aber auch nicht wirklich wichtig. Offensichtlich schien die Rechnung ja aufzugehen, und zu gegebener Zeit würde man dann schon gekauft werden. Geschichten in der Art wie "Er war nur ein kleiner Student mit einer Internetseite und jetzt ist er Millionär" kursierten haufenweise. Wir arbeiteten zwar in einer Agentur, aber wir fühlten uns wie auf der Durchreise zu etwas viel Größerem. Jeder schien kurz davor zu sein, eine unentdeckte Nische des Internets zu finden, zu besetzen und schon bald mit seiner Yacht durch die Südsee zu kreuzen.

Millionäre in spe

Da alle davon überzeugt waren, auf das richtige Pferd zu setzen, machte fast jeder von der Möglichkeit Gebrauch, Vorzugsaktien seiner Agentur zu erwerben. Einzige Bedingung war, dass man diese erst nach einer bestimmten Zeit wieder verkaufen durfte - was sich als fatal herausstellen sollte. Ich selber kam für die Vorzugsaktien genau einen Monat zu spät. Und ich ärgerte mich jedes Mal zu Tode, wenn ich an jemandem vorbei kam, der gerade die Aktienkurse auf seinem Rechner verfolgte und lauthals "Schon wieder 10.000 Euro reicher" in die Runde brüllte. Alle meine Kollegen waren Millionäre in spe, so viel schien mir damals sicher zu sein.

Für den Rat meines damaligen Mitbewohners, einem vierzigjährigen Schiffsbauer, dass das ein guter Zeitpunkt wäre, einen Betriebsrat zu gründen, hatte ich nur ein mitleidiges Lachen übrig. Einen Betriebsrat! Was für ein Relikt aus einer vergangenen Zeit! So etwas war doch nicht mehr nötig, jetzt, wo alle (außer mir) vom unaufhaltsamen Aufstieg der Firma profitieren würden. Wofür also einen Betriebsrat gründen?

Mit meinen bedruckten T-Shirts, der Umhängetasche, neuartigen Stoff-Hosen und modernen Turnschuhen rannte ich jeden morgen euphorisiert in meine Agentur, fest davon überzeugt, Teil einer großartigen Zukunft zu sein mit Pixeln aus Gold. Vorgesetzte, Betriebsräte, Feierabend - all das schien einer staubigen Vergangenheit anzugehören. Wir waren jetzt alle eine große Familie, in der jeder, der ein bisschen talentiert war, ein großes Stück vom Kuchen bekommen konnte, unabhängig von Lebenslauf, Ausbildung oder Position. Das glaubte ich wirklich.

Die Blase platzt

Im Jahr 2000 machte ich mich als Entwickler selbständig und verließ die Agentur. Ich wusste damals nicht, dass ich damit meiner Entlassung nur wenige Monate zuvor kam. Erst waren es nur Gerüchte, das irgendetwas schief lief, aber schon bald rutschte die ganze Branche in den Abgrund des Börsen-Crashs. Meine Kollegen, die teilweise hohe Kredite für Aktienkäufe aufgenommen hatten, standen plötzlich mit einem Berg Schulden und ohne Job auf der Straße.

Die Designer und Projektmanager traf es noch härter. Ich, der ich die Vorzugsaktien um einen Monat verpasst hatte und mit meiner Selbständigkeit mehr als nur ein Standbein hatte, war einer der wenigen, die Glück gehabt hatten. Die kurze Phase, in der die Arbeitswelt plötzlich nur noch aus Computerspielen, Milchkaffee und Massagen bestanden hatte, war vorbei.

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1.
Kurt Tomaschko 19.02.2008
Tja, ich hatte in der Zeit als Lieferant (Datenbanken) für diese besagte Firma gearbeitet. Es kam schon mal vor (eigentlich immer), dass der Assistent (Herr S.) des Visionaers (Herr K. aus Suedeutschland) trotz Termins nicht da war. Sie waren schon alle sehr hip und cool. Gefragt hat man sich ja eigentlich immer wie das geht, aber ehrlich gesagt: wir dachten alle in der Gier (Gier frisst bekanntlich Hirn), das Rad neu erfunden zu haben. Na gut, letztlich bin ich nichts desto Trotz in der "Erwachsenenwelt" der IT gelandet und geblieben! Übrigens: der Artikel ist wirklich amüsant und gut, vor allem wenn man die Zeit mitgemacht hat (und nicht Millionen verloren hat) und noch besser wenn man besagte Firma kennt.
2.
Michael Wörz 19.02.2008
Man war das ein geile Zeit. Ich war als Konstrukteur bei einem Automobil Zulieferer angestellt und hab nebenher ein bisschen EDV gemacht. Immer Häufiger wurde ich von Headhuntern angesprochen und bin schließlich fürs doppelte Gehalt zu einem New Economy Startup gewechselt. Als Senior Consultant for Internet Security. Am ersten Arbeitstag, das Büro war in einer Stuttgarter Jugendstiel Villa, war zunächst das Problem mit dem Firmenwagen zu klären. Eine A-Klasse sollte es für den Anfang sein. Der Arbeitsalltag lief weitesgehend wie im Beitrag beschrieben, nur dass wir Billard und Dart spielten. Operatives Geschäft gab es praktisch nicht, und wenn dann hat es niemanden Interessiert. Das Unternehmen war auf das Verkaufen von Aktien ausgelegt. Die Hauptaufgabe bestand darin nach außen kompetent und erfolgreich zu wirken. In allen einschlägigen Fachzeitschriften erschienen ganzseitige Anzeigen und unser Stand auf der Systems musste sich von denen eingeführter Unternehmen ganz sicher nicht verstecken. Ich selbst bion zum glück auf dem Boden geblieben, habe keine Aktien gekauft und mich in der freien Zeit, die ja reichlich vorhanden war weitergebildet. Der Börsencrash erwischte uns als eine der Ersten und so habe ich im gerade einbrechenden Arbeitsmarkt noch ein solides Mauseloch gefunden. Bis heute arbeite ich in der IT und schmunzle gerne über die Zeit der New Economy.
3.
Bahne Carstensen 20.02.2008
Ich habe damals als Praktikant bei Pixelpark und Icon Medialab meine ersten Erfahrungen mit diesem Job-Alltag gemacht. Es war sowas von Rasant. Bei Pixelpark war ich während des Börsenganges. Witzigerweise hält das Netzwerk an Leuten, dass damals entstanden ist, bis heute.
4.
Anna Buss 09.03.2009
ich habe die New Economy Zeit als Freiberufler erlebt und war ein paar Monate bei Razorfish angestellt. Den Firmenausflug nach Las Vegas kannte ich leider nur aus einer Broschüre; mein direkter Vorgesetzter wurde im Dschungel in Südamerika auf seine Tätigkeit als Abteilungschef vorbereitet, während die ganze Kiste schon abrauchte und eine Filiale nach der anderen schloss. Später bekam ich dann einen Brief, in dem meine Aktienoptionen für wertlos erklärt wurden. Klar, Razorfish war längst zum Pennystock geworden. Ein bisschen Boom konnte ich noch miterleben, vor allem in der Hamburger Filiale. Man residierte im schicken Hamburger Kaufmannshaus, schraubte mit null Kenntnisstand anspruchsvolle Lösungen für Audi zusammen. ZUm Schluss gabs Kurzarbeit, unregelmässig gezahlte Löhne und tonnenweise Entlassungen. Das waren schon tolle Zeiten. Witzigerweise hält auch hier das Netzwerk an Leuten, die man damals kennenlernte, bis heute.
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