Lebensbornkinder Heim im Reich

Lebensbornkinder: Heim im Reich Fotos

Als Hermann Lüdeking nach seiner Kindheit zu suchen begann, war er schon Rentner. Mit ein paar Akten, einer Geburtsurkunde und wenigen Erinnerungen machte er sich 1990 auf den Weg nach Polen. Was er fand, war die Geschichte seines Lebens - und das Schicksal eines Himmler-Heims. Von

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Als junger Mann wusste ich nur von meiner Geburtsurkunde, dass ich angeblich in einem Kinderheim in Bruckau im Warthegau, also in Polen geboren sein sollte. Was mir ein bisschen komisch vorkam war, dass diese Urkunde vom Standesamt "L" in München ausgestellt war. Dieses Standesamt war während der Nazizeit nur für die Angelegenheiten von Himmlers Lebensborn-Verein zuständig gewesen.

Genaueres habe ich zunächst nicht erfahren. Das Verhältnis zu meinen Pflegeeltern war immer gut gewesen, doch die Unterlagen über meine Vergangenheit bekam ich nie zu sehen. Als mein Pflegevater 1982 starb und meine Pflegemutter ins Altenheim kam, nahm ich die Akten mit, die noch existierten. Darunter die gesamte Korrespondenz mit dem Lebensborn. "Es sind meine Akten", habe ich zu meiner Pflegemutter gesagt, "und ich behalte sie." Das hat sie mir nie verziehen. Sie hat immer davor Angst gehabt, dass ich etwas herausfinde. Aber ich musste sie an mich nehmen. Ich dachte, sie würden sonst verschwinden - und ich würde nie wissen, wo ich einmal mit der Suche nach meiner Kindheit anfangen sollte.

1990 begann ich dann, in die Archive zu gehen und die Akten durchzulesen. Ich hoffte auf ein paar Spuren und Antworten auf meine Fragen: Wo kam ich her? Und wie war das mit dem Lebensborn-Verein eigentlich gelaufen?

Keine Spur von "Roman Rostatowski"

Viele wissen ja heute gar nicht mehr, was das war: Lebensborn. Es war ein Projekt, das ursprünglich von Heinrich Himmler erdacht worden war, um dem "Dritten Reich" Kinder zuzuführen. Historiker haben später viel Unwahres darüber geschrieben: Dass es "Begattungsheime" gewesen seien und Bordelle für SS-Leute. Das stimmt aber nicht. Das Ziel der Lebensbornheime war, ledigen Müttern zu helfen, ihre Kinder zu gebären und nicht abzutreiben. Dazu ist es während des Krieges ja sehr oft gekommen. Dass der Lebensborn auch dazu benutzt wurde, um geraubte Kinder aus Polen, Rumänien und anderen Ländern ins Deutsche Reich einzugliedern und im Geist des Nationalsozialismus zu erziehen, steht außer Zweifel.

Als ich dann in Rente war, hatte ich endlich Zeit, mich ernsthaft mit der Sache zu befassen. Ich habe dem Roten Kreuz geschrieben und gefragt, ob sie dort noch Informationen über "Roman Rostatowski" haben. So lautete mein ursprünglicher Geburtsname, das hatte ich herausgefunden. Doch das Rote Kreuz konnte mir auch nicht weiterhelfen. Sie antworteten nur, dass ein Roman Rostatowski in Polen nie existiert habe! Da wusste ich: Jetzt muss ich selber die Reise antreten und sehen, wo ich herkomme.

Ich habe mich deshalb aufgemacht und bin in das ehemalige Bruckau gefahren. Ich wollte dort nach dem Kinderheim suchen, von dem es hieß, dass es mein Geburtsort sei. Erinnerungen daran hatte ich wenige, weil ich ja noch sehr klein war, als ich von dort fortgekommen war. Aber ein paar Bilder sind mir über die Jahre doch im Kopf geblieben: das Bild von einem See zum Beispiel, eine Brücke, eine Fahrt in der Straßenbahn. Als ich das dann zu meiner Überraschung in Polen alles so wiedergefunden habe wie in meiner Erinnerung, war mir sofort klar: Hier bin ich richtig.

Reise durch die Orte der Kindheit

Sogar das Kinderheim fand ich wieder. Es stand inzwischen leer, aber der Hausmeister lebte immer noch dort. Ich habe ihn ausgefragt, doch er wusste auch nichts über Roman Rostatowski. Dafür erzählte er mir, dass in Bruckau nie eine Geburt stattgefunden hätte. Es war damals eher eine Art Umerziehungsheim für Kinder, die später, wenn sie "bearbeitet" worden waren, ins Deutsche Reich eingegliedert werden sollten.

