Leben mit Kirche Der liebe Gott und ich

Leben mit Kirche: Der liebe Gott und ich Fotos
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Nach dem Krieg fragte er sich, was Gott ist. Doch weder in der Familie noch in der Schule, während der Bibelstunden oder beim Pastor fand er Antworten. Nur neue Fragen. Heute ist Karl Wilhelm Meier froh darüber. Von

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Mein Vater zürnte dem lieben Gott. Im Krieg ist nämlich seine erste Familie umgekommen. Ein Volltreffer: alle tot, und er irgendwo in Europa. Nein, danach ist er nicht mehr in die Kirche gegangen. Gott war nicht da gewesen, als er ihn brauchte. Ich hatte Verständnis für seine Verbitterung, fand sein Handeln aber unangemessen. Da hatten doch Menschen eine Bombe geworfen und seine Familie ausgelöscht, meinte ich.

Ich hatte in der Schule das Fach Biblische Geschichte. Die Teilnahme war freiwillig, bis auf ein Mädchen nahmen alle teil. Deren Eltern seien Kommunisten, erzählte mir meine Mutter. Den Zusammenhang verstand ich damals nicht, mutmaßte aber, dass Kommunisten und Kirchen beide in Religion machten. In Biblische Geschichte lasen wir viel aus der Bibel, über Adam und Eva, Ruth, Moses, Jesus und so weiter. Hintergründe dazu erfuhren wir nicht, und so war das eine schöne Märchenstunde. Was helfen uns diese Geschichten von gestern?, fragte ich mich.

Mein erster Kirchgang

In der Nachbarschaft wohnte eine Familie, die streng gläubig war. Mit dem Sohn ging ich zum ersten Mal im Leben in die Kirche. Es gefiel mir nicht: das schlichte Kirchenschiff und der prächtige Altar. Waren die Kirchen für die Menschen oder waren sie Selbstzweck?, fragte ich mich.

Auch im Konfirmandenunterricht und bei den Gottesdienstbesuchen erhielt ich keine Antwort auf meine Fragen. Im Konfirmandenunterricht sollten wir Kirchenlieder und Psalme auswendig lernen, wovor ich mich nach Möglichkeit drückte. In den Gottesdiensten wurde die Bibel zitiert, dann kam - wie beim Wort zum Sonntag - die Frage: Was will der Herr uns damit sagen? Ich fand diese Interpretationsversuche vermessen. Wenn es wirklich einen Gott gibt, etwas da ganz oben, woher wollen wir dann wissen, was er denkt? Ich fand, die Frage müsste lauten: Was steht da eigentlich übertragen und was nützt es uns heute?

Den ersten Ansatz einer Antwort auf meine Fragen bekam ich, als ich heiraten wollte. Für das Traugespräch ging ich nach langer Zeit wieder einmal in die Kirche. Da platzten nun die Grübeleien aus mir heraus: Wer oder was ist Gott? Was ist die Bibel? Endlich gab es eine Antwort: Gott ist die Liebe. Und die Bibel ein wunderschönes Buch von Menschenhand mit vielen schönen Geschichten. Das mit der Liebe fand ich gut und auch das mit der Bibel. Nun passte aber vieles nicht mehr zusammen: Warum sollte man den Vater im Himmel anrufen und nicht auf die Liebe auf Erden hoffen? Ich beschloss, christlich zu leben, Gott war dabei nicht so wichtig.

Macht Liebe blind?

Aber ich machte mir weiter Gedanken: Macht Liebe nicht blind, ist Liebe nicht eben die schönste Irritation des Verstandes? Sollen wir blind und schwach durch die Welt laufen und nicht für unsere Interessen eintreten? Dann würde ich bei einem Schicksalsschlag so enttäuscht sein wie mein Vater und würde Gott zürnen - und das hielt ich eben für vermessen, auch wenn ich immer noch nicht wusste, wer oder was Gott ist.

Ich suchte eine Pastorin auf. Sie erklärte: Gott ist das Licht, die Hoffnung, dass nicht alles umsonst war, dass Böse wie Diktatoren nicht Recht behalten werden. Das gefiel mir: Licht ist etwas Schönes und die Hoffnung sollte man eigentlich nie aufgeben. Aber: Irgendwann muss man doch einsehen, wenn etwas unmöglich ist. Wenn man dann die Hoffnung aufgibt, gibt man damit auch Gott auf? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ich bin ein Suchender und Fragender. Jemand, der noch keine Antwort bekommen hat. Ich glaube sogar, fragen ist besser, als alle endgültigen Antworten gefunden zu haben.

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