Für mich war es sehr spannend, all diese Dinge zu erfahren und die Orte meiner Kindheit wiederzusehen. Von Bruckau habe ich meine Reise daher fortgesetzt und nacheinander all die anderen Heime besucht, in denen ich gewesen war: Lodz, Kalisz, Bad Polzin. Bis nach Kohren Salis bei Leipzig habe ich meine Spur zurückverfolgt. Da war ich im Winter 1942 als ungefähr Sechsjähriger hingebracht worden. Das Lebensbornheim dort war damals neu eröffnet worden und diente als Sammelstelle für Kinder, die an deutsche Pflegeeltern verteilt werden sollten. Ich war unter den ersten zwölf Jungen, die dort hingeschickt worden waren. Die Mädchen waren getrennt davon nach Achern in Baden transportiert worden.

Aus der Zeit im Heim sind mir nur einzelne Erinnerungen geblieben. Eigentlich keine schlechten. Unser Alltag dort verlief im Grunde ganz normal: Wir haben zusammengesessen, gemeinsam gegessen, gespielt und nachmittags ist man dann grundsätzlich spazieren gegangen. Dass ich schlecht behandelt oder gar geschlagen worden wäre, kann ich nicht behaupten.

"Hermchen, Hermchen, komm mal. Der Adolf!"

Dann kam der Tag, als man mich aus dem Heim abgeholt hat. Ich weiß noch, wie ich plötzlich in ein Zimmer gerufen wurde und dann hieß es: Hier, das sind deine neuen Pflegeeltern. Ich habe das ja damals gar nicht so richtig begriffen, was das bedeutet. Aber ziemlich neugierig bin ich schon gewesen. Meine Pflegeeltern haben mich gleich mitgenommen und sind mit mir nach Hause gefahren, nach Lemgo, in Westfalen. Dort haben sie mich erst mal aufgepäppelt. Ich war zu dem Zeitpunkt ziemlich krank und hatte einen Blutsturz hinter mir. Aber meine Pflegeeltern haben gut für mich gesorgt.

In Westfalen sind wir dann geblieben. Meine Pflegemutter hat während des Krieges dort in Lemgo der Grundschule unterrichtet. Außerdem war sie NSDAP-Gauleiterin. Mein Pflegevater war Reiteroffizier. Der Lebensborn hat seine Pflegeeltern in dieser Hinsicht sehr sorgfältig ausgewählt. Es wurde genau darauf geachtet, dass die Familien gutsituiert und gleichzeitig auch in der nationalsozialistischen Ideologie "hundertprozentig" waren.

Trotzdem war es nicht so, dass während meiner Kindheit viel über den Nationalsozialismus gesprochen worden wäre. Meine Pflegeeltern haben mich auch nie aufgefordert, Hitler oder Himmler zu verehren. Nur an eine einzige Begebenheit kann ich mich erinnern, das muss so im Jahr 1943 gewesen sein. Da rief mich meine Mutter plötzlich ans Fenster: "Hermchen, Hermchen, komm mal. Unser Adolf fährt an uns vorbei." Da habe ich den Adolf Hitler in vielleicht acht Metern Entfernung an unserem Haus vorbeifahren gesehen. Die Hand hatte er zum Hitlergruß erhoben, das ist bei mir noch in Erinnerung geblieben. Aber sonst ist nie darüber gesprochen worden.

Die Amerikaner kommen, sie bringen eine Dolmetscherin mit

Zu meinen Pflegeeltern hatte ich dann eigentlich von Anfang an eine recht gute Beziehung. Weitere Kinder gab es in der Familie keine. Zwar hatte meine Pflegemutter aus früherer Ehe noch einen Sohn, der war aber im April 1941 in Griechenland gefallen. Deshalb hatte sie sich ja auch an den Lebensborn gewandt. Sie wollte unbedingt noch ein Kind. Doch der Lebensborn hat sie zuerst vertröstet: Da müssen Sie sich noch gedulden, bis wir ein geeignetes finden. Im Dezember 1942 bekam sie dann den Anruf, dass sie nach Kohren Salis kommen soll, um sich ein Pflegekind auszusuchen - mich.

Im Zuge meiner Nachforschungen habe ich später zu anderen Lebensbornkindern Kontakt aufgenommen, die etwa zur selben Zeit nach Deutschland gebracht worden waren - zwei von ihnen sogar in die gleiche Stadt. Heute treffen wir uns gelegentlich und tauschen uns über unsere Erfahrungen aus. Dann reden wir auch darüber, wie es nach dem Krieg gewesen ist. Nach 1945 sind ja viele ehemalige Lebenskinder wieder in ihre Ursprungsländer zurückgeschickt worden.

Auch zu uns kamen eines Tages amerikanische Besatzungssoldaten ins Haus. Sie brachten eine polnische Dolmetscherin mit, die sich mit mir unterhalten sollte. Aber ich hatte ja nie polnisch gesprochen! Als die Amerikaner das bemerkten, sagten sie: Wir können das Kind nicht wieder in ein Kinderheim in Polen zurückschicken, wo es keine Familie hat und nicht einmal die Sprache versteht.

So bin ich dann in Lemgo bei meinen Pflegeeltern geblieben. Ich bin dort zur Schule gegangen, habe mein Abitur gemacht und bin später Maschinenbauingenieur geworden. Meine Pflegefamilie hat sich immer gut um mich gekümmert. Ich habe keine Eltern vermisst.

Aufgezeichnet von Karin Seethaler

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insgesamt 9 Beiträge
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1.
Michaela Pohl 30.07.2011
Vielen Dank fuer Ihre Erinnerungen! Das schliesst fuer mich einen Kreis (vielleicht nur fuer mich, ich erklaere:). Wir hatten in Wiesbaden ein Lebensbornheim, "Taunus." Ich habe darueber eine Forschung gemacht, in den 80er Jahren, und dann mit dem damaligen Spezialisten fuer die Geschichte des Lebensborns, Dr. Georg Lilienthal, einen Artikel ueber das Heim Taunus veroeffentlicht. Zur gleichen Zeit wie Sie anfingen mit Ihren Nachforschungen! (zur Info, jetzt nicht als Reklame :-) Sie, Herr Luedeking, haben das vielleicht schon gesehen: ?Das Lebensbornheim Taunus in Wiesbaden, 1939-45,? Michaela Pohl/Georg Lilienthal, Nassauische Annalen (Wiesbaden), No. 5 (1992), pp. 295-310.) Das schlimmste, was wir eigentlich herausfanden, aus meiner Sicht, war, dass der Lebensborn massenweise Kinder gekidnappt hat, blonde Kinder aus der Ukraine, und dass darin spezifisch das Heim in Wiesbaden verwickelt war. Der Rest wurde zwar gerne von der Presse ausgeschlachtet in Sensationberichten ("SS-Lusttempel", usw.) spielte wenn man sich so ein Heim von nahem ansah keine so grosse Rolle. Ich bin in einem Heim fuer "gefallene Maedchen" zur Welt gekommen und sehe keinen grossen Unterschied im Management der werdenden Muetter usw. Was wir nie herausfanden, ist, was mit den Kindern nach dem Krieg geschah, jedensfalls nicht im einzelnen und aus der Sicht der Betroffenen selber. Ich hoffe, wir sehen hier noch mehr Berichte von Lebensborn-Kindern. Ihr Bericht ist sehr ausgewogen, und ruhig, obwohl man sich vorstellen kann dass hinter der sachlichen Beschreibung einiges an Schmerz und Konflikt ist, dass sie erlebt haben und was Sie hier nur andeuten. Ich freue mich, dass Sie sich mit anderen der ehemaligen Kinder treffen konnten. Ich bin "auch adoptiert", aber eine ganz andere Welt, 60er Jahre. Trotzdem, meine Adoptiveltern haben mich nie vergessen lassen dass ich ein Heimkind bin, daher hab ich mich an der Uni sicher zu dem Thema Lebensborn hingezogen gefuehlt. Vielen Dank, lieber Herr Luedeking.
2.
Michael Stadtmann 30.07.2011
Mit Interesse habe ich diesen Lebensbericht gelesen. Ein Hinweis: Es gab von 1926 bis 1945 keine Frau als Gauleiter (in) in Deutschland und den überfallenen/besetzten Gebieten. Von Frauen in dieser Position ist mir nichts bekannt. MfG Burghard
3.
Rene Peters 31.07.2011
Ein Literaturtipp zum Thema: Marc Hillel, Im Namen der Rasse. Nicht mehr 'neu' erhältlich, aber (z. B. über Amazon.de) in Antiquariaten oder Bibliotheken.
4.
Hermann Lüdeking 31.07.2011
Meine Pflegemutter war aber NSDAP Gauleiterin in Schaumburg Lippe.Aus diesem Grunde durfte sie Ihren Lehrerberuf ab Kriegsende nicht mehr ausüben.Das war die Strafe. hermannluedeking@web.de Herzliche Grüße Hermann Lüdeking
5.
Olaf Sinner-Schmedemann 31.07.2011
Als Lebensborn-Kind (geboren 1942 in Steinhöring als Sohn eines Ehepaares und nicht adoptiert) erlaube ich mir einige Anmerkungen zum Thema. So beruhigend sachlich Hermann Luedeking seine Vita ausbreitet, ist dennoch seine generalisierende Feststellung, der Lebensborn sei für ledige Mütter zuständig gewesen, nicht ganz der Richtigkeit entsprechend. Wie der Medizinhistoriker Georg Lilienthal in seinem Standardwerk nachweist (Der >>Lebensborn e.V.
